Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,
... es hat eine ganze Weile gedauert, doch heute wieder ein paar Zeilen von mir. Zunächst erst mal vielen Dank für Eure Zuschriften und guten Wünsche - einen erheblichen Teil davon habe ich ja beantwortet.
Wie ist es mir ergangen, in den letzten Wochen? Nun, insgesamt ganz gut. Ich habe viel gearbeitet - manchmal auch gefaulenzt, mich mit Freunden getroffen - besonders die mir wichtig sind, viel geredet und nachgedacht - dabei allerhand neue Einsichten gewonnen, die Sabine ausgeführt - weniger exzessiv, mehr qualitativ und ich habe die Sonntage genossen - ganz ohne Zeitdruck und quälende Fragen, ob ich denn in der Wochenmail für alles die richtigen Formulierungen getroffen habe. Und doch hat mir diese Mail gefehlt, genau so, wie manchem von Euch. Gelegentlich erhielt ich nachfragende Zuschriften oder wurde angesprochen, ob und wie dieses "einzigartige" Projekt denn nun weiter geht und hatte bis vor einigen Tagen keine wirklich gute Lösung.
Wie so oft kommen die besten Ideen ganz zufällig und dann gleich von mehreren Seiten. Wenn wir uns alle in den letzten zwei Jahren in irgend einer Weise an die Wochenmail und die manchmal heftigen Diskussionen gewöhnt und daraus neue Einsichten gewonnen haben, dann liegt es eigentlich nahe, dabei zu bleiben. Und ich gehe mal davon aus, dass es nicht nur die Faulheit des Einzelnen war, dass sich in den letzten Monaten nicht ein einziger "Stammleser" aus dem Verteiler abgemeldet hat. Das wäre ja auch schade, denn so mancher Beitrag hat meine und sicher auch Eure Gedanken erst wirklich abgerundet. Und genau hier liegt die Lösung und die große Chance für die Wochenmail. Warum schreibt Ihr nicht alle mit an dieser Mail? Ich stelle mir vor, dass ganz wer mag und auch wirklich etwas mitzuteilen hat sich hinsetzt, seine Gedanken formuliert und diese dann als Wochenmail veröffentlicht. Auf diese Weise entsteht ein viel bunteres und vielschichtigeres Forum zum Transgenderalltag, es können sich ausführliche Diskussionen entspinnen und wer nicht schreiben mag, liest halt nur was andere denken.
Nun könnte man (frau) ja meinen, dass es schon genügend Foren im Internet gibt, so ja auch auf der HP der TransSisters. Sicher, so manche Beiträge in diesem Forum sind wirklich lesenswert, genau so, wie die dazu gehörigen Erwiderungen. Doch das ist hier nicht gemeint. Ich denke hier mehr an ausführlichere Beiträge, ganz im Stil der bisherigen Mail und den vielen interessanten Zuschriften - es soll ein wirklich intensiver Gedankenaustausch entstehen, ganz frei von schnell formulierten Bemerkungen und all den Sonderzeichen, die die Tastatur hergibt und die doch kaum jemand richtig interpretiert. Es soll eine sogenannte "moderierte Mailingliste" entstehen, die den Ansprüchen und dem Stil der bisherigen Wochenmail und der dazugehörigen Diskussion entspricht. Um das gewohnte Niveau auch wirklich zu halten, habe ich auch ein paar Ideen für die Spielregeln, die in etwa so lauten könnten:
Jeder Teilnehmer darf (und soll) eigene Beiträge schreiben und sendet sie, wie gewohnt an Wochenmail@domeus.de. In der Regel handelt es sich um eigene Erlebnissee und Gedanken zum Thema "Trans" mit einem Mindestmass an Ausführlichkeit. Die Beiträge werden von mir gesammelt, gesichtet und sortiert und dann, wie gewohnt wöchentlich in der Wochenmail versandt. Ich gehe davon aus, dass sich die unterschiedlichen thematischen Ansätze ganz von selbst sortieren und wenn nicht, kann ich ja gelegentlich etwas nachhelfen. Und natürlich werde auch ich mich weiter mit eigenen Beiträgen am Geschehen beteiligen. Ich denke, wir sind uns einig, dass wir diese Mailingliste weiter von vordergründiger Werbung und platten Sprüchen freihalten.
Schauen wir doch mal, wie das funktioniert – ich bin da eigentlich ganz optimistisch.
Ich bin wieder da und hoffe also auf viele interessante Beiträge in unserer „Neuen Wochenmail“
Viele liebe Grüße
Sabine B.
