Wochenmails 2000

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich sollte man (frau) denken, ich hätte für Weihnachten nicht so rasend viel zu tun, weil ich lebe ja allein. Das hatte ich auch gedacht, doch seit gut zwei Wochen wurde die Unruhe immer größer. Weihnachten mit meiner Familie findet in diesem Jahr auf heimischen Boden, bei mir zu Hause statt. Kinder und Kindeskinder kommen an Heiligabend schon zum Mittagessen, anschließend wird beschert und ein besonderes Ereignis gibt’s zudem.
Anfang dieser Woche hat der Freund einer Töchter bei mir offiziell um eben ihre Hand angehalten und er will sich an Weihnachten mit ihr verloben. Ich hoffe nur, dass sie ja sagt, sonst ist der Tag gelaufen. Aber ich bin optimistisch. Mancher mag schmunzeln oder gar die Stirn runzeln wegen eines solchen Gehabes. Ich weiß natürlich, dass ich nun überhaupt keinen Einfluss darauf habe, wen die Tochter heiratet – das hat sie ja ohnehin schon einmal getan. Ich find’s trotzdem nett und war ganz gerührt. Und ich bin auch stolz und geehrt. Vor nun schon etlichen Jahren habe ich mal zu einer Gelegenheit in unserer Familie verkündet, dass ich es schon richtig finde, wenn die zukünftigen Schwiegersöhne formvollendet um die Hand der Töchter anhalten. Im Verlaufe der Jahre habe ich viel verkündet, darunter auch notwendige Regeln des Zusammenlebens. Denkt Ihr etwa die Bande hätte sich je daran erinnert oder gar gehalten? Mitnichten! Doch jeder potentielle Schwiegersohn hat von meiner Regel des Ehebegehrens mit meinen Töchtern erfahren und sich auch daran gehalten. Sieh mal an, manchmal haben sie mir auch zugehört. Für mich ist diese, eigentlich unwichtige Angelegenheit ein Beweis der Achtung und der Verbundenheit der mir das Herz wärmt. Nun, ich brauche das manchmal und genieße es.
Der Festtagsstress hat mich also erreicht und befindet sich fast auf dem Höhepunkt. Ich habe Weihnachtsgeschenke gekauft ohne Ende, sollt doch jeder bedacht werden, den ich mag. Die Geschenkliste hab ich wohl 10 mal umgeschrieben und neu sortiert. Alles um nun festzustellen, dass ich nicht jeden beschenken kann und irgendwo auch nicht brauche. Weil, auf Geschenke kommt es eigentlich gar nicht an. Ich kenne Situationen, in denen wird Zuneigung mit großzugigen Geschenken erkauft. Jedes mal zu Weihnachten, Ostern oder zum Geburtstag ist Zahltag, wird der Zuneigungsvertrag verlängert. Wichtiger und viel nachhaltiger ist für mich das gemeinsame Erleben und die Zuwendung in guten, wie in schlechten Zeiten. Und schön ist, wenn diese Zuneigung mit einem kleinen Geschenk unterstrichen wird.
Den eigentlichen Weihnachtsabend verbringe ich selbst dann mit meinen Eltern und meinem Bruder.
Es ist mindestens 30 Jahre her, dass wir in einer solchen Runde am Heiligabend zusammen waren. Für einen Augenblick werde ich wohl auch an meinen schon vor Jahren verstorbenen leiblichen Vater denken. Übrigens haben wir alle vereinbart, uns gegenseitig nur Kleinigkeiten zu schenken.
Das war die Weihnachtsmail 2000.
Ich bedanke mich für die vielen herzlichen Weihnachtsgrüße, die ich inzwischen erhalten habe und wünsche Euch allen beschauliche Weihnachtsfeiertage, viele kleine Geschenke und noch mehr Nähe.

