Wochenmail vom 01.04.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

der Frühling ist nun wohl endlich da! Gerade bin ich aufgestanden und das Thermometer zeigt schon 15 Grad! Nun ja, es ist ja auch schon Mittagszeit.
Die Partynacht war lang und nicht minder aufregend, da kann man (frau) schon mal ein Stündchen länger im Bett bleiben.
Das war sie nun die Frühlingsparty der TransSisters. Eine kleine Gruppe Transgender in Berlin hatte eingeladen gemeinsam den Beginn des Frühlings zu freiern. Ich denke, die Mehrzahl wollte über die monatlichen öffentlichen Treffs hinaus eine Möglichkeit des Kennenlernens und des gemütlichen Beisammenseins mit Freunden bieten. So manche hat sich in der Vorbereitung und dann auch der Durchführung richtig ins Zeug gelegt und die meisten der Gäste haben sich augenscheinlich prächtig amüsiert. Ich konnte beobachten, dass viele neue Bekanntschaften geschlossen wurden und habe selbst neue interessante Menschen kennen gelernt oder endlich mal, nur via E-Mail aufgebaute Kontakte, in persönlichen Gesprächen vertieft. Das war zum Teil amüsant, so manches Mal nachdenklich und gelegentlich auch nur belanglos. Unter diesen Gesichtspunkten hat sich die Nacht für mich wirklich gelohnt. Und wie so oft, sind es dann die kleinen unbedeutenden Schauplätze, zunächst nebensächlichen Bemerkungen oder Handlungen, die sich fest in meine Gedanken und die Gefühlswelt eingraben. Doch das will ich heute nicht vertiefen.
Gelohnt hat sich auch die Investition in mein neues Partykleid. Ich habe mich rein körperlich lange nicht so wohl gefühlt. Es macht schon Spaß, ein Kleid zu tragen, das genau den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht, eben maßgeschneidert passt und zudem auch von der Umwelt mit anerkennenden Blicken gewürdigt wird. Sicher ich falle damit nicht so auf, wie so manche kurzberockte und langbeinige Mitstreiterin. Ich bin da mehr der dezentere Typ, möchte eben die Dame über 40 sein. Ich fand mich wirklich tot-chic. Das war wichtig für mich.
Ach ja, natürlich habe ich auch mein Versprechen aus der Mail der vergangenen Woche eingelöst, jedem und jeder, die mich auf diese Mail hin ansprechen, ein zusätzliches Glas Sekt zu spendieren. Viele meiner Gesprächspartner haben sich als regelmäßige Leser der Wochenmail geoutet, das hat mich wirklich gefreut. Der Sektkonsum hat sich trotzdem in sehr engen Grenzen gehalten. War’s nun Rücksicht auf meine finanziellen Möglichkeiten oder gar eine seuchenartige Abneigung gegen den guten Deutschen Sekt? Ich kann hier nur vermuten. Oder?
Damit sind wir bei der Mail der vergangenen Woche. Sicher habt Ihr die ungewöhnlich zahlreichen und eben so ungewöhnlich ausführlichen Reaktionen darauf, erhalten. Vielen Dank für die Mühe des Schreibens, ich kann sehr gut nachvollziehen, wie schwer es manches mal ist, die vielschichtigsten Gedanken so zu strukturieren, dass sie dann auch lesbar auf den Bildschirm passen. Ich habe die Zuschriften inzwischen mehrfach gelesen, dabei auch vieles nicht Aufgeschriebene zwischen den Zeilen entdeckt, und hätte eigentlich zu so mancher Passage einiges zu sagen. Sicher werde ich zur einen oder anderen Gelegenheit darauf zurückkommen. Ich will Euch hier und heute nur ermuntern, weiter zu schreiben. Ich selbst nehme jede Äußerung als Bereicherung und Möglichkeit der Überprüfung meiner eigenen Haltung – die Vielfalt der Farben macht den Regenbogen erst wirklich komplett.