Zuschrift von Andrea(s) am 19.5.2002
Irgendwas ist immer!
"Melde Dich, wenn Du nicht mehr Frau sein willst!" Mit diesen Worten wurde unter eine langjährige Beziehung der Schlussstrich gezogen. Dabei hatten beide vier Jahre lang, mal gemeinsam, meist aber jeder für sich versucht, mit dem Thema Trans irgendwie klar zu kommen. Vier Jahre der Sprachlosigkeit, des Streitens, der Tränen, der Schuldzuweisungen und Ohnmachtgefühle, die auf beiden Seiten tiefe Wunden rissen. Aber auch vier Jahre des Bemühens und der Sorge um den jeweils anderen. Eine sehr lange Zeit, innerhalb derer beide versuchten, irgendwie einen Weg zu finden, die Positionen des jeweils anderen zu akzeptieren, ohne das eigene Selbstverständnis zu vernachlässigen. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den anderen um nichts in der Welt verlieren zu wollen, und dem Gefühl, sich genau dabei selbst zu verlieren, kamen beide nach vier Jahren zu dem Schluss, dass es einen Weg zu einem "Wir" objektiv nicht zu geben scheint.
Man kann sich sicher lange darüber streiten, wo denn nun das Quäntchen Schuld zu suchen ist, dass für dieses Ergebnis ausschlaggebend war. Und es dürfte auch müßig sein, da beide - aus der jeweils eigenen Position heraus - sicher Recht haben. Aber am Ergebnis, dass am Ende nämlich beide verlieren, ändert das nichts. Sicher; eine Geschichte, die sich in der Summe tagtäglich gescheiterter Beziehungen fast bedeutungslos ausnimmt. Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht. Streng rational sicher richtig. Und dennoch: während der Kopf es versteht, rebelliert der Bauch, weil es für beide Betroffenen trotzdem wie ein kleiner Tod ist. "Melde Dich, wenn Du nicht mehr Frau sein willst!" Worte, die einem finalen Rettungsschuss gleich alle Hoffnung zerstören; gleichermaßen aber auch den Wunsch zum Ausdruck bringen, vielleicht irgendwann doch den Weg für ein "Wir" zu finden. Und weil beide nicht wissen , wie das dann aussehen könnte, einigt man sich darauf, sich auf jeden Fall nicht aus den Augen zu verlieren. Es könnte ja immerhin sein, dass ....... . Und wenn nicht, dann sollte es doch möglich sein, wenigstens freundschaftlich verbunden zu bleiben. Vor allem deshalb, weil es bei allem, was die beiden trennt, sehr viel gibt, das beide eint und sie sich gerade deswegen nicht gänzlich verlieren wollen, weil das noch sehr viel schlimmer wäre.
"Melde Dich, wenn Du nicht mehr Frau sein willst!" hallt es immer wieder in meinem Kopf. Unwillkürlich stellen sich mir dabei genau die Fragen, die mich seit so langer Zeit beschäftigen und deren Antwort ich bis heute nicht zu finden in der Lage war. Wo will ich hin? Was will ich sein? Will ich ganz, oder doch lieber nur ein bisschen Frau sein. Bin ich ein Mann, der (ab und zu?) auch Frau ist? Geht so was überhaupt? Oder bin ich eigentlich doch mehr Frau, als ich mir zuzugestehen traue. Eine Frau, die sich aus diffusen Ängsten heraus hinter der Fassade eines Mannes versteckt? Und bei all diesen Fragen ertappe ich mich wieder einmal dabei, dass ich mich auf die rettende Insel zurückziehe, die da heißt: Zuerst einmal bin ich Mensch. Ein Mensch mit Sehnsüchten und Hoffnungen. Gefühlen also, die grundsätzlich jeder hat. Mit dem feinen Unterschied aber, dass es für mein Empfinden keinen richtigen Namen, kein Muster und keine Schablone zu geben scheint, wofür ich aber nicht verantwortlich gemacht werden kann. Denn was kann ich dafür, dass "die Gesellschaft" für mich keinen Raum vorsieht. Und schon habe ich - wieder einmal - den Schuldigen gefunden. Nicht ich bin es, es sind immer die anderen.
