Wochenmail vom 5.05.2001+

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

heute schreibe ich schon am Samstag. Mir ist gerade so und außerdem will ich mir freie Zeit für den Sonntag organisieren. Da gibt’s dann ein Ereignis der besonderen Art, die Umsatzsteuererklärung für das vergangene Quartal ist fällig, die Kenner unter Euch wissen es ist höchste Zeit. Aber so geht das immer. Bestimmte Arbeiten, insbesondere die, die keinen Spaß machen, werden bis zum letzten Augenblick verschoben. Nur erledigt werden müssen sie trotzdem und das wird am kommenden Sonntag sein – hoffentlich ist das Wetter schlecht.
Doch zunächst einen wichtigen technischen Hinweis zu dieser Mail. Ich habe in den letzen Tagen viel mit dem domeus-Team verhandelt und im Ergebnis eine Umbenennung dieses Forums von „TransSisters“ in „Wochenmail“ bewirkt. Die Gründe dafür sind ganz einfach. Zum einen ist der neue Name aus meiner Sicht für jeden, der (die) sich in diesem Kreise äußern will viel aussagekräftiger und zum Anderen gab es immer wieder Verwechselungen in den Mail-Adressen, Nachrichten an die TransSisters wurden irrtümlich über diesen Verteiler gesendet.
Hinzu kommt, wie in der Mail vom 22.4. erläutert, dass diese Mail nur noch Ausschnittsweise das Leben der TransSisters beschreibt und schon aus diesem Grund der Name stimmig sein sollte. Aber keine Angst, das Gebilde „TransSisters“ ist für mich noch immer ein wichtiges privates Umfeld, ich habe hier wirklich gute Freunde und Freundinnen und beziehe hier viele Impulse für diese Mail. Das wird wohl auch weiter so bleiben. Es bleibt auch die Veröffentlichung der Mail und des Archivs auf der HP der TransSisters, denn da genau gehört das alles hin. Im unteren Teil dieses Textes könnt Ihr noch einmal die neuen Mailadressen nachlesen.
Die vergangene Woche war angenehm kurz. Der Montag hatte zwar auch ein wenig Arbeit, doch wegen des folgenden Feiertages hat Sabine schon die Gelegenheit zum Ausgehen genutzt. Das Motto hieß „Tanz in den Mai“, in so mancher einschlägigen Gastronomie war Party angesagt.
Das Wetter war sommerlich, endlich wieder eine Gelegenheit mein chickes rotes Kleid auszutragen. Ich selbst habe gleich zwei dieser Partys besucht. Einmal in transsisterlicher Gemeinde und die Andere eine Geburtstags- mehr Jahrestagsfete im Berliner Sonntags-Club, einem Verein, dem ich aus meiner eigenen Geschichte sehr verbunden bin. Ich habe mich gefreut, dort wieder auf bekannte Gesichter zu stoßen, wenngleich weniger als erwartet. Nun, das ist wohl so, wenn man (frau) sich lange nicht blicken lässt.
Eine gute Bekannte, die ich auch sonst gelegentlich treffe, wies mich darauf hin, dass sie bisher eigentlich nur die Sabine kennen gelernt hat und war ganz erstaunt, dass es noch ein Leben neben der Sabine gibt. Solche Begegnungen habe ich in letzter Zeit häufiger – übrigens immer mit geborenen Frauen. Erst vor einiger Zeit wurde ich gefragt, wie mir mein Leben als Frau denn gefällt und wie weit denn meine Personenstandsänderung voran geschritten ist. An anderer Stelle wurde ich nach meiner Verträglichkeit bestimmter Hormone befragt und die Krönung war wohl die Bitte, mal meinen Rock zu heben und zu zeigen, dass da im Schritt wirklich nichts mehr ist. Nun könnte ich ja eitel sein und mich meiner vorgeblichen Perfektion erfreuen. Sicher, ich habe in den letzten Monaten viel für mich getan und gerade meine Stilfragen sind (mit nicht unerheblichem finanziellem Aufwand) wohl grundsätzlich gelöst.
Trotzdem, auch ich schaue gelegentlich kritisch in den Spiegel und sehe im besten Fall einen Mann, dem es leidlich gelungen ist, sich mit allgemein anerkannten weiblichen Insignien zu versehen. Ich sehen einen Mann, der eine gewisse Befriedigung dabei empfindet, sich so zu kleiden und zu geben, wie er sich gerade fühlt. Niemals sehe ich da im Spiegel auch nur den Ansatz einer Frau, auch nicht, wenn ich in dieses Bild tiefer hinein schaue. Und genau das versuche ich in solchen Gesprächen zu vermitteln. Ich bin nicht sicher, ob mir das in jedem Fall gelingt und hätte es mir so manches Mal, aus den unterschiedlichsten Gründen, wirklich gewünscht.
Tut sich da eine neue, alte „Schublade“ auf, in die ich ob meiner routinierten Verwandlung gelegentlich einfach rein gesteckt werde? Es ist wohl so, dass jeder Mensch dazu neigt, andere Menschen in irgendeiner Weise zu klassifizieren (die Gründe dafür sind vielschichtig und an dieser Stelle zu anderer Gelegenheit bereits erörtert) und an dieser Klassifikation sein grundsätzliches Verhalten ausrichtet.
Nun sollte man (frau) meinen, dass solche Verhaltensmuster zumindest in der Transgendergemeinde und ihrem Umfeld überwunden sind. Doch weit gefehlt. Auch Transgender sind Menschen, wie überall, Menschen mit gelegentlich vorschnellen Urteilen, Fehl- und Vorurteilen. Sinngemäß ein kleiner Nebensatz aus einem Gespräch bei der Party im Sonntags-Club: „Die TransSisters sind hier nicht besonders angesehen...“. Gemeint war mit „hier“ die Selbsthilfegruppe Transsexualität und mit „TransSisters“ ist ein Grüppchen von vorwiegend Transvestiten (auch dieser Begriff ist einfach falsch) mit Ihren Angehörigen und Freunden gemeint, das einfach nur versucht, einen Teil des „Alltags“ gemeinsam zu gestalten, sich gegenseitig Halt und Unterstützung zu geben.
Einige der von mir empfangenen Kritikpunkte waren die gelegentlich „extravagante“ Art des öffentlichen Umgangs mit der Leidenschaft und das unvergleichbar geringere „Outingrisiko“ eines Transvestiten.
Ach! Das habe ich nicht verstanden. Jeder von uns (außer natürlich meine Freundin T.) hat so seine Ängste, wenn er von den allgemeinen gesellschaftlichen Normen abweicht und so manche versucht trotzdem ihr Leben bewusst und frei zu leben.
Um aber so leben zu können, ist ein Outing unausweichlich. Dieser Prozess ist nach meiner Ansicht im persönlichen sozialen Umfeld am kompliziertesten. Jede von uns, ob Transsexuelle oder Transvestit, steht irgendwann vor dem Problem, das ganz private Umfeld in seinen Findungsprozess einzubeziehen. Die Frage, ob es nun besser ist, einen radikalen Schnitt zu tun (wie bei Transsexuellen zwingend erforderlich), oder mehr homöopathische Dosen zu verabreichen, kann ich hier nicht entscheiden. Im zweiten Fall bleiben aber immer die Ängste vor dem „Entdecktwerden“ und das flaue Gefühl, nicht wirklich konsequent zu leben.
Ja, und die Risiken des Outings haben wir ja hier schon oft genug beleuchtet. Ich habe in dieser Runde mal ganz einfach nur von mir berichtet und zumindest ein Wenig Nachdenklichkeit erzeugt.
Doch die gegenseitige Bewertung dreht sich auch um. Selbsthilfegruppen von der Art, wie im Sonntags-Club, werden im transsisterlichen Umfeld wegen ihres „therapeutischen Ansatzes“ und der „ausschließlichen Diskussion über Personenstand, gute Therapeuten und Operationsmethoden“ ausgesprochen kritisch betrachtet.
Das ist, finde ich, genau so blöd – zumal von Leuten, die nicht einmal wissen, wo sich der Sonntag-Club genau befindet und schon gar nicht in eine solche Selbsthilfegruppe reingeschnuppert haben. Warum sollten sie auch? Sie haben sich nie in einer solch tiefen Krise ihrer Identität befunden oder sind sich ihr nicht bewusst geworden. Wie auch immer. Ich glaube fest an die Berechtigung jeder Form des Zusammengehens und der gegenseitigen Unterstützung von Transgendern und habe mich nach einem sehr intensiven Ausflug und wirklicher Hilfe im und durch den Sonntags-Club für die etwas „leichtfüßigere“ Lebensweise im Kreise Gleichgesinnter entschieden. Doch der Mut, meine neue Lebensauffassung auch zu leben, hat seine Wurzeln in diesem kleinen traditionsreichen Club und dort auch in einer Selbsthilfegruppe, in die ich nicht hinein gehöre.
Zurück zu den vorschnellen Urteilen, Fehl- und Vorurteilen. Heike aus Halle schrieb vor eineigen Tagen:
“Ich habe in letzter Zeit mehrfach erlebt, von anderen Transgendern als so genannter "Fetisch-TV" nicht ernst genommen worden zu sein. Ich finde das enttäuschend, gerade von einer Menschengruppe, die selbst auf die Toleranz anderer angewiesen ist. Ich kann nichts dafür, dass mir das Anziehen weiblicher Kleidung genügt und ich keine übergroßen Identitätsprobleme habe.“
Jetzt kommt das auch noch! Die Fetischdiskussion und das auch noch untereinander! Also ich habe nichts gegen einen Fetisch und auch nichts gegen eine solche Titulierung, solange meine Vorlieben für bestimmte Kleidungsstücke beschrieben wird, die ich dann an meinem Körper auch wirklich mag. Ich kenne einige Transgender, denen es ähnlich geht und für so manche stand der reine Fetischismus ganz am Anfang ihres Weges.
Ich habe mal nachgekramt und ein paar Definitionen zusammen gesammelt.
Einer der Väter der modernen Psychologie der Herr Binet spricht schon im Jahre 1887über eine
“... Sexuelle Anomalie, bei der Erregung und Befriedigung sexueller Wünsche an den Anblick oder die Berührung von Gegenständen gebunden ist, die von einer geliebten oder unbekannten Person herrühren (Strümpfe, Schlüpfer, Büstenhalter, Haarlocke). Diese Gegenstände erhalten einen abnormen, vom Partner losgelösten Reizwert und werden zur Voraussetzung der sexuellen Tätigkeit, die gewöhnlich als Onanie mit Hilfe des Gegenstandes erfolgt. Die Gegenstände werden häufig gestohlen, wobei offenbar der Stehlakt mit zur sexuellen Erregung beiträgt, so dass zum Beispiel immer neue Kleidungsstücke gestohlen werden. Der normale Koitus wird nicht gesucht oder kann nicht ausgeführt werden. Es handelt sich um behandlungsfähige krankhafte Störungen...."
Hier eine aktuelle Variante aus der Microsoft® Encarta® Online Encyclopedia 2001:
“Fetischismus (von Fetisch, portugiesisch-französisch zum lateinischen facticius: nachgemacht, künstlich), ein Begriff, der in der Ethnologie die Anbetung von Gegenständen, in der Psychologie die Fixierung auf Körperteile, Eigenschaften oder Dinge (z.B. Wäschestücke, Haare, Schuhe) zwecks sexueller Erregung bezeichnet..... In der Ethnologie bezieht sich der Begriff auf eine religiöse Praxis, bei der unbelebten Gegenständen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. Diese Gegenstände werden als Fetische bezeichnet und zum eigenen Nutzen oder zum Schaden Zweiter durch verschiedene Praktiken aktiviert.....In der Psychologie bezieht sich der Begriff des Fetischismus auf eine sexuelle Störung. Als solcher wird er auch für Phänomene in der westlichen Zivilisation verwendet. Allgemein gehen die Psychologen davon aus, dass dem Fetischismus ein sexuelles Minderwertigkeitsgefühl zugrunde liegt.....“
Wenn ich das so lese, dann hätte ich gern, dass mein ganz persönlicher Fetischismus eher ethnologische Wurzeln hat. Natürlich mit der Einschränkung, dass die übernatürlichen Kräfte meiner Strapse und meines BHs ausschließlich zu meinem eigenen Nutzen aktiviert werden. Dass das so einfach nicht ist, sieht man schon allein an der Tatsache, dass ich den BH noch immer „von Hand“ füllen muss und seine Anwendung allein, mir keine weiblichen Brüste beschert. Ihr seht schon, so richtig ernst kann ich damit nicht umgehen.
Nee Leute, „krankhafte Störungen“ setzen einen Leidensdruck voraus, davon merke ich bei mir und meinen Freundinnen, wenn sie denn „angefummelt“ sind, absolut gar nichts. Und die Regel ist eher das Gegenteil von „sexuellen Minderwertigkeitsgefühlen“. Nein, ich bin frei und bestimme selbst, weitab von jeder Schublade oder Norm, über meine eigene Sexualität – ob nun mit oder ohne „Fummel“, mit oder ohne Fetisch. Na und ein Trost ist doch, dass wir, so wir Fetischisten sind, „behandlungsfähig“ sind. Sollen sie das ruhig glauben! Das verschafft uns irgendwo auch ein wenig Aufmerksamkeit und hoffentlich liebevolle Zuwendung...
Nun habe ich mich wohl doch etwas verplauscht und könnte doch noch weiter schreiben. Diese Mail ist für mich einfach mal wichtiger, als der Staubsauger in der Ecke (er wartet schon seit geraumer Zeit auf seinen Einsatz) oder der Abwasch in der Küche. Ich werde jetzt dennoch Schluss machen, mich noch ein wenig pflegen und am Abend ganz „unbefummelt“ um die Häuser ziehen. Vielleicht fragt mich ja mal eine(r), ob ich nicht gern gelegentlich mal in Frauenkleidern aus dem Haus gehen würde oder gar einen ganz bestimmte Fetisch habe. Das ist doch eine interessante Vorstellung, oder?
Ich wünsche Euch allen eine angenehme Woche
Viele liebe Grüße
Sabine B.


