Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,
eigentlich sollte ich ja im Bett liegen um das Schlafmanko der vergangenen Nacht auszugleichen und noch dazu das üppige Mittagessen von Mutti zu verdauen. Doch schlafen kann ich nicht, zu viele Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Ich habe zudem eine ausgesprochen ruhige Woche hinter mir, hab nur wenig, aber dafür ausgesprochen effektiv gearbeitet, viel geschlafen und vielmehr gefaulenzt. Ich tu mal einfach so, als sei ich nicht müde.
TransSisterlich ist eigentlich bei mir in den vergangenen Tagen wenig passiert ich habe mich mehr um mein eigenes Ding gekümmert. Via Internet und lebhafte Reaktion auf meine Wochenmails habe ich Sophya kennen gelernt, eine Transgender, die in einem der wohl angesagtesten SM Clubs Berlins den Tresen schmeißt. Hin und her, ich habe mich entschlossen, sie dort zu einem Schwätzchen zu besuchen und diesen Vorwand genutzt, mich selbst ein wenig mehr zu ergründen. Doch ganz von vorn:
Für derartige Ausflüge habe ich mir schon vor einiger Zeit einen (für meine Verhältnisse) recht scharfen Lackfummel zugelegt. Die Anprobe am späten Nachmittag geriet für mich zu einer ernsten Existenzkrise. Wo kommt den der Bauch auf einmal her? Sicher, ein Lackkleid kann straff sitzend ganz gut aussehen, doch ich fühlte mich zunächst wie eine Presswurst. Mein im Zuge höchster Eitelkeit angeschafftes Korsett hätte zwar Abhilfe geschaffen, aber es hätte mich genauso sicher umgebracht. Nun ja mit Hilfe zweier lieben Freundinnen, die sich eben mal noch angesagt haben, und einiger keinen Tricks konnte dann doch noch Abhilfe geschaffen werden. Wie relativ doch der Begriff "scharf" sein kann hat meine liebe Freundin T. mit ihren wundervoll einfühlsamen Bemerkungen deutlich gemacht. "Du siehst ganz schön brav aus" sprach sie, zuppelte an Ihrem Lederröckchen von vielleicht 25 Zentimeter Länge und zeigte dabei Beine bis zum Hals. "Dein Oma-Outfit (hier sinngemäß zitiert) steht dir eigentlich besser", zog sie Resümee über meine verzweifelten Vorbereitungen für einen aufregenden Abend. Der Abend fing schon, ob meiner körperlichen Besonderheiten, nicht gut an und nun auch noch das! Aber wie gesagt, ich war dann doch noch ganz ansehnlich und wenn schon nicht "scharf", so habe ich mich doch ganz wohl gefühlt.
Nach einem angenehmen Abendessen mit viel Spaß sind wir dann zu später Stunde im "Katharsis" eingefallen und meine beiden Begleiterinnen sind dann auch nach einiger Zeit zur nächsten Party weitergezogen. Mir hat die Atmosphäre dort vom ersten Augenblick an gefallen. Wie die regelmäßigen Leser dieser Mail sicher wissen, sind wir gelegentlich an solchen Orten auch im größeren Kreis unterwegs, sei es nun im Kit Kat oder zu irgendwelchen Events mit mehr oder weniger SM-Charakter, doch wirkliches Flair hatte ich bisher nicht empfunden. Und es macht schon einen Unterschied, ob man (frau) einfach mal nur eintauchen und gucken, oder sich ernsthaft interessiert vielleicht sogar einlassen will. Letzteres hat für mich mit ganz persönlicher Sexualität zu tun. Aus diesem Grunde möchte ich den weiteren Verlauf der Nacht auch nicht unbedingt vertiefen.
Ich habe in dieser Nacht mit vielen Leuten gesprochen und einige ganz gut kennen gelernt. Auffällig für mich, dass darunter ein ganzer Teil Transgender waren, zumindest anteilig mehr als man sie an anderen Orten antrifft. Woran mag das liegen? Sicher, ein Teil der Damen war dort beschäftigt, doch interessant ist diese Frage schon für mich.
Ein nicht unerheblicher Teil der mir bekannten Transgender lebt eine sexuelle Identität, die nur bedingt in das allgemeingültige bürgerliche Weltbild zu passen scheint. Nicht von ungefähr kommt es zu der weit verbreiteten Meinung, alle Transgender seien Homosexuell. Viele "endlich-Frauen" lieben eine "schon- geborene-Frau".