Aufbauend auf eben dieser Erkenntnis machte ich mich vor vier Jahren auf den Weg, mir meine eigene Welt zu erobern. Eine Welt, geprägt von größtmöglicher Öffentlichkeit, verbundenen mit dem Wunsch nach einem kleinen Stück Normalität; nach einem Platz für mich. Gewappnet mit einem - den Umständen entsprechend - möglichst perfekten Äußeren, dass ich wie einen Schutzschild vor mir hertrage, versuche ich seitdem die Brücke zu meinem eigenen Selbstverständnis zu finden. Die aus dem Erfahrenen gemachten Erkenntnisse und Antworten waren vielfältig, zunehmend aber auch komplexer und erfüllen mich bis heute mit dem beruhigenden Gefühl, vor mir selbst eben nicht mehr davonzulaufen. Ich habe Gleichgesinnte, und unter diesen auch Freunde gefunden. Ich war, so weit ich es vor mir vertreten konnte, so öffentlich wie es nur eben ging. Würde ich behaupten, dass mir "meine Welt" nicht gefällt, wäre das sicher eine Lüge. Dennoch; zunehmend drängt sich mir Gefühl auf, dass ich mit dem Brückenschlag zu mir die Brücken zu "den Anderen" eingerissen habe. Ist das der Preis, den man für diesen Egotrip zu zahlen hat? Ich würde ebenso lügen, würde ich behaupten, mich damit auf Dauer arrangieren zu wollen. Aber wie schaffe ich bei diesem ganzen "Ich" genügend Raum für ein "Wir" zu lassen? Bin ich von der einen Isolation schnurstracks in einer anderen gelandet? Vorher kein "Ich" aber sehr viel "Wir", jetzt fast nur noch "Ich" und gar kein "Wir"? Sicher; ich bewege mich unter Freunden, ernte Zuspruch und erlebe mehr als in meinem gesamten früheren Leben. Eigentlich müsste ich zufrieden sein. Und dennoch habe ich zunehmend dieses unangenehme Gefühl, von dem einen Extrem in einem anderen gelandet zu sein.
"Melde Dich, wenn Du keine Frau mehr sein willst!" Vielleicht ist es wirklich die Suche nach der Frau im Mann, die auch noch so innige Bande zerstört. Vielleicht ist es auch der Umstand, dass ich mich - so sehr es mich auch drängt - selber ein ganzes Stück zu wichtig nehme. Nach dem Motto "Wenn es mir gut geht, geht es uns gut" beansprucht man den gesamten Raum für die eigene Position. Unter diesen Umständen blieb ihr nur, entweder den Weg mitzugehen, oder es eben zu lassen. Eigentlich nicht gerade das, was man unter einer Partnerschaft verstehen sollte. Und als ob das noch nicht reicht, übergibt man noch das gesamte Paket der eigenen Unentschlossenheit zu deren Lösung in ihre Hände. Es ist leicht nachvollziehbar, dass dieses Paket von keinem anderen gestemmt werden kann. Allein schon der Versuch ist zum Scheitern verurteilt, denn dieser sehr einseitigen Belastung hält keine Bindung lange stand. Wie gesagt, vielleicht ist es das eine, vielleicht auch das andere. Wahrscheinlicher ist, dass beides in der Summe dazu führte, dass sie sich am Ende nicht anders zu helfen wusste, als mit eben diesen Worten.
Was bleibt, ist ein Gefühl, das irgendwo zwischen "schuldig sein" und "nichts dagegen tun können" seinen Raum einnimmt. Auch wenn man mit dem, was man tun musste, für sich gesehen Recht hatte, verliert spätestens an dieser Stelle das eigene Tun seine Unschuld. Denn der dafür zu zahlende Preis ist in jedem Fall zu hoch. Möglicherweise ist das Umsetzen dieser Erkenntnis ungleich schwieriger, als alles bisher dagewesene. Das ist aber etwas, worum ich mich zukünftig selber bemühen muss. Bei ihr kann ich mich leider nur entschuldigen.
Andrea(s)
Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,
heute mal der Versuch einer ganz anderen Wochenmail und doch ein Thema das für mich eine Betrachtung wert ist.........
..... schlägt man, oder auch frau die Zeitung auf, dann dauert’s nicht lange und der Blick fällt auf die Anzeigentexte, besonders interessant die Kontaktanzeigen, mancherorts auch Heiratsmarkt genannt. Was Wunder, dass fast ausschließlich Singles oder solche, die es gern wären derartige Anzeigen in der Hoffnung auf adäquaten Kontakt schalten. Obwohl deutschlandweiter „Frauenüberschuss“ statistisch bewiesen ist, habe ich den Eindruck, dass es vor allem die Männer treibt, sich so auf die Suche zu begeben. Vielleicht habe ich auch nur einen falschen Eindruck, weil ich die Rubriken „M sucht F“ immer überspringe und bei „F sucht M“ niemals das steht, was ich wirklich erwarte.