Viele liebe Grüße
Sabine

Wochenmail

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich sollte man (frau) denken, ich hätte für Weihnachten nicht so rasend viel zu tun, weil ich lebe ja allein. Das hatte ich auch gedacht, doch seit gut zwei Wochen wurde die Unruhe immer größer. Weihnachten mit meiner Familie findet in diesem Jahr auf heimischen Boden, bei mir zu Hause statt. Kinder und Kindeskinder kommen an Heiligabend schon zum Mittagessen, anschließend wird beschert und ein besonderes Ereignis gibt’s zudem.
Anfang dieser Woche hat der Freund einer Töchter bei mir offiziell um eben ihre Hand angehalten und er will sich an Weihnachten mit ihr verloben. Ich hoffe nur, dass sie ja sagt, sonst ist der Tag gelaufen. Aber ich bin optimistisch. Mancher mag schmunzeln oder gar die Stirn runzeln wegen eines solchen Gehabes. Ich weiß natürlich, dass ich nun überhaupt keinen Einfluss darauf habe, wen die Tochter heiratet – das hat sie ja ohnehin schon einmal getan. Ich find’s trotzdem nett und war ganz gerührt. Und ich bin auch stolz und geehrt. Vor nun schon etlichen Jahren habe ich mal zu einer Gelegenheit in unserer Familie verkündet, dass ich es schon richtig finde, wenn die zukünftigen Schwiegersöhne formvollendet um die Hand der Töchter anhalten. Im Verlaufe der Jahre habe ich viel verkündet, darunter auch notwendige Regeln des Zusammenlebens. Denkt Ihr etwa die Bande hätte sich je daran erinnert oder gar gehalten? Mitnichten! Doch jeder potentielle Schwiegersohn hat von meiner Regel des Ehebegehrens mit meinen Töchtern erfahren und sich auch daran gehalten. Sieh mal an, manchmal haben sie mir auch zugehört. Für mich ist diese, eigentlich unwichtige Angelegenheit ein Beweis der Achtung und der Verbundenheit der mir das Herz wärmt. Nun, ich brauche das manchmal und genieße es.
Der Festtagsstress hat mich also erreicht und befindet sich fast auf dem Höhepunkt. Ich habe Weihnachtsgeschenke gekauft ohne Ende, sollt doch jeder bedacht werden, den ich mag. Die Geschenkliste hab ich wohl 10 mal umgeschrieben und neu sortiert. Alles um nun festzustellen, dass ich nicht jeden beschenken kann und irgendwo auch nicht brauche. Weil, auf Geschenke kommt es eigentlich gar nicht an. Ich kenne Situationen, in denen wird Zuneigung mit großzugigen Geschenken erkauft. Jedes mal zu Weihnachten, Ostern oder zum Geburtstag ist Zahltag, wird der Zuneigungsvertrag verlängert. Wichtiger und viel nachhaltiger ist für mich das gemeinsame Erleben und die Zuwendung in guten, wie in schlechten Zeiten. Und schön ist, wenn diese Zuneigung mit einem kleinen Geschenk unterstrichen wird.
Den eigentlichen Weihnachtsabend verbringe ich selbst dann mit meinen Eltern und meinem Bruder.
Es ist mindestens 30 Jahre her, dass wir in einer solchen Runde am Heiligabend zusammen waren. Für einen Augenblick werde ich wohl auch an meinen schon vor Jahren verstorbenen leiblichen Vater denken. Übrigens haben wir alle vereinbart, uns gegenseitig nur Kleinigkeiten zu schenken.
Das war die Weihnachtsmail 2000.
Ich bedanke mich für die vielen herzlichen Weihnachtsgrüße, die ich inzwischen erhalten habe und wünsche Euch allen beschauliche Weihnachtsfeiertage, viele kleine Geschenke und noch mehr Nähe.