Das für mich zweitgrößte Ärgernis der vergangenen Woche war, der komplette Absturz des Servers der Strato AG, die unsere HP gehostet hat. Von Dienstag bis zum Samstag waren unsere Seiten im Internet nicht erreichbar. Genau in der Woche, in der das Monatstreffen und die Party stattfanden. Wir wissen, dass gerade in solchen Zeiten unsere Seiten besonders häufig frequentiert werden. Ich war ohnmächtig und machtlos zugleich. Da hat auch nicht geholfen, bei Strato anzurufen und mal richtig Dampf abzulassen – wer mich näher kennt, weiß, dass das ziemlich unangenehm und wohl auch ungerecht sein kann. Ich habe mich danach zwar viel besser gefühlt, doch das Problem war dennoch nicht gelöst. Umso schöner, dass unser Monatstreffen trotzdem, wieder mit weit über zwanzig Teilnehmern, ausgesprochen gut besucht war. Diese Veranstaltung entwickelt sich wohl zu einem echten Renner in der Szene.
Doch nun sind wir wieder online, alles ist wieder gut. Es ist eben Frühling. Wir haben ihn mit unserer gestrigen Party ein wenig gefeiert und er hat es uns mit Sonnenschein gedankt. Der Baum vor meinem Balkon hat schon richtig dicke Knospen, die Lebenssäfte fließen wieder – bis in den letzten kleinen Zweig. So ist das. Und nicht nur bei den Bäumen.

Ich wünsche Euch eine stressfreie Woche. Vielleicht schaut Ihr ja mal nach den Bäumen vor Euerm Haus und tut es ihnen gleich.
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Wochenmail vom 8.04.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

......zunächst erst einmal vielen Dank für Eure durchweg positiven Reaktionen zur Frühlingsparty der TransSisters. Ich habe sie an die Organisatoren weiter geleitet und ich denke, sie konnten dieses Lob, genau wie ich, gut gebrauchen. Mir ist natürlich klar, dass es auch einige unzufriedene Gesichter gab, insbesondere unter den Besuchern, die erwartet haben, einen ganzen Abend einfach nur unterhalten zu werden.
Es ist schon komisch, wie unterschiedlich doch die Draufsicht auf die Dinge ist. Als beteiligte "Macherin" habe ich eine eher differenzierte Haltung zu diesem Abend und bin dennoch froh, dass die vielen kleinen Pannen, Ärgernisse und Ungereimtheiten, die es ja immer gibt, den Meisten von Euch verborgen blieben. Wichtigster Eindruck war eine für mich eigentlich ausgesprochen untypische "Party". Der Begriff ist ja landläufig mit viel Fun und gerade im Transgenderbereich mit Stimmung ohne Ende besetzt. Doch gesehen habe ich vor allem viele zum Teil sehr ernsthafte Gesprächsrunden. Man (frau) hat sich eben erst kennen gelernt und schon einen gemeinsamen Gesprächsstoff gefunden. Andere haben einen alten Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Gut dafür, dass die Diskothek in ihren Ausmaßen und Kapazitäten so bemessen war, dass auch wirklich ungestört geredet werden konnte......
Und jetzt beginnt für mich der schwierigste Teil dieser Mail. Ich habe bereits mehrere Stunden an den unterschiedlichsten inhaltlichen Ansätzen geschrieben und werde nun auch die letzte Variante verwerfen, will mich aber wenigstens melden und muss nun erklären, warum ich hier nicht weiter schreibe. Der Grund dafür ist eigentlich denkbar einfach. Ich habe mich in den letzten Tagen mal wieder ein wenig zurückgezogen und versucht mich selbst mit Abstand zu betrachten, oder nur in mich reingeschaut. Damit bin ich noch nicht fertig und daher noch nicht frei genug, meine kleine Welt zu beschreiben.
Ihr müsst also warten bis zur "Ostermail", dann gibt's sicher wieder allerhand zu berichten.

Seid also ganz lieb gegrüßt
Sabine B.