Schon lange bewegt mich die Frage, was denn nun den Single-Mann oder die Single-Frau ausmacht. Und ich meine hier nicht die „Schon-immer-Singles“, nein, vielmehr die, die nach einer mehr oder weniger langen Partnerschaft gewollt oder ungewollt in diese Situation geraten sind. Zur Klärung dieser Frage hätte ich mich natürlich mit einem umfangreichen Fragebogen auf die Straße begeben können um zufällig Single-Frauen wie -Männer zu befragen. Ich bin allerdings sicher, dass mir jede der Gruppen vor allem die augenscheinlichen Vorzüge gepriesen hätte.
Sie: Endlich kann ich mich mal nur um mich selbst kümmern, habe Sex, wenn ich es wirklich will, kann eigene Interessen entwickeln, mich jeden Tag mit meinen Freundinnen treffen, mich lange und ausführlich mit ihnen unterhalten und durch die Geschäfte ziehen, die Hausarbeit reduziert sich auf höchstens 20 Prozent.
Er: Endlich kann ich meinen Tagesablauf selbst bestimmen, Überstunden machen, soviel ich will und anschließend in der Eckkneipe versacken, habe immer Zeit für meine Freunde, kann in der freien Zeit meine sexuellen Ambitionen richtig ausleben, jedes Spiel der Bundesliga und jedes Formel-Eins-Rennen sehen, kann auch mal ein ganzes Wochenende schweigen und den Haushalt mache ich nur, wenn es wirklich nötig ist.
Was Beiden (Mann wie Frau) fehlt sagen sie freiwillig nicht, deuten es höchstens in den besagten Anzeigen an. Sie: Treue, Verständnis, Ehrlichkeit, Kulturinteresse, beruflicher Erfolg (denn nichts ist erotischer, als Erfolg). Er: Häuslichkeit, Selbständigkeit, Toleranz (vermutlich in Hinblick auf sexuelle Ambitionen) und abgeschlossene Familienplanung.
Doch was macht denn nun das Singleleben wirklich aus, wo sind die wirklichen Vor- und wo die wirklichen Nachteile für Sie und für Ihn? Es wir Zeit, dass sich jemand ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzt und das „Singledasein“ für jedermann und jederfrau transparent macht! Ich habe mich zu einem nachträglichen Selbstversuch entschlossen, nachträglich, weil mit meinem Singlestart vor gut 4 Jahren nicht unbedingt beabsichtigt. Doch die Ausgangslage ist nahezu ideal, hatte ich doch damals beschlossen allgemein männlich, wie weiblich besetzte Eigenschaften zu leben und habe damit die einmalige Gelegenheit beide Singlepositionen zu betrachten. Nun könnte ja jemand behaupten das sei alles Quatsch, denn ich bin ja bekennender Mann – zugegeben, doch bin ich an beiden Gefühlslagen sicher näher dran als die Nur-Frau oder der Nur-Mann und alle oben aufgeführten Werte des Singledaseins und auch die offenen Wünsche bedeuten mir etwas. Zu untersuchen und mit gelebter Erfahrung zu belegen sind die unterschiedlichsten Aspekte, ordentlich sortiert in thematischen Kapiteln. Wegen der inzwischen doch recht häufigen Nachfrage nach Offenlegung des Kartoffelsalat-Geheimrezeptes meiner Mutti (liebevoll Oma genannt) hier ein Auszug aus dem Kapitel „Sabines Küche“:
.... Die Herstellung besagten Kartoffelsalates hat für mich die Kategorie eines strategischen Unternehmens. Planung, Zeitmanagement und ausreichende Ressourcen sind der wirkliche Schlüssel zum Erfolg. Bei mindestens fünf Gelegenheiten habe ich inzwischen festgestellt, dass sich die Abläufe immer gleichen. Nehmen wir mal an, es ist Donnerstag und für die Grillparty am Samstagabend ist als Mitbringsel eine Schüssel des Kartoffelsalats versprochen. Erster Schritt: Oma anrufen und die Details der Zutaten sowie den Ablauf der