Hallo von Andrea

„Transvestit“ – das war die längste Zeit meines Lebens ein angstbesetzter Begriff. Angst vor dem Anders sein vor, Angst vor dem Entdeckt werden, Angst vor sozialer Ausgrenzung, Angst darauf reduziert zu werden, Angst Freunde und nicht zuletzt auch den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Wenn einen etwas so sehr ängstigt, dann bleibt eigentlich nur, es zu lassen. Aber obwohl ich wirklich viel Mühe darauf verwandte, diesem Gefühl aus dem Weg zu gehen, es wollte sich einfach nicht dauerhaft einsperren lassen. Im Gegenteil; es kochte im Verborgenen auf kleiner Flamme immer weiter. Und von Zeit zu Zeit brach es dann aus seinem Gefängnis aus und klopfte frech an „Hallo, wie lange willst Du mich eigentlich noch ignorieren?“
Nicht zuletzt um es mir selbst erklären zu können, las ich alles zu diesem Thema, was mir in die Hände kam. Das meiste war – gelinde gesagt – wenig hilfreich und lässt sich am Besten wie folgt zusammenfassen; während die Einen forderten, dass so was zwingend therapiert gehört, waren die Anderen der Meinung, dass man uns doch einfach so leben lassen soll, wie wir sind. Wie gesagt: wenig hilfreich! Denn krank fühlte ich mich nun wirklich nicht. Aber leben wie ich bin? Tja, wie oder was war ich denn eigentlich?

Ich musste mir eingestehen, dass ich es – trotz des vielen Nachdenkens und –lesens – nicht nur nicht wusste, sondern ganz offenbar auch niemanden ernsthaft fragen konnte. Blieb als Ultima ratio nur der Selbstversuch am lebenden Objekt. Hätte ich eigentlich früher drauf kommen können. Denn wie will man sich über etwas Klarheit verschaffen, das man nicht kennt? Da bleibt nur, es zu versuchen!
Nach einigen - genauso wackligen, wie zittrigen – ersten nächtlichen Gehversuchen traf ich im „Carolas Transentreff“ dann erstmals in meinem Leben auf Menschen, die so waren, wie ich. Und ich staunte nicht schlecht, dass es so viele waren. Und von da an dauerte es auch gar nicht lange, dass wir uns zu einer Gruppe zusammen schlossen, die sich anschickte, unter dem Label „TransSisters“ gemeinsam die Welt neu zu erobern. Für mich war das die spannendste, interessanteste, intensivste, aufregenste, schönste und wohlfühligste Zeit überhaupt. Die Gefühle fuhren Achterbahn, und über Monate konnte und wollte ich nicht genug bekommen.

Heute stört mich der Begriff „Transvestit“ längst nicht mehr, denn Heute gibt es mit einer wohltuenden Selbstverständlichkeit Andreas und Andrea – und beides stimmt. Fragt man mich Heute, was ich mit dem Begriff „Transvestit“ verbinde, dann trifft es „unüblich aber ehrlich“ wohl am besten. Und das gibt mir ein gutes Gefühl – meinetwegen!
Wenn ich hier so locker-flockig von mir berichte, darf nicht unerwähnt bleiben, dass es mir ohne die Nähe, die Geduld, die Ratschläge, die Gespräche, kurz gesagt die Freundschaft von vielen lieben Menschen, denen ich seit damals begegnet bin, ganz bestimmt nicht so gut gegangen wäre. Ganz besondere Erwähnung verdient dabei meine große Liebe, Partnerin und Verlobte Marlene. Denn ohne sie würde ich mir ganz sicher Heute immer noch ganz gehörig selbst im Weg stehen.

Liebe Grüße
Andrea