Wochenmail vom 15.04.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich hatte ich so richtig nichts vor und wollte die Tage für all die unerledigten Kleinigkeiten auf meinem Schreibtisch und im Kopf nutzen. Und dann war ich nur in Bewegung, bin nun zufrieden endlich hier allein zu sein. Aber so geht das immer, die wichtigsten Ereignisse und Entscheidungen kommen unerwartet und gelegentlich auch unerwartet heftig. Da waren wichtige Geburtstage, die meine Aufmerksamkeit bedurften und nächtliche Ausflüge mit Freunden und ganz allein. Freud und Leid lagen dicht beieinander. Es gab Zorn über geplatzte Illusionen und aufregende neue Erfahrungen. Ich hatte viel Gelegenheit, die Menschen um mich herum zu betrachten und gelegentlich mir selbst den Spiegel vorzuhalten
Ach ja, Spiegel. Kennt Ihr die Geschichte des wunderschönen griechischen Jünglings, Narziss, der sich so unsterblich in sein Spiegelbild verliebt, dass er daran zugrunde geht? Sicher!
Ich habe noch einmal genauer nachgelesen. Narziss wurde wegen seiner Schönheit von vielen Frauen so geliebt, dass sie davon krank wurden. Die Nymphe Echo wurde wegen ihrer Tollheit sogar bestraft und konnte forthin nur das letzte Wort das sie hörte wiederholen. Im Zuge einiger Verwicklungen stand Echo dann mit weit ausgestreckten Armen vor Narziss, wollte ihm auf diese Weise ihre Liebe gestehen und wurde grausam von dem Jüngling verschmäht. Die so Gedemütigte versteckte sich daraufhin für immer in eine Höhle, bis sie nur noch Stimme war.
Und jetzt kommt’s. Die Rachegöttin Nemesis fand das unerträglich und bestrafte Narziss, sich hoffnungslos in sein Spiegelbild zu verlieben. Er war nach kurzer Zeit unfähig sich davon abzuwenden und schwand allmählich dahin.
Die Götter verwandelten ihn in eine Narzisse – schön, einsam und doch ohne wirkliches Leben.
Was könnte man daraus lernen? Für mich hat die Geschichte mehrere Ebenen. Sicher hätten die Götter nicht gewollt, dass Narziss sich der liebestollen Echo zuwendet, es war wohl eher die Art des Umgangs mit seinen Mitmenschen und die damit verbundene unendliche Eigenliebe, die sie in Zorn versetzten. Ja und dann die Strafe, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben und damit quasi verrückt zu machen.
Da stellt sich doch die Frage, wieweit darf man (frau) sich in das eigene Bild verlieben. Nun, zugegeben, nicht nur in der Gemeinde der Transgender eine nicht seltene Erscheinung. Natürlich gefällt mir, was ich da sehe, wenn ich mich vor dem Spiegel drehe und schaue, wie der Rock fliegt. Doch das ist hier nicht gemeint.
Ich denke, es ist der eigene kritische Blick auf die eigene Persönlichkeit an dem es gelegentlich mangelt. Da machen sich Menschen auf, eine neue Welt zu entdecken. Je nach sozialen Abhängigkeiten, rückt das Thema der Transidentität unterschiedlich weit in den Mittelpunkt des Lebens. Typisch ist die verstärkte Konzentration auf das eigene Ich und die eigenen Bedürfnisse.
Das Ergebnis ist aus meiner Sicht immer das Gleiche: Gut oder leidlich funktionierende soziale Beziehungen werden zum Teil erheblich gestört. Doch es kommt noch schlimmer. Mir fällt auf, dass diese „neue Individualität“ auch die Beziehungen in den so genannten Szenebereichen, also nicht nur in der Transgenderfamilie, stört.
Überall, wo sich Menschen treffen, die ein ganz spezielles individuelles Bedürfnis leben, trifft man auf ein Höchstmaß an Individualität. Schade nur, dass diese Individualität gelegentlich nur oberflächliche soziale Beziehungen zulässt. Bei so manchem braucht es keinen göttlichen Zorn. Sie sind so individuell und unverbindlich, dass sie sich auf Dauer von selbst vereinsamen.