Zubereitung erfragen. Das ist erforderlich, weil die akribischen Gesprächsmitschriften den unergründlichen Weg aller meiner wichtigen Notizen gehen und in irgend einem Haufen auf meinem Schreibtisch unwiederbringlich verschwinden. Im Regelfall ergibt die sofort angesetzte Besichtigung des Kühlschrankes und ein kurzer Blick in das für Vorräte vorgesehene Regal, dass alle benötigten Zutaten entweder nicht vorhanden und wenn doch derart angegammelt sind, dass sie aus Gründen des Erhalts der Freundschaft zu den potentiellen Essern besser neu angeschafft werden sollten. Das ist sowieso einfacher, denn ich kann alle Zutaten direkt auf den bereits am vergangenen Wochenende angelegten Einkaufszettel übernehmen. Ich schreibe also auf den Hauptzettel: 5 kg Kartoffeln, 500g Jagdwurst, eine Flasche Olivenöl, eine Flasche Weinessig, ein Glas Rote Beete (die Kullern!), drei kleine Gläser Mirakel Wip, ein Glas Gewürzgurken, mindestens drei Eier aus Bodenhaltung und Zwiebeln. Bei der Durchsicht des Gesprächsprotokolls stoße ich auf Alternativen und mache mir dazu noch eigene Gedanken. Es entsteht ein weiterer Zettel: Rotwurst anstelle Jagdwurst, Radieschen anstelle Rote Beete, eine kleine Büchse „Mexiko-Gemüse“ und eine kleine Büchse Pilze zur Ergänzung. Ach ja, Pellkartoffeln hat Oma immer unter Zugabe einiger Kümmelkörner gekocht – ein neuer Vorrat Kümmel muss her. Bei dieser Gelegenheit kann auch gleich der Bestand an Salz, Pfeffer und Zucker ergänzt werden – das brauche ich zum Würzen und Abschmecken. Bleibt nur noch zu klären, wie ich mir die Zubereitungszeit „versüße“ – meine Empfehlung: zwei Flaschen trockener italienischer Wein machen das Arbeiten leichter, ab der zweiten Flasche macht es sogar Vergnügen.
Nächster Schritt im Zeitmanagement ist die Verschiebung der Verabredung für den Freitagabend auf eine angemessen späte Zeit und die Freiplanung des Samstagvormittags. Wichtiger Planungsbestandteil ist, dass die eigentliche Produktion des Salats während der gewöhnlichen Geschäftszeiten erfolgt, so kann man im Falle eines Misserfolges den Einkauf komplett wiederholen oder vergessene Zutaten beschaffen.
Der Einkauf gestaltet sich für mich in der Regel unproblematisch. Die Damen und Herren im Supermarkt gegenüber kennen mich und meine Zettel und haben überhaupt kein Problem, wenn ich zum zweiten oder dritten mal an der Wursttheke erscheine oder um Orientierungshilfen, etwa zum Standort von Essig oder Salz, bitte. Auch an meine gelegentlich lackierten Fingernägel oder Make-Up-Ränder an den Augen haben sie sich längst gewöhnt. Ich befinde mich auf sicherem Terrain.
Es ist Freitagabend, Planung und Beschaffung sind abgeschlossen. Ich trete in die Realisierungsphase und halte mich zum ersten mal nicht an Omas vorgaben. Denn Omas Tipp heißt: die Kartoffeln („du musst festkochende Kartoffeln nehmen!“) kochen und gleich schälen, ein wenig abkühlen lassen und weiter verarbeiten. Ich hab’s probiert, doch die Dinger sind einfach zu heiß, wenn sie gerade gekocht sind und fallen immer von der Gabel auf die ich sie aufpieke. Da fehlt nur noch, dass sich der Geschmack schnöder Kartoffeln bei Vollmond besser entfaltet! Nee, ich schone meine zarten Finger, zieh mir lieber ein schönes Kleid an, geh mit einer Freundin gemütlich essen und lass die Kartoffeln bis zum nächsten Tag Kartoffeln sein und über Nacht abkühlen – der Samstagvormittag ist ohnehin versaut. Aber was ich so vorhabe kann Oma ja nicht wissen.
