Wochenmail vom 10.02.2002

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

ich hoffe schon, dass Ihr die Mona Lisa Sendung der vergangenen Woche und den kurzen Bericht über mich als Wochenmail gewertet habt, ich hätte ohnehin nichts Richtiges zustande gebracht, viel zu groß war die Aufregung, wie der Beitrag über mich den nun ausfallen würde. Ich hatte im Vorfeld nicht im Geringsten geahnt, dass die Spannung so lange anhalten würde. Drei Tage vor dem Dreh und dann noch die ganze Woche bis zur Ausstrahlung hatte ich (um es ganz vorsichtig auszudrücken) ziemlich unruhige Nächte – die Tage waren wegen der beruflichen Anspannung Gott sei Dank erträglicher. Die ständigen Gedanken im Vorfeld, wie ich wohl auf welche Frage antworten würde, wurden dann durch die Fragestellungen ersetzt, ob ich denn halbwegs erträglich rübergekommen bin, ob das Material letztlich ein realistisches Bild von mir hergibt und wie denn nun die Reaktion meiner Umwelt ausfallen würde. Nun, der Deal war gemacht, ich wollte ihn auch nicht wieder Rückgängig machen und habe mich mental auf die unterschiedlichste Reaktionen vorbereitet und Vorkehrungen getroffen ausgewählte absehbare Reaktionen auszuschließen. Dazu gehörte die gezielte Information einiger meiner engsten Kollegen (sie sollten es von mir erfahren und nicht zufällig vor der Glotze) und ein absolutes Fernsehverbot für meine liebe Mutti. Und weil sie die Mutti ist, hört sie natürlich nicht auf meine Verbote, verbot ja früher selbst, musste also mit einer kleinen List vom möglichen sonntäglichen Kaffeetrinken vor dem Fernseher abgehalten werden. Und so musste mein großer Bruder just am Tage und in der Stunde meines öffentlichen Outings endlich mal die neuesten Urlaubsbilder vorführen – da ist natürlich keine Zeit zum fernsehen. Sicher, sie hätte noch immer über andere Zufälle davon erfahren können, doch dann hätte ich die Chance erst zu Reden und dann das Video vorzuführen. Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob ich wirklich wollte dass es funktionierte und jetzt doch ganz zufrieden, dass es geklappt hat. Soll sie ihr Bild von ihrem Sohn behalten, ich gönne es ihr. Zu tief müssten wir beide in längst vergangene und verdrängte Welten eintauchen, zu viele Zusammenhänge müsste ich erklären, die ich nicht schlüssig erklären kann und zu sehr liebe ich sie, um dauerhaftes Unverständnis zu hinterlassen.
Die Sendung selbst habe ich im Kreise einiger Freundinnen und Freunde gesehen, allein wollte ich in diesen Augenblicken nicht sein. Ja und dann ging’s einfach los, ganz am Anfang der Sendung, nach 7 oder 8 Minuten war’s mit mir auch schon vorbei und das Thema wurde noch einmal in einem Interview mit der mir ganz gut bekannten Charis Berger vertieft. Ich hatte ein insgesamt gutes Gefühl und wollte sehen, wie die Sendung das Thema abrundet. Doch keine Spur davon, das Telefon kam immer wieder dazwischen. De erste und für mich wohl wichtigste Anruf kam von einer meiner