Nachfolgend die zu dieser Mail eingegangenen öffentlichen Zuschriften


Karin:
Hallo Sabine und alle anderen,
zu dieser Wochenmail möchte ich ein paar Zeilen loswerden:
„…vorschnellen Urteilen, Fehl- und Vorurteilen. Sinngemäß ein kleiner > Nebensatz aus einem Gespräch bei der Party im Sonntags-Club: "Die TransSisters sind hier nicht besonders angesehen...".
Hier brechen die Gräben auf, die eigentlich schon längst überwunden sein sollten. Im Selbstverständnis einer Selbsthilfegruppe für Transgenders hat die Unterscheidung Transvestit und Transsexuelle, oder auch der Begriff des Fetisch wenig verloren. Eine der Gründe für den Erfolg der VIVA in München ist, dass wir diese Angrenzungen aus unserem Repertoire gestrichen haben. Niemand kann sich, vor allem in einer Anfangszeit, sicher sein, in welche Schublade er/sie passt, vielleicht gibt es auch so viele Schubladen wie Transen.
„..Doch die gegenseitige Bewertung dreht sich auch um. Selbsthilfegruppen von der Art, wie im Sonntags-Club, werden im transsisterlichen Umfeld wegen ihres "therapeutischen Ansatzes" und der "ausschließlichen Diskussion über Personenstand, gute Therapeuten und Operationsmethoden" ausgesprochen kritisch betrachtet. Das ist, finde ich, genau so blöd…
Eine Illusion, in der die meisten Transvestiten und viele Transsexuelle leben ist, dass für sie im weitesten Sinne kein Therapiebedarf besteht. Man wird mich für diese Aussage jetzt an die Wand nageln, aber ich sag es trotzdem, ich betrachte das als eine mangelnde Problem- und Krankheitseinsicht. Eine abweichende Geschlechtsidentität ist eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung, die niemand alleine mit sich austragen kann. Die pauschale Ablehnung einer "klassischen" Selbsthilfe und der Psychotherapie scheint mir in diesem Zusammenhang wie ein Versuch, eine Normalität zu beschwören, die es (noch) nicht gibt. Wenn das alles so normal wäre, dann würden nicht so viele völlig abgestürzte Menschen im Transgenderumfeld herumlaufen.
OK, soweit mein kleiner Kommentar.
Viele Grüße!
Karin Lenz VIVA TS Selbsthilfe, München

Marlene:
„…Niemand kann sich, vor allem in einer  Anfangszeit, sicher sein, in welche Schublade er/sie  passt, vielleicht > gibt es auch so viele Schubladen wie Transen...“
Hier gebe ich Karin recht: Dass Schubladen keinen Sinn machen, merkt man immer wieder. Man will doch nicht, kaum dass man der einen Schublade entflohen ist, direkt in die nächste gesteckt werden. Deswegen bevorzuge ich den Ausdruck "Transgender", da er die Unterscheidung zwischen "Transvestit" und "Transsexuell" vermeidet. Klar möchte jeder/r wissen, was er/sie denn nun eigentlich ist, aber da das so individuell verschieden und meist im Fluß befindlich ist, helfen enge Schubladen da nicht weiter.
„…Eine Illusion, in der die meisten Transvestiten und viele Transsexuelle leben ist, dass für sie im weitesten Sinne kein Therapiebedarf besteht. Man wird mich für diese Aussage jetzt an die Wand nageln, aber ich sag es trotzdem, ich betrachte das als eine mangelnde Problem- und Krankheitseinsicht…
Oh la la! Dazu fällt mir der berühmte Satz (von wem ist er noch mal?) ein: Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Welt, in der er lebt. Ich denke, das gilt auch für Transgender: Wenn es nicht diese strikte Unterteilung der Menschen in zwei Geschlechter gäbe, die leider (noch) selten in Frage gestellt wird, wäre es auch kein Problem, wenn man nicht in eine dieser Schubladen passt. Wer ist also krank? - Das heißt nicht, dass man sich nicht mit seinen Problemen auseinandersetzen soll, Probleme hat jeder, aber ich denke nicht, dass eine abweichende Geschlechtsidentität an sich eine Krankheit darstellt (denn "wegtherapieren" kann man sie bekanntermaßen nicht, die einzige "Behandlung" kann sein, dem Betroffenen zu helfen, seinen/ihren individuellen Weg zu finden und auch zu gehen).
Das waren einfach mal ein paar Gedanken von mir, ich finde, das konnte man nicht einfach so stehen lassen. Das Thema bietet natürlich unendlich viel Raum für Diskussion und verschiedenste Meinungen.
Liebe Grüße an alle,
Marlene

Alice:
Hallo liebe Wochenmailerinnen,
nun muss ich doch auch mal ein paar Zeilen zu Sabines Wochenmail loswerden. Sabines Zitat:
„…Sinngemäß ein kleiner Nebensatz aus einem Gespräch bei der Party im Sonntags-Club: "Die TransSisters sind hier nicht besonders angesehen...".
Tja, das Problem scheint so alt zu sein, wie das Thema "Fetisch, Transvestiten, Transsexualität" den Menschen bewusst ist. Was heißt "nicht besonders angesehen"? Soll das heißen wir sind irgendwie minderwertig? Mit "wir" möchte ich die TransSisters in ihrer Gesamtheit sehen, d.h. nicht nur Transvestiten, sondern auch diejenigen die einfach nur ein Fetisch haben, oder irgendwelche andere Orientierungen, sei es nun bi, schwul, lesbisch oder wie auch immer. Und dann zählen wir auch noch die Partner/Innen und Freunde/Freundinnen dazu. Also ist unser Anspruch und unsere Zielgruppe eine völlig andere als der Sonntagsclub. Wir haben nicht umsonst immer betont, dass wir keine Selbsthilfegruppe sind. Deswegen ist der Vergleich und eine Bewertung zw. dem Sonntagsclub und den TransSisters, das berühmte "Äpfel und Birnen Problem". Beide haben ihre Berechtigung. Wir sollten uns hüten irgendwelche Abgrenzungspolitik zu betreiben. Genau das, was wir eigentlich von der Gesellschaft erwarten, nämlich Toleranz uns gegenüber, sollten wir wohl am ehesten vor leben.
Ob ich nun auf Fummel stehe, ein Transvestit bin oder lieber heute als morgen eine Frau wäre, ist doch in diesem Punkt schlicht weg "wurscht"! Wer Probleme hat und Hilfe braucht kann zur Selbsthilfegruppe gehen und wer einfach nur mal in einer Gruppe gleichgesinnter sein will, geht halt zu den TransSisters - ist doch eigentlich ganz einfach?
Ich war schon mal im Sonntagsclub und auch schon mal bei der VIVA in München, also sind mir die Selbsthilfegruppen nicht unerkannt.
Lieben Gruß
Alice - TransSisters Berlin