Doch am Samstag, gleich nach dem Frühstück geht’s so richtig hausfraulich zur Sache. Und weil die Arbeit Spaß machen soll, wird sie richtig vorbereitet. Zuerst entscheide ich über mein Outfit. Für Küchenarbeit ist das kleine Schwarze sicher nicht geeignet, doch ein bequemes Hauskleid sollte es schon sein. Ich habe mich auf solche Fälle längst eingerichtet und festgestellt, dass die Hausarbeit im Kleid wirklich besser von der Hand geht – eine gute Kombination zwischen Wohlfühlen und unumgänglichem Aufwand. Im nächsten Schritt wird die Küche vorbereitet, alles schmutzige Geschirr wandert in die Spülmaschine (was nicht mehr rein passt wird an ungefährlicher Stelle gut gestapelt) und alle Zutaten, natürlich auch die erste Flasche von dem Wein werden bereitgestellt. In der Tat, kalte Kartoffeln lassen sich wesentlich einfacher schälen als heiße. Die Kartoffeln werden dann gleich in eine entsprechend große Schüssel geschnipselt. „Geschnipselt“ heißt nicht in Scheiben! Vielmehr entstehen dabei mehr oder weniger gleichmäßige, zirka 5-7 Millimeter starke, Stücken. Nur nicht zu dünn schneiden (!) da wird sonst bei den später notwendigen Rührarbeiten ein undefinierter Brei draus. Die Schälarbeiten sind eine echte Herausforderung an die Geduld und nehmen ungefähr die Dauer einer halben Flasche Wein in Anspruch. Doch danach wird’s interessanter. Die Wurst (Jagd- oder Rot-) wird in Würfel geschnitten, Seitenmaße zwischen 7 und 10 Millimeter – besser natürlich 7. Als nächstes werden die Gewürzgurken und auch die Rote Beete in ähnlich große Stücke geschnitten. Menge ganz nach individueller Geschmacksrichtung, bei mir meistens 4-5 Gurken und ebensoviel Kullern von der Roten Beete. Während die Gurken wesentlich sind für die spätere geschmackliche Komposition dient die eher fade Rote Beete mehr der optischen Aufpeppung des Salates. Hier können auch die vorsorglich alternativ beschafften Radieschen eingesetzt werden – im eingesetzten Volumen ähnlich. Doch Vorsicht (!) die Dinger sind, in Abhängigkeit vom Herkunftsland, gelegentlich ganz schön scharf – völlig unbedenklich sind hier die holländischen Produkte. So ganz nebenbei sind so um die drei die Eier hart gekocht, natürlich angemessen abgekühlt und in akribische kleine Würfel geschnitten. Ich verwende aber nur ein Eigelb, das lässt sich ohnehin schlecht würfeln und verschmiert zudem den Salat. Technisch unproblematisch ist das Öffnen der Büchsen mit dem Mexiko-Gemüse (Mais, Erbsen, Paprika) und der Pilzbüchse. Ganz in Abhängigkeit von Preis und Art des Inhalts sind die Pilze noch einmal zu schneiden – Zielsrichtung wieder 7-10 Millimeter große Stücke. Es folgt die wohl größte Herausforderung bei der Aufbereitung der Zutaten, das Zwiebelschneiden – ich belasse es zumeist bei einer einzigen, aber großen Zwiebel. Ach wenn Oma doch da wäre! Oma kann die Dinger in winzig kleine Würfelchen schneiden und sich dabei auch noch unterhalten, mein Sohn schützt sich vor den hinterlistigen Augenpieksern mit seiner Taucherbrille aus frühen Kinderzeiten, ich trinke mir Mut an und öffne die zweite Flasche Wein. Doch aller Mut hilft nichts – Kartoffelsalat zubereiten hat auch sehr traurige Augenblicke. Doch alle Zutaten stehen nun bereit.
Es folgt gewöhnlich der Augenblick in dem ich feststelle, dass die gewählte Schüsselgröße für alle Zutaten mal wieder nicht ausreicht, doch ich habe vorgesorgt, das Riesenexemplar steht schon bereit. Die auf eine entsprechende Anzahl von Tellern und kleineren Schüsseln verteilten Zutaten kommen in die große Schüssel rein und werden vorsichtig mit einem Holzlöffel verrührt. Jetzt endlich kann ich Omas Geheimnis lüften. Die eigentliche Krux besteht in der Marinade, die dem Salat den Geschmack gibt. Also denn, eine neue Schüssel muss her. Da hinein kommen zirka 50 ml Olivenöl, ein bis zwei Esslöffel Weinessig, 100 ml von dem Gurkenwasser (aus dem Gewürzgurkenglas) und ganz nach Geschmack Pfeffer und Salz. Dazu gebe ich zunächst nur zwei von den drei angeschafften Mirakel-Gläsern. Die Reihenfolge der Bestandteile hat seinen Sinn. Stellt sich nämlich beim Zusammenschütten heraus, dass auch diese Schüssel zu klein gewählt ist, dann ist das unten schwimmende Olivenöl ein hervorragendes Gleitmittel und die Umbettung in eine andere Schüssel (so noch vorhanden) läuft wie geschmiert. Nun wird die ganze Pampe mit einem Schneebesen verrührt. Die Geschmacksprobe mit einem sauberen Finger ist unerlässlich. Die Marinade kann ruhig ziemlich sauer sein und auch reichlich salzig. Das Maß bestimmt sich individuell, immer eingedenk der Tatsache, dass sich der Geschmack auf reichlich 3 Kilo bisher eher nüchterner Zutaten verteilen soll. Im Falle einer „Verwürzung“ (sagt man das so?) kommt das dritte, das Reserveglas Mirakel zum Einsatz. Ganz klar, je mehr Masse – desto einfacher die geschmackliche Abstimmung. Ich gestehe, ich brauch immer alle drei Gläser. Omas Tipp: Ein Teelöffel Zucker verfeinert jede Marinade und außerdem, Zucker hab ich ja auch gekauft.