Töchter, die zufällig auf den Vorspann gestoßen ist und sofort die über Deutschland versprengte Familie informiert hat. „Pappi ich habe gerade den Beitrag über dich gesehen .... ich finde das toll ....du hattest das ja erzählt ... bisher nie thematisiert ... wir müssen endlich mal näher darüber reden“. Was soll ich sagen? Selbst wenn sich kurz darauf der Boden geöffnet hätte und ich für immer darin verschwunden wäre, die Sache hat sich allein dafür gelohnt. Kurz darauf hat sich meine Exfrau und Mutter meiner Kinder gemeldet, immerhin grundsätzliche Anerkennung signalisiert, natürlich das berühmte Haar in der Suppe gefunden und doch haben wir uns gleich auf ein gemeinsames freundschaftliches Abendessen verabredet. Ich weiß nicht mehr genau, wie der Abend weiter verlaufen ist, doch irgendwann war ich dann allein mit einer Videokassette, meinen Bildern meinen Worten und fremden Kommentaren. Noch am gleichen Abend gab’s so einige Anrufe von Freunden und Bekannten und natürlich etliche anerkennende Mails aus der Trans-Gemeinde. Ich wurde aber auch von mir bekannten Leuten, die nun gar nichts mit unserer Leidenschaft am Hut haben, mit Anerkennung überhäuft An dieser Stelle also mein aufrichtiger Dank an alle, die mich angerufen und auch geschrieben haben – ich fühle mich wirklich geehrt. Ja, und damit hat es sich mit den mir bekannten Reaktionen auch schon erledigt. Ich vermute zwar, dass bei dem einen oder anderen meiner Auftraggeber der Fernsehbeitrag bekannt ist, doch wirkliche Reaktionen darauf gab es nicht, weder positiv noch negativ. Warum eigentlich auch, es ist doch nichts weltbewegendes passiert. Interessant vielleicht, dass sich die Zugriffszahlen auf die Homepage der TransSisters für einige Tage fast verdreifacht haben. Ich habe es noch nicht überprüft, doch ich vermute, dass viele dieser Besucher über einen entsprechenden Link auf der Mona-Lisa-Seite des ZDF dahin gelangt sind – ein kleiner wohltuender Erfolg am Rande des Geschehens.
Mal abgesehen von dem persönlichen Lob (das natürlich sehr gut tut) hat sich in der Außenwirkung des Beitrages insgesamt gezeigt, dass es offensichtlich gelungen ist, das Thema Trans auch mal ganz unspektakulär darzustellen und als mögliches Lebenskonzept anzusprechen. Ich, aus meiner Sicht, hatte mir im Vorfeld genau eine solche Botschaft erhofft. Sicher, die Zusammenhänge, Freuden und Nöte sind viel komplizierter, als man (frau) in einem solchen Beitrag darstellen kann und hätten die wohl eher unbedarften ZuschauerInnen vermutlich auch überfordert. Doch aus meiner Sicht ist ein erster Schritt getan und dafür habe ich mich zwischenzeitlich noch einmal bei der Redakteurin, Helga Ettenhuber, und natürlich der Redaktion von ML bedankt. Ich hoffe schon, dass sich „Mona Lisa“ dieses Themas noch einmal annimmt, oder vielleicht das ZDF irgendwann bereit ist, das Phänomen „Trans“ etwas ausführlicher aufzuarbeiten. Mit meiner Unterstützung können die Macher in jedem Fall rechnen.