Viele liebe Grüße
Sabine

Wochenmail

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

zum Glück habe ich heute keine weiteren Verpflichtungen. Ich konnte also lange schlafen, hab mir frische Brötchen im Laden um die Ecke geholt und mich nach dem Frühstück noch einmal für eine gute Stunde im Park von der Sonne bescheinen lassen. Ganz witzig war mein Brötchenkauf – ich hatte nämlich vergessen, dass ich noch immer knalle rote Fingernägel habe. Die Leute in dem Laden kennen mich schon, jetzt haben sie wenigstens noch was zu tuscheln. Wie auch immer, der Lack bleibt für heute noch dran – eine ganz hübsche Erinnerung an die letzte Nacht.
Gestern war ich nämlich auf einer eher privaten Party bei der Freundin einer Freundin, namens Rosi. Mit mir waren da noch mindestens 25 andere Gäste, darunter auch der „harte Kern“ der TransSisters, aber eher überwiegend Leute, die ich bisher nicht kannte und zudem mit ihren Geschlechterrollen ganz zufrieden schienen. Geht man (frau) zu einer solchen Party, so ist es zumindest bei mir, dann spielt das Outfit eine wichtige Rolle. Ich hab mir also alle Mühe gegeben eine würdige Vertreterin der Gattung TransGender zu sein, mein wohl schönstes Kleid gewählt und mit dem neuen Mieder darunter, recht erfolgreich an der Korrektur meiner körperlichen Proportionen gearbeitet. Ich hab mich wohl gefühlt, eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Abend.
Etwas verspätet dort angekommen, war ich dann doch ein wenig überrascht, auf so viele, vor allem fremde Leute zu treffen und dazu noch auf kaum einen Mann im Kleid! Kennt ihr diese Situation? Da stehst du nun im Kleid unter Leuten, die zunächst erst mal nur freundlich gucken. Du hast dann zwei Möglichkeiten. Entweder du ziehst dich in eine Ecke zurück, bleibst bei deines gleichen, schlürfst an irgend einem Glas und schaust dem Treiben zu. Oder, du gibst dir einen Ruck und nutzt die „Chance des bunten Vogels“ und gehst mit freundlichem Lächeln auf dein Gegenüber zu. Und genau das hab ich gemacht. Kennen gelernt habe ich die unterschiedlichsten Menschen, alle zumindest für einen Abend interessant, so manche weit darüber hinaus. Einzelne würde ich gern wieder sehen und näher kennen lernen. Wenn das kein erfolgreicher Abend war?
Sicher, bei meinen Gesprächen wurde zunächst viel gefragt wer und wie ich warum bin. Doch das hat mich nicht gestört, im Gegenteil, denn ich habe noch immer das Bedürfnis mich den „normalen“ Menschen zu erklären und zu zeigen, dass ich genau so normal bin, nur eben etwas anders. Auf der anderen Seite gab’s auch recht interessante frauliche Gespräche über die Bequemlichkeit bestimmter Kleidungsstücke, die besten Klamottenläden bis hin zu unterschiedlichen Möglichkeiten der Nagelpflege und dem, was in Frau dabei abgeht, wenn sie sich bewusst in bestimmter Weise pflegt und kleidet. Schön dabei, ich war Gesprächspartnerin und die daran beteiligten Herren hatten von so manchem Gesprächsdetail nicht den blassesten Dunst (behaupte ich einfach mal ganz selbstbewusst).
Ganz wichtig für solche neuen Kontakte und Gespräche ist das Umfeld und das hat bis auf den letzten i-Punkt absolut gestimmt. Musik war nur dann laut, wenn die Masse der Gäste getanzt hat. Ganz aus der Situation heraus gab’s dann noch Gesang mit und ohne Klavier und das von Feinsten. Bianca, eine eher zart anmutende Frau, hat die Stimme einer Diva und wusste sie auch einzusetzen. Zum Schluss wurde es beschaulicher und nachdenkliche Gedichte gelesen. Ich hab wieder einen Namen auf meiner Liste der unbedingt zu lesenden Bücher, Natascha Wodin, eine Frau, mit viel Charisma. Ein wirklich runder Abend und eine angenehme Nacht.
Selten hat sich bei einem Ausflug der transsisterlichen Gemeinde eine so günstige Möglichkeit ergeben, mit scheinbar wildfremden Menschen in Kontakt zu kommen. Zu oft treten wir als „geschlossene“ Gruppe auf, sind zu sehr mit uns selbst und weniger mit unserer Umwelt beschäftigt. So zum Teil auch gestern. Richtig verstanden habe ich das nicht.
Aus meiner Sicht gab es vor nun fast eineinhalb Jahren zwei wichtige Aspekte, die uns zusammengeführt haben. Zum einen wollten wir gemeinsam unsere besonderen Interessen teilen uns gegenseitig stützen und fördern und zum anderen diese Interessen an den ganz normalen Orten mit quasi „Jedermann“ ausleben. Dieses Konzept war genau so lange erfolgreich, wie unsere Gruppe stetig wuchs und wir uns immer neue Lokalitäten erschlossen haben. Aus zunächst oberflächlichem Kennenlernen entwickelten sich für mich wirkliche Freundschaften und „gute Bekannte“ gibt’s zudem einige. Ich bin gern mit und unter den TransSisters.