Nehmen wir doch für die Beschreibung ein positives Beispiel aus meinem ganz eigenen transsisterlichen Umfeld. Mit einem ganzen Teil der TransSisters treffe ich mich regelmäßig zu relativ unspektakulären Gelegenheiten. Wir haben ein gutes Stück gemeinsame Vergangenheit bei der Ergründung unserer Bedürfnisse und sind inzwischen gut befreundet. Solche Treffen laufen zumeist so ab, dass wir uns einfach verabreden, dann natürlich auch treffen und sich keiner wundert, wenn bei diesen Treffen mal nur eine oder auch gar keine „Dame“ anwesend ist. Der „Fummel“ (ich weiß ja, das ist schon fast ein Unwort, aber mir fällt jetzt nichts anderes passendes ein) spielt in unserer Beziehung noch immer eine wichtige Rolle, doch die Beziehung ist nicht „Fummel“. An solchen Abenden gelingt es in der Tat mal mehrere Stunden über ganz alltägliche „fummelfreie“ Dinge zu reden. Der eigene Individualismus wird nicht verleugnet und ist zugleich nicht das wichtigste auf dieser Welt. So haben soziale Beziehungen eine Chance auf wirklichen „Tiefgang“ und damit Dauerhaftigkeit!
Für mich ist das eine interessante und wichtige Entwicklung. Ich selbst bin immer mehr in der Lage mein „Anderssein“ als ganz normale Eigenschaft unter allen anderen einzuordnen und habe Menschen in meinem Umfeld, die das genau so sehen. Ganz in diesem Sinne habe ich mich in der letzten Zeit verstärkt aufgemacht, in ganz andere Bereiche einzudringen und mich für Dinge und Menschen interessiert, die sich nun nicht gerade vordergründig mit meiner Speziellen Leidenschaft auseinandersetzen. Ich will neue Bekanntschaften nicht nur als Sabine machen. Es ist einfach, als Sabine für einen Tag oder nur eine Nacht gemocht zu werden. Das ist mir inzwischen zu einseitig, denn Sabine ist nur ein Bild von mir.
Nicht das Bild im Spiegel ist es, was mich wirklich interessiert. Wirklich spannend und interessant sind die Dinge, die sich dahinter befinden. Und dennoch, man muss schon gelegentlich in den Spiegel schauen und nachsehen wie verliebt der eigene Blick denn schon ist. Natürlich auch um zu sehen, wie der weite Rock schwingt und sich ungeniert daran erfreuen.
Na denn! Ich wünsche Euch eine schöne Woche und keine blinden Spiegel, denn Ihr sollt sehen wer da steht.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Wochenmail vom 22.04.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

.... „da bin ich ja gespannt, was du morgen schreibst“, hörte ich in den vergangenen Tagen aus so manchem Munde. Als ob sie es wussten. Was ich schreiben (besser schreien) will, kann ich nicht und was ich schreiben kann, will ich nicht.
Ich habe gelegentlich versucht, diese Widersprüchlichkeit zu erklären. Am Anfang dieser Mail war’s ganz einfach. Ich hatte begonnen mit einem kleinen Verteiler Nachrichten an die Berliner TransSisters zu versenden. Später folgten dann Betrachtungen zu gemeinsamen Erlebnissen und meine eigenen Reflektionen dazu. Diese Texte waren ganz erfolgreich, haben sich rum gesprochen und wurden dann auch an Freundinnen und Freunde versandt, die ich schon nicht mehr kannte. Ich fand Vergnügen an dieser Form der Ausdrucksweise, so hat die „kleine Transe“ Sabine Ihre ganz persönliche Erlebniswelt beschrieben. Das hatte Informationswert und wurde auf vielfaches Drängen hin auf der HP der TransSisters veröffentlicht.
An diesem Punkt begann die eigentliche Metamorphose dieser Mail. Sie war häufig ganz gezielte „Streitschrift“ in der Auseinandersetzung mit meiner Umwelt und einzelnen Personen und zudem Mittel für mich, meine eigenen Gedanken zu sortieren. Diese Texte übernehmen immer mehr die Rolle eines kleinen, wöchentlich zusammengefassten Tagebuches – in mein ganz privates habe ich schon seit gut 6 Monaten nichts mehr eingeschrieben. Für die „interne“ Kommunikation der TransSisters gibt es längst ein eigenständiges System. Die Öffentlichkeit meiner Auseinandersetzung mit meinem Leben schuf noch mehr Öffentlichkeit. Ausgewählte Mails werden seit einigen Monaten in dem Magazin „TransgenderLife“ als Kolumne abgedruckt und über das elektronische Anmeldesystem von domeus.de (dem Verteiler für diese Mail) erwarte ich in diesen Tagen den Einhundertsten Abonnenten oder Abonnentin.