Ursprünglich wollte ich hier noch darüber berichten, wie ich mich in besagtem Beitrag selbst gesehen habe, denn es ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob man in den Spiegel schaut, oder sich selbst auf der Mattscheibe agieren sieht, doch das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte und vielleicht eine eigene Wochenmail wert und davon soll es ja noch einige geben......

Ich wünsche Euch allen eine angenehme Woche!
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Wochenmail vom 17./18.02.2002

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... so geht das. Eine ganze Woche wollte ich mich auf die heimische Büroarbeit konzentrieren und dann hab ich gerade mal so viel geschafft, wie an einem einzigen wirklich guten Tag. Zu sehr hing ich meinen eigenen Gedanken nach und hab mich in Nichtigkeiten vertieft. Natürlich habe ich mich mit einigen meiner FreundInnnen getroffen, doch auf die „langen ausschweifenden Nächte“ verzichtet. Mal eine Tasse Kaffe mitten im Berlinale-Zentrum, den anderen Tag Abendessen in kleinem Kreis, anschließender Kinobesuch und wieder ab in die häusliche Ungestörtheit. In einem Buch (Titel und Autor leider vergessen „Männer sind anders und Frauen auch“?) habe ich mal über die wesentlichen Unterscheide von Mann und Frau gelesen. Inhaltlich ging es um die unterschiedlichsten Kommunikationsstrukturen von Männern und Frauen. Hin und her, eine Stelle verweist darauf, dass Männer sich von Zeit zu Zeit in ihre „Höhle“ zurückziehen, ein Problem ausbrüten und dann mit zumindest einem Lösungsansatz wieder ins Leben zurückkehren. Ich weiß nicht, ob das im Moment für mich eine solche Situation ist, setzt diese Betrachtung doch rein männliche Strukturen voraus, na und Lösungen hab ich auch keine, wofür denn auch, wenn das Problembewusstsein fehlt. Und doch dreht sich genau genommen meine Gedankenwelt seit einiger Zeit mal wieder mal um die Frage „Was bin ich“. Wie schön waren doch die Zeiten (die etwas betagteren unter uns erinnern sich sicher daran) als Robert Lembke in seiner Fernseh-Rateshow gleichen Namens den Delinquenten bat, eine typische Handbewegung zu machen und danach mehr oder weniger begabte Rater gegen ein Sparschwein voller 5-Markstücke raus bekamen, wer da vor ihnen sitzt. Haben sie’s erraten, war’s gut, haben sie’s nicht erraten, hat man es ihnen dann irgendwann gesagt. In jedem Fall ist es aber rausgekommen und (ganz wichtig) das Ergebnis war eindeutig.
Schon vor einigen Monaten wurden mir von einer mir wirklich gut bekannten (richtigen) Frau vermeintlich weibliche und männliche Anteile meiner Persönlichkeit an den Fingern vorgerechnet. Ich habe mich heftig dagegen gesträubt, hatte ich mich doch bisher immer als Mann in Frauenkleidern begriffen – immerhin eine Positionsbestimmung, von der aus ich agieren konnte. Nun gab’s den Fernsehbeitrag und damit zusammenhängend die Möglichkeit, mich selbst durch die Augen der Macher dieses Beitrages zu betrachten. In einer ruhigen Stunde habe ich mir besagten Fernsehbeitrag über Sabine/Bernd mal ganz unter dem Gesichtspunkt der Wirkung nur der Bilder angesehen. Das geht ganz einfach: Video rein, Start, Ton weg, sehen, wie allein die Bilder wirken und dann fragen „Was bin ich“. Doch genau hier geht es schon los. Was ist denn nun die typische Handbewegung, der Griff in das Lenkrad des Autos, der Pinselstrich mit dem Nagellack oder das Winken bei der Begegnung mit Freunden? Was bin ich? In all der Menge der Bilder, Mann oder Frau? Eins von Beidem oder nichts von dem – na klar Trans! Doch schon wieder ein Problem. Selbst die Positionsbestimmung Trans setzt die Polarisierung – hier Mann und dort Frau voraus. Das Vehicle ist nur mit dem Vehicle erklärbar.
Nun könnte mir das ja alles egal sein. Doch ich will mich einordnen in das System der Anschauungen und Wertvorstellungen (es gibt sie nun mal – in der Außen- und auch in meiner Innenbeziehung), darin meine eigene Position bestimmen. Diese Positionsbestimmung ist für mich wichtig, weil sie zugleich meine ganz individuelle Beziehung zu anderen Menschen und natürlich zu mir selbst bestimmt. Ein mögliches Modell dafür (übrigens durch meine liebe Freundin Anna kultiviert) wäre auch die Vorstellung eines Zahlenstrahls auf dessen einen Seite „M“ wie Mann und auf der anderen Seite „F“ wie Frau stehen würde. Nun hat jede( r) die Möglichkeit sich selbst mit seinen Eigenschaften darin mehr männlich oder mehr weiblich einzuordnen. Man setzt sich selbst mehr in die weibliche Richtung, wenn man vom Startpunkt Mann ausgeht und umgekehrt, je nach Ausgangspunkt oder befindet sich ganz objektiv auf einer Stelle dieses Strahls. Doch wie geht das? Bedeutet das Fehlen männlich besetzter Eigenschaften zugleich das Vorhandensein des als weiblich besetzten Gegenstücks? Und ist Mann eine Frau, wenn er den Mittelpunkt der erdachten Skala in Richtung des anderen Geschlechts überschreitet? Wäre vielleicht ein zwei- oder dreidimensionales Modell angebrachter? Dafür bin ich aber nicht klug genug.