Die Marinade gebe ich über das Gemenge aus Kartoffeln und die anderen Zutaten, ja und den überschüssigen Teil in den Ausguss. Jetzt wird die ganze Angelegenheit noch vorsichtig verrührt und eine neue Verkostung vorgenommen. Ganz nach Geschmack kann nun schnell noch eine Gurke oder ein Stück Wurst zugegeben werden oder vielleicht auch ein Kullerchen Rote Beete.
Phase zwei ist abgeschlossen, die Riesenschüssel fertigen Kartoffelsalats kommt luftdicht abgedeckt in den Kühlschrank – eine einfache Übung, Platz ist ja genug.
Und jetzt schlagen die Nachteile des Singledaseins wieder voll zu. Keiner ist da, den ganzen Dreck und das Chaos in der Küche zu beseitigen und die liebe Oma will ich darum wirklich nicht bitten, sie hat mir ja schon ihr Geheimrezept verraten. Aber da ist ja noch etwas Wein in der Flasche und außerdem bin ich es gewohnt, auch unangenehme Dinge zu Ende zu bringen. Nach einer weiteren Stunde, es ist längst der frühe Samstagnachmittag, sind dann endlich die Spuren meines Tuns in der Küche beseitigt und mein nun leider, aber absehbar bekleckertes Hauskleid befindet sich in der Wäsche. Ich bin zufrieden, ein wenig angetrunken, hundemüde und habe eigentlich gar keinen Appetit mehr auf Kartoffelsalat. Doch diese Schlacht habe ich wieder mal gewonnen. Das macht stark für weitere Vorhaben und gelobt werde ich für den Salat bestimmt – er ist wieder mal einmalig, eben ein echtes Unikat......
Na, habt Ihr den Mut diese Leistung nachzuahmen? Sagt bitte hinterher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt! Ja, ich weiß, Bio’s Kochkurse sind weit exquisiter und mit Omas „Kartoffelsalat“ allein werde ich wohl ewig Single sein. Doch in Anbetracht der ungezählten Büchsen und Tüten meiner alltäglichen Küche fühle ich mich nach einer solchen Leistung wie ein seltener Gourmet. Und außerdem kann ich ja noch viel mehr kochen, einen vorzüglichen Goulasch zum Beispiel. Doch diese Geschichte will ich Euch ersparen.......
Das war sie nun, die etwas andere Wochenmail, eigentlich ganz wenig Trans. Oder vielleicht doch? Schreibt mir, wenn es unerträglich war und sagt es weiter, wenn es unterhaltsam war.
Viele liebe Grüße
Sabine B.
Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,
„in Transit“, befinden sich Menschen, die auf der Durchreise von Irgendwoher nach Irgendwohin sind. Sie tauchen mal eben auf, hinterlassen eine Spur oder auch nicht. Ich hatte in den letzten Tagen gleich mehrere solcher Begegnungen. Die eine viel zu flüchtig, die andere viel zu bedrückend und die nächste viel zu beeindruckend, als dass ich nicht darüber berichten muss.
„In Transit“ ist auch der Name eines Performance Festivals im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Mein(e) Freund(in) Andrea(s) ist darauf gestoßen und der „harte Kern“ der TransSisters – immerhin ein gutes Dutzend, war dabei. Schon lange haben wir die Einbahnstraße „Fummel-Party-Fummel-Party“ verlassen, unternehmen gemeinsam eine ganze Menge Dinge, die wohl eher ins gutbürgerliche oder auch alternative Lager gehören. Das alles, ganz nach Gelegenheit und Zweckmäßigkeit mit oder ohne Perlonstrumpf. Gestern sollte es eine Tanzperformance sein. Die Tanzcompagnie Rubato präsentierte Jin Xing und Dieter Baumann in einem Stück namens „Person to Person“. Jin Xing ist eine chinesische Tänzerin, die in es ihrem früheren männlichen Leben zu höchstem tänzerischen Ruhm und immerhin bis zum Oberst der chinesischen Armee gebracht hat. 1995 war sie der erste Mann, der sich in China einer öffentlich genehmigten geschlechtsangleichenden Operation unterzog und feierte danach weiter triumphale Erfolge als Tänzerin und Leiterin eines eigenen Ensembles. Baumann, so sagt man, ist hier in Deutschland einer der bedeutendsten Tänzer überhaupt. Ich kannte beide nicht, halte mich in Sachen Ballett eher für mäßig interessiert, bewege mich gern auf bekanntem Kulturterrain.
