Hallo...


sonja 1Ich war wohl ein süßes Mädchen, schöne blonde Locken. Meine Oma fand das super, meine Mutter geht so. Zumindest bis kurz vor der Schulzeit. Dann durfte das nicht mehr sein, auf dem Dorf, in den 50er und 60er Jahren. Es gab Schläge, Demütigungen, Drohungen. Wenn du nicht aufhörst damit, dann …

Ich bekam es mit der Angst zu tun. So sehr, dass ich mein Selbst tief in mir einschloss, einen Avatar ins Leben entsandte, schließlich vergaß, wer ich war. Mein Avatar machte seine Sache ganz ordentlich: Schule, Uni, Beruf. Ich bin nicht mehr aufgefallen. Aber ich war unglücklich. Irgendetwas war mit mir nicht in Ordnung, ich wusste bloß nicht, was.

Mit 30 Psychotherapie. Ich erkannte – immerhin -, dass ich mich selbst eingeschlossen hatte, aber nicht, was ich war. In der Folge erstmal Aufschwung. Ich entdeckte meine „weibliche Seite“: trug einen Ohrring, war beziehungsfähig. Meine erste Beziehung zerbrach, meine zweite wurde dann große Liebe. Ich gab mir richtig Mühe, ein guter (Ehe-)Mann zu sein. Aber das Unglücklichsein brach sich wieder Bahn. Wie ein Wasserfleck an der Decke, den man mit Dispersionsfarbe überstrichen hat. 2002 begann der Niedergang. Ein schwerer Skiunfall – zu viel riskiert. Die Abteilung passt nicht mehr ins Portfolio des Unternehmens – Signale überhört. Als Freiberufler nicht Fuß gefasst – wenn man Angst davor hat, dass im persönlichen Kontakt andere Menschen „enttarnen“ könnten, was man selbst nicht wahrhaben will und kann, funktioniert kein Networking. Schließlich ein Job, der den letzten Rest an Selbstbewusstsein zerlegt. Blutdruck 200:120. „Wollen Sie nicht eine Verhaltenstherapie zur besseren Stressbewältigung machen?“ Ja klar, will ich.

In der Therapie gelernt, dass der Stress vor allem aus mir selbst kommt. Dann eine Mitteilung meiner Psyche an mein Bewusstsein: „Wenn du willst, dass wir zusammenarbeiten, musst du wissen, dass ich ein Mädchen bin.“ Häh??? Geht’s noch?

Einer meiner Gedanken war lebenslang immer gewesen „wenn ich ein Frau wäre, wäre ich …“ Dass ich eine bin, kam nicht ernsthaft in Frage. Ich habe 8 Monate gebraucht, um das zu akzeptieren. Dann konnte ich die Geburt von Sonja zulassen.

Beratungsstelle, Selbsthilfegruppe, Sonntagsclub, schließlich Transsisters. So wie die bin ich auch Eine?? Ach du Sch….. Meine Psyche droht mir: „Lass dir ja nicht einfallen, einen Rückzieher zu machen!“. Also bin ich wiedergekommen.

Das Gefühl, wie meine Psyche mein Bewusstsein auf Zuschauermodus schaltet: als ich meine ersten weiblichen Kleidungsstücke kaufte: fünfmal den Kleiderständer umrunden, wenn eine Verkäuferin naht, aus dem Laden rennen, am Ende doch kaufen. „Was mache ich hier eigentlich? Bin ich jetzt vollends bescheuert?“

Manchmal könnte ich schreien, so viele Jahre vertan; wieviel Zeit bleibt mir, als Frau zu leben? Aber wozu? Schreien nützt ja nichts.

Folgendes Epigramm von 1974 mochte ich immer besonders: „Zwischen den Stühlen sitzt der Liberale – auf seinem Sessel“ . Na gut, für „Liberale“ würde ich was anderes einsetzen wollen, aber sonst: den richtigen Stuhl im Leben habe ich nicht gefunden, aber zu der kleinen feinen Minderheit von ca. 1 Promille (der Bevölkerung, nicht Suff!) zu gehören, soll mir jetzt ein Sessel für den Rest des Lebens sein (dabei denke ich nicht an die Sitz(?)-Möbel in der Bar Voyage).

Liebe Grüße!

Sonja.