Aber zum Glück gibt es ja das Internet. Ich bin auf meiner Suche auf zwei wirklich interessante und empfehlenswerte Seiten gestoßen. Unter www.transgender.at befindet sich eine riesige Menge Informationen, übrigens auch für den Deutschen User/Userin tagesaktuell. Ich bin begeistert. In einer kleinen Ecke, der sicher einigen von Euch bekannte COGIATI-Test, ein kombinierter Geschlechtsidentitäts- und Transsexualitätstest. Zitat: „Die Autorin Jeniffer Diane Reiz erzählt in einem Interview, dass dieser Test auf vielen früheren Arbeiten und Tests basiert und von ihr an vielen Versuchspersonen erfolgreich getestet worden ist..“ Einschränkend wird hervorgehoben, dass er natürlich auch fehlerhaft sein kann und in jedem Fall eine weitergehende Information oder auch eine psychologische Beratung empfohlen wird. Das scheint mir seriös. Über die Auswertung von 65 Fragen entsteht eine (übrigens wieder nur eindimensionale) Punkteskala zwischen –650 und + 650 Punkten und damit fünf Klassifikationen von „Normal Männlich“ über „Feminin Männlich“, „Androgyn“ und „Vermutlich Transsexuell“ bis „Transsexuell“. Ich hab’s im Selbstversuch probiert, prompt eine Analyse erhalten und befinde mich (was Wunder) mit 85 Punkten so ziemlich genau in der Mitte, oh je hab sie schon um wenige Prozentpunkte überschritten, und erhalte eine „im wesentlichen androgyne Geschlechtsidentität“ bescheinigt. In der Anlage werden vorsichtige „Handlungsvorschläge“ gegeben, immer mit dem Grundtenor „lebe, wie du bist“, „sie vorsichtig bei extremen Schritten“ und „suche professionellen Rat bei Identitätsproblemen“. Das macht den Test sympathisch, denn er ist ein Anhaltspunkt und kein Urteil. Was ich damit nun anfange, weiß ich noch nicht. Vermutlich nehme ich das Testergebnis zur Kenntnis und werde künftig auf die Frage, was ich denn nun bin, ein Mann oder eine Frau, schwul oder lesbisch antworten: „ich bin androgyn, denk von mir, was du willst...“
Doch damit noch nicht genug. Schon seit längerer Zeit befindet sich die Seite von Fances (vermutlich aus Dresden) unter der URL http://frances.t-data.com/ (Achtung nicht www!) in meiner ganz privaten Linksammlung. Ebenfalls überaus empfehlenswert für Leute, die sich zum Thema Trans weitergehend informieren wollen. Darunter übrigens ein wirklich tiefgründiger Artikel meiner Freundin Freya zum Thema „Christentum und Transidentität“, viele gelungene Definitionsversuche und Artikel von mittelbar und unmittelbar Betroffenen. Auf der Suche nach Feststellung meiner Stellung im Wertesystem bin ich hier auf die „Modifizierte Harry-Bejamin-Geschlechts-Orientierungs-Skala“ gestoßen. Die Ausarbeitung ist vergleichbar betagt, aber dennoch interessant zu lesen. Eben Harry Benjamin baut diese Skala für genetisch männlich Geborene auf und untergliedert in drei Gruppen Transvestiten („Pseudo“, „Fetischistisch“, „Wirklicher/Wahrer“) und drei Gruppen Transsexuell („Ohne Operation“, „Gemäßigt ausgeprägt“, „Stark ausgeprägt“). Schade nur, diese Skala nimmt mir die Entscheidung über die Einordnung nicht mit Hilfe eines Fragenkataloges ab. Typisiert wird nach solchen Punkten wie „Geschlechtsgefühl“, Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben“, Sexualobjektwahl und Sexualleben“ und einigen anderen. Bei genauer Betrachtung finde ich mich in wenigstens drei der sechs Typen wieder – so richtig beschreiben kann ich’s nicht und schon gar nicht erklären. Dennoch, eine wirklich interessante Lektüre.

