Hallo liebe „Schwestern“ und Fans der Trans-Szene.

Fotos Ricarda

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Ich freue mich, hier als Freundin der TransSisters Berlin auftreten zu können und möchte dazu mal ein paar Hintergründe zum Besten geben. Viele mögen oberflächlich gesehen sagen: Schon wieder so ‘ne alte Transsexuelle (TS). Aber ich will gerade das mal zum Thema machen.

Was ist denn alt? Ich fühle mich nicht so, ich fühle mich vielmehr erfahren, bin im Gegensatz zu sehr vielen anderen dominant und nicht schüchtern, gehe offensiv mit meiner Transsexualität um und habe auch noch was Jugendliches an bzw. in mir: Zum einen bin ich etwa seit dem Jahr 2000 auf dem Weg, das zu werden, was ich bin (ist ja noch fast jung). Ferner bin ich seit 2011 regelmäßig bei den TransSisters in Berlin, also noch viel jünger. Und last not least habe ich im Februar 2015 meinen erst  3. Geburtstag gefeiert – den Tag genommen, an dem ich nach jahrelanger Hormoneinnahme meine Brust-OP hatte und endlich Ricarda wurde.

Ich muss zwar immer rund 400 km zum Stammtisch nach Berlin anreisen, lasse es mir aber nicht nehmen, wenigstens einmal im Monat dort zu sein, wo ich Unterstützung, neue Freundinnen und Freunde gefunden habe und wo ich mich immer wieder wohl fühle – auch wenn es nur ein paar Stunden sind. Ich habe hier ein Stück Familie gefunden, das ich nicht missen möchte und freue mich, dass meine Frau mich unterstützt, ganze Wochenenden auf mich verzichtet und mir zeigt: Du als Mensch bist mir wichtig.  

Viele TV/TS leben ihr „Anderssein“ nicht in der Öffentlichkeit aus, sondern trauen sich nicht aus der Stube --- falsch. Kommt raus aus der Ecke, zeigt Euch und macht klar: Auch Trans sind ganz normale Menschen. Das hat der Lesben- und Schwulenszene geholfen und nur das kann auch uns helfen, Anerkennung in der Gesellschaft zu finden. Nur wenn die erkennt: Trans sind ja auch Menschen, nur in einer anderen Hülle, nur dann kann man das umsetzen, was das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) in Deutschland schon rund 10 Jahre lang regelt: Gleichbehandlung! Wie wollen wir die einfordern, wenn wir uns verstecken, wenn wir nicht die Öffentlichkeit, nicht das Verständnis für unsere Situation suchen, nicht klar machen, dass es sich bei uns um keinen Tick handelt, sondern um eine im Sinne des AGG sexuelle Identität, die ihren Platz in der Gesellschaft haben muss, auch wenn in einigen Medien, Transsexualität pp. immer wieder mit lächerlichen oder peinlichen Figuren oder mit Drag Queens wie Olivia Jones als normal dargestellt wird. Wir sind nicht lächerlich, wir sind nicht peinlich, wir treten nicht in den großen Shows auf und sind dennoch keine zu missachtende Randgruppe der Gesellschaft – egal ob Transsexuelle (TS) oder Transvestit (TV), egal welche „Nische“ besetzend.

Das zu erkennen gilt es nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für uns Trans selber. Und wer sich da erkennen will, ist bei uns, bei unseren Stammtischen oder Aktionen einfach gut aufgehoben. Viele von uns brauchen oder brauchten auf ihrem Weg (teilweise auch im Anerkennungsverfahren vorgeschrieben) psychologische Hilfe von Fachleuten. Ich brauchte sie nicht – und nicht zuletzt, weil ich die TransSisters Berlin hatte und habe. Ich bin dankbar dazu gehören zu dürfen und stolz darauf eine TS zu sein, die ihren Weg konsequent geht --- auch dank Euch liebe „Schwestern“ und Freunde der TransSisters Berlin.

Ich komme immer wieder gerne, freue mich, dass ich immer wieder „Neue“ mitbringen kann und hoffe, dass alle ihren Weg finden. Daher von ganzem Herzen: TransSisters Berlin – schön, dass es Euch, nein, schön dass es uns gibt. Ich bin froh ein Teil davon zu sein.  

Die Zeit vergeht, aber die Sisters sind immer noch meine Schwestern. Seit dem ersten Teil meines Berichts sind wieder zwei Jahre vergangen und es ist viel passiert. Inzwischen bin ich nicht mehr schwarzhaarig und nicht nur äußerlich hat sich was getan. Ich habe meine Transition im Jahr 2017 voran getrieben und lebe seit dem Juli 2017 endlich als Frau – mit neuem Personalausweis und Reisepass. Natürlich ist es ein langer Weg gewesen, aber er hat sich gelohnt. Endlich nicht mehr Mann im falschen Körper. Endlich Frau Ricarda Laura-Mareen Scholz.

Aber auch in der Familie hat sich etwas getan. Meine Frau hatte halt einen Mann geheiratet und ist hetero. Für sie war es so schwer, mich auf meinem Weg zu begleiten und nach über 30 Jahren Ehe war es mehr ein dulden oder akzeptieren meiner Wandlung, denn wirkliche Liebe. Und wenn ich den Weg zur Frau gehe, um glücklich zu sein, dann will ich auch 100 % Glück empfinden. Ich habe eine neue große Liebe gefunden, die mich so wie ich bin mit ganzem Herzen liebt und habe mich von meine Frau getrennt. Zum Glück im Guten und wir schaffen es wohl, die bisherige Familie auch positiv einzubinden. Meine Transition war überall positiv aufgenommen worden. Auch im Freundes- und Bekanntenkreis.

Für meinen letzten Schritt, die Trennung, hatten nicht alle Verständnis, gerade weil man die Transition positiv angenommen hatte. Aber ich habe jetzt eine neue, eine zweite Familie und bin im Oktober nach Ost-Sachsen gezogen. Es sind nur wenige Kilometer bis zur polnischen und zur tschechischen Grenze. Helen, ihre 8jährige Tochter Lea und Kater Elvis sind jetzt meine neue, meine zweite Familie. Wir haben eine neue Wohnung gemietet und starten jetzt ein neues Leben. Ein Leben, in dem ich hoffe, dass unser Glück anhält. Wir wissen:  Ewig gibt es nicht – darum versuchen wir es mit „für immer“.

Und auch wenn jetzt das Geld knapper sitzt: Berlin einmal im Monat ist für mich selbstverständlich. Die Sisters gehören zu meinem Leben.