Kommentar von Sabine B.:
Hallo liebe Freundinnen und Freunde,
diesen Beitrag möchte ich nicht unkommentiert lassen, weil er eine Schärfe enthält, die hier nun wirklich nicht nötig ist.
Liebe Alice, ich kann Dir versichern, dass keine meiner Gesprächspartnerinnen auch nur im Ansatz über die Minderwertigkeit irgendwelcher Randgruppen nachgedacht hat. Es ist eher die Auffassung über die Möglichkeiten der ganz individuelle Aufarbeitung der mit der unserer Identität einhergehenden Probleme, um die es hier geht. Und hier sehe ich eine gemeinsame Schnittstelle. Aus ganz persönlicher, aber auch fremder Erfahrung weiß ich, dass nicht jede(r) die sich anhäufenden Probleme ganz allein und ohne die Hilfe kompetenter Freunde bewältigen kann. Schauen wir uns doch nur einmal unter uns (der transsisterlichen Gemeinde) um und begreifen, dass ganz ähnliche Prozesse, wie in jeder beliebigen Selbsthilfegruppe auch bei uns laufen. Ein gutes Beispiel dafür sind auch die vielen Gespräche bei unseren offenen monatlichen Treffen. Sicher unterscheiden wir uns in der Intensität der Arbeit miteinander (vermutlich auch in der Kompetenz) und im Umfeld, in dem wir unser Leben gestalten. Und dann, nur zum besseren Verständnis, der Berliner Sonntags-Club ist eine Vereinigung lesbischer, schwuler, bi- und transsexueller Bürgerinnen und Bürger, also wesentlich mehr als eine Selbsthilfegruppe von Transsexuellen, die sich in ihren ganz individuellen Problemen gegenseitig helfen und stützen. Ich bin in jedem Fall bei Dir, wenn Du schreibst, dass jede Abgrenzung schädlich ist. Genau so sollten wir es auch wirklich halten....
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Charis:
Aw auf Aw von Karin
Hallo Karin,
es bedarf heftiger Anstöße, ehe ich die Zeit abzwacke und ins Forum "poste", aber Deine Kommentare von gestern stellen mir gar zu sehr sämtliche Haare auf, auch die längst nicht mehr vorhandenen.
Ich will es absolut dahingestellt sein lassen, ob die "Kluft" zwischen TransSexuellen und TransVestiten in der VivA wirklich so überwunden ist, wie das offizielle "Politik" ist. Zwischen Politik und individuellem Einstellungs-Ist klaffen eben doch immer wieder weite Schluchten.
Aber darüber hab ich mit Viva (bzw. deren Verkörperungen in Vorstandspersonen schon oft und lange diskutiert. Und ich will wirklich alles andere als alte Diskussionen neu aufrollen ... Es hat sich in München m.E. inzwischen doch recht gut eingespielt, trotz oder gerade WEGEN des NEBENEINANDERs Dazu kann ich nur dem Posting von Alice (von heute 17'41 h) voll zustimmen. )
Nun aber zu meinen hochgestellten Rest-Haaren:
Klar, es gibt genug TransGenders (in meiner Wortverwendung sind das ALLE, die irgendwie zwischen Hüh und Hott der Geschlechter pendeln oder spielen oder sich anderweitig bewegen oder bewegt werden), die DRINGEND der Anlehnung, Unterstützung, Beratung, Hilfe, Therapie usw. bedürfen - und ohne Hilfe total abstürzen. Bei manchen ist das grundsätzlich so, bei anderen in gewissen Phasen (z.B. weil eine Partnerschaft in die Brüche geht, oder der Job, oder die Familie 2dicht" macht ...) Auch ich habe mal Dr. Poland klärend und später überbrückend SEHR gern in Anspruch genommen und bin ihr zutiefst dankbar.
Jedoch in keiner Weise teilen (und auch nicht akzeptieren) will ich Deine Ansicht, jedwede Form von TransGenderismus sei krankhaft und rufe Therapiebedarf herbei. Cross-Dressing, sich aufbrezeln zur Drag-Queen, gelegentlicher Rollen-Tausch, das zeitweise hinüberwechseln in Frau-Schein (oder Mann-Schein bei Drag-Kings) kann auch ganz kurz und einfach SPASS sein, Spiel mit Möglichkeiten, Aufbegehren gegen Grenzen und Schubladen, Ausbrechen aus dem Einerlei .... Genuss von wehendem Seidenkleid um die Fesseln im lauen Sommerwind ..... nix weniger, aber auch nix weiter als das.
Identitätsprobleme? Definierst Du denn eine "Regel-Identität" oder eine Norm-Identität"? Oder definiert die besser jede(r) für sich selbst? und steht dazu, lebt sie, sieht, wie er damit zurecht kommt .... formt sie ganz gewiss auch immer wieder neu .... entwickelt sie ....
Ich werde oft von der "strengen Lehre" der Qüer-Theoretiker angegriffen, wenn ich (vor allem) TransVestismus gleichstelle (oder vergleiche) mit dem HOBBY der Cowboy- und Indianer-Clubs, der Trachtenvereine, der Eisenbahn-Freunde, die in Kostümen der Jahrhundertwende Schaffner spielen...
Nur weil das Spiel mit den Frau-Mann-Rollen bei VIELEN Transvestiten so eng mit sexuellen "Aktivitäten" verbandelt ist, soll gleich ein komplettes Hobby "Schweinkram" sein, "krankhaft", Therapie-bedüftig" ?
NEE! Jeder hat das Recht an sich zu fummeln, wann und wie er mag. Deswegen müssen sich aber nicht die vielen, die aus Spaß an der Freud mit dem Rollentausch spielen zu "Kranken" abstempeln lassen. (Um es ganz krass zu sagen: Niemand stempelt Wochenend-Indianer als grundsätzlich therapie-bedürftig ab, weil sie vielleicht hinter den Büschen mal onanieren .... und es ihnen nur im Sioux-Kostüm wirklichen Spaß macht ......)
TransVestismus kann gewiss vielerlei sein: Vom Hobby über die Leidenschaft bis zur Sucht, vom Durchgangs-Stadium in die Selbstfindung als TransSexuell bis zum Fetisch.... Und zuweilen MAG ES gewiss AUCH ab und an eine wirklich therapiebedüftige Verhaltensstörung sein .... in meinen Augen dort, wo Interessen und Integrität anderer tangiert oder gar beeinträchtigt werden ......
Aber nochmals: Gegen Dein Absolut-Postulat der "Krankheit" verwahre ich mich mit aller Macht und mit allen mir verfügbaren Mitteln der Argumentation .... Hätte es  jemand hingeschrieben, der sich nicht mit eigener Aussage meinen zig-jährigen Erfahrungen mit Entwicklungen in der Viva zugeordnet hätte, ich hätte vielleicht gesagt "Sei's drum, lass sie's glauben". Aber von Dir nehm ich an, dass Du auch sehr wohl den jüngsten Kongress in Magdeburg verfolgt hast. Leider aber scheinst Du gar sehr in den tradierten Vorstellungen der Juristen und  Mediziner verhaftet.....
Nimmt Dir niemand  --   aber zwing sie nicht anderen auf, stülp sie nicht über Menschen, die Du nicht kennst, die eben TOTAL ANDERS sind und empfinden als Du....  Mag jede(r)  BITTE selbst (oder mit guten Freunden) entscheiden, ob er/sie Hilfe sucht, braucht, in Anspruch nimmt ....
Gibt denn das Thema nicht mal einen Themen-Abend her?  Ich bin gern dabei !
Herzliche, schwesterliche Grüße:
Charis Berger

Andrea:
Hallo Charis,
ich weiß ja nicht, woher du deine Hochnäsigkeit nimmst, und dich als Übermutter aller Transgender hinstellst, und selbstherrlich Meinungen anderer völlig in Grund und Boden schreibst. Wenn du allerdings mal ein bisschen nachdenken würdest, dann könntest du die Worte von Karin richtig deuten.
Die Umschreibung Krankheit ist absolut nicht gleichbedeutend mit Menschen die jetzt sofort in die Klapse gehören. Aber für Dich hat anscheinend alles was in weitläufiger Berührung mit Psychiater kommt sofort den Charakter des Geistesgestörten. Das es für das Umfeld, für die in Anführungszeichen normale Gesellschaft ein krankhaftes Bild darstellt, wenn sich jemand wie wir ein Röckchen anzieht, das kann sicherlich jeder irgendwo nachvollziehen. Und glaube mir, das hat nichts mit Cowboy und Indianern zu tun. Und selbst jemand, der sich zu Fasching oder besonderen Anlässen mal in Fummel schmeißt, darf nicht in das Transgenderbild katalogisiert werden.
Echte Transgender stellen einfach ein Krankheitsbild für die Gesellschaft da. Und, erst wenn der Alkoholiker aus freien Stücken selbst erkennt, dass er Alkoholiker ist, dann kann er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Ich glaube, du hast bis zu deiner Selbsterkennung noch einen weiten Weg. Arbeite dran.
Andrea

Kommentar von Sabine B.:
Hallo, hier bin ich noch mal,
.... na prima! Nicht genug damit, dass auch Freizeitindianer (übrigens wie Transgender sicher auch) gelegentlich onanieren, jetzt kommen auch noch die Alkoholkranken ins Spiel! Bitte, beschränken wir uns doch alle auf sachliche Argumentationen zu sachlichen Argumenten. Leben wir doch das, was wir von unserer Umwelt im Minimum erwarten, nämlich: Achtung der Persönlichkeit des Anderen.
Ich könnte zu einzelnen Details in fast jedem hier erschienen Beitrag meine abweichende Meinung darstellen, will ich aber nicht, denn ich kann mit anderen Ansichten ganz gut leben. Erst die Vielfalt der Ansichten ergibt für mich ein reales Stimmungs- und Meinungsbild. Ich kann mich daran reiben und viel wichtiger, ich erfahre Aspekte, die ich unter Umständen noch gar nicht zur Kenntnis genommen habe.
Also bitte weiter und raus mit Eurer Meinung, doch lasst den Anderen die Luft zum atmen.
Gute Nacht und viele liebe Grüße
Sabine B.

Noch einmal Karin:
Hallo Charis, Marlene und Alice und alle anderen, mein kleiner und leicht provokativer Kommentar hat ja eine recht beredete Reaktion hervorgerufen. Schön! Jetzt muss ich aber doch noch ein oder zwei Dinge sagen.
Die Charis schreibt, recht wortreich und mit spitzer Feder, dass ich Transgenderismus  pauschal als krankhaft abstempele, Marlene sagt in etwa das gleiche. Die Schärfe, mit der meine Äußerungen verstanden wurden, war unbeabsichtigt, ich bitte um Verzeihung, wenn das jemanden geärgert hat.
Ob Transgenderismus als solches eine Krankheit ist oder nicht ist eine philosophische Diskussion, die für uns Betroffene im Grunde zu nichts führt. Entscheidend ist das Leben, das wir führen oder besser, das wir führen müssen.
Die beiden Argumente von Charis und Marlene
- mehr als zwei Geschlechter
- Trans** ist Spaß
habe ich oft gehört, selber geglaubt und auch auf eine Webseite von mir, die bald Offline gehen wird, verbreitet.
Transvestismus mag Spaß machen, das Spiel mit Tabus und Geschlechterrollen auch, aber es soll mir niemand erzählen, dass er/sie das nur aus Spaß lebt. Transgenderismus hat immer eine zwanghafte Komponente, die viele von uns für unser Leben zeichnet.
Warum würden wir sonst für ein "Hobby" soziale Ächtung, Zerstörung der Partnerschaft und berufliche Nachteile in Kauf nehmen? Nur aus einem einzigen Grund, weil Transgenderismus ein Teil unserer Identität ist. Die eigene Identität ist aber kein Hobby, sondern eine existenzielle Angelegenheit, zumal wenn sie gegen den gesellschaftlichen Mainstream geht.
Insofern hat Marlene, wenn sie von mehr als zwei Geschlechtern schreibt, eher recht als Charis. Leider kennt unsere Gesellschaft nur zwei Geschlechter, erwartet ein Rollenverhalten das der Biologie des Individuums entspricht und macht da wenige Kompromisse. Diese Tatsache macht viele Transgenders das Leben schwer und schließlich krank.
Wir hören das so nicht gerne, es zerstört die hauchdünne Eisdecke von Normalität, auf der wir es uns so leidlich bequem machen. Aber bedenkt bitte eins, warum brauchen wir eine Subkultur wie sie die TransSister oder die Gruppe von Charis in München etabliert, wenn das alles so normal wäre?
Alices Kommentare sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich, sie spricht von einer Zielgruppe. Ich kenne die TransSister nicht so gut, nur von Alices Erzählungen und einem kurzen Besuch in Berlin.
Ich beneide euch um diese Gruppe und um den Spaß den ihr habt. Aber ihr seid ein Verein mit einem transgender(friendly) Mittelklassepublikum und als solches ein Stück weit elitär. Dagegen ist nichts zu sagen, man muss sich dessen nur bewusst werden, wenn man über das eigene Verhältnis zu Selbsthilfegruppen schreibt. Viele Leute die in einer SHG aufschlagen sind sozial, finanziell und gesundheitlich weniger gut gestellt.
Warum nervt mich das so, dass ich darüber Romane schreibe? Weil wir als Transgenders eine der schlechtest organisierten und vertretenen Minderheiten in der Gesellschaft sind. Die einen flüchten in die "Girls wanna have fun"-Ecke und leben als Transvestiten, was immer das heißt. Die anderen meinen, dass sie nach einer OP keine Transgenders mehr sind und "danach" alles ganz normal ist. Beide Seiten laufen von der Wahrheit davon. Und vor ihren Identitätsproblemen.
In diesem Sinne, Good Night Ladies and Girls!
Karin