Was lerne ich nun aus all den Versuchen der Standortbestimmung? Ganz einfach! Wer glaubt, wir hätten keinen Platz im Wertesystem der Gesellschaft der irrt. Wir befinden uns mittendrin, sind eben Trans zwischen den beiden Polen. Und dafür gibt es sogar mehr oder weniger klar umrissene Bezeichnungen. Nur die gehören nicht unbedingt zum allgemeinen Wortschatz und sind zudem häufig negativ belegt.
Dennoch, wenn ich so darüber nachdenke, halte ich es dann doch wieder lieber mit meiner Freundin Anna: „ich bin ein Mensch“. Schluss, aus, Maus! Ob das wohl so einfach bleibt, wenn ich erklären will (muss), was für ein Mensch ich im Leben bin und zudem konkrete Beziehungen gestalten will? Das hängt sicher wesentlich von mir ab und natürlich auch vom Wohlwollen meines Gegenübers.

Ihr habt es natürlich gemerkt, ich habe mir für diese Mail einen Tag mehr Zeit genommen und so sind es auch ein paar Zeilen mehr geworden. Es ist ja auch nicht einfach!
Viele liebe Grüße bis zur nächsten Woche
Sabine B.

Wochenmail vom 25.02.2002+

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

es hat mal wieder einen Tag länger gedauert, aber besser ist die Wochenmail heute geschrieben, als gar nicht.

So manches mal denke ich, dass eine Woche wohl auch 10 Tage haben könnte, ich würde dann endlich mit meiner ganz persönlichen Wochenplanung zurecht kommen. Ganz besonders schlimm war es in der vergangenen Woche. Um so schöner, dass gerade der Samstag zu einem erheblichen Teil der Erholung diente. Samstagnachmittag war ein ausführlicher Saunagang mit Freunden angesagt, am Abend hat man sich dazu in trauter Runde zu einem vorzüglichen Abendessen getroffen und sich die Zeit bis zum Beginn des Geburtstages einer lieben Freundin mit angenehmen Gesprächen vertrieben. Wie in meinem engeren Freundeskreis längst üblich, habe ich keine Minute darüber nachgedacht, welches Outfit ich für die gemeinsame Zeit wähle, einfach nur in mich reingeschaut und mich aus den unterschiedlichsten Gründen für das am wenigsten aufwändige männliche Erscheinungsbild entschieden. Zu anderen Gelegenheiten treffen mich meine Freunde bei mir zu Hause auch schon mal im einfachen Hauskleid, gar nicht farblich gestylt an - insgesamt sehr wenig den üblichen weiblichen Bekleidungskonventionen gehorchend. Ich kleide und bewege mich in diesem Kreis zumeist ganz, wie ich mich gerade fühle und gehe selbstverständlich davon aus, dass ich so akzeptiert und genommen werde, wie ich bin. Im Allgemeinen ist das wohl auch so. Im Allgemeinen. Und im Besonderen?