Eigentlich ist doch alles in Ordnung, ich könnte einfach so weiter machen, wie bisher und mich meiner Möglichkeiten und meines Lebens erfreuen. Doch ganz so einfach kann und will ich es mir nicht machen. Verfolge ich diesen Stil weiter, dann werden sicher häufig auch Themen erörtert, die nur am Rande mit den alltäglichen Erleben und Sorgen eines TransGenders zu tun haben – wobei ich hier nicht erörtern will, ob ich als bekennender „Mann in Frauenkleidern“ überhaupt dazu gehöre.
Hinzu kommt, dass eine wirklich gute Freundin vor einiger Zeit eine dieser Mails mit „Big Brother – mäßig“ beurteilt hat. Nun, ich schreibe was und wie ich will, es wird ja keiner gezwungen, sich diese Texte regelmäßig einzuziehen und besagte Freundin gehört noch immer zu meinen Leserinnen. Doch wirft diese Bemerkung zwei Fragen in mir auf.
Die erste Frage ist, ob ich mich in der Nähe dieser, für mich fragwürdigen Veranstaltungen sehen will. Sicher nicht. Wenn ich hier schreibe, dann teile ich meine Gedanken und Gefühle zu ausgewählten Lebenssituationen mit, hoffe auf Nachvollziehbarkeit bei den Lesern und Leserinnen und ihre eigene Auseinandersetzung damit. Ich äußere mich nicht in der Hoffnung auf Ruhm oder gar Reichtum. Ganz im Gegenteil mit der wachsenden Bekanntheit hab ich schon eher ein Problem, denn ich spüre damit auch gewisse Erwartungen, die ich nicht umfassend befriedigen kann. Reich wäre ich natürlich gern, doch ich habe längst erfahren, dass ich materiellen Reichtum trotz gelegentlich harter Arbeit wohl nicht erlangen werde.
Die zweite damit zusammenhängende Frage ist für mich wesentlich diffiziler. Die von mir gepflegte Form der Transparenz (und nicht nur in der Wochenmail) führt gelegentlich in Grenzbereiche meiner eigenen Persönlichkeit. Nun kann mir das ja eigentlich egal sein, ist es auch, solange mein Verhältnis zur Leserin oder zum Leser anonym ist. Sicher, einige meine guten Freundinnen wissen inzwischen mehr von mir, als ich wohl je aufzuschreiben im Stande bin. Das ist auch gar nicht problematisch – wie heiß es so schön: „Eine Freundin ist jemand, die alles von dir weiß und dich trotzdem mag“.
Doch es gibt auch Leser und Leserinnen, denen würde ich das alles normalerweise nicht vorbehaltlos erzählen, denn ich spüre gelegentlich, dass sie diese Informationen auf ganz subtile Weise, für mich unangenehm verwerten. Keine existenziellen Probleme, mehr atmosphärisch und dennoch unangenehm. Das ist wie überall im Leben: „Ehrlich hat die meisten Probleme“.
Ich habe mich trotz aller Unwäglichkeiten entschlossen den einmal eingeschlagenen Stil dieser Mail weiter zu pflegen. Ihre inhaltliche Entwicklung geht einher mit meiner ganz persönlichen. Ich werde weiter (natürlich sehr individuell und differenziert) über mein Leben berichten, über Höhen und Tiefen.
Dieses Leben ist vor gut 3 Jahren durch mein quasi öffentliches Bekenntnis zu meinem unwiderstehlichen Bedürfnis Frauenkleidung zu tragen, völlig aus den Fugen geraten, schien sich dann im Zuge des exzessiven Auslebens dieser Leidenschaft zu sortieren und ist doch noch immer nicht in ruhigeres Fahrwasser geraten.