Vor einiger Zeit wurde ich von einer lieben Freundin auf einen Beitrag im Forum von www.en-femme.de aufmerksam gemacht. Emanuelle, seit gut 15 Jahren Transvestit, offensichtlich gut verheiratet, stellt die Frage, wie sie denn mit ihren Wünschen nach körperlicher Nähe zu einem Mann umgehen soll. Ich habe damals geantwortet und finde diese Gedanken passen ganz gut hier her:
"Ich habe mich in den letzten Jahren ein wenig in der Transgendergemeinde getummelt und dabei festgestellt, dass kein Transgender in seinem inneren Ansatz und seinen Bedürfnissen dem anderen gleicht. Trotz aller ähnlichen Werdegänge und Interessen wird jeder von uns durch eine ganz persönliche Motivation getrieben, so, wie du und ich. Darunter sind auch ganz spezifische sexuelle Interessen, die sich übrigens nach meiner Meinung nicht von denen aller anderen Menschen unterscheiden. Nur für uns gilt, dass wir allein durch die Tatsache, dass wir unserem Wunsch nach unserer speziellen Lebensweise nachgeben, etwas tiefer und differenzierter in uns selbst hinein schauen. Wir leben und entdecken Eigenschaften an uns, die der Masse der "normalen" Menschen wohl für immer verborgen bleibt. Nun fehlt denen nicht etwa etwas, sie sind halt nur nicht in dieser Form so reich an sehr persönlichen Erfahrungen und Gefühlen. Ich kenne einige Transvestiten (oder meinetwegen auch nur Damenwäscheträger), die mit ihrer äußeren Verwandlung auch scheinbar ihre Verhaltensweisen ändern. Wir alle leben in solchen Situationen ein ganz persönliches Menschenbild, sind wenn Du so willst, der Mensch der wir gern wären. Ich denke, dass sich in solchen Situationen unser wirkliches Wesen äußert. Dazu gehören nach meiner Ansicht auch die bekannten Spielarten der Sexualität. Warum also soll sich ein Transgender nicht gelegentlich auch nach körperlicher Liebe mit einem Mann sehnen, wenn genau das zu seinem Wesen gehört? Wirklich interessant wird die Sache ohnehin erst, wenn man (frau) dann auch tut, was sie gerade will. Meine Oma hat häufig gesagt: "Du kommst immer klüger raus, als Du rein gehst!" Macht der Sex mit einem Mann also Spaß, bist Du Deiner eigenen Verwirklichung wieder etwas näher gekommen. Macht es keinen Spaß, dann bist Du den Traum los oder träumst ihn auf andere Weise neu, gehst wieder rein und kommst klüger raus. Genau das ist es, was viele von uns treibt und nicht nur uns “
Ich finde schon, dass vor allem dieser eigene differenzierte und feinfühlige Blick in unser eigenes Wesen eine Bereicherung darstellt. In soweit hat unsere Freundin Anna wohl recht, wenn sie nicht nur von einer besonderen Eigenschaft der Transgender spricht, sondern von einer „Begabung“. Wir haben damit die notwendige Offenheit für Neues und Unentdecktes, auch auf sexuellem Gebiet. Transgender haben sich auf die Suche nach ihrem Ich begeben. Alle sind in irgendeiner Weise auf der Suche nach Irgendwas und nur, wer für einen Irrtum bereit ist, wird auch wirklich finden.
Ich wünsche Euch allen also eine aufregende Suche und natürlich auch, dass Ihr findet wonach Ihr sucht. Gut ist auch, wenn Ihr etwas findet, wonach Ihr nicht unbedingt gesucht habt, wenn es Euch denn gefällt. Die Träume und Ziele sind wichtig, denn sie setzen uns in Bewegung – mir macht das eine Menge Spaß.
Viele liebe Grüße
Sabine B.
Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,
heute geht es etwas schwerer mit der geplanten Mail (wie heißt das eigentlich wirklich die Mail oder das Mail), weil, ich hab mich in der vergangenen Woche ein wenig vertrödelt und nun allerhand zu tun um eine versprochene Arbeit bis zum Montag in der von mir angestrebten Qualität abzuliefern. Trotzdem ein paar Zeilen zur Entspannung dürften ja wohl drin sein.