Ich gebe zu, ich war auch gestern reichlich skeptisch. Gelegentlich habe ich schon früher solche experimentellen Ereignisse besucht, war im Regelfall zufrieden, wenn ich’s hinter mich gebracht und wieder vergessen hatte. Doch Person to Person versprach in der Ankündigung mit dem Hintergrund von Xing’s Lebensgeschichte, eine tänzerische Darstellung „verschiedener Körper- und Geschlechtsrealitäten ... eine Komposition der Zeichen, der Projektionsfläche und Bilder für die Erwartungen, die Zuschreibungen, die Sehnsüchte, Zweifel und das Begehren des Betrachters.“ Das machte mich dann doch neugierig. Nach einigen Verwirrungen saß ich dann im guten Plisee-Hosenrock auf einer harten Holztribüne und war glücklich über einen kleinen Schaumgummistreifen, von dem ich hoffte, dass er mir beim Überleben hilft.
Es hat bei mir einige Minuten gedauert, bis ich mich in die tänzerische Handlung und die begleitende asiatisch durchdrungene Musik vertiefen konnte. Und dann fing ich an, die Geschichte zu begreifen. Ein Mann (Baumann) schwankt in seinen Gefühlen und wird durchs Leben getrieben, mal hier-, mal dorthin. Er entdeckt die weibliche Seite seines Seins (Xing), findet nicht nur Gefallen an ihr - will auch so sein. Er vereinigt die männliche mit der weiblichen Ausdrucksweise und ein neues Wesen wird geboren. Er begleitet sie bei ihren ersten Schritten in die Welt, sie gibt ihm die Weichheit der Ausdrucksweise zurück. Beide Seiten stellen sich gemeinsam und getrennt dar. Er ist kantig und raumgreifend in den Bewegungen, sie zart (wie eine Blume), sinnlich und grazil. Im immer schnelleren Wechsel zwischen männlichem und weiblichem Ausdruck werden sie eins.
Licht aus – totenstille im Saal. Ich hätte laut zu den anderen Zuschauern rufen mögen, die uns in unseren Kleidern beim Einlass interessiert betrachtet haben: „Habt ihr das gesehen? So ist das! Es lässt sich mit Worten nämlich nicht erklären“ – hab es natürlich nicht getan. Minutenlanger brausender Applaus....
Ich kann die tänzerischen Qualitäten der Akteure natürlich nicht beurteilen. Kunst ist für mich, wenn der Betrachter Spielraum für eigene Interpretationen hat und eine Chance, das Anliegen des Künstlers zu verstehen. Insoweit habe ich wirkliche Kunst erlebt. Erzählt ist das hier, damit Ihr Euch, wenn Ihr mal auf die Namen Xing und Baumann in irgendeiner Vorankündigung stoßt, daran erinnert. Ein Ereignis der Sonderklasse, wirklich lohnend.
Ein anderer Transit-Reisender, Carsten, ein „Trans-Mann“ aus Deutschlands „Ersatzhauptstadt“ in meinem elektronischen Postkasten mit einem Einzeiler: „Ich wollte Dir - einfach mal nur so- ein schönes WE wünschen!“ Nun ist das wahrlich nichts besonderes und doch freue ich mich darüber. Ein darunter stehender, längst vergessener Spruch hat mich nachdenklich gemacht:
“Nichts ist so,
wie es scheint.
Was ist es aber dann,
was wir sehen?!“
Obwohl bei der Beantwortung meiner Post gelegentlich schlampig, hab ich mich gleich für die Grüße bedankt und den vier kleinen Zeilen hinzugefügt:
“... eben das, was wir sehen wollen,
.... gelegentlich rosarote Träume,
.... manchmal die eigene Fratze,
.... viel zu selten die Wahrheit“
Ja, so ist das bei der Durchreise, durch einen Ort oder durch ein anders Leben. Man muss eine Zeit verweilen um sicher zu sein, was man wirklich sieht und hat doch immer Gelegenheit für eigene Interpretationen.....
Wie war doch das Motto des kleinen Berliner Festivals? Are you in transit?
Ich wünsche eine gute Reise!
Viele liebe Grüße
Sabine B.