Sophya:
Liebe Sabine,
da hast Du ja wieder etwas losgetreten; gut so!
Einige Bemerkungen zu diesem ganzen Drama bin ich mir schuldig:
Die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Transgenderfraktionen ist so überflüssig wie verständlich: während wir Transen uns auf dem Weg zur Selbsterkenntnis täglich am Umfeld und an uns selbst (auf)reiben, leben die TV´s locker und entspannt in ihrer Spaßgesellschaft...
So könnte frau es sehen; mir persönlich ist es aber absolut egal, wie die anderen "Transgender" (schon der Begriff nervt mich) irgendetwas sehen. Ich lasse mich weder in Selbsthilfegruppen noch Betroffenenvereinigungen integrieren; solche Leute wie Volker/Andrea sind daran mit schuld. Das sind die TV´s, die mir Würgereize verursachen: im Fummel herumlaufen (aber nur wenn es die eigene Position nicht gefährdet), aber sich Urteile über Menschen erlauben, welche den harten Weg der Selbstfindung wählen - den radikalen, ehrlichen und kompromisslosen. Für eine Transe gibt es eigentlich nur eine Alternative: sich aus der Vereinsmeierei herauszuhalten und diese deutscheste aller Krankheiten nicht noch durch eigenes Engagement zu befördern!
Ein wahrer Satz wurde in dieser sinnlosen Diskussion geäußert: sicher gibt es so viele Schubladen wie Transen; wir sind individuell und schon aus Gründen des Selbstschutzes etwas "hochnäsig". Das wirst Du lieber Volker nie verstehen; bist halt doch nur ein Mann...
Ich brauche keine klugen Ratschläge; ich gehe meinen eigenen Weg und gewinne Stärke aus meinem selbst geschaffenen Umfeld und vor allem mir selbst; ich weiß nämlich wer und was ich bin: eine Frau und das zu 100%!
Sophya
Reinhold:
Warum gibt es soviel Probleme ,ich meine ,man muss sich auch mal die Deutsche Geschichte betrachten ,wie mit Menschen mit Problemen umgegangen wurde. Beispiel im 3.Reich wurden Behinderte umgebracht .Davon ist unser Land geprägt. Ich habe so manches Gespräch gehört, in welchem mit dem Thema Behinderung negativ umgegangen wurde, wie z.B. es wäre besser solche Menschen würde man besser nicht leben lassen, dies ist die Wirklichkeit in unserem Land .
Freundliche Grüße
Reinhold

Jula:
Hallo Ihr Lieben,
eine rege und emotionale Diskussion hat Sabine da mit ein paar scheinbar harmlosen Worten losgetreten und ich möchte mich auch daran beteiligen.
1. Ein Riss geht durch unsere heile Welt
In unseren Grüppchen, egal welcher Zielsetzung, geben wir uns gegenseitig auch die Geborgenheit, Wärme und Zuwendung, die uns die Welt ansonsten verweigert. Dabei wird überdeckt, dass da auch viel ist, das uns trennt. Die Transsexuelle, die einfach nur richtig Frau sein möchte, fühlt sich (zu Recht) von TVs genervt, die "bloß" Mann mit Rock sein wollen und der versteckt lebende Crossdresser unterminiert den Kampf der offensiv nach außen gehenden nach gesellschaftlicher Anerkennung, und der Fetischist macht sein Sexualleben zum öffentlichen Thema.
"Transgenderland ist abgebrannt"? Nein, es hat nie existiert! Auf der Suche nach Gemeinschaft belügen wir uns selbst und andere.
2. Was ist eine Krankheit?
Wir sind keine Hobby-Indianer, denn deren Indianerspiel ist frei gewählt und kann jederzeit einem anderen Interesse zuliebe aufgegeben werden. Wir sind auch keine Alkoholiker, denn Sucht kann man mit Willen (und Medikamenten) überwinden. Unsere Wünsche sind integrativer Teil unserer Persönlichkeit. Ohne sie wären wir jemand anderes. Ich kann Karin zustimmen, wenn sie sagt, der Drang weibliche Kleidung zu tragen sei eine Krankheit, wenn sie damit meint, es handele sich um eine Normabweichung, wie Schwimmhäute zwischen den Zehen oder ein zweiter Daumen an der linken Hand oder ein Feuermal im Gesicht. Doch es ist nicht krank im Sinne von therapiebedürftig und therapierbar, jedenfalls nicht bei generalisierender Betrachtung. Der Therapiebedarf erwächst aus dem Leidensdruck, der entsteht, wenn wir mit unseren Wünschen mit gesellschaftlich (wirklich oder scheinbar) Gefordertem kollidieren. Die Ablehnung abweichenden Verhaltens durch die Gesellschaft ist aber per se auch nicht schlecht, denn es handelt sich um einen Schutzmechanismus. Unsere Bedürfnisse geben uns eventuell der Lächerlichkeit preis, sind jedoch nicht gefährlich, aber wie ist es mit dem, dessen Bedürfnisse keine Rücksicht auf die Integrität, Leben und Gesundheit anderer nehmen? Auch der Kinderschänder folgt seinen Trieben, doch darf er toleriert werden? Achtung: ich sage nicht, dass das das Gleiche ist, doch ich behaupte, dass die gesellschaftliche Ablehnung jedes sexuell angehauchten, abweichenden Verhaltens aus der Angst vor Triebmonstern entspringt. Es ist zwar individuell nicht fair, doch es liegt an uns, zu beweisen, dass wir nicht gefährlich sind.
Wir sind sicher ungewöhnliche Persönlichkeiten, doch ob ich eine "gestörte" Persönlichkeit bin, ist nur daran zu messen, inwieweit es mir gelingt auch mit meinem Anderssein konfliktarm mit meiner Umwelt zu kommunizieren. Ist das nicht mehr möglich, brauche ich professionelle Hilfe. Und wenn ich mit mir selbst und meiner Umwelt noch zurechtkomme, dann eben nicht.
Die Vorstellung von den in Büschen hockenden Indianern fand ich übrigens sehr lustig!
Viele Grüße von Jula

Irene:
Hallo liebe Schwestern,
ich zwar neu im "Club" und noch nicht richtig angekommen und dann solch eine "erregende" Diskussion. Das bringt zusammen oder trennt? Wie Sabine schrieb, lasst euch die Luft zum atmen. Mit meinen 50Lenzen verfüge ich auch nicht über jenes Wissen, was dazu beitragen kann, allen eine alles erschöpfende Antwort zu geben, ich meine wir sollen nicht jedes hier geschriebene Wort auf die Goldwaage legen. Eine mündliche Diskussion kann auch nicht durch geschriebene Wort ersetzt werden. Ich glaube jeder von Euch meint das Richtige und niemand will sich zum Oberwisser aufschwingen. Jedenfalls verstehe ich die Diskussion so.
Wenn ich so oft wie es mir möglich ist in meine weibliche Rolle schlüpfen kann, und danach drängt meine innere Stimme, dann fühle ich mich allerdings nicht krank. Im Gegenteil ich fühle mich wohl. Nun mögen einige sagen, ja gerade darin liegt die Krankheit. Dann sage ich, gut dann muss ich halt krank sein und mit dieser Krankheit muss leben. Sagen andere, mach und oute dich, lass dich operieren. Dann sage ich, so krank bin ich auch nicht. Außerdem habe ich Familie, eine gewisse soziale Sicherheit erarbeitet. Soll ich das alles aufgeben? Dann wäre ich wirklich krank! Meine Lebenserfahrungen sagen mir, jeder Mensch ist anders und wir - sozusagen die vom 3. Geschlecht - sind anders als die Anderen. Aber eins verbindet und doch sehr, wenn das nicht wär, würden wir uns hier nicht unterhalten. Uns verbindet das andere Geschlecht. So oder So! Üben wir Solidarität, leben wir die Toleranz die uns die Gesellschaft meist nicht bietet, nicht bieten kann und nicht will. Ich finde es gut, das es Selbsthilfegruppen gibt, sonst würde es noch mehr Selbstmorde geben, und ich finde es sehr wichtig, das es TransSisters gibt, bei denen die Türen offen sind und wo jeder seine "Schublade" behalten kann, wenn er denn eine braucht.
Alles liebe von Irene

Regina:
Sabine scheint ja wirklich einen Nerv in Ihrer letzten Wochenmail getroffen zu haben - meinen auch.
Der Punkt der Ablehnung der TransSisters von den TS im Sonntagsclub hat mich sofort hellhörig werden lassen. Ich finde es nämlich wirklich schade, dass wir unsere Energie darauf verwenden uns selber anzugreifen und auszugrenzen, anstatt unser Anliegen nach außen geschlossen zu vertreten.
In diesem Punkt gehe ich noch konform mit Karins Meinung.
Der 2. Absatz von Karins Antwort hat mich dagegen wütend gemacht. (Karin hat ja auch erwartet an die Wand genagelt zu werden). Ich kann natürlich nur für meine eigene persönliche Schublade sprechen. Auf dieser Schublade steht weder Transvestit noch Transsexuell. Ich ordne mich gefühlsmäßig wirklich zwischen den Geschlechtern ein. Das bedeutet für mich, dass eine Verschiebung meiner Erscheinung in das eine Extrem für mich nicht in Frage kommt. Auf der anderen Seite kann ich nicht sagen, dass ich Cowboy spiele, wenn ich im Fummel unterwegs bin.
Ob in Jeans oder im kleinen Schwarzen, ob lange oder kurze Haare – ich bleibe dieselbe Person. Das ich dabei mit meiner Kleidung manchmal gesellschaftliche Konventionen breche ist nicht (mehr) mein Problem.
Und da sind wir auch schon bei der Kernaussage von Karins 2. Absatz. Ich habe nie das Bedürfnis gehabt mich von einem Psychologen "heilen" lassen zu wollen. Die Probleme die ich mit meiner gesellschaftlichen Nonkonformität einmal hatte, habe ich alleine lösen können. Ich verwahre mich daher entschieden gegen Aussagen, "ein Psychiater sollte schon mal draufschauen".
Was ich damit auf gar keinen Fall sagen will ist, dass dieser Weg für diejenigen, die alleine mit dem gesellschaftlichen Druck nicht zurechtkommen, nicht hilfreich sein kann. Jeder Weg, der zur Festigung und Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit führt ist der richtige. Aber eben nicht ein bestimmter!
Den Beitrag von Charis finde ich inhaltlich sehr gelungen. Den Vergleich von Transvestismus und Hobbyindianern kann ich zwar nicht nachvollziehen, aber bei der Bandbreite wird er sicher auch irgendwo zutreffen. In der Kernaussage stimme ich Charis (und Marlene) vollkommen zu:
1) Wir sind nicht krank, nur weil nicht in die aktuellen gesellschaftlichen Konventionen passen.
2) Die Abgrenzung in Transvestiten und Transsexuelle ist kontraproduktiv für uns alle und trifft in keinster Weise die tatsächlichen Gegebenheiten.
Ach so noch eins: Viel Erfolg Andrea bei der Überwindung Deiner Suchtkrankheit
Liebe Grüße
Regina