Eine wirklich hochinteressante Diskussion in eben der vergangenen Samstagnacht zwingt mich zu einer wohl differenzierteren Betrachtung. Die Frage der äußeren Erscheinung hat nämlich zwei Seiten. Die erste Seite bezieht sich auf mein zumeist ausgewogenes eigenes Selbstverständnis als komplexe Persönlichkeit - ich bin so und ich drücke mich so aus. Ich habe lange genug um diese Einstellung gerungen. Doch das allein ist eine Innenbeziehung, eine Beziehung zu mir selbst. Ihr ahnt es sicher schon, die zweite Seite ist die Außenbeziehung - hier die Wirkung und Erwartung meiner Umwelt. Ich will an dieser Stelle (aus gutem Grund) den Bezug zu meiner eigenen Person verlassen. Ich gehe davon aus, dass es unter uns (wie auch immer gearteten) Transgender-Freunden auch in der Außenwirkung grundsätzlich gleichgültig ist, wie wer erscheint. Gerade unter dem Gesichtspunkt der freundschaftlichen Beziehungen haben wir ein Trans-unabhängiges Interesse füreinander entwickelt und natürlich ein sicheres Verständnis für die unterschiedlichen Gefühlslagen. Das geht, weil wir uns irgendwo doch sehr ähnlich sind. Bisher nicht bewusst war mir, dass beispielsweise Partnerinnen von Transgendern mit der äußeren Erschienung ihres Partners auch eine eigene "gefühlsmäßige Einstellung" verbinden und das ganz unabhängig davon, wie sehr sie gerade diese Seite an ihrem Partner mögen. Und es geht hierbei primär nicht um die von mir gelegentlich befürchtete Trennung der Persönlichkeiten des Trans, vielmehr um die Einstellung auf einen der Poole seiner Ausdrucksweise. Denn mit dem Wechsel hin zum weiblicheren Pool ist häufig auch eine mehr oder weniger deutliche Veränderung der Verhaltensweisen verbunden oder wird zumindest im Ansatz erwartet. Das nachzuvollziehen fällt mir relativ schwer, na klar ich kenne diese Situation nicht aus eigenem Erleben. Ich will das mal für mich und für das bessere Verständnis konstruieren: Ich lebe mit einer Frau zusammen, die ich mag, wie sie ist. Sie hat unterschiedliche Ambitionen ihrer eigenen äußeren Ausdrucksweise. Zum einen ist sie "normal" weiblich, hat vielleicht dabei einige androgyne Züge. Auf der anderen Seite kleidet sie sich gern komplett, wie ein Mann, meint es wirklich ernst damit und will so auch von mir akzeptiert sein. Würde ich mich nicht auch auf die unterschiedlichsten Erscheinungsbilder einstellen, in meinem eigenen Verhalten und auch in meinen Erwartungen an ihr Verhalten? Jetzt muss ich erst einmal die Augen schließen und Ihr tut es mir hoffentlich nach......

Ergebnis: Um ehrlich zu sein, selbst unter dem Gesichtspunkt, dass ich ja selbst über genau solche Ambitionen verfüge, ja, es gäbe einen Unterschied in meinem Verhalten und meinen Erwartungen. Nehmen wir dazu mal an, dass ich beide Seiten an ihr mag. Was wäre, wenn die eine Ausdrucksweise von ihr plötzlich negiert (oder nur weitgehend abgestellt) und die andere Ausdrucksweise nur noch allein (oder rudimentär) präsent wäre? Mir würde etwas fehlen an ihr, denn es ist die Gesamtkomposition, die ich zu lieben gelernt habe und ich bräuchte sicher eine Zeit der Neuorientierung mit vielleicht sogar ungewissem Ausgang für unsere Beziehung. So habe ich das wirklich noch nicht gesehen.