Wenngleich einige Arbeit liegen geblieben ist, habe ich in den vergangenen Tagen eine ganze Menge für mich selbst getan. Endlich ist es nun zu der Verabredung mit einer wirklich netten Schneiderin gekommen, die mein so geliebtes rotes Kleid meinen tatsächlichen körperlichen Proportionen anpasst. Ihr kennt ja sicher das Problem. Konfektionsware ist (verständlicher Weise) auf die echt weiblichen Proportionen ausgelegt, weil ja auch für Frauen bestimmt. Gerade bei meiner Körpergröße, mit nicht gerade ausladenden, aber eben nicht weiblichen Schultern und dazu noch ein kleiner überaus hartnäckiger Bauch, gibt es häufig das Problem, dass das Kleid entweder in den Schultern zu eng oder im Hüftbereich zu weit ist.
So auch mit besagtem rotem Kleid, doch ich musste es einfach haben. Die Lösung des Problems ist eine versierte Schneiderin und das muss nicht einmal teuer sein. Einmal den Mut gefasst werde ich wohl noch häufiger auf ihre Dienste zurückgreifen, geplant ist noch ein schöner Rock und wenn das klappt, dann lass ich mir mein Traumkleid schneidern. Ich erwische mich immer häufiger mit einem Stift und einem Zettel und habe schon die unterschiedlichsten Schnitte ersonnen. Wir werden sehen.
Nächster Höhepunkt meiner ganz persönlichen Aktivitäten war die Vereinbarung eines längst fälligen Kosmetiktermins im Salon ganz in meiner Nähe. Die eine oder andere wird jetzt sagen "na und?" Mag sein, dass das nichts Besonderes ist. Für mich schon, denn auf solche Dinge habe ich bisher verzichtet (ich bin auch so schön genug), hatte, um ehrlich zu sein, auch einige Berührungsängste. Doch damit ist jetzt Schluss.
Ja und einen nicht unerheblichen Teil der Zeit habe ich mit Streifzügen durch die Winterschlussverkäufe verbracht - eigentlich auf der Suche nach dem berühmten Schnäppchen für die Dame. Rausgekommen sind aber nur einige Paare neuer Stümpfe und eine nicht unerhebliche Aufrüstung meines computertechnischen Umfeldes. Nun ist das Geld weg, der nächste Fummel wird wohl noch eine Weile warten müssen.
Hinzu kommen noch einige ganz private Treffen mit Freundinnen, Gespräche mit Tiefgang, leider auch mit Ärgernissen und die unvermeidlichen Ausflüge in das Nachtleben, ganz allein (für mich schon etwas Neues) und mit lieben Freundinnen.
Ihr seht, ein ganz gewöhnlicher Alltag einer Transe (ja ich weiß Transgender!), die relativ unabhängig von ihrer Umwelt agieren und leben kann. Wenn Ihr so wollt, nichts wirklich berichtenswertes. Nicht einmal meine liebe Freundin T. hat sich zu einem kernigen Spruch hinreißen lassen - ich war wohl am gestrigen Abend standes- und altersgemäß gekleidet. Sicher, so einige Themen brennen mir auf den Nägeln (übrigens heute in Lila) doch ich bin damit noch nicht ganz fertig und es wird wohl noch eine Weile damit dauern. Hinzu kommt, dass mich die morgen abzuliefernde Arbeit ganz schön beschäftigt und den Kopf nicht frei werden lässt. Daher will ich Euch nicht weiter mit meinem Schwatzen belästigen.
Vielleicht nur noch ein Tipp: Macht es doch mal, wie ich in den vergangenen Tagen, tut etwas, nur für Euch ganz allein und lasst die Welt, wie sie ist. Sie läuft ja sowieso nicht weg und kann morgen immer noch geändert werden.
Bis zur nächsten Woche - dann hab ich meine Arbeit schon erledigt.
Viele liebe Grüße
Sabine B.
Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,
87 Empfänger zählt diese kleine Postille inzwischen und ich hatte bei der Einrichtung nicht im Traum daran gedacht. Hinzu kommen die Leser der Mail auf der HP der TransSisters, die natürlich nicht exakt erfasst werden können. Ich weiß aus Zuschriften und Gesprächen, dass die Wochenmail auch mehrfach gelesen wird und muss auch davon ausgehen, dass sie bei einigen einfach nur im virtuellen Postkasten landet und dort irgendwann verschwindet. Ich selbst lese ja auch nicht jedes Exemplar meiner Wochenendzeitung, allerdings die eingehenden Mails lese ich alle, es sei denn es handelt sich um unaufgeforderte "wichtige Informationen", die dann weggedrückt werden. Bis auf vielleicht 20 Empfänger ist mir die Mehrheit von Euch nicht persönlich bekannt, ich gehe aber davon aus, dass sich der überwiegende Teil mehr oder weniger intensiv mit der Transgenderproblematik auseinandersetzt bzw. selbst ein solches Leben führt.
Ich stelle solche Betrachtungen hier an, weil mir schon wichtig ist, dass Ihr Euch beim Lesen immer vergegenwärtigt, dass diese Zeilen kein allgemein typisches Transgenderbild zeichnen. Die Schar der Transgender ist so vielschichtig und in ihrem persönlichen Ansatz unterschiedlich wie die Kombinationen von Namen und Vornamen aller Menschen, die sich dazu rechnen. Allein die Differenzierung zwischen Transvestiten, Transsexuelle, Fetischisten, Tunten, Drag's und was es dann noch für unaussprechliche Begriffe gibt, reicht nicht aus, die Vielfalt unserer Erscheinungen zu beschreiben. Und dort mittendrin befindet sich Sabine B., die sich in wohl keiner dieser Begrifflichkeiten voll zuordnen und einfach nur selbst identisch sein will.
Und da gehen die Probleme dann auch schon los. In vielen Gesprächen, die ich führe, taucht irgendwann die Frage nach meiner eigenen Identität auf, die natürlich nur mit Worten zu beschreiben ist. Was soll ich sagen? "Ich bin ein männlich fetischistischer Transvestit mit teiltranssexuellen Wünschen, dominant - devotem Gedankengut, grundsätzlich heterosexuell mit unterschiedlichen Präferenzen". Mir würden noch mehr unmögliche Wortvermischungen einfallen, keine würde meine selbst empfundene Identität exakt beschreiben und nur ein einziges Wort dafür gibt es schon gar nicht. So beschränke ich mich meistens, mich als Kerl, der gern Frauenkleidung trägt, zu bezeichnen und hoffe darauf, dass mein Gegenüber diese Beschreibung recht bald zu differenzieren weiß. Interessant übrigens, dass dieser "Erklärungsnotstand" überwiegend bei Gesprächen mit Menschen entsteht, die sich mit der Transgenderproblematik bis dato nur über Hörensagen auseinandergesetzt haben.
Doch zurück zu dem "Kerl", der gern Frauenkleidung trägt. In der vergangenen Woche habe ich dann mein geändertes rotes Kleid von der (in der letzten Mail besagten) Schneiderin abgeholt und natürlich am Freitag gleich ausgetragen. Das war schon ein tolles Gefühl, ein Kleid zu tragen, das auch wirklich passt - an meinen Körper und auch zum Geist. Ich habe mich ausgesprochen wohl darin gefühlt. Wie es der Zufall so will, bin ich gestern in der letzten Ecke des Sabine - Kleiderschrankes auf mein unvergessliches "erstes Kleid" gestoßen. Mein Gott! Was habe ich mir und meiner Umwelt damit angetan! Ich weiß noch genau, es ist nun schon fast 3 Jahre her, da habe ich mich dazu entschlossen, endlich ein eigenes Kleid zu besitzen. Bis dahin hatte ich eher zufällig mal eine gebrauchten Rock oder eine Bluse gekauft, sie lange (vermutlich erfolglos) vor meiner Exfrau versteckt (oder auch ihre Kleidungsstücke für mich zweckentfremdet) und mich heimlich für nur wenige Augenblicke vor dem heimischen Spiegel gedreht. Allein diese Aktionen waren den Stress der Heimlichkeit in jedem Fall wert.