Silvia:
Hallo ihr Lieben!
Ich habe den heißen Mailverkehr verfolgt und möchte mich auch mal äußern. Ich versuche, es auch kurz zu machen.
In allen Kommentaren, so finde ich, steckt einiges und auch mehreres Wahres drin. Wir sind alle so sehr unterschiedlich - jede(r) hat seine eigene Schublade.
Doch eines haben wir alle gemeinsam: Wir distanzieren uns von der großen grauen einfach strukturierten Masse. Wir sondern uns von ihr ab, weil wir mehr sind und wollen, als das was MANN oder FRAU tut oder zu tun hat.
Das zeigen wir mehr oder weniger auch öffentlich und stehen auch dazu. Das sollte uns verbinden. Jede(r) hat dabei völlig "sein eigenes Ding" und seine eigene Denkweise. Das kann uns gegenseitig interessant machen. Vielleicht schaffen wir es deshalb, immer irgendwie in Verbindung zu bleiben und uns sogar zu treffen. Wenn wir uns alle völlig egal wären, würden wir gar nicht mehr miteinander
kommunizieren.
So, jetzt genug philosophiert.....
Liebe Grüße von Silvia

Nadja:
Hallo allerseits,
normalerweise kann ich mich für diese Art von Diskussionen über das einzig wahre Transentum nicht so recht begeistern, aber zwei Postings hier kann ich dann noch nicht unkommentiert stehen lassen.
Einmal zu Sophya:
Du kannst doch nicht anderen die Selbstfindung absprechen nur weil sie nicht zu dem selben Ergebnis kommen wie Du. Jeder Transgender der so weit gekommen ist, dass Du und andere ihn überhaupt wahrnehmen können, hat doch bereits einen langen und meist schmerzhaften Coming-Out Prozess hinter sich. Wenn jemand dann nicht zu dem Schluss kommt, dass er/sie nicht 100% Frau ist (was immer das heißen soll), aber gerne 'im Fummel' zu Partys geht ist das für diese Person eben ihr Weg, genauso ehrlich wie Deiner. Was verursacht Dir daran Würgereize, wenn jemand sich so auslebt, wie er sich fühlt? Genau das beanspruchst Du doch auch für Dich. Ich habe lange Überlegt ob Du diese Zuordnung TS=Selbstfindung und TV=Spass wirklich so meinst, aber ob das Satire sein soll. Ich hoffe jedenfalls Du hast zumindest gelegentlich auch mal Spaß, auch wenn Du TS bist. Ich frage mich auch in was für einer Szene Du eigentlich lebst, in der kalter Krieg herrscht. Zum Glück kenne ich diese Szene nicht. Dass Du mit solchen Meinungen gelegentlich aneckst sollte Dich nicht wundern, aber deswegen ist noch lange keine ganze 'Szene' im Kriegszustand. Komischerweise sind solche Statements wie Deines auch eher in Foren, Maillinglisten etc. und weniger im persönlichen Gespräch anzutreffen.
Zu Jula:
„…1. Ein Riss geht durch unsere heile Welt In unseren Grüppchen, egal welcher Zielsetzung, geben wir uns gegenseitig auch die Geborgenheit, Wärme und Zuwendung, die uns die Welt ansonsten verweigert. Dabei wird überdeckt, dass da auch viel ist, das uns trennt. Die Transsexuelle, die einfach nur richtig Frau sein möchte, fühlt sich (zu Recht) von TVs genervt, die "bloß" Mann mit Rock sein wollen und der versteckt lebende Crossdresser unterminiert den Kampf der offensiv nach außen gehenden nach gesellschaftlicher Anerkennung, und der Fetischist macht sein Sexualleben zum öffentlichen Thema…“
Wie kann jemand der versteckt als Crossdresser lebt, und bei dem oft einmal nicht die eigene Familie Bescheid weiß, etwas unterminieren? Was ist denn nun richtig? Von dem 'Mann im Rock' der offensiv nach außen geht und sich um gesellschaftliche Anerkennung bemüht, fühlst Du Dich ja 'genervt'? Und was heißt dabei 'zu Recht'? Woher nimmst Du dieses Recht? Und was soll nun der arme Fetischist Deiner Meinung nach machen? Sein Sexualleben nicht nach draußen tragen? Also zuhause bleiben und unterminieren? Klingt für mich alles ziemlich durcheinander. Aber so ist das wenn man versucht Menschen in eindeutige Kategorien einzuschachteln. Ehrlich gesagt lese ich aus Deinem Statement nur raus, dass Du für alle die nicht so sind und fühlen wie Du, nicht besonders viel übrig hast.
„…toleriert werden? Achtung: ich sage nicht, dass das > das Gleiche ist, doch ich behaupte, dass die gesellschaftliche Ablehnung jedes sexuell angehauchten, abweichenden Verhaltens aus der Angst vor Triebmonstern entspringt. Es ist zwar individuell nicht fair, doch es liegt an uns, zu beweisen, dass wir nicht gefährlich sind…“
Das ist so absurd, dass sich eigentlich jeder Kommentar erübrigt. Ich habe jedenfalls nicht vor irgendjemandem meine 'Ungefährlichkeit' zu beweisen. Nur so viel: Die weitaus überwiegende Anzahl von Sexualdelikten wird von "ganz normalen", spießigen, heterosexuellen Männern begangen.
Um noch einmal zum Anfang meiner email zurückzukehren:
Ich weiß wirklich nicht was manche Leute so sicher macht, den einzig wahren Weg gefunden zu haben, dass sie meinen alle anderen beschimpfen zu können. Diese Streitereien sind am Ende doch völlig fruchtlos und bringen weder für den Einzelnen noch für die Wirkung in der Öffentlichkeit irgendetwas.
Nadia

Noch einmal Andrea:
Hallo Sophya,
erst einmal vielen Dank für die Einschätzung zu meiner Person. Ich empfinde es als ziemlich bescheuert, wie du aus E-Mailadressen Deine Schlüsse ziehst.
1.) Wenn es dich nicht stört, habe ich die E-Mail Adresse bereits über 8 Jahre.
2.) Ich habe es nicht nötig, meinen alten Namen in irgend einer Form zu verstecken,    so wie es durch dich zum Beispiel mit irgend welchen Pseudobriefkästen geschieht.
3.) Ich stehe in meinem Leben zu 100% meiner Frau. Das heißt, ich arbeite so, ich lebe so, jeder und jede kennt mich so.
Zum allgemeinen:
Jeder versucht in seiner Antwort auf die Antwort...., dem anderen seine bildliche Erzählung zu zerstören, und auf Kosten anderer zu profilieren.  Leute wie Sophya und Charis sollten es einfach lernen, auch andere Meinungen zu akzeptieren. speziell zu dir Sophya, hör auf, dir aus E-Mailadressen komplette Geschichten auszudenken, das wirft  nicht nur ein ziemlich dummes Bild auf dich, sondern auf alle, die wie wir sich in der Gesellschaft behaupten müssen.
Ich finde es einfach beschissen, dass Leute wie Charis und Sophya jedes einzelne geschriebene Wort auf eine Goldwaage legen, ohne eine vernünftige Diskussion starten zu können.
Tschüß Eure Andrea
( früher Volker, wie man unschwer an der E-mailadresse erkennen kann!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!)