Zurück zum ganz "normalen" Trans. Viele kennen sicher die Situation, in die man (frau) kommt, wenn sie sich dann endlich entschlossen hat dem "inneren Ruf" zu folgen und eben die alternative Ausdrucksweise zuzulassen. Vorbei die Zeiten in denen nur mal gelegentlich das eine oder andere Kleidungsstück verschämt und heimlich getragen wurde. Vielleicht sogar vorbei die Heimlichkeit in der Partnerschaft. Das "wirkliche Leben" hat begonnen. Endlich befreit! Wie im Rausch werden die Kleiderschränke und Kommoden gefüllt mit all den Dingen, die frau schon längst besitzen wollte, häufig aber nicht wirklich dauerhaft gebrauchen kann. Keine Gelegenheit wird ausgelassen sich im "schon immer" gewollten Outfit zu präsentieren. Es gibt immer wieder neue Möglichkeiten der eigenen "Gestaltung" und neue Gelegenheiten der Präsentation. Eine unvergessliche, intensive und wunderbare Zeit! Wie im Zeitraffer durchläuft Trans eine wirklich zweite Pubertät. So manche Entwicklung der man nachgeht stellt sich als untauglich heraus und vermeintlich Taugliches bleibt. Der Regelfall: Irgendwann verlangsamt sich die Entwicklung, gibt es weniger Neues zu entdecken und so manchen verlässt die Kraft noch immer weiter zu stürmen. Die Zeit des schnellen Findens ist vorbei, gelegentlich setzt Ernüchterung ein. Ich meine, das ist ein "normaler" Prozess. Jetzt erst entscheidet sich, wie sehr trans unser "Trans" wirklich ist, jetzt erst ist er (sie) wirklich in der Lage ein dauerhaftes Selbstverständnis zu entwickeln, sich auf die wirklich nachhaltigen Bedürfnisse einzustellen. Doch auch das ist wieder nur das "Innenverhältnis", da gibt's ja häufig noch die Beziehung zu dem Menschen, den Trans ganz besonders mag - die wohl wichtigste Außenbeziehung. Stellen wir uns auch hier mal ein Modell vor: Die geborene Sie begleitet ihren Partner über all die Stationen der Pubertät und des Findens. Setzen wir den Idealfall voraus, dass sie die stürmische Entwicklung begrüßt, dann setzt spätestens am Ende der erdachten Pubertät unseres "Trans" auch bei ihr eine gewisse Ernüchterung ein. Idealer Weise haben sich ihre Erwartungen und Ansprüche ebenfalls abgeklärt. Doch was, wenn nicht? Eine Menge Kommunikation zwischen den Partnern ist nötig.

Der andere Fall, sie begleitet diese Pubertät mit Besorgnis, will die zuvor geliebte männliche Seite nicht missen und hat Angst, dass sie für immer verloren geht. Sie hat es mit Sicherheit sehr schwer, Probleme in der Beziehung sind vorprogrammiert und auch hier ist eine Menge Kommunikation nötig. Doch dann kommt zum Glück die Phase der Ernüchterung, und Einstellung auf nachhaltige Bedürfnisse. Jede weitere Entwicklung vollzieht sich für sie nachvollziehbar. Sie hat das Schlimmste überstanden, doch ein kleiner Rest der Sorgen bleibt.

Warum erzähle ich das alles? Mir wurde im Nachgang der langen Diskussion der letzten Samstagnacht mal wieder deutlich, dass es eben nicht allein unsere Sache ist, wann wir uns wie und in welchem Ausmaß geben. Als Wesen mit ganz konkreten gesellschaftlichen und damit natürlich persönlichen Beziehungen können wir es nicht bei der alleinigen Präsentation unseres Bildes belassen, sondern sollten uns auch bewusst sein, dass dieses Bild, auch und gerade wenn es angenommen wird, ganz besondere Emotionen und Erwartungen bei unserem Gegenüber erzeugt, die es zu verstehen gilt. Und weil uns diese Menschen lieb sind, sollten wir diese Gefühle allemal achten.

Ich habe mich heute mal wieder sehr gemüht und hoffe, dass Ihr mich verstanden habt. Mir liegt schon sehr daran....

Bis zur nächsten Woche
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Dazu eine Zuschrift von Andrea vom 25.2.2002:

Liebste Sabine! Lieber Bernd!