Doch seit dieser Zeit bin ich mehr bereit und in der Lage, mich und meine Umwelt aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten. Und in soweit hat wohl alles, was ich empfinde und dann auch aufschreibe mit dem Eintauchen in diese neue Welt zu tun. Ich schreibe natürlich zuerst für mich und sortiere aus, was für die geneigte Leserin oder den geneigten Leser von allgemeinem Interesse sein könnte. Ich bin sicher, so manche Begebenheit und so mancher Konflikt wäre für mich nicht entstanden, wenn ich meine wohl eher gutbürgerliche Lebensweise nicht über den Haufen geworfen hätte. In soweit können Menschen, die sich mit einem ähnlichen „Umstieg“ beschäftigen vielleicht eigene Lehren ziehen und die einfach nur Interessierten die Widersprüchlichkeit all dieser Prozesse zumindest marginal nachvollziehen.
Schreiben sollte ich wohl noch über unseren Besuch in der selbsternannten „ersten Transsexuellen-Bar in Berlin“ – die Eröffnungsparty war am vergangenen Freitag. Die TransSisters sind dort in „großer Besetzung“ eingefallen , ganz einfach um mal zu schauen, was dort so läuft.
Nun ist der geringere Teil von uns wirklich Transsexuell, doch nach dem inhaltlichen und dann auch wirtschaftliche Desaster von „Carolas Transen - Treff“ hat uns schon interessiert, mit welchem Konzept die Crew ein Anziehungspunkt für wenigstens einen Teil der Transgendergemeinde sein will. Meine wohl wichtigsten Gesprächspartner waren ein Reporter (sagt man das so?) der „Berliner Morgenpost“ und die Chefin des neu eröffneten Ladens.
Das mit dem Zeitungsmann ist schnell erklärt. Er war wohl offensichtlich zum ersten Mal so tief in die Szene eingetaucht, voller Fragen und dennoch dem Unternehmen wohlwollend zugewandt. Ein wenig getroffen hat mich schon, dass er aus meiner Bemerkung, dass TransGender, um so zu leben, wohl tief in sich selbst schauen müssen, eine elitäre Haltung geschlossen hat. „Das bedeutet doch, dass alle anderen das nicht tun“ war seine ungefähre Antwort. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Elitär hatte für mich bisher immer etwas mit einem Dünkel des „Bessersein“ zu tun. Gerade das „Besser“ oder gar „Schlechter“ haben wir aber längst hinter uns gelassen, waren sogar dazu gezwungen. Ein insgesamt interessantes Gespräch. Dennoch hoffe ich inständig, dass er die Gelegenheit nutzt und sich auf der HP der TransSisters näher zum Thema informiert. Das von der Chefin erläuterte Konzept der Bar ist ebenfalls einfach zitiert und erklärt. Es war von „bewusster Trennung zwischen Transvestiten und Transsexuellen“ (TV’s sind natürlich als Gäste willkommen) und vom „absichtlich frivolen Charakter“ der Bar die Rede. Die Gäste sollen die Möglichkeit haben Transsexuelle „kennen zu lernen... und was dann passiert kann und will ich nicht beeinflussen, ich verdiene daran auch nichts“. Na gut, ich jedenfalls hab die lüsternen, Flaschenbier trinkenden Burschen am Tresen nicht gemocht. Und mein Verhältnis zur Transsexualität reicht weit über rein sexuelle Spielarten hinaus.
Versüßt wurde der Abend durch eine Travestieshow, die für mich eher in die Kategorie „Kleinkunst“ gehört. Wie bemerkte Marlene doch als sie mich während der Show betrachtete: "She is not amused." Obwohl auch das eine Anschauungsfrage ist, habe ich dem nichts hinzuzufügen.
Diese Bar ist sicher kein potenzieller regelmäßiger Treffpunkt für Transgender aller Couleur, doch wer um mehr oder weniger eindeutige Kontakte bemüht ist wird dort sicher fündig. (Nähere Informationen erhaltet Ihr über die URL www.royal-bar.de ) Wie hat uns das sicher edle Anliegen der gescheiterten Transenbar gelehrt? Der Markt allein entscheidet über die Tragfähigkeit eines Geschäftskonzeptes.