Kommentar von Sabine B.:
Noch einmal Guten Abend,
... um ehrlich zu sein, ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht, ob ich den letzten Beitrag von Andrea an Euch weiterleite, oder eher darauf verzichte. Immerhin handelt es sich hier um eine "moderierte" Mailingliste und der Moderator hat gewisse Rechte. Nun ist das für mich so eine Sache, den eine Beitrag zuzulassen und den anderen auszuschließen, muss ich mich doch dem gelegentlichen Verdacht erwehren, dass ich nur Nachrichten verwerte, die "mir passen". Nun, das ist so, doch Leute, die mich wirklich gut kennen, wissen, dass ich sage, was ich denke und genau das tue, was ich sage. Dazu gehört auch die Zusage, dass hier jeder frei seine Meinung äußern kann, rausgefiltert wurden hier bisher ausschließlich unerwünschte Werbesendungen und versehentlich übermittelte Nachrichten. Dennoch werde ich künftig Mails, die meiner (und sicher auch der allgemeinen) Auffassung des guten Stils im Umgang miteinander widersprechen entsprechend kommentieren und halte mir die Ablehnung dieser Beiträge offen.
Andrea, bitte nimm es mir nicht krumm. Ich kann Deine Aufregung partiell sogar verstehen, doch persönliche Anfeindungen und Gehässigkeiten sollten wohl besser dosiert werden, wenn sie denn nicht zu vermeiden sind. Ich bin bereit um jede Sache zu streiten, doch eben um die Sache. Insgesamt (und das gilt hier wohl nicht nur für Andrea) macht es keinen Sinn aus einzelnen Argumenten so absolute Schlussfolgerungen auf Persönlichkeiten zu ziehen oder diese gar anzufeinden. Ich werde mich selbst künftig noch mehr darum bemühen und hoffe, dass wir alle in diesem Anliegen übereinstimmen.
Letztlich: die Diskussion ist sicher noch nicht abgeschlossen. Ich will sehen, dass ich recht bald eine kleine Zusammenfassung liefern kann. Also bitte bleibt am Ball!
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Isabelle:
Hallo, Ihr Lieben,
ich verfolge die Wochenmail von Sabine (hallo Sabine) nun schon von Anfang an. naturgemäß gefiel mir vieles, anderes aber auch weniger. schlimm, wenn es anders wäre. die vielfältigen und teilweise heftigen Reaktionen auf die teilweise doch arrogant anmutenden Äußerungen von Sophya verleiten mich nun selber, etwas zur Diskussion beizusteuern.
Recht haben neben anderen jeweils Nadja, Andrea, auch Regina, wenn sie mit teils doch sehr guten Argumenten gegen Ausgrenzungen, arrogante Selbstübehrschätzungen oder gar Krankerklärungen von Transgendern zur wehr setzen und herausstreichen, dass jede/r wenn sie/er sich, sei es hier im Forum oder bei events der TransSisters oder anderen zeigen - nämlich quasi öffentlich, einen langen, meist schmerzhaften weg des coming out hinter sich gebracht haben.
meine eigene Situation würde ich so beschreiben und einordnen. der Wunsch ein Mädchen bzw. später eine Frau zu sein, begleitet mich solange ich denken kann. dennoch ist dieser Wunsch nicht ständig und auch nicht in dieser Heftigkeit vorhanden, dass ich mich für den harten weg, dauernd oder teilweise (vom csd z.b. einmal abgesehen) auch auf der Straße zeigen würde  (schon aus angst vor Gewalt, sei sie psychischer oder physischer art).
nicht nur wegen letzterem würde ich mich als tv sehen. tatsächlich gehe ich nicht im Fummel zur arbeit, auch aus angst vor Konsequenzen etc. meine eigene Theorie ist es, dass ich mich irgendwo zwischen den "extremen" polen ts und ts in einer art Raum bzw. Sphäre befinde.
Ich komme damit inzwischen ganz gut zurecht, auch wenn ich wie zur zeit wenig Gelegenheit habe, meine Neigung, die ja eine starke soziale Komponente hat, zu netten Anlässen auszuleben.
Ich bewundere den mut derjenigen, die dieses tun - sei es aus Not, sei es aus politischer/gesellschaftlicher Überzeugung. ich bewundere aber auch diejenigen, die überhaupt sich trauen, sei es auch nur hin und wieder, ihren Neigungen nachzugehen.
Dass es auch in unserer Welt unterschiedliche Auffassungen gibt, unter anderem neben klugen eben auch dumme,  entspricht der natur der unterschiedlichen Erlebenswelten und Erfahrungen und so weiter (ich kann ja nicht alles aufzählen).
Transgender soll wissenschaftlich, politisch wie auch sozial einen bezug schaffen (so verstehe ich das jedenfalls), über den unter anderem auch die sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten einen gemeinsamen Ansatz finden für die eigene Emanzipation. konsequent lassen sich dann in der queer-community auch die anderen, weit größeren Gruppen (Lesben und schwule etwa, denen wir gemeinsam, wie übrigens auch der Frauenbewegung, mehr an Freiheit zu verdanken haben, als uns manchmal bewusst ist), als es die tg darstellen, zusammenfassen, die bei aller Unterschiedlichkeit auch der persönlichen Neigungen und Obsessionen doch mindestens eines gemeinsam haben: den Kampf um Anerkennung und Emanzipation in patriarchalen Gesellschaften mit einer äußerst fragwürdigen, Sexualmoral, gegen diese Sexualmoral mit ihrer zementierenden Festlegung auf mit unterschiedlichen rechten und Chancen ausgestatteten Geschlechterrollen, nur weil da irgendwo ein Zipfelchen hängt oder eben nicht.
ob nun als ts oder tv und wer auch immer, sind wir Opfer in dieser deterministischen Gesellschaft. da mag es bedauernswert sein, wenn sich nicht alle oder wenigstens nicht jederzeit trauen, ihre auch sehr persönlichen Eigenschaften öffentlich zu leben. denn eines stimmt ja schon: je mehr es tun, um so größer die Möglichkeit, dass die norm ggf sogar irgendwann überwunden wird (so oder ähnlich mag Sophya es mit "Unterminierung" gemeint haben). aber allein schon der nötige Respekt vor dem Individuum und das Zugeständnis der eigenen Entscheidungsfreiheit, die eben auch das recht beinhaltet selbst zu entscheiden, welches Risiko man/frau eingehen will, gebieten es, Ausgrenzungen zu vermeiden. es ist natürlich klar, dass es auch für Toleranz grenzen gibt, nämlich da, wo jemand die rechte und die Entscheidungsfreiheit anderer verletzt. es ist einfach nicht hinzunehmen, wenn sich jemand seine Befriedigung ohne die qualifizierte Zustimmung des Gegenübers holt.
aber letztlich sollte uns eines klar sein: wenn diejenigen, die in ihrer eigenen Entwicklung weiter sind oder sich wähnen, Verachtung für die Opfer entwickeln, ist das nicht nur höchst bedenklich und intolerant sondern führt den Anspruch der Emanzipation (von opfern) selbst ad absurdum. letztlich auch den eigenen.
wir können nicht alle perfekt sein und niemand von uns ist es. aus diesem Grunde sollte es uns nicht allzu sehr verstören, wenn jemand bedingt durch die eigene Wirklichkeit und die Tatsache, eben einmal nicht alles wissen und nachempfinden zu können, Probleme hat oder vorbehalte gegenüber anderen (sei es im Sonntagsclub oder sonst wo). dafür sind Respekt und Toleranz die geeigneten mittel, und für Respekt und Toleranz muss man eben werben, sie gelegentlich sogar energisch einfordern. dann klappt's vielleicht auch mit dem Nachbarn. so.
danke für eure geduld ;-)
Isabelle

noch einmal Karin:
„…zu wollen. Die Probleme die ich mit meiner gesellschaftlichen Nonkonformität einmal hatte, habe ich alleine lösen können. Ich verwahre mich daher entschieden gegen Aussagen, "ein Psychiater sollte schon mal draufschauen".
Nur der Vollständigkeit halber, das habe ich auch nicht so gesagt. Mir ging es nur um die Feststellung, dass abweichende Geschlechtsidentität ein Problem ist.
„…Was ich damit auf gar keinen Fall sagen will ist, dass dieser Weg für diejenigen, die alleine mit dem gesellschaftlichen Druck nicht zurechtkommen, nicht hilfreich sein kann.
Das ist genau meine Aussage, wobei Psychiater, Selbsthilfegruppe oder einfach nur ein netter Freundeskreis helfen können, je nach Schwere der Probleme.
„…Ach so noch eins: Viel Erfolg Andrea bei der Überwindung Deiner Suchtkrankheit…“
Diese Bemerkung ist leider deutlich unter dem sonstigen Niveau Deiner Mail. Schade!
Liebe Grüße!
Karin

Rosi am 30.5.2001:
Liebe Sabine und alle hier interessierten Menschen,
wenn auch recht verspätet - jedoch bleibt das Thema ja aktuell! - möchte ich versuchen, das darzustellen, was mich bei den Diskussionsbeiträgen bewegte. Auch wenn ich meine, ich kann ein evtl. Wirrwarr nicht lösen, worum mich Sabine ansprach.
Kurz zu mir: Ich bin Partnerin eines TV, als Ärztin und Psychotherapeutin in vielen intensiven Menschenbegegnungen, und "ganz persönlich" seit meinem bewussten Denken mit den Fragestellungen beschäftigt, was bedeutet diese strenge Zuordnung "männlich - weiblich", ist diese allein willkürlich gesellschaftlich bestimmt, wie und welche Überschreitungen dieser Grenzziehung sind möglich, kann und will ich leben, wo lösen sich solche Grenzziehungen auf durch meine Bewusstseinsentwicklung und auch mein Ausleben von Bedürfnissen uvm.?
Menschen, die sich mit solchen Fragestellungen auseinandersetzen, oder auch mit anderen Bereichen, die den "vorgeschriebenen" Dogmen unserer Gesellschaft nicht angepasst sind, kommen meiner Meinung nach häufig in innere oder auch äußere Nöte, weil es zumindest erst einmal Unsicherheiten bringen kann, irgendwie "aus dem bequemen Rahmen zu fallen", sich als irgendwie "andersartig" zu empfinden, dadurch in gerade familiären oder dann auch beruflich traditionellen
Zusammenhängen eine evtl. existentielle Auseinandersetzung beginnen kann. Das erfordert doch in seiner Konsequenz sehr viel mehr Mut, als wenn ich auf den alt-ausgelatschten Wegen mitlaufe. Und da beginnt die Frage, schaffe ich es allein, oder mit freundschaftlicher oder professioneller Unterstützung, diesen Weg meiner Bewußtwerdung, meines Mich-Findens und der Konfrontationen nach außen, zu gehen?
Es liegt mir zu allererst sehr am Herzen, auszudrücken, dass ein Bedürfnis, ein Erkennen, dass ich eine Psychotherapie benötige, nicht Ausdruck einer Schwäche (!!!!!) ist, sondern ein auch mutvoller Schritt, "mit sich an die Arbeit zu gehen", der neben dem Mut, die vielen Ängste anzugehen, die damit verbunden sein können, auch schon eigene Erkenntnisprozesse voraussetzt und eine Portion Verstandeskräfte. Leider hörte ich auch in den Diskussionen zwischen den Zeilen die alt-hergebrachte Färbung, Psychotherapie ist eher etwas für ganz Kranke!
Insofern möchte ich einfach noch einmal ausdrücken, was ich auch in meiner täglichen Arbeit mit den Menschen so erlebe, die Menschen, die zur Psychotherapie kommen, sind sich ihrer inneren Nöte bewusst und wollen etwas ändern, im Gegensatz zu den meisten - mindestens so neurotischen - "normalen" Bürgern, d. h. eher zudeckenden, verschlafenen, gelangweilten in ihrem Leben (ich weiß, das kann jetzt als eine etwas krass klingende Polemik empfunden werden!).
Also, eine Therapiebedürftigkeit kann sich meines Erachtens für einen Transgender ergeben, wenn er für sich selbst mit seiner Geschlechteridentifikation so viele Unsicherheiten hat, dass er für sich keinen Weg findet, der ihn mit Zufriedenheit, auch lustvoll, leben lässt, dass er überhaupt nicht weiß, wer er nun eigentlich sei. Oder der im "Dazu-Stehen" so starke Ängste entwickelt oder in existentielle Schwierigkeiten kommt durch die Reaktionen seiner Bezugspersonen. Nicht das  sich als TV oder TS Erleben an sich ist eine Therapienotwendigkeit! Meiner Meinung nach ist nicht, wie Karin ausdrückte, eine abweichende Geschlechtsidentität eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung, sondern im Ansatz vielleicht sogar eine Notwendigkeit, enge, tradionelle, längst auch überholte Dogmen in unserer Gesellschaft anzugehen und soweit jedem möglich, zu überwinden. Wir wissen ja, dass in ganz anderen Gesellschaften sehr andere Lebensweisen herrschen! Schade, aber wie überall bei den Menschen, ist es, dass unterschiedlich orientierte Menschen hier sich nicht gegenseitig offen und tolerant annehmen können!
Ich glaube, Ulrike schrieb etwas von Schuldgefühlen und Wiederholungszwang. Selbstverständlich können sich auch aus bestimmten einengenden, ja krankmachenden Bedingungen während der Kindheit Zwänge entwickeln, die im Zusammenhang mit der eigenen Sexualität und der Partnerwahl sich ausdrücken. Dann ist sicher ein gemeinsames Hinschauen mit einem Therapeuten sinnvoll.
Vielleicht könnte mir Charis Berger einmal schreiben, wer denn Dr. Poland ist? Mich würden selbstverständlichen Kollegen(innen) interessieren, die vielleicht besonders mit dem Thema umgehen.
Ich bitte um Nachsicht, daß es nun doch ein so langer Text geworden ist. Ich glaube, ich habe gar nichts wesentlich Neues ausdrücken können, nur einfach so meine Gedanken. Ich wünsche uns allen ein mutiges, selbstverständliches, bewusstes, verbindliches, liebevolles und auch lustvolles Ausleben unserer Möglichkeiten!
Rosi