Und nun wollte ich ein eigenes Kleid besitzen - neu und ganz für mich allein. Es war wieder mal ein Schlussverkauf und ich mittendrin, bewaffnet mit reichlich Bargeld, meiner Kreditkarte und allem Mut den ich nur zusammen sammeln konnte. Sicher, ich hatte schon einige Erfahrungen beim Kauf diverser Dessous und Strümpfe gesammelt, doch auch bei solchen Streifzügen schlug mir das Herz noch immer so stark, dass ich immer meinte gleich zu kollabieren. Und nun ein ganzes Kleid? Beim Kauf der Verkäuferin ins Auge sehen und sagen, dass ich genau das kaufen will? Allein der Gedanke an diesen Tag lässt meine Hände wieder schwitzen. Unklar war für mich zudem, welche Größe denn nun die wirklich passende für mich ist, eine Fehlkauf wollte ich ob des dieses mal wohl erheblicheren finanziellen Aufwandes nicht riskieren.
In einer kleinen, weniger frequentierten Boutique hab ich dann gefunden, was ich suchte. Da hing es nun, lang - vermutlich bis zu den Waden, weit und grau - eben Größe XL. Der Preis war für den ersten Versuch ok. Zu einer Anprobe hätte ich mich auch unter Androhung physischer Gewalt nicht entschieden. Schlimm genug, dass die Verkäuferin mich entdeckte und auch noch ansprach. Jetzt oder nie!
"Ich möchte ..... bitte ..... dieses Kleid kaufen" hörte ich mich mit zitternder Stimme sagen. "Hm" war die Reaktion und ich sehe noch heute ihre zweifelnden und musternden Augen. "Das ist ganz schön groß .... das könnten sie ja tragen..."
Jetzt hatte es mir einfach mal den Atem verschlagen. Flucht war nur quer durch den Laden möglich und das berühmte große Loch in der Erde, in dem ich mit Sicherheit für immer versunken wäre, wollte sich einfach nicht öffnen. "Nein, nein ... ha, ha, ha ... das geht schon in Ordnung". Schmunzeln - von der Verkäuferin, leider nicht von mir. Wir waren uns also handelseinig, ich wollte kaufen und sie verkaufen - ganz ohne Beratung und ohne Anprobe.
Bis zu diesem denkwürdigen Tag hatte ich immer gemeint, dass ich alle meine Körperfunktionen voll im Griff habe. Ich spürte den unüberwindlichen Drag, die Toilette aufzusuchen, die Knie wurden im wahrsten Sinne des Wortes immer weicher und die Hände zitterten deutlich sichtbar. Nur schnell bezahlen und raus hier - schnell raus hier, aber bitte mit meinem neuen Kleid. Das waren meine einzigen Gedanken.
Doch die Sache war noch nicht ausgestanden. In meiner Verwirrung hatte ich nach einem Dekorationsstück verlangt und eine zweite Verkäuferin war eine Ewigkeit damit beschäftigt, das Kleid von der Puppe zu nehmen und das richtige Preisschild zu suchen. Ich war sicher, in dieser Ewigkeit hat die Welt still gestanden und alle Menschen hatten Zeit, mich in aller Ruhe zu mustern. Endlich hatte ich mit zitternden dann Händen bezahlt und mich mit einem gequältem "ja danke ... auf ..... Widersehen" schnell aus dem Staub gemacht.
Kennt Ihr das Gefühl, von hinten angesehen zu werden? Da gibt es bei mir zwei klar definierte Punkte im Nacken, die mir signalisieren "hier sieht jemand in dich rein". Es hat wenigstens zwei Querstraßen gedauert und dann noch eine halbe Stunde in einer Eisdiele, bis ich mich selbst wieder im Griff hatte. Doch dann kam ein ganz anderes gar nicht peinliches Gefühl in mir auf. Ich war stolz, mich überwunden zu haben. Ich war glücklich, denn ich hatte nun mein erstes eigenes Kleid und ich hatte mich frei dafür entschieden.
Heute sehe ich die Ereignisse natürlich viel differenzierter und habe längst erfahren, dass es genau von mir abhängt, wie mir in dem einen oder anderen Geschäft entgegengetreten wird. Bin ich offen und formuliere klar, was ich will (vor allem, dass ich es für mich will) dann habe ich keine Probleme im Umgang mit den Verkäuferrinnen - im Gegenteil, gelegentlich entpuppen sie sich als sehr kompetente und einfühlsame Beraterinnen. Doch das musste ich erst lernen.