Und damit bin ich wieder beim Ausgangspunkt dieser Mail. Ich hoffe, Ihr bleibt mir gewogen und seid bereit, mich weiter zu begleiten. Ich verspreche Euch, es wird weiter spannend und vielleicht auch gelegentlich anstrengend sein. Aber vielleicht ist es Euch ein Trost, wenn ich Euch sage, dass es mir genau so geht.
Bis zur nächsten Woche also (ach ja, ich bin nicht sicher, ob ich es wegen einiger wichtiger Verabredungen pünktlich schaffen werde)

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Wochenmail vom 30.04.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... nun ist es doch passiert. Die Wochenmail erscheint diesmal mit einem Tag Verspätung. Das vergangene Wochenende hatte es für mich aber auch in sich. Am Freitag war das inzwischen vierte Monatstreffen der TransSisters, der Samstag verging mit Shopping (neue Stümpfe und so), einem angenehmen Abendessen mit angenehmen Freundinnen und einer für mich rauschenden „Beerdigungsfeier“ (einer meiner Lieblingsclubs hat nun leider geschlossen). Am Sonntag gab’s dann wenigstens ein Stückchen Formel 1und noch einen Familiengeburtstag. Ich war am Abend so knülle und voller Eindrücke, dass ich überhaupt keine Ader hatte, mich an den Rechner zu setzten. Jetzt sitze ich aber und bleibe hier, bis ich gesagt habe, was zu sagen ist.
Zunächst, das Monatstreffen der TransSisters war wieder mal ein Renner. Ich habe mir diesmal überhaupt nicht mehr die Mühe gemacht die Besucher zu zählen, es waren sicher so zwischen 30 und 40. Viele neue Gesichter habe ich wieder gesehen. Wer hätte gedacht, dass es so viele Menschen gibt, die doch mehr im Verborgenen unserer Leidenschaft frönen. Das ist auch unter dem Gesichtspunkt interessant, dass die TransSisters ja nicht der TransGender-Nabel Berlins sind. Es gibt sicher mehrere Freundinnen-Kreise oder gar Gruppierungen, die Ihre Kontakte und auch Anhänger haben. Und doch wird der Kreis der Besucher unserer Monatstreffen immer größer und es sind nicht einmal immer die gleichen Gesichter – mal von den aktiven TransSisters und ihren Freundinnen und Freunden abgesehen. Ich find’s gut, weil diese Resonanz zeigt, dass es ungeahnt viele Menschen gibt, die nach eigenen neuen, uns gleichen Lebensweisen suchen und weil ich damit selbst in meiner Lebensweise immer wieder bestärkt werde.
Das Ambiente der für diese Treffen gewählten „Kneipe“ lädt ja auch zum Kennen lernen und Schwatzen ein. Viele kleine und größere Grüppchen haben sich gebildet, niemand saß allein und verlassen im Eckchen. Das von mir zunächst bezweifelte Konzept „nur Treffen und Kennen lernen“ geht auf. Noch, und ich hoffe, das bleibt auch weiter so. Ich schildere das hier so ausführlich, weil ich Euch alle ermutigen will doch mal bei einem der nächsten Treffen vorbei zu schauen. Es lohnt wirklich! Aktuelle Informationen zu den monatlich am letzten Freitag stattfindenden Treffen könnt Ihr der HP der TransSisters unter www.TransSisters.de entnehmen.
Ursprünglich wollte ich ja das Monatstreffen, eingedenk der an diesem Wochenende geplanten anderen Ereignisse, schwänzen, doch zwei liebe Freundinnen von weit her, ich nenne sie hier mal B. und C., hatten mich extra „angemailt“ und ihr Kommen angekündigt. Ich mag ja Gespräche, die über das Woher und Wohin, also über bloße Oberflächlichkeiten hinausgehen. Mich interessieren die Menschen, die Motive für ihr Handeln und ihre Reflektion auf dieses Handeln. Gesprächsstoff gab’s also genug und der wurde dann auch am Samstagabend bei einem gemeinsamen Abendessen vertieft.