Wochenmail vom 13.05.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

die Ereignisse der letzten Woche haben wohl nicht nur mich ziemlich bewegt und die Wellen haben sich inzwischen ein wenig geglättet. Ich habe mir die ganzen Texte mal im Stück ausgedruckt und einen Teil des Vormittags damit verbracht, sie wieder und wieder zu lesen. Mein Resümee begann schon am gestrigen Abend bei einem langen Gespräch mit Freunden, die die Entwicklung am Bildschirm mitverfolgt haben. Worüber wir auch sprachen, es passte immer zum Thema der Diskussionen der vergangenen Woche. Ja zu welchem Thema eigentlich? Ich denke das Thema heißt zuerst „Welches Verständnis haben Transgender von sich selbst und welches Verständnis hat die Gesellschaft von den Transgendern“.
Ich habe lange überlegt, wie denn eine Zusammenfassung der Diskussion aussehen könnte und bin zu dem Schluss gekommen, dass es auf eine solche Zusammenfassung gar nicht an kommt. Wirklich wichtig ist, dass sich Leute mit den unterschiedlichsten Ansichten miteinander verständigt haben. Im Wesentlichen sachbezogen, gelegentlich kontrovers und wohl auch nicht immer ganz fair. Doch wir haben miteinander gesprochen und quasi öffentlich, latent vorhandene Themen erörtert, die einfach in die Öffentlichkeit gehören. Wie sonst soll sich unser eigenes Weltbild und vor allem das Bild der Welt von uns realistisch formen. Nun mag es sein, dass ich nicht richtig informiert bin, doch ähnlich große, landesweite Foren, sind mir nicht bekannt und ich will hoffen, dass wir damit auch Menschen erreichen, die sich bisher nicht für das Thema „Transgender und so“ interessiert haben. Allein aus diesem Grund, vielen Dank für jeden einzelnen Beitrag! Ich bin sicher, „sich raushalten“ ist genau der falsche Weg zur Lösung der eigenen und auch der gesellschaftlichen Probleme.
Auch ich bin in meiner Auffassung zu einzelnen Details der vergangenen Diskussion ein wenig weiter gekommen und möchte hier noch einmal darauf eingehen. Ein Ausgangspunkt der gelegentlichen Aufregung war das Verhältnis zwischen Transgendern die sich zum einen in einem Konstrukt, wie die Berliner TransSisters und zum anderen in einer Selbsthilfegruppe, wie die im Berliner Sonntags-Club gefunden und auch zusammengeschlossen haben. Ich will es mal bei diesen beiden Gruppierungen belassen, denn hier kenne ich mich am besten aus. Ich kann mich wohl berechtigt zu den Mitgründerinnen der TransSisters zählen. Der Sonntags-Club und seine Selbsthilfegruppe „Transsexualität“ ist mir aus eigener Mitgliedschaft und eigenem Erleben bekannt.
Was passiert eigentlich in einer solchen Selbsthilfegruppe? Nun ich habe dort Menschen kennen gelernt, die sich gegenseitig stützen und unterstützen bei ihrer Selbstfindung, der Bestimmung ihrer eigenen Geschlechtsidentität und letztlich in ihrem dem sicher nicht einfachen Weg diese Identität auch wirklich zu leben. Dort, wo ich war, hatten sich ausschließlich Transsexuelle gefunden. Gelernt habe ich in dieser Gruppe, dass meine Identitätsprobleme so weit nicht gehen und bestürzt war ich über die offensichtliche Gruppendynamik, die so manche schneller mit sich gerissen hat, als sie vielleicht ursprünglich wollte. Getroffen habe ich jedoch nur Menschen, die sich freiwillig und überwiegend ernsthaft mit ihrem Leben auseinandergesetzt haben und dieses Leben partiell auch gemeinsam im Rahmen des Sonntags-Clubs gestalten.
Was passiert eigentlich bei den TransSisters? Hier treffen sich TransGender, vorwiegend solche, die nicht beabsichtigen, ihr biologisches Geschlecht zu wechseln, ihre Angehörigen und Freunde, um ihr eigenes Ich zu leben. Inhaltlicher Ausgangspunkt dieser Treffen war neben dem gemeinsamen Erleben, wohl auch die gegenseitige Stützung und Unterstützung, dieses Leben „unbeschadet“ zu leben. Die Gruppe machte uns stark und im Wesentlichen unangreifbar. Ich erinnere mich an viele Gespräche zu ganz persönlichen Fragen der Identität und die vielfältigsten gegenseitigen Unterstützungen – sei es nun die Möglichkeit des „Umziehens“ in einer anderen Wohnung, weil die Nachbarn oder die eigenen Kinder mit dieser „Leidenschaft“ nicht konfrontiert werden sollen, oder an ganz spezielle Tipps in Fragen des persönlichen Outfits. Eine Gruppendynamik gibt es auch hier, ich denke da an Zeiten, in denen kein einschlägiges Szenelokal vor uns wirklich sicher war. Gelernt habe ich über die Zeit, dass das gemeinsame Ausleben der uns verbindenden „Leidenschaft“ (bitte verzeiht mir diesen Begriff), für mich nicht die einzig selig machende Lebensalternative ist und dennoch brauche ich diese Gruppe, sie ist wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Getroffen habe ich Menschen, die sich freiwillig und überwiegend ernsthaft mit ihrem Leben auseinandersetzen und dieses Leben partiell auch gemeinsam gestalten.
Ups! Das sind ja fast gleiche Formulierungen! Und nicht nur das. Es sind auch fast gleiche inhaltliche Ansätze. Da tönen wir immer „wir sind keine Selbsthilfegruppe“ und erfüllen doch im Ergebnis die gleichen Funktionen. Nur eben die Rahmenbedingungen unterscheiden sich und sicher sind wir nicht mit dem primären Ziel der gegenseitigen Hilfe angetreten. Oder vielleicht doch? Wie auch immer, ich für meinen Teil habe die unterschiedlichste Hilfe erhalten und wohl auch geben können.
Das alles, in der Selbsthilfegruppe „Transsexualität“ und „TransSisters“, ist eines jedoch auf keinen Fall, nämlich professionelle Therapie. Wer hat denn nun eine Therapie nötig und wer kommt ohne diese aus? Diese Frage lässt sich für mich nicht abschließend beantworten und hat neben ganz persönlichen wohl auch einige objektive Kriterien. Ich vermute den persönlichen Ansatz in unzureichenden individuellen Möglichkeiten, die eigene Identität zu ergründen und zu verstehen. Hier können dann „Selbsthilfegruppen“ sicher nur bedingt weiter helfen. Die möglichen objektiven Kriterien lassen sich für mich am schwierigsten fassen, mal abgesehen von den Vorschriften des Transsexuellengesetzes und wirklich die eigene Person oder das Umfeld schädigenden krankhaften Erscheinungen. Ich habe erst kürzlich eine befreundete „Fachfrau“ gebeten diesen Wirrwarr ein wenig aufzulösen und erhoffe mir davon ein wenig Aufklärung.
Eine Formulierung, von Karin aus München, geht mir noch immer nicht aus dem Kopf. Sie schreibt zum Thema der TransSisters:
„ ... Aber ihr seid ein Verein mit einem transgender(friendly) Mittelklassepublikum und als solches ein Stück weit elitär. Dagegen ist nichts zu sagen, man muss sich dessen nur bewusst werden, wenn man über das eigene Verhältnis zu Selbsthilfegruppen schreibt. Viele Leute die in einer SHG aufschlagen sind sozial, finanziell und gesundheitlich weniger gut gestellt...“
Wir haben gestern im kleinen Kreis lange darüber gesprochen und ganz spontan neigte ich dazu einer solchen Einschätzung zuzustimmen. Doch glücklich bin ich damit nicht, irgendetwas hinterlässt da einen faden Geschmack in meinem Mund. „Elitäres Mittelklassepublikum“ ist also, wer „sozial, finanziell und gesundheitlich“ .. „gut gestellt“ ist. Schauen wir doch mal genauer nach. Zu den TransSisters und ihrem weiteren Umfeld gehören Studenten, Angestellte, ja sogar Beamte, selbständige Unternehmer, Rentner (man sagt wohl Senioren) und auch einige, die zurzeit ohne jede Arbeit sind. Schaut man sich in der Runde des regelmäßigen „Monatstreffs“ um, wird die Mischung noch viel bunter – wenn das überhaupt geht. Richtig ist, dass mein Monatsbudget durch die regelmäßigen gemeinsamen Aktivitäten nicht unerheblich belastet wird und ich weiß das auch von den Anderen. Und dennoch ist die finanzielle „Kraft“ nicht das entscheidende Kriterium.
So manche leistet sich, wohl auch aus finanziellen Erwägungen, in der Tat am Abend eine einzige Weinschorle oder eine Tasse Kaffee und ist dennoch mit Freunden und Freundinnen zusammen. Ja, und zum Thema Gesundheit fällt mir an dieser Stelle nichts ein, Manche ist mal krank, meistens sind wir gesund und quicklebendig.
Hey, genau das ist es! Der Anlass für diese Treffen ist zuerst das gemeinsame Leben und Erleben. Die Wirkung dieser Treffen ist mehr Sicherheit im Umgang mit sich selbst und der Umwelt. Und genau darin unterscheidet sich das Leben und die „Arbeit“ der TransSisters von dem der Selbsthilfegruppe, die ich kennen gelernt habe. Es ist die Reihenfolge, die uns unterscheidet aber nicht trennt.
Die TransSisters leben zuerst öffentlich und helfen sich in diesem Leben. Andere wieder geben sich wichtige und notwendige Unterstützung um dann zu leben, wie ihre Identität es erfordert. Sicher sind beide Prozesse „Helfen“ und „Leben“ in jedem Fall eng miteinander verwoben. Doch der Ausgangspunkt ist nach meiner Einsicht wohl verschieden.
Das letzte Zitat (von Jula): „Transgenderland ist abgebrannt? Nein, es hat nie existiert!“ Nun, das ist eine Frage der Sichtweise. Ist „Transgenderland“ eine gemeinsame, alle Transgender verbindende Idee der selbstbestimmten Lebensweise, der grundsätzlichen Gleichheit und des gegenseitigen Respekts, dann steht diese Land wohl gelegentlich in Flammen, so in der vergangenen Woche. Doch in unseren Köpfen gibt es dieses Land schon lange. Ich jeden falls glaube fest daran.
 