Dieses Kleid habe ich dann auch als Erstes öffentlich getragen. Nein, nicht auf der Straße oder gar in einer Bar. Meine Freundin Freya, damals mein erster und einziger Kontakt zu einem Mann in Frauenkleidern, musste dafür herhalten als ich sie einige Tage darauf ganz privat besuchte. Ich hab das Kleid heute noch einmal angezogen und weiß inzwischen so ziemlich genau, was wohl in ihr bei meinem Anblick so vorgegangen ist. Doch damals hatte ich natürlich keinen Blick dafür. Ich hatte zum ersten Mal für mich eine wesentliche Übereinstimmung von Inhalt und Form gefunden und durfte das Ergebnis präsentieren und einfach nur im Kleid mit jemandem zusammen sein. Freya, ich bin Dir ja so dankbar und wünsche jedem, der seine ersten Versuche der alternativen Bekleidung leben will, eine so verständnisvolle Freundin der ersten Stunde. An genau diesem Tag wurde für mich klarer, was ich wirklich will. Ich war meiner eigenen Definition ein erhebliches Stück näher gekommen.
Und nun die Moral von der Geschichte: Die Eine wird sicher den Kopf schütteln wegen meiner Unbeholfenheit und hatte solche Probleme nicht. Eine Andere sagt nun, dass sich Transgender genau deshalb zusammentun müssen um diese Probleme gemeinsam zu bewältigen, möglichst in Geschäften, die uns freundlich gesonnen sind.
Ich sage, dieser Kleidkauf ist eine meiner wichtigsten Erfahrungen - mit meiner Umwelt und vor allem mit mir. Ich rate jedem von Euch, all Euren Mut zusammen zu nehmen und den ersten Schritt selbst zu tun. Eine solche Erfahrung stärkt für das ganze Leben. Wenn man (frau) dann noch das Glück hat, auf Gleichgesinnte zu stoßen und sich seiner Erfahrungen nicht schämen muss, dann ist die Suche nach Identität spannend und sicher irgendwann erfolgreich. Darauf hoffe auch ich und ein gutes Stück dieses Weges bin ich schon gegangen.
Heute Abend werde ich mein erstes Kleid wieder in den Schrank hängen. Es ist bei weitem nicht mein schönstes Kleid aber es ist für mich das wichtigste und wird wohl noch manches Mal rausgekramt.
Ich wünsche Euch allen Mut für die ersten, oder meinetwegen auch zweiten Schritte in der Transgenderwelt.
Viele liebe Grüße
Sabine B.
Öffentliche Reaktion:
Gundula
Liebe Sabine,
Deine Mails lese ich regelmäßig und mit großem Vergnügen und Gewinn. Deine heutige mit besonderem von Beidem.
Mein erster Kleiderkauf war dem Deinen sehr ähnlich und meine Einstellung zu den "Etiketts" unsere "Begabung", "Neigung" oder sonst was betreffend kennst Du ja aus meinem Gedicht "Etikettenschwindel" von vor einiger Zeit.
Du schreibst erfrischend, ermutigend, tolerant - und bist eine sehr liebe "Freundin".
Danke!
Gundula
Freya
Liebe Sabine!
Danke, dass du mich so lieb in deiner Wochenmail erwähnt hast. Natürlich siehst du heute wesentlich besser aus, als damals in deinem ersten Kleid. Du hast schon recht mit deiner Mail!
Meine ersten Kleider waren übrigens auch grässlich und ich sah damals aus wie 75! Vielleicht zeige ich dir bei Gelegenheit mal einige Bilder, aber die habe ich ganz unten in einer Kiste!
Ich würde dich in deinem Super-Kleid übrigens gerne mal sehen!
Liebe Grüße
Freya
Hallo liebe Freundinnen und Freunde,
Heute muss ich mal schwindeln, denn es ist erst Samstag, das Wochenende ist voll von Verabredungen und Partys und ich fange vorsichtshalber schon mal an zu schreiben. Ich hoffe, dass ich nichts Wichtiges vergesse.
Die Geschichte meines ersten Kleidkaufes in der Mail der vergangenen Woche hat ja ganz schön Wellen geschlagen. Die Zuschriften (einige davon waren ja auch als Beiträge veröffentlicht) und auch persönlichen Gespräche haben gezeigt, dass es vielen ähnlich erging. Für mich interessant, dass darunter so manche ist, die ich immer als besonders selbstbewusst und cool erlebt habe. Die Neugierigen unter Euch haben natürlich gleich nachgefragt, wie das denn nun alles wirklich aussah, mit dem hässlichen grauen und dem tollen roten Kleid und ob es davon auch ein Bild gibt. Nun, sehen könnt Ihr mich auf der HP der TransSisters unter www.TransSisters.de (ich bin leider nicht besonders fotogen) und ich verspreche auch, demnächst ein Bild mit besagtem roten Kleid dort einzustellen. Ein Bild von meinem ersten Kleid gibt es nicht und wird es sicher auch nicht geben. Es wäre sicher einfach mal schnell ein Bild zu machen und es dann zu veröffentlichen, doch ich befürchte, dass Ihr nicht sehen würdet, was ich damals gesehen habe. Diese Erinnerung gehört mir ganz allein und ist heute ohnehin nicht nachzustellen.
Am Montag war es nun endlich so weit. Sabine B. (Eigentlich auch Bernd S.) hatte den lang ersehnten Termin in einem Kosmetikinstitut ganz in der Nähe. Eine Erfahrung, die ich jedem, auch Nicht-Transgender, überaus empfehlen kann. Das waren zwei Stunden ganz für mich allein, nur für mich und nur für mein eigenes Wohlbefinden. Ich will mich hier nicht über Masken, Ampullen und Massagen auslassen, davon verstehe ich viel zu wenig. Doch ich verstehe heute erst richtig den Glanz in den Augen meiner Exfrau, wenn sie wieder mal das Haushaltsbudget mit dieser "unsinnigen Sache" belastet hat - sie war danach genau so schön, wie am Tag zuvor.
Es ist vor allem das Gefühl fachkundig gepflegt zu werden und das daraus resultierende recht lange anhaltende Wohlbefinden und natürlich die Empfindung einer viel schöneren und gepflegteren Haut. Genau so habe ich mich gefühlt und ein wenig davon ist heute noch immer übrig. Dazu habe ich gleich noch ein paar kleine frauliche Probleme lösen können. Meine Augenbrauen wurden nun endlich in die richtige Form gebracht (was da noch zu machen war) und ich habe mir auch gleich noch die Wimpern färben lassen - eine Aktion, die eigentlich so bedeutend nicht ist, mir aber viel Vergnügen bereitet hat. Im Verlaufe der Behandlung habe ich die Kosmetikerin in meine weiblichen Ambitionen eingeweiht und bin auf respektvolles Verständnis gestoßen. Das war mir schon wichtig, denn gerade die Behandlung der Augen ist nicht gerade häufig Gegenstand der kosmetischen Behandlung der männlichen Kundschaft. Ich hatte kein Problem damit und die nette junge Frau auch nicht. So geht das, wenn man (frau) offen durch die Welt geht und sich klar artikuliert. Sicher, ich werde, ob der horrenden Preise wohl kaum Stammkundenstatus erreichen. Doch sicher ist auch, dass ich mich noch häufiger auf diese Weise verwöhnen lasse.
Am vergangenen Freitag war das zweite Monatstreffen (oder meinetwegen auch Transgender-Stammtisch) der TransSisters. Die Vorbereitung darauf begann schon in den frühen Nachmittagsstunden, weil meine liebe Freundin T. hatte sich angesagt, wir wollten gemeinsam starten und zuvor noch einmal die Location für unsere Frühlingsparty am 31.3. in Augenschein nehmen. Ihr seht, die Partyvorbereitungen sind im vollen Gange - alles läuft inzwischen planmäßig.
T. ist ja meistens diejenige, die insbesondere mein Outfit eher mehr kritisch wohlwollend begleitet. Ich hatte mich, angesichts des erneuten Wintereinbruchs, für diesen Abend für ein schlichtes Wollkostüm entschieden, dazu ein ganz normales Tages - Make up. Und jetzt kommen wir zum Unterschied zwischen einer gut situierten Dame Ende der Vierziger und einer (übrigens gerade heute) 35 jährigen "Jungtranse". Der Unterschied besteht nicht nur im Outfit, sondern auch in der Verweildauer vor dem heimischen Schminkspiegel. T. hat geschlagene 90 Minuten das Bad blockiert und kam dann toll gestylt wieder raus und ich habe mal gerade 30 Minuten gebraucht inklusive rasieren.
Und die Wirkung unser beider Aktion ist so unterschiedlich nicht. So begab es sich vor einige Tagen, das T. bei einer gemeinsamen, eher flüchtigen Bekannten in männlichem Outfit im Laden war und auf anhieb als eben T. identifiziert wurde. Nun, ich habe schon vor Leuten gestanden, die ganz schön lange grübeln mussten um mich richtig einzuordnen. Und T......? Ich bin ja nicht gehässig (oder doch?), aber das muss ich hier einfach mal erzählen. Als Wiedergutmachung: T. hat gerade ihre Seiten auf der TransSisters - HP aktualisiert. Schaut doch mal nach, es lohnt sich wirklich.
Das Monatstreffen war aus meiner Sicht wieder ein großer Erfolg. Irgendwann habe ich mal versucht alle Anwesenden zu zählen und dann bei 24 aufgehört. Einige waren ja nur kurz da und andere sind etwas später gekommen. Wieder andere haben wegen der widrigen Witterungsbedingungen telefonisch abgesagt. Reichlich neue Gesichter habe ich gesehen und auch Freundinnen wieder getroffen, die ich eigentlich verschollen glaubte. Niemand hat einfach nur rumgesessen, alle waren irgendwie im Gespräch, ein Zeichen für mich, wie wichtig diese Treffen für die Kommunikation zwischen den Transgendern und ihren Freunden ist. Ich bin nun nicht unbedingt die große Szenegängerin, doch ich vermute mal, dass dieser Stammtisch schon heute einen Hauch von Einmaligkeit besitzt. Ich freue mich schon auf den nächsten Termin am 30. März - genau einen Tag vor der großen Frühlingsparty der TransSisters.
Inzwischen ist Sonntag, ich habe gerade zwei Stunden in meiner Küche zugebracht um das Mittagessen vorzubereiten, meine Kinder und auch Enkel Paul haben sich zum Essen angesagt. Die Nacht war kurz und überaus angenehm. Besagte Freundin T. hat nämlich gestern im "privaten" transsisterlichen Kreis ihren Geburtstag gefeiert. Eine Party mit dem bekannten auf und nieder, mal unendlicher Spaß und mal ruhige besinnliche Gespräche. Ich mag eine solche Atmosphäre, einfach nur mit Freunden zusammen sein und sich der allgemeinen Stimmung hingeben. Ich hoffe, wir feiern noch viele solcher kleinen privaten Partys.
Doch das Wochenende ist noch nicht zu Ende. Gleich, wenn die Kinder weg sind wird zum "Frauen- und Tuntenkarnevalsball", veranstaltet vom "pour elle", im Café Keese, gerüstet. Nach der Verkleidungspleite im letzten Jahr hab ich mich dieses mal etwas gründlicher vorbereitet und zudem meine Vorstellungen von einem Profi (der schon häufiger zitierten Schneiderin Basia) umsetzen lassen. Die Frage, wem ich denn eigentlich gefallen will, habe ich noch nicht beantwortet, aber es wird natürlich schon so sein, dass auch ich gefallen will. Da muss man (frau) schon mal einen Kompromiss zwischen den spontanen Eingebungen und der möglichen Wirkung auf die Außenwelt machen.
Wie so häufig im Leben, wird auch mein Faschingskleid erst im letzten Moment fertig, doch schon bei der ersten Anprobe hatten wir jede Menge Spaß. Was genau wir da entwickelt haben, will ich hier nicht verraten, denn es soll bis zu letzten Augenblick ein Geheimnis bleiben - das ist es natürlich nicht, wenn diese Sache gleich den unerforschlichen Weg durchs Internet nimmt. Doch ich werde in der nächsten Woche ausführlich berichten.
Ihr seht, die letzen Tage waren für mich ereignisreich, wie mancher Monat nicht. Da bleibt wenig Zeit, all die Eindrücke und Gedanken aufzuarbeiten. Aber das soll ja auch nicht die letzte Mail sein und irgendwann muss man (frau) auch einfach nur leben. Genau das werde ich jetzt machen. Erst mit den Kindern Essen und plaudern und mich dann ins närrische Getümmel stürzen.
Denn ein wenig närrisch sind wir Transgender doch alle. Oder?
Bis zur nächsten Woche.
Viele liebe Grüße
Sabine B.