Trefflich, trefflich! Eine Situationsbeschreibung, in der sich einige von uns befinden dürften oder einige schon erleben durften. Wir haben ja schon darüber kurz gesprochen und unsere Meinungen dazu ausgetauscht.
Dennoch möchte ich es nicht versäumen, mich schriftlich dazu zu äußern. Wer mich kennt, weiß dass ich latent zum schwafeln und weit ausholen neige. Ich werde dennoch versuchen, mich kurz zu fassen. Nehmen wir an, ich habe eine Freundin. Und nehmen wir weiter an, das sie ein sehr, sehr selbstbewusster Mensch ist und neben ihrem intelligenten Humor und einer gewaltigen Portion Elan auch noch das gewisse Händchen hat, sich "rattenscharf" zu kleiden. Und nun nehmen wir noch an, dass genau diese Eigenschaften es waren, die mich an ihr schon immer fasziniert haben - mich geradezu magisch in ihre Arme getrieben haben. Was wäre, wenn sie mir eines Tages gesteht, dass sie eigentlich gar nicht selbstbewusst ist bzw. sein möchte, eher dazu neigt permanent traurig und ausgebrannt zu sein und sich viel lieber weniger aufgedonnert kleidet? Was wäre wenn sie mir dann auch noch eröffnet, dass sie lieber von mir geführt werden möchte und mit dem Fällen von Entscheidungen am liebsten gar nichts mehr zu tun haben möchte?
Was wäre dann? Sehr wahrscheinlich würde ich mir schon die Frage stellen würde, ob es das ist, was ich gesucht habe. Denn vielleicht waren die an ihr so geschätzten Eigenschaften genau die, die mir fehlten - und meine Hoffnung war, dass wir uns gegenseitig soweit ergänzen, dass ihre vermeintlich positiven Eigenschaften meine Schwachstellen ausfüllen - und umgekehrt. Ich würde mir also die Frage stellen, ob wir uns überhabt einen Gefallen tun, wenn wir beide beim anderen das gleiche suchen - und die Partnerschaft dann überhaupt noch Sinn macht. Vielleicht würde ich aber auch ganz anders reagieren. Vielleicht würde ich alles daran setzen, meine Partnerin so hinzubiegen, wie ich sie mal kennengelernt habe. Vielleicht würde ich auch einfach versuchen es zu ignorieren, um mir die Illusion nicht zu rauben. Und vielleicht würde wir uns auch darauf einigen können, dass sie sich nicht immer so gehen lässt. In jedem Fall hätten wir sicher eine ganz gewaltige Krise.
Was ich sagen will, ist eigentlich ziemlich einfach. Es gibt - aus meiner Sicht - keine normierte, vorhersehbare Reaktion auf nicht vorhersehbares Verhalten. Es lässt sich jedoch eine Grundtendenz erahnen. Jede/r von uns begehrt zuerst einmal das, was er sieht - also mit den Augen wahrnehmen kann. Ist dann das Äußere mit dem erwarteten / erhofften Inneren stimmig, und finde ich Gefallen daran, bin ich auch bereit, mich auf diesen Menschen näher einzulassen - mich ihm zu öffnen. Stellt sich dann nach einiger Zeit heraus, dass ich mich - vielleicht sogar ganz gewaltig - geirrt habe, ich den anderen eben doch nicht zu kennen scheine, muss ich meine Position zum Anderen völlig neu überdenken. Und dazu gehört sicher auch, ob ich mich auf diese neue Situation überhaupt einlassen kann; d.h. ich mein eigenes Selbstverständnis mit dem meines Partners dennoch bzw. trotzdem in Einklang bringen kann.
Aus meiner Sicht hat das weniger mit dem Thema Trans, als vielmehr mit dem Thema Partnerschaft grundsätzlich zu tun. Es berührt ganz elementare, unabdingbare Bestandteile einer Partnerschaft, wie z.B. Vertrauen, Geborgenheit, Verstehen, Identifikation, Begehren. Das gesamte Grundgerüst des partnerschaftlichen Miteinanders eben. Wird dieses erschüttert, kommt es eben darauf an, wie und ob ich damit umgehen kann / will. Die Palette möglicher Reaktionen hängt aus meiner Sicht davon ab, ob es beiden gelingt, die Prioritäten neu zu definieren; was aber - aus der Natur der Sache heraus (jeder ist eben auch höchst individuell) - im Ergebnis nur sehr, sehr bedingt übertragbar ist.
Um zum Thema Trans zurückzukehren möchte ich betonen, dass ich schon mehrfach Frauen kennengelernt haben, die mit Trans nicht nur kein Problem haben, sondern es als äußerst anregend und ansprechend empfinden. Diese machen im Umgang mit dem Partner keine Unterschiede - müssen also grundsätzlich auch keine geistige Metamorphose durchmachen, um sich auf ihren Schatzi einzustellen; wobei Ausnahmen nicht auszuschließen sind.
Mit den allerbesten Grüßen
Andrea(s)