Ich wünsche euch eine angenehme Woche, voller Sonnenschein und gegenseitigem Verständnis.
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Wochenmail vom 20. 05.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

die vergangene Woche war für mich prall gefüllt (natürlich) mit Arbeit und vielen interessanten Begegnungen. An fast jedem Tag habe ich mich mit Freunden- Freundinnen getroffen doch unbestrittener Höhepunkt war eine Kurzreise mit meiner Freundin Andrea ins gar nicht so ferne Wolfsburg. Das hat sich einfach so ergeben, bei einem der Monatstreffen der TransSisters hatten wir mit unseren nordwestlichen Freundinnen mal laut darüber nachgedacht und auch gleich verabredet. So war dann eine kleine Transen-Minidelegation an diesem Wochenende bei gleichgesinnten Freunden in Wolfsburg. Nun, wer die Gegend kennt, der weiß, das dort szenemäßig und öffentlich so wahnsinnig viel nicht läuft. Wolfsburg hat den Status einer Großstadt wohl nur deshalb, weil etliche kleine Dörfer bei seiner Gründung mit eingemeindet wurden. Mal abgesehen vom „neuen“ Stadtkern herrscht hier wohl eher ländliche Beschaulichkeit vor. Und dennoch gibt es eine echte Attraktion, nämlich die von VW errichtete „Autostadt“ und natürlich mindestens ein Transgender mit Lebenspartnerin. Die „Autostadt“ wollten wir besichtigen und mit unseren Freunden wollten wir zusammensein.
Was nun, wenn Trans (ein tolles Wort, wer hat das eigentlich zuerst gebraucht?) eine Reise tut? Mein Gepäck für die Dauer von insgesamt 24 Stunden hätte jeder Auswanderungsbehörde ob seines Umfangs die Tränen in die Auge getrieben. So weit ist Sabine noch nicht gereist. Da gab es ja schon im Vorfeld allerhand zu bedenken. Was trage ich zu welchem Anlass und welche Anlässe gibt’s überhaupt? Wie werde ich mich dann zu Zeit wirklich fühlen und kann ich das eine oder andere Stück denn so zu diesem Anlass überhaupt tragen? Hinzu kommen solche Kleinigkeiten wie die gesamten Schminkutensilien und die unterschiedlichsten Variationen für das „Darunter“. Ich habe im Vorfeld der Reise meinen Sabine-Kleiderschrank mehrfach aus- und eingeräumt und festgestellt, dass ich gerade für die eher „alltägliche“ Bewegung in der Öffentlichkeit kaum passende Garderobe habe. Na klar! Ich bin ja meistens des Abends oder des Nachtens unterwegs, ausgesprochen selten zu solch profanen Gelegenheiten, wie Stadtbummel oder gar Ausstellungsbesuch. Schade eigentlich. Ich will ja eigentlich auch unter „ganz normalen Tageslichtbedingungen“ meinen Ambitionen nachgehen. Ich werde mich wohl noch mehr um meine Garderobe kümmern müssen.
Nun, ich will es kurz machen, ich habe dann doch noch einige passende Stücke gefunden und der Kofferraum meines Autos war ganz gut gefüllt.
Die Realität vor Ort war dann weniger aufregend. Das Wetter war ausgesprochen wechselhaft und weil ich um die Form meiner Haare und die Haltbarkeit des unvermeidlichen MakeUp’s fürchtete, hab ich den Bernd in die Autostadt delegiert. Das war auch ganz gut so, denn ich glaube schon, dass es reichlich blöd ausgesehen hätte, wenn ich mich im kurzen Kleid in jedes nur erdenkliche Kultauto (nicht nur VW!) gezwängt und anschließend über Hubraum, PS oder Drehmoment schwadroniert hätte. Dennoch, für mich ein Erlebnis der Sonderklasse und empfehlenswert für jede(n), der (die) sich für alte und neue Automobile interessiert.
Nun, der Abend gehörte dann dem „kleinen Schwarzen“ und in Ermangelung an geeigneten Ausgehmöglichkeiten, die uns allen zugesagt hätten, langen, teils lustigen und teils aufgeregten Gesprächen am Kamin unserer Gastgeber. Einzig einen bei meinem Anblick ausgesprochen verstörten Hotelgast kann ich vermelden. Ich gehe mal davon aus, dass ich so grässlich nicht ausgesehen habe und seine Verstörung mehr in der Tatsache zu suchen ist, dass ihm ein solches „Trans-Exemplar“ vermutlich so häufig nicht über den Weg läuft.
Ja, so geht das, wir sind überall! Und wo wir noch nicht sind, da kommen wir bestimmt bald hin! Ich find das gut so..........

Bis zur nächsten Woche dann.
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Wochenmail vom 27.5.2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

..... ja, so ganz frei von Fehlern bei der Bearbeitung meiner Post bin ich wohl auch nicht - Ihr habt es ja selbst gemerkt. Ziemlich häufig flattern unaufgefordert die unterschiedlichsten Nachrichten in meinen virtuellen Postkasten (und leider nicht nur dort). Darunter befand sich eben auch jene Information über den beabsichtigten Fernsehbeitrag bei dem versucht werden sollte, mit versteckter Kamera "Männer" reinzulegen, indem ihnen eine Mogelpackung, nämlich ein Mann in Frauenkleidung untergeschoben wird. Naja, für so manchen mag das ja ein riesen Spaß sein. Ich halte so viel nicht davon.
Auf der anderen Seite ist es schon interessant, wie Menschen reagieren. Es ist ja in der Tat so, dass allein an der Kleidung eine erste Identifikation (Mann oder Frau) vorgenommen wird - wie auch sonst. Wenn dann noch die anderen äußeren Merkmale nicht gerade extrem auffällig sind, geht jeder Mann (entsprechend gestylt) bei oberflächlicher oder flüchtiger Betrachtung auch mal als Frau durch. Wir wissen das und so manche setzt darauf, wenn sie durch die Straßen streift.
Mir geht das genau so. Ich möchte einfach nicht besonders auffällig sein und mich ganz normal unter ganz normalen Leuten bewegen. Das ist natürlich nur bedingt möglich, denn spätestens auf den zweiten (ich wünsche mir dritten) genaueren Blick stellt mein Gegenüber schon fest, dass da was nicht ganz stimmig ist. Na, und dann kommt's eben raus: Ein Mann in Frauenkleidern! Doch bis zur nächsten möglichen Reaktion kann man(n) schon gewonnen haben. In meinem Auftreten "als Sabine" hat sich so viel Selbstverständlichkeit eingestellt, dass ich immer seltener auf offene Ablehnung stoße. Nun bin ich nicht das Bild von einer Frau, doch ich gebe mir schon Mühe, diesem (und vor allem meinem) Bild näher zu kommen. Schon wieder eine Schublade? Sicher, doch mit ausgesprochen angenehmen Eigenschaften. Ich fühle mich wohl darin.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es vor allem darauf ankommt, wie man (frau) sich in der Öffentlichkeit verhält. Übermäßige Unsicherheit und Angst vor Anfeindung oder Lächerlichkeit wirken schlimmer wie Knoblauch - man kann sie nicht riechen, sie wirken wie unsichtbare Wellen, die dem eigen Schatten weit voraus eilen. Und wenn es dann so ist, dann beginnt ein unendlicher Kreislauf. Erst kommt die Angst angestarrt zu werden, dann wird tatsächlich angestarrt. Damit kommt die Angst, irgendwie "angemacht" zu werden, dann wird man (frau) tatsächlich "angemacht". Und so geht das immer weiter. Viele von uns kennen diesen Kreislauf und so manche hat Probleme, da wieder raus zu kommen. Wie raus? Dafür gibt es keine Patentrezepte. Auch ich bin noch nicht frei von solchen Ängsten, doch so manches Mal kommen sie gar nicht erst auf. Wichtigster Faktor für mich ist, dass ich mich in meinem Outfit wirklich wohl fühle. Ist diese Stimmung da, dann steigt automatisch mein Selbstvertrauen. Und habe ich das nötige Selbstvertrauen, dann hält mich nichts ab, mich so zu geben, wie ich bin und das auch nach außen zu zeigen. Interessant, dass genau damit ein ganz neuer, ganz anderer Kreislauf beginnt. Offenes selbstbewusstes Auftreten, kein feindliches Anstarren. Kein feindliches Anstarren, freundliches Lächeln zurück. Danach möglicherweise Kopfschütteln des Gegenübers, immer häufiger aber Akzeptanz und gelegentlich sogar anerkennende Blicke. Anerkennende Blicke erzeugen Wohlbefinden, Wohlbefinden bringt mehr Selbstverständlichkeit .... Die Welt ist schön. Eine Situation, in der ich mich am liebsten befinde.
So am vergangenen Freitagnachmittag. Eigentlich ganz unvermittelt, hatte ich mich mit zwei Trans-Freundinnen zum Einkaufsbummel, ganz in Ku'-Damm-Nähe, verabredet. Ich habe mich nicht gerade auffällig, eher elegant gekleidet (rotes Kleid und schwarzer Blazer). Hauptziel war die von mir so sehr geschätzte Boutique, ich wollte mal schauen, ob sich ein paar tagestaugliche Stücke finden. Was soll ich sagen, allein die Stunden in der Boutique waren ein rauschendes Fest. Ich habe wenigstens zehn unterschiedliche Stücke anprobiert und hätte das Meiste am liebsten gekauft. Nun ja, auch die engere Wahl war dann teuer genug, doch ich konnte einfach nicht wiederstehen. Ich habe übrigens (auch in Überseinstimmung mit den lieben Verkäuferinnen) festgestellt, dass Rot mir ganz gut steht und so ist ein neues rotes Kostüm nun endlich mein Eigen. Doch danach war lange nicht Schluss. Raus aus der Boutique, rauf auf den Ku'Damm und rein in die nächsten Läden ganz um die Ecke. Krönender Abschluss des Bummels war ein gepflegtes Eis in einem Straßencafe. Ich habe mich so wohl gefühlt, dass ich nicht einmal sicher bin, ob mich die Umwelt überhaupt wahrgenommen hat. Und wenn doch, dann waren da zwei zufriedene selbstsichere Frauen - oder halt, das sind doch ein Männer ... na gut, warum nicht, wenn sie es mögen.... alles kein Problem. So selig und zufrieden gab’s dann schlussendlich noch einen kleinen Plausch mit einer Nachbarin vor meinem Haus. Komisch nur, dass auch sie sich ganz normal gegeben und mich dann doch noch als den netten alleinstehenden Mann von der zweiten Etage identifiziert hat.
Woran wird das alles nur gelegen haben? Ob das wohl jene unsichtbaren Wellen waren, die signalisieren, wie man (frau) sich wirklich fühlt? Am Freitag waren es die angenehmen Wellen. Ich habe mir gemerkt, woher sie kommen, ganz tief aus mir selbst.
Zugegeben, ich bin nicht sicher, ob diese Stimmung auch aufgekommen wäre, wenn ich allein losgezogen wäre. Aber das ist im Moment auch nicht wichtig, denn ich habe ja Freundinnen, die mit mir bummeln gehen und die ich zum Bummeln mitnehme. Allein ist das sowieso nur der halbe Spaß.
Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche und dazu natürlich ausschließlich angenehme Begegnungen, mit und ohne weiblichem Outfit.

Viele liebe Grüße
Sabine B.