Zur Erklärung: B. und C. sind seit einigen Jahren ein Paar und beide haben schon längere Beziehungen hinter sich. C.(„Er“) hat B. („Sie“), wenn Ihr so wollt, auf ganz normale Weise kennen gelernt und sich ihr schon nach kurzer Zeit erklärt. Er hatte genügend Geschick, Witz und sicher wohl auch Glück. Mehr spielerisch haben sich beide das Thema seines „Andersseins“ erschlossen. Beide können heute gut und scheinbar ohne faule Kompromisse damit leben. Warum sage ich das hier? Nun, das liegt auf der Hand. Gelegentlich (eigentlich mehr häufig) begegne ich TransGender, die von der Angst beseelt sind, nun keine passende Partnerin (oder auch Partner) zu finden. Ich kenne einige Paare, da funktioniert das emotionale Zusammenleben augenscheinlich gut, sicher nicht immer konfliktfrei und gelegentlich auf der Grundlage klarer Vereinbarungen. Es ist eben auch eine Frage der Erwartungen an eine Partnerschaft, wenn sie denn wirklich gewünscht ist.
Und jetzt bin ich wieder bei B. und C. Beide sagen übereinstimmend, dass sie ganz ohne Erwartungen an diese neue Beziehung gegangen sind und das auch heute noch so halten. Ich ahne, was sie meinen. Erwartungen an irgend etwas oder irgend jemanden bergen die Gefahr, dass sie nicht erfüllt werden, haben also einen Keim der Enttäuschung. Erwartungen an eine Situation stehen mit mindestens 50 Protzentiger Wahrscheinlichkeit der Freude über das Erreichte im Wege.
Als ich noch „Pennäler“ war, hatte ich einen Freund, der hat sich in der Tat über jeden „Scheiß“ riesig gefreut und ich habe ihn darum beneidet. Ich habe mich und meine Welt immer an den „objektiven“ (wohl eher subjektiv vermuteten) Möglichkeiten, an meinen Erwartungen gemessen.
Eine gute Freundin, die mir gerade in der Zeit meines eigenen „Outings“ sehr geholfen hat, hat das mal mit „deine Triebkraft ist die Unzufriedenheit“ zusammengefasst. Ich weiß heute noch nicht genau, ob das denn nun wirklich so falsch ist. Die Unzufriedenheit mit meinem Leben hat mich vor einigen Jahren in eine „neue Welt“ aufbrechen lassen. Entspricht eine Situation nicht meinen Erwartungen (bin also unzufrieden), dann tue ich etwas um meinen Erwartungen näher zu kommen, also zufrieden zu sein. So manches Mal habe ich dann allerdings genau das falsche getan und Zufriedenheit stellte sich schon gar nicht ein. Geht das so? Immer nur weg handeln von enttäuschten Erwartungen, hin zu neuen Erwartungen, die das gleiche Risiko bergen enttäuscht zu werden?
Schon vor einiger Zeit hat mich eine liebe Freundin in ihren ganz persönlichen Mechanismus der Bekämpfung ihrer eigenen Unzufriedenheit eingeweiht. Zu diesen Gelegenheiten setzt sie sich in ihr Auto, oder läuft durch die Stadt und sieht dabei zwangsläufig Menschen, denen es mit Sicherheit schlechter geht, als ihr selbst. Sie weiß dann das ganz persönlich Erreichte besser zu schätzen. Sicher, das ist auch nur eine „Krücke“. Doch die Besinnung und vor allem die Freude auf bereits erlangte Erfolge tut für so manche von uns (und natürlich auch für mich) so manches Mal Not. Und genau dann reduzieren sich mögliche Erwartungen und die Gefahr ihrer Enttäuschung auf ein erträgliches Maß.
Dennoch, jeder hat was, das er nicht hat und gern hätte. Jeder bindet an sein Tun bestimmte Erwartungen. Davon sind sicher auch B. und C. nicht frei und das wissen sie auch. Doch man (frau) soll immer auch sehen, was man hat ... (und wenn es nur ein Traum, oder gar eine ganz bestimmte Erwartung an das Leben ist).
Ich wünsche Euch und natürlich auch mir nur erfüllte Erwartungen und dazu einen geschärften Blick für die Schönheit und die Vielfalt unseres Lebens als TransGender. Ich denke, das ist die richtige Mischung.

Bis zur nächsten Woche
viele liebe Grüße
Sabine B: