Wochenmail vom 01.10.2000

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... dann ist es einfach wieder an der Zeit, mich bei Euch zu melden. Obwohl, heute wird es richtig kompliziert, ich hab nämlich gestern meine komplette Handtasche vergessen, samt Brille, die eigentlich für die richtigen Treffer auf der Tastatur unentbehrlich ist. Ja, ja, da war dann beim späten Abgang doch der Kerl wieder dominant in mir. Dass die Handtasche fehlt ist erst nach einigen Kilometern beim Anblick einer Funkstreife auf- und eingefallen. Aber die Jungs und Mädels hatten Gott sei Dank kein Interesse an mir.
Heute also etwas langsamer und angestrengter und zudem im zeitlichen Ablauf zurück ein wenig geschwätzt.
Gestern haben wir Silvias Geburtstag gefeiert und der Spruch, dass Platz auch in der kleinsten Hütte ist, wurde hier erneut kultiviert. Sicher hat jemand die Gäste gezählt, ich hab mir die Mühe nicht gemacht, war einfach angenehm berührt, wie viele Freunde und "Innen" den Weg in das 25. Stockwerk eines Marzahner Hochhauses gefunden haben. Und so war eine eigentlich ganz persönliche Feier zum (fast) Szenetreff mutiert. Es wurde viel gelacht, getrunken, gegessen und natürlich geredet und geredet. Und wie unter Freundinnen so üblich, auch sehr viel Persönliches. Ich war zwar nicht bis zum bitteren Ende anwesend, doch ein Großteil der Gespräche an denen ich Teil hatte bezog sich auf das ganz persönliche Selbstverständnis und den Umgang mit unserer Leidenschaft (Begabung?) und, ja auch dem Fetisch, zu dem die Eine sich bekennt und die Andere nicht daran glaubt, dass ihr Handeln auch dadurch bestimmt ist.
Zum Schluss ist es immer eine Frage des ganz persönlichen Ansatzes und des Verständnisses und natürlich der Definition. Ein Fetisch ist (jetzt musste ich selbst erst einmal nachschlagen) nach Binet (1887) ein "...sexuelle Anomalie, bei der Erregung und Befriedigung sexueller Wünsche an den Anblick oder die Berührung von Gegenständen gebunden ist, .... Es handelt sich um behandlungsfähige krankhafte Störungen." Das komplette Zitat will ich mir hier ersparen, zumal bestimmt kaum jemand von uns wirklich etwas damit anfangen kann. Sicher, die "moderne Wissenschaft" sieht dieses Phänomen nicht ganz so stringent, aber krank, krank sind sie allemal! Sieht man aber den Fetischismus (vielleicht den, den wir ja in irgendeiner Form leben), als spielerische Form des Umgangs mit sicher Objekt-orientierten Vorlieben und das Bekenntnis dazu als tatsächliche Annahme des eigenen Ichs, dann könnte ich schon ganz gut damit leben. Krank sind in meinen Augen die, die mit ihrer Lust die Würde und den Körper anderer Menschen verletzen und die, die einfach nicht wahr haben wollen, dass auch sie eben diese Objekt-orientierten Vorlieben haben.
Ja ja, ich höre sie schon, die "wirklichen" Frauen unter uns Transgendern. "Das mag ja bei dir so sein, doch ich fühle mich als Frau - das hat lange nichts mit einem Fetisch zu tun!" Ach! Und wie war das (mal ehrlich!), als Ihr zum ersten mal ein weibliches Kleidungsstück angezogen habt? Wo in Eurem Körper war denn diese Befreiung genau zu spüren? Warum dann tragt Ihr häufiger Kleider und Röcke als die geborenen Frauen? Das hat nur dann nichts mit Fetischismus zu tun, wenn alle Hormone wirklich neutralisiert sind. Nur, dann sied Ihr auch nicht Frau.
Iwo, das soll hier keine Kampfschrift werden, mich wurmt nur der manchmal intolerante Umgang mit den sehr persönlichen Bekenntnissen Einzelner. Diese Differenzen werden nicht etwa ausgetragen, nein wir sind uns ja alle zu Toleranz verpflichtet, denn wir sitzen ja alle im gleichen schwankendem Boot. Aber die Atmosphäre, die spür ich schon. Ich bin selbst darin nicht so sehr verwickelt, doch Akzeptanz als die erstrebenswerte Stufe der Toleranz ist zuerst eine Sache des Herzens. Und darin können wir uns alle (mich natürlich eingeschlossen) wohl noch üben. Dennoch, ich bin froh, so viele gute Freundinnen und Freunde zu haben und möchte wohl auf keinen von ihnen verzichten. Na ja, oder so....
Am Freitag war ich zu wohl ersten Mal solo als die Transe Sabine unterwegs. Natürlich bewege ich mich (zwangsläufig) auch als Frau durch die Stadt, aber zumeist mit einem ganz konkreten Ziel und da hab ich dann die nötige Verstärkung von meinen Schwestern. Doch an diesem Tage begab es sich mal ganz anders. Der Anlass war eigentlich banal. Eine liebe Kollegin hatte eine Einladung zu einer Vernissage erhalten, die in gewisser Weise mit unseren gemeinsamen geschäftlichen Interessen zu tun hatte. Und ich sollte mitkommen, vielleicht wird ja mal ein Auftrag für uns daraus. "cross female" war der Titel der Veranstaltung in der die KüstlerInnen auch einen Beitrag zur Genderproblematik leisten wollten. Was also lag näher, dort im Fummel zu erscheinen und damit eine ganz persönliche Themenbezogenheit zu beweisen. Gesagt, was ich dachte und getan, was ich sagte. Wenn auch nicht ohne Begleitung, so doch allein als Sabine bin ich dort im schlichten rotem Kleid mit angemessenem schwarzen Blazer erschienen. Ich sage euch, ich sah toll aus und hab mich auch so gefühlt. Einzig der linke Strumpfhalter wollte nicht richtig halten, doch die Frau von Welt überspielt ein solches Malheur mit Gelassenheit - das Kleid war zudem lang genug.
Na ja, so richtig exklusiv wie erwartet, war die Veranstaltung nicht, die gesamte Kreuzberger und ein Teil der Berliner Kunstszene hatte sich versammelt und noch einige Hundert andere Gäste dazu, doch in dieser Weise themenbezogen, war nur ich erschienen. Abgesehen von den wirklich netten drei getransten Jungs, die mit den obligatorischen Häppchen durch die Reihen zogen - sie waren der wohl weniger anspruchsvolle Beitrag des Veranstalters zur Genderproblematik. Aber, das Haus hat sich offen gezeigt. Die Ausstellung selbst hat mich nur zum Teil überzeugt und ich war doch verwundert über das Aufsehen zur Eröffnung. Was man mit gutem Marketing doch alles erreichen kann. Dennoch, die wenigen wirklich interessanten Exponate sind bis zum 29. Oktober im "Künstlerhaus Betanien, Studio 1" zu betrachten.
Doch für mich lange nicht genug damit. Gleich am Eingang hab ich dann einen Schulfreund wieder erkannt, den ich in den vergangenen Jahren aus den Augen verloren habe. Nun war er aber da. Zuerst bin ich selbstbewusst und unbemerkt an ihm vorbei. Später hab ich ihn dann wieder gesehen und in einem Anfall von Mut "Guten Tag" (oder "Hallo") gesagt. Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis ihm dämmerte, wer denn da ein Gespräch anzettelt. Ich mach’s kurz. Der sonst künstlerisch gut bestallte Schulfreund hat wohl doch einen kleinen Kulturschock erlitten. Lieber Hans (postum), ich war es wirklich. Und meistens bin ich ein Mann. Und ganz durchgeknallt bin ich auch noch nicht. Nur, wenn wir uns mal wieder (wie in alten Zeiten) über die Frauen unterhalten, dann kann ich einige Aspekte einbringen, die du nur vom Hörensagen kennst. Ich weiß inzwischen auch, dass es manchmal ganz nützlich ist, ganz tief in mich rein zu schauen und dann die von uns häufig diskutierte Dialektik von Inhalt und Form in die Realität umsetze. Zumindest gebe ich mir dabei alle erdenkliche Mühe. Und wenn mich etwas besonders beschäftigt, dann hab ich inzwischen wirklich gute Freundinnen und Freunde. Manchmal schreib ich es auch nur einfach auf - in eine kleine, ganz persönliche Wochenmail.

Ich bin wieder da!
Bis zur nächsten Woche viele liebe Grüße Sabine

Wochenmail vom 08.10.2000

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

"Guten Tag. Ich brauche eine Beratung. Ich bin ein Transvestit."
Diese drei Sätze, waren der Einstieg in ein Telefonat, das erst vor wenigen Tagen mit mir geführt wurde. Ein vermutlich junger Mann hat sich mit der Bitte um Rat an den Berliner Sonntags - Club gewandt und dort meine Telefonnummer als mögliche Kontaktadresse bekommen. Das ist ok so. Ich selbst habe schon vor längerer Zeit diese Möglichkeit geschaffen, in tiefer Dankbarkeit für die mir gewährte Hilfe und Unterstützung. Und so hab ich gelegentlich mit Menschen Kontakt, die auf der Suche sind - nach sich selbst oder einfach nur nach Gleichgesinnten. Darunter waren recht lustige und manchmal auch skurrile Kontakte, meistens aber sehr nachdenkliche. Eben wie der in der vergangenen Woche.
Diese 10 Worte und auch wie sie gesprochen wurden, erinnern mich an meine ureigene Befindlichkeit vor nun fast drei Jahren und bezeichnen eine sich extrem verändernde Welt. Vielleicht hab ich sie genau so gesprochen. Und so manches mal hab ich mich schon gefragt, ob ich diesen Weg wohl auch gegangen wäre, wenn ich genau gewusst hätte, was ich damals nicht einmal ahnte. Nun, ich bin ein grundsätzlich optimistischer und überaus pragmatischer Mensch (obwohl auch das schon ein Widerspruch an sich sein kann). Im Wesentlichen bedauere ich wirklich nur die Dinge, die ich nicht getan habe. Was ich getan habe, hab ich zu diesem Zeitpunkt wirklich gewollt, oder wenigstens als machbar akzeptiert. Doch sind damit gleich alle Entscheidungen als "richtig" legitimiert? Wie geht man mit Fehlentscheidungen um? Nicht jeden Schritt, den man vorwärts geht, kann man irgendwann wieder zurück! Will sagen, dass es Entscheidungen gibt, die selbst unter völliger Aufgabe des eigenen Ehrbegriffs (mein persönlich höchstes Gut) nicht korrigierbar oder Rückgängig zu machen sind. Und genau eben das tut dieser namenlose junge Mann, wenn er das Tor zu einer neuen Welt aufstößt - wie ich vor einigen Jahren. Große Worte? Vielleicht. Ich tu mich im Moment auch wirklich schwer, meine Befindlichkeit zu formulieren.
Was aber soll ich dem jungen Mann raten? Natürlich, die pauschalen Sprüche: "erkenne dich selbst und lebe deine Leidenschaften aus", "was ist schon dabei", "es gibt viele Menschen, wie du und ich, die trauen sich nur nicht..", "jeder soll so leben, wie er wirklich empfindet" - die kennen wir alle. Ich mag sie aber ums verrecken nicht sagen. Ein wirklich guter Rat hat die Weisheit persönlicher Erfahrungen. Und Weisheit wiederum setzt einen gewissen Abstand und Draufsicht auf eine Vielzahl von Erfahrungen voraus - ist eine Bilanz mit Soll und Haben. Nun will ich Euch nicht mit meiner persönlichen Bilanz behelligen (die regelmäßigen Leser wissen ja ohnehin fast alles von mir), doch einige Dinge sind wohl eher Allgemeingültig:
Da kommt zuerst das Gefühl krank zu sein, zumindest aber in Ansätzen pervers und abartig. Im nächsten Schritt werden je nach der Phase des Outings, die sozialen Beziehungen gestört. Partnerschaften werden extrem belastet, Freunde wenden sich ab. Es stellt sich noch immer keine Verbesserung der eigenen Befindlichkeit ein. Es folgt seelische Einsamkeit - jetzt gibt es vielleicht noch ein "Zurück"! Doch wohin zurück? Der alte Zustand war unerträglich und die Zukunft ist ungewiss. Es folgt die Phase der persönlichen Annahme der Leidenschaft, Du willst sie exzessiv ausleben - immer wieder und immer mehr. Hier entscheidet sich die Partnerschaft. Sie hält, zwar stark belastet, oder sie bricht. Und hier scheiden sich auch die mir bekannten Werdegänge (Leidenswege?). Hält die Partnerschaft, dann bleibt sie nicht ohne Probleme. Ganz aufschlussreich dazu unter Forum unter www.TransSisters.de.
Ich kenne wirklich nur ein einziges Paar mit einem Transvestiten, das augenscheinlich wirklich harmonisch lebt und ich beneide sie. Hält die Partnerschaft nicht, folgt seelische Zwiespältigkeit. Endlich kannst Du leben, wie Du es immer wolltest und wirst doch irgendwo einsam sein. Du wirst Menschen kennen lernen, denen es geht wie Dir und feststellen, dass Deine Bedürfnisse durchaus lebenswert sind. Und auch hier scheiden sich wieder die Wege. Der Eine ist zufrieden, der Andere sucht nach einer neuen Partnerschaft. Ob der Zufriedene wirklich zufrieden ist, kann ich nicht sagen. Findest Du eine neue Partnerin (oder auch Partner), dann schwörst Du jeden Eid, diesen Weg immer wieder zu gehen. Doch genau so sicher wird der Alltag Dich wieder einholen.
Leben ist weniger "Fummel", mehr soziale Beziehung. Nur, der Fummel setzt diesem Leben engere Grenzen. Ich habe mich entschieden, will und kann nicht zurück (wohin auch?).
Was also soll ich Dir raten? Geh behutsam um mit Dir und Deiner Umwelt. Und ruf mich noch mal an. Ich hab Dir eine Menge zu erzählen.

Bis hoffentlich bald
Sabine

Wochenmail vom 15.10.2000

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

heute an den Anfang einige organisatorische Dinge. Wegen der stetig wachsenden Anzahl der Empfänger dieser Mail (zuletzt gezählt 66), wird die Wochenmail über den Service von Ecircle versandt. Eure Mailadressen sind dort sicher hinterlegt, die Abwicklung übernimmt ein kleines Programm, mit dem ich eigentlich nichts zu tun habe - ich schicke nur die Mail los. Doch diese Programm kann noch mehr, als nur Mails verteilen. So wird unser circle dort zum Abonnement angeboten, Interessenten können sich automatisch anmelden und auch wieder abmelden. Ich erhalte dazu lediglich eine kurze Nachricht. Natürlich habe ich auch die Möglichkeit Teilnehmer selbst an- oder abzumelden. Eine andere Möglichkeit ist die Veröffentlichung von Beiträgen durch Teilnehmer meines e-circles an alle Teilnehmer. So können Kritik, Lob und andere wichtige Beiträge ebenfalls automatisch an alle Teilnehmer unkompliziert versendet werden. Ein solcher Beitrag ist von mir freizugeben, das macht Sinn, denn gelegentlich wird für eine persönliche Mitteilung an mich diese Adresse verwendet. Nur solche Beiträge werden von mir nicht weiter verteilt.
Ich sage das hier, weil mich gelegentlich sehr interessante Reaktionen zu den angesprochenen Themen erreichen und ich nicht immer in der Lage bin zeitnah zu reagieren und zudem unsicher, ob dieser Beitrag vielleicht auch die anderen Teilnehmer erreichen soll. Daher, und um Euch die Arbeit zu erleichtern, wird künftig jeder Wochenmail mit einer sogenannten Signatur versehen, die Euch die Möglichkeit bietet, je nach Bedarf zu reagieren. Wählt einfach den entsprechenden Link und sendet Eure Nachricht ab. Ich kann dann sicher sein, welcher Empfängerkreis angesprochen ist.
Zum Beispiel: Meine Freundin Gundula. Sie begleitet mich regelmäßig mit ihren kritisch aufmunternden Kommentaren und, was mich besonders freut, mit Versen, die mal einfach nur schön sind und mal zu neuem Nachdenken anregen. Zu meiner Mail vom 1.10. - Ihr erinnert Euch an das Thema "Fetisch, Sexualität und Fummel" (zu letzterem Begriff gibt es noch einiges zu sagen) - hat sie ein Gedicht geschrieben, das ich hier einfach mal wiedergeben will:

Etikettenschwindel
Ich kann den Etikettenschummel
mit Trans- sex, oder –vest nicht leiden.
Den „Transvestiten“-, „Transen“-Rummel
und gern auch so ein Wort wie „Fummel“
will ich vermeiden.
Ich mag es, so wie „Frau“ zu sein,
weil ich das „Frausein“ liebe.
Genügt mir nur der bloße Schein,
schlüpf ich in ìhre Kleider `rein
und nicht in ihre Triebe.
Ich möchte, was ich bin und mag,
nicht ordnen und bewerten.
Gefühl ist, was ich in mir trag`,
und vielleicht Dir zu sagen wag`,
nicht den Banausen und Gelehrten.
Ich will beim Kategorisieren
nicht, dass mir wer ein Bein stellt,
und nicht mich selber diffamieren,
mich nicht auf den Teil reduzieren,
der mir zum Stempeln grade einfällt.
Ich denke manchmal vor mich hin:
Es ist so falsch, wie ich es mache,
und es macht auch keinen Sinn,
dass über den, der ich doch bin,
ich mit den and`ren lache.

Das ist ein Beitrag zum Thema! Ich hab die Zeilen mindestens zwanzig Mal gelesen und in mir rührt sich genau so viel Andersdenken, wie Anerkennung. Lässt man (frau) sich die Worte auf der Zuge zergehen im Kopf verdauen, dann sind wir wieder dort, wo jede Diskussion über unsere Leidenschaft (Fähigkeit, oder Ambitionen, oder Neigung, oder, oder) letztlich endet. Die persönlichen Ansätze und Absichten eines jeden Transgenders sind so unterschiedlich wie unsere kompletten Namen. Übereinstimmungen sind statistisch kein Problem. Doch wann trifft man schon mal jemanden, der (die) genau so heißt, wie man selbst?
"Ich mag es, so wie „Frau“ zu sein, weil ich das „Frausein“ liebe." Nein, ich will nicht wie Frau sein, sondern benutze das "Wiefrausein" als Transportmittel für genau das "Gefühl..., was ich in mir trag`" und "schlüpf ... in ihre Kleider `rein und nicht in ihre Triebe". Mal ganz unabhängig davon, was Gundula selbst in diesen Text legt, eine Anregung, mal etwas tiefer in sich selbst zu schauen, liefert sie allemal. Und deshalb soll diese Gedicht hier auch gelesen werden.
"Und gern auch so ein Wort wie „Fummel“ will ich vermeiden". Da hat Gundula noch mal einen in einer gesonderten Mail nachgelegt. Zitat:
"...deutlich zu machen, was mich an dem Ausdruck „Fummel“ stört: Er wertet das ab, was wir als Ausdruck unserer Persönlichkeit betrachten, weibliche Kleidung, was uns lieb und manchmal auch verdammt teuer ist. Wenn wir diesen Ausdruck verwenden, stellen wir uns gewissermaßen dort hin, von wo aus andere uns mit einer gewissen nachsichtigen aber eben auch hämischen Herablassung betrachten. Ich zitiere Erich Kästner, den ich sehr schätze:
„Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!“ - Zitat Ende.
Was soll ich dazu sagen? Ja, sie hat irgendwo Recht. Doch sollten wir nicht irgendwann aufhören, die deutsche Sprache neu zu erfinden? Ist es nicht wichtiger, bisher abwertende Begrifflichkeiten zu kultivieren? Das Wort "schwul" zum Beispiel ist längst von dem Grauen und den Vorurteilen befreit, das es noch vor zehn oder zwanzig Jahren hatte. Wenn ich mich "anfummle", trage ich die Frauenkleider, die ich im Moment besonders mag und komme für mich mit dieser Begrifflichkeit ganz gut zurecht. Und ich kenne Leute, die nun wirklich nicht in der Kleidung des anderen Geschlechts rumlaufen, die finden meine Fummel toll und ausgesprochen schick. Sie mögen mich eben als Mensch und nicht wegen meiner Kleidung - mit und ohne Fummel. Ja, und was den Herrn Kästner anbetrifft: Kernige Sprüche. Ich mag ihn auch. Doch jeder kernige Spruch, vereinfacht und generalisiert (ich bin ja selbst nicht frei davon). Sind wir doch mal ehrlich! Würden wir nicht auch gelegentlich mit einem lachenden Auge auf uns selbst blicken und bewusst die Klischees der Umwelt bedienen, wäre der Spaßfaktor unseres Tuns erheblich geschmälert.
Das fällt mir dazu ganz spontan ein.
Gundula und all die Anderen! Ich will es hier noch einmal öffentlich sagen, ich habe die Weisheit nicht gepachtet und freue mich ehrlich über jede Zuschrift. Auf diese Weise erhalte ich oft ganz andere Draufsichten zu den von mir angesprochenen Themen und komme in meiner eigenen Meinungsbildung weiter. Das ist gut so, bitte bleibt also weiter am Ball. Vielleicht ja künftig noch mehr öffentlich an alle Mailempfänger.
Ja, heute hab ich mal in der Vergangenheit gekramt, es war mir aber wichtig. Aktuell gäbe es auch noch einiges zu sagen und zu berichten. Doch der nächste Sonntag kommt bestimmt und damit die nächste Wochenmail.

Seid bis dahin ganz lieb gegrüßt
Sabine

Wochenmail vom 22.10.2000+

Guten Tag liebe Damen und Herren,

kennt Ihr das? Eigentlich ist ein schöner Tag, doch so richtig in die Gänge kommt man (frau) nicht. Das fängt beim Aufwachen an. Liegen bleiben will man nicht, denn es kommen immer dieselben Träume oder die wirklich schönen Träume bleiben aus (das ist genau so schlimm). Und aufstehen braucht man nicht, weil, es wartet nichts wirklich Wichtiges. Ein Tag, der ein Erfolgserlebnis wirklich nötig hat. An solchen Tagen, wenn sie denn da sind, widme ich mich endlich den Katastrophen meines Lebens. Nicht den Großen, die sind an einem Tag nicht zu stemmen. Doch da sind ja noch allerhand von den kleinen Katastrophen. Da wäre vielleicht der Ohrstecker, der erst gestern im Abfluss des Waschbeckens verschwand. Oder der Parkplatzschlüssel, der sich ebenfalls verkrümelt hat - und zwar im Armaturenbrett des Autos. Da wäre auch eine Fußbodenleiste endlich richtig zu fixieren. Oder sollte ich vielleicht die Laufmaschen - Strümpfe aussortieren? Nein der Anblick bringt nur Frust! Will sagen, es sind für mich oft nur Kleinigkeiten, die einem Tag dann doch noch einen Sinn geben. Ach ja, es ist ja auch Sonntag, Zeit für eine kleine Mail!
Eine Freundin hat gerade angerufen. Ich nenne sie hier mal M. M hat sich vor einigen Wochen gegenüber seiner Ehefrau zu seiner Leidenschaft bekannt und eine erst kleine, jetzt schon ganz gewaltige Lawine losgetreten, die kaum noch beherrschbar ist. Das ist eine von den erwähnten größeren Katastrophen, die Zeit, Geduld und unendlich viel Kraft bedürfen. Keiner hält eine solche Lawine auf, denn sie ist nun einmal in Bewegung geraten. Wichtig ist vielmehr, dass alle Beteiligten aus dieser Situation unbeschadet, besser noch gestärkt herauskommen. Schadensbegrenzung? Nein. Ich sage dazu Bereinigung. Es gibt immer wieder Situationen in denen die Beziehung zur Umwelt (und wenn man so will, die Beziehung zur Beziehung) bereinigt und begradigt werden muss. Die Frage ist nur, ob und wann man es tut. M hat es getan (wie so manche von uns) und stellt nun fest, dass das Heft des Handelns nicht allein in Ihren Händen liegt. So geht das. Aktion erzeugt Reaktion, meistens jedenfalls. Und genau hier liegt das Problem.
Nehmen wir mal den Ohrstecker im Traps. Als handwerklich durchschnittlich gebildeter Mensch, begebe ich mich auf die Suche nach einer Rohrzange (da ist sie ja) und drehe am Verschluss. Was passiert? Wasser kommt aus allen Ritzen und zwar in ungeahnten Mengen. Kein Problem, denn das Badehandtuch befindet sich in unmittelbarer Nähe und hält genau so lange stand, bis ich den Wassereimer gefunden habe. Eine noch größere Katastrophe konnte glücklich vermieden werden. Zur Problemlösung hab ich ein Handlungsmuster: ein wenig Grundwissen, ein wenig Findigkeit und Reaktionsvermögen bei auftretenden Problemen. Der größte Teil davon befindet sich in der inneren (virtuellen) Schublade mit dem Namen "Abflussprobleme". Was ich in der feuchten Situation gelernt habe, wird auch gleich noch mit reingestreckt.
Und nun die Ausgangssituation. Da kommt der Mann, den man liebt und mit dem man lebt und sagt, dass er eigentlich ganz gern Frauenkleider trägt und so auch ein wenig Frau ist. Aha! Schublade auf. "Abflussprobleme", nein hier nicht. Nächste Schublade "Frau". Hier? Nein, da passt er auch nicht rein, da bleibt immer ein "Zipfelchen" draußen. Schublade "Mein Mann". BH und Strumpfhose (und was da noch alles so ist) passt da einfach nicht rein.
Der Mensch ist nach meiner Überzeugung so strukturiert, dass er in allen Situationen nach vorhandenen Handlungsmustern sucht und eben dann die entsprechende Schublade öffnet. Ist eine da, dann kann man auch in diesem Zusammenhang gesammelte neue Erfahrungen ganz gut darin verstauen. Ich kenne eine ganze Menge Frauen, die haben auch eine Schublade "Transgender" oder meinetwegen "Transvestit". Na gut, da werden all die bunten Vögel reingepackt, die frau vielleicht mal gelegentlich kennen gelernt hat oder ihr auf andere Weise bekannt wurden. Und jetzt kommt M und will da auch rein. Diese Schublade ist aber "öffentlich" und nicht "privat"! Außerdem war M immer in der Schublade "Mein Mann" und da soll er auch bleiben.
Jetzt bald genug der Schubladen. Wir sind beim entscheidenden inneren Problem seiner Frau angekommen. Jetzt muss nämlich entschieden werden, ob M eine neue Lade bekommt oder die vorhandene nur umbeschriftet werden muss. Besser wäre die Umbeschriftung, denn was bisher drin war soll ja drin bleiben und wird endlich durch weitere, schon immer vorhandene Bestandteile ergänzt. Sie könnte heißen: "Mein Partner".
Und genau dieser Prozess ist nach meiner Erfahrung unendlich schwierig, erfordert besagte Geduld und auch ein gerüttelt Maß an Glück.
Bis zum endgültigen Ergebnis macht eine Beziehung so manche schwierige Phase durch. So ziemlich am Anfang (und gerade dort befindet sich M) bringt sie das Argument: "alle anderen, aber nicht meiner" oder "ich will einen richtigen Mann". Oh wie ich diesen Spruch liebe! Er begegnet mir allenthalben und nicht nur im Zusammenhang mit unserem besonderen Interesse. Was ist "ein richtiger Mann"?! Ich vermute genau das Gleiche, wie "eine richtige Frau"! Eine virtuelle Schublade, gefüllt mit nicht zu definierenden Traditionen, Vorurteilen, Wunschbildern, Idealvorstellungen und Ansprüchen, die in ihrer Summe (leider) nicht erfüllbar sind. Eine Schublade, die zugenagelt gehört!!! Denn ist sie zu weit geöffnet, verzerrt sich das Bild für die Realitäten. Und hinzu kommt, dass keine wirklich existierender Mensch da rein passt. Nur, sie ist eben da. Doch ich lasse nicht ab, so lange daran zu rütteln, bis sie wenigstens ein wenig verklemmt und nicht mehr ganz so einfach zu öffnen ist.
Genau das wollte ich heute sagen.
Der Ohrstecker war übrigens schon längst bei den Fischen und das Ding mit dem Schlüssel im Armaturenbrett werd ich wohl einem Fachmann überlassen, der hat dafür schon ein Verhaltensmuster. Ich hab mit meinen eigenen Schubladen genug zu tun.
Bis zur nächsten Woche.

Viele liebe Grüße
Sabine


Öffentliche Reaktionen:

22.10.00
Bravo, Bravissimo!   Carla...

22.10.00
Hallo liebe Sabine,
seit einigen Wochen erhalte ich Dein Wochenmail. Jedes mal freue ich mich über Dein Zeilen, und jedes mal denke ich, ich sollte Dir darauf antworten. Diesmal muss ich es tun.
Deine Worte waren so fanatisch gewählte das ich sie sofort ausdruckte und meiner Frau zu lesen gab. Noch nie hat jemand diesen Sachverhalt so perfekt und fast schon philosophisch definiert wie Du es getan hast. Seit 20 Jahren bin ich TV und seit 10 Jahren glücklich verheiratet. (Weiteres siehe Biographie unter: http://members.tripod.de/ConnyBuck ) Ich kennen unendlich viele Geschichten von Transgendern, glückliche, unglückliche, depressiv usw. Man entdeckt diese Geschichten in der unendlichen Weite des Internets. Aber noch nie wurde, meiner Meinung nach, es so auf den Punkt gebracht wie heute, von Dir. Danke!
Mach weiter so!
Cornelia Buck

Wochenmail vom 29.10.2000

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

gestern (bis heute) war mal wieder Geburtstagsparty, die von Regina ein paar Tage später und meine zwei Tage zu früh. Meine Wohnung war rappelt voll und die Stimmung hat Wellen geschlagen - darüber wird man in meinem Wohnhaus noch lange reden. Für mich war es die zweite Party dieser Art und ich finde, man kann das Ende der Sommerzeit nicht besser begehen.
Wir (Regina und ich) hatten alle unsere Freunde und Freundinnen eingeladen und die meisten sind auch gekommen. Schön, wenn man so viele Freunde und Freundinnen hat und das nicht nur zum feiern. Mir ist das wichtig, denn bis vor gut zwei Jahren hab ich alle meine Träume, Sorgen und Freuden mit kaum jemanden geteilt. Nun, meine Probleme löse ich immer noch selbst. Doch wir wissen alle, dass ein guter Freund, der einfach nur wertfrei zuhören kann nicht mit Gold, sondern nur mit gleicher Zuwendung aufzuwiegen ist. Also hier noch einmal öffentlich: Schön, dass es Euch alle gibt. Und natürlich vielen Dank für die üppigen Geburtstagsgeschenke - ich hab es einfach nicht bis morgen ausgehalten, schon alles ausgepackt und an gebührender Stelle verstaut.
Wir habe eine ganze Nacht lang gefeiert, mäßig getrunken, übermäßig gegessen, viel und laut gelacht. Und wir haben natürlich geredet und diskutiert. Eines der Themen waren die „TransSisters“, Ihr Werdegang und auch ein kleiner Gedanke an ihre Zukunft.
Wie finden Transgender zueinander? Wie wohin, wenn die Frau im Mann bereit ist, die Hemmschwelle zu überwinden? Für mich war dieser Schritt der Einfachste in meinem Outing. So verrückt es klingt, ich hatte die Auseinandersetzung mit meiner Umwelt bereits begonnen, ohne dass ich den dringenden Wunsch hatte, mich in meinem Outfit in die Öffentlichkeit zu begeben. Das bloße Vorhandensein von einigen Wäschestücken, einem Rock und einer Bluse und die Vermutung, dass da ja noch mehr sein könnte, führten für mich zunächst in eine persönliche Katastrophe. Ein Ergebnis dieser „Katastrophe“ war (aus welchem Grund auch immer) der Verlust meiner bisherigen sozialen Bindungen und ein erster zaghafter Kontakt zu Menschen, die ähnlich veranlagt sind, wie ich.
Und da war eben ein(e) Freund(in), bei der ich zum ersten mal ein Kleid außerhalb meiner vier Wände getragen habe. Ich hab das Kleid noch und es erst neulich mal wieder anprobiert. Ich will es mal vorsichtig formulieren: es steht mir nicht besonders und ist wirklich nur bedingt für eine Kleiderspende geeignet. Dennoch, ich geb’ es nicht weg. Und dann war da eine andere Freundin, die mich einfach überredet hat mal mitzukommen zu einem der damals von (der in Berlin wohl legendären) Carola veranstalteten „Transentreffs“. Dann wesentlich aufwändiger, aber noch immer nicht perfekt ausgestattet, war ich einfach auf der Straße. Und ich hab mich unbeschreiblich wohl dabei gefühlt. Auch dieses Kostüm hab ich noch. Nun ja, vielleicht würde eine Kleiderspende Sinn machen. Ich war danach über fast ein halbes Jahr regelmäßige(r) Besucher(in) in „Carolas Treff“, der selbsternannten  „Transenbar Berlins“ und bin hier auf die Leute gestoßen, die sich heute selbstbewusst die „TransSisters“ nennen. Hier hab ich gelernt, mit meinen Absatzschuhen zu laufen und einige taugliche und untaugliche Garderoben- und Schminkversuche präsentiert.
Welch eine unbeschreibliche Aufbruchstimmung unter uns, den damaligen Gründungsmitgliedern der TransSisters! Wir haben jeden und jede angesprochen, Telefonnummern getauscht, es gab eine telefonische Schaltstelle für beabsichtigte Treffs und wer keine Gelegenheit zum Umziehen hatte, dem wurde Gelegenheit geboten. Jedes Ereignis war neu und spannend. Wenn nicht die ganze Welt, so war doch Berlin fest in unserer Hand. Und genau in diesem Prozess wurde „die Transenbar“ immer weniger „unsere Transenbar“. Es ist müßig, hier über unsere Versuche der Einflussnahme auf die Konzeption eben dieser Bar oder Carolas berechtigte wirtschaftliche Interessen zu philosophieren. Den Treff gibt es noch immer, doch „die Transenbar“ ist es wohl nicht mehr oder nie gewesen.
Da beklagt sich eine „junge“ Transe in einer Zuschrift an die TransSisters, dass sie so ziemlich allein in „Carolas Treff“ war und verbreitet ein wenig Ratlosigkeit. Sie hätte auch fragen können: „Wo soll ich hin, in meinen ersten Versuchen?“ „Wo kann ich mich ausprobieren?“ „Wer hilft mir auf dem letzten Stück Weg meiner Selbstfindung“?
Ich frage mich, was wäre aus mir geworden, wenn all die erwähnten glücklichen Umstände einfach nicht da gewesen wären? Und ich frage mich nach meinem Stück Verantwortung für die Menschen, denen es heute so geht, wie mir vor gut eineinhalb Jahren – meinen potenziellen Freunden und Freundinnen. Genau diese Frage lag am Samstag bei unserem Gespräch im Raum. Sicher, wir sind offen für jede und jeden, die (der) bei unseren Aktivitäten zu uns stößt, genau dafür werden die wichtigsten Termine im Internet veröffentlicht. Doch eine schlüssige Antwort auf die Grundfrage gab es nicht, das war auch nicht zu erwarten.
Würden wir diese erwähnte Verantwortung wirklich ernst und auch annehmen, dann wäre eine gewisse Institutionalisierung der TransSisters, einer bislang „losen Vereinigung“, unvermeidlich. Mal abgesehen, davon, dass es dafür vermutlich keine Mehrheiten gibt, fehlen dafür auch die personellen und wirtschaftlichen Potenziale. Gut, ich weiß, im Status der Gemeinnützigkeit sind diverse Förderungen möglich. Doch damit geraten wir in die Nähe von Selbsthilfegruppen, genau das wollen wir nicht sein.
Oder betrachten wir das Thema „Gruppendynamik“. Wie groß kann eine lose Gruppierung, wie die unsere werden, ohne, dass sie feste Strukturen zwingend erfordert? Das sind alles Fragen, die nicht nur mich beschäftigen. Und ich weiß genau so wenig eine Antwort (oder die möglichen Antworten gefallen mir nicht), wie so manche von uns. Sicher ist nur, dass wir uns über kurz oder lang diesen Fragen stellen müssen. Wir werden sehen, wie dann die Antworten ausfallen.
Ich will für mich versuchen, wenigstens den Leserinnen und Lesern dieser kleine Wochenmail ein paar Eindrücke und ganz persönliche Draufsichten auf mein Leben als Transgender zu vermitteln. Vielleicht hilft ja das schon ein wenig weiter.
Das Thema der Vergangenen Woche („ein richtiger Mann“) hat ja mal wieder tüchtig Wellen geschlagen.(Nachzulesen unter unserer HP www.TransSisters.de im Zweig Wochenmail/Archiv) So geht das immer, wenn man nicht damit rechnet. Öffentlich gemeldet haben sich zwei Zustimmungen. Die beiden Kritiken (ausnahmslos Frauen) konnten oder wollten sich nicht öffentlich äußern. Schade eigentlich, denn ich bin durchaus bereit, mich mit jeder auch anders gearteten Ansicht auseinander zusetzen. Und so unterschiedlich waren unsere Meinungen gar nicht. Deshalb hier noch ein kleiner Nachtrag:
Es gibt unterschiedlich Modelle für die Abbildung und Erklärung des menschlichen Verhaltens und seiner Routinen für die Problembehandlung. Ich habe hier sicher eines der unvollkommensten Modelle, das (wohl volkstümliche) „Schubladensystem“ gewählt. Übrig bleibt, dass jeder Mensch für die Bewältigung von Problemen ganz bestimmte Bewältigungsroutinen besitzt und natürlich auch eine ganz bestimmte Sicht auf diese Welt. Ich habe das alles in besagte Schubladen gelegt. Soweit sind wir uns ja auch alle einig. Klar muss aber sein, dass eben diese Schubladen ganz unterschiedlich, nämlich individuell gefüllt sind. Neben ausgewählten allgemeinen kulturell bedingten Bestandteilen befinden sich darin auch noch ganz persönliche, individuelle Draufsichten.
Und jetzt wird’s kompliziert. Ich habe unterstellt, dass jeder und jede von uns eine „Schublade“ „Mann“ oder eben auch „Frau“ besitzt, gefüllt mit Traditionen, Erfahrungen und Wünschen. Ich kann es nicht glauben, aber ich musste erfahren, dass nicht jede( r) eine solche Lade besitzt. Das ist der für mich nicht vermutete Idealfall. Was ich getrennt habe in „Mann“ „Mein Mann“ und „Mein Partner“ ist insgesamt stimmig. Ist das das Geheimnis einer wirklich funktionierenden Partnerschaft in der es keine Rollenverteilung in „Mann“ und „Frau“ und keine sonst wie gearteten geschlechtsspezifischen Verallgemeinerungen gibt? Ja, ich weiß, ich verallgemeinere hier vielleicht unzulässig einen sehr differenzierten Gedanken, doch die Möglichkeit eines solchen Zustandes stimmt mich überaus optimistisch (oder vielleicht doch nicht?).
Als nächstes, ja, auch ich habe eine Schublade „Frau“. Kennt Ihr die Fragestellung „wie soll deine Frau / dein Mann denn sein“? Also öffne ich die entsprechende Lade und lege dort all meine Erfahrungen, Wünsche und Träume rein. Was soll ich auch tun, sie ist ja zunächst noch leer und nicht personifiziert.
Und jetzt kommt der Punkt, den ich eigentlich beschreiben wollte (und wir bleiben hier mal beispielhaft bei der virtuellen „meine Frau“). Lerne ich nun ein Frau kennen und sie gefällt mir so, dass ich mich näher um sie bemühe, dann erfüllt sie schon ein gerüttelt Maß all der vorher für mich definierten Anforderungen und Eigenschaften. Der Knackpunkt ist eigentlich nur, dass dieses vorgedachte, erwünschte Profil nicht statisch sondern ausgesprochen flexibel sein sollte. Denken wir weiter und nehmen mal an, dass ich ein ausgesprochen sportlicher Typ wäre. Darüber bin ich leider längst hinweg, aber nehmen wir es einmal an. Ich wünschte mir mit meiner Partnerin viele sportliche Aktivitäten. Das kann sie aus irgendwelchen Gründen nicht. Aber sie kann wunderschön singen (oder besitzt eine andere bisher nicht geahnte Eigenschaft). Ich öffne meine Lade und tausche „Sport“ gegen „Singen“ aus. Sie gesteht mir Ihre Leidenschaft für irgendeine abgefahrene Musikrichtung. Die Möglichkeiten meiner Reaktion: Ich könnte mich ja mal dafür interessieren oder damit kann ich gut leben – also rein in die „Lade“. Und so wird im Prozess des Kennenlernens und Lebens ein ganz individuelles Bild „Meine Partnerin“ geprägt. Darin können auch ein paar Eigenschaften sein, die man vorher nicht so gewollt hat. Doch die angenehmen, für mich wichtigen Eigenschaften überwiegen. Ich bin sicher, die für mich wesentlichen Eigenschaften wären aus der virtuellen Lade nicht zu entnehmen oder austauschbar aber durchaus formbar. Vorstellbar ist für mich auch das Hinzufügen neuer ungeahnter Eigenschaften. Nur müssen wir uns auch darüber im Klaren sein, dass diese Möglichkeit bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist. Und jetzt, liebe Christiane, bin ich wieder bei Dir. Die Schublade „Frau“ bliebe für immer verschlossen und wäre bald vergessen. Einzig wichtig wäre „Meine Partnerin“. Stelle ich mir vor, dass dieser Mechanismus bei der potenziellen Partnerin / dem Partner genau so funktioniert, dann müsste man noch ausführlich über einen „Ausgleich der Potenziale“ nachdenken, denn auch das ist sicher nicht ohne Bedeutung. Doch derlei Gedankengänge will ich Euch selbst überlassen.
Bezogen auf die Situation meiner Freundin M, wäre also zu klären, was seine Frau unter einem „richtigen Mann“ versteht und welche Eigenschaften davon austauschbar, hinzufügbar oder unabdinglich sind. Gerade bei länger währenden Partnerschaften macht sich eine gewisse Statik in Bezug auf die Beurteilung des Partners und seiner Eigenschaften breit. Das hat auch Sinn, denn jede Partnerschaft braucht auf Dauer Zuverlässigkeit. Diese Statik ist nur sehr schwierig und mit viel Geduld und Gefühl zu durchbrechen. Und es ist immer noch offen, welche Eigenschaften wirklich infrage gestellt werden dürfen. Ich hab das in meiner Ehe nicht geschafft und kenne einige Andere, denen es ähnlich erging.  Aber ich wünsche unserer Freundin M eine glückliche, geduldige Hand, denn nicht alles hängt allein von seiner Frau ab.
Und ich wünsche Euch allen eine erfolgreiche Woche.

Viele liebe Grüße
Sabine