Ich möchte zu diesem Thema eine kleine persönlich Geschichte erzählen, die sich für mich in bestimmten Ansätzen im Moment wiederholt:
In meinem früheren Leben hatte ich eine Freund, den ich schon aus der Schulzeit kannte. Wie es das Leben wollte, hatten wir in größeren Abständen regelmäßigen Kontakt miteinander. Da sich auch unsere Ehefrauen gut verstanden haben, hat sich unsere Beziehung schnell intensiviert. Wir waren viel gemeinsam aus, hatten unsere Stammkneipe und auch unser weiterer Freundeskreis war bald fast identisch. Der Gegenstand unserer regelmäßigen gemeinsamen Gespräche hatte irgendwann eine gewisse Routine. Zuerst wurden die neuesten Familienangelegenheiten ausgebreitet (Kinder, Oma und so weiter), danach gab’s die beruflichen Neuigkeiten und wenn die dann erschöpft waren, haben mein Freund und ich uns über die Vor- und Nachteile einzelner Computerkomponenten verständigt. Alles war in bester Ordnung. Wir hatten einen festen Tisch in der Kneipe (genau vier Plätze) und wussten, worüber wir dann beim nächsten Mal sprechen. Erst nach Jahren viel mir auf, dass diese Runde kaum einen Spielraum für andere Menschen und damit für neue Gedanken ließ. Unzufriedenheit hielt Einzug, ich hab mich geweigert immer mit denselben Freunden in immer dieselbe Kneipe zu gehen und von Computern wollte ich dann am Abend auch nichts mehr hören. Ich will es kurz machen. Im Zusammenhang mit meinem Outing als „Transe“ und der völligen Neusortierung meines Lebens, ist auch diese Freundschaft zu Bruch gegangen. Sicher, es gibt Einiges, das ich vermisse und gern in mein neues Leben mitgenommen hätte. Doch diese Abende und diese Gespräche fehlen mir nun wirklich nicht!
Hier will ich einfach mal meine wohl ausdauerndste und leidenschaftlichste Kritikerin zitieren: „Viele meinen, du sprichst in Rätseln, ... was will uns der Dichter sagen?“ Für wie viele meine wöchentlichen Zeilen wohl rätselhaft sind und bleiben kann ich natürlich nicht sagen (vielleicht gebt ihr mir dazu mal ein Feedback). Aber ich kann sagen, was ich mit dieser kleinen Geschichte meine. Freundschaften, wohl auch Beziehungen, leben nicht aus sich selbst heraus. Sie bedürfen neben dem gemeinsamen Leben und Erleben der Offenheit für neue Menschen und für neue Gedanken. Sie bedürfen neben gegenseitigem Verständnis und Achtung der Aktivität jedes Einzelnen. Tödlich ist Stagnation und Inaktivität und genau so tödlich ist das ausschließliche Warten auf die Aktivität des jeweils Anderen, möglicherweise mit dem Ziel um nachzuschauen, was daran wohl unvollkommen ist.
Noch deutlicher. Ich habe den Eindruck, dass sich unter uns TransSisters in der letzten Zeit ein wenig von der oben erwähnten Stagnation und Eingeengtheit breit gemacht hat. Und es geht mir in der Tat in dieser Gruppe um eine neue Qualität. Die Oberflächlichkeit ist längst vorbei - wir kennen uns zum Teil sehr gut. Doch wir drehen uns im Kreis, wenn es uns nicht gelingt, uns wieder für Neues zu öffnen und wir kommen dabei keinen Schritt weiter, wenn wir in abwartender Position verharren. Sicher, auch meine Rolle ist in diesem Gebilde nicht unumstritten und ich hatte in der letzten Zeit selbst einige Krisen durchlebt, die auch nicht spurlos an den TransSisters vorbei gegangen sind. …… Wie aber in jedem psychologischem Lehrbuch zu lesen steht, ist jede Krise auch die Chance für einen Neuanfang. Das gilt für mich ganz persönlich und das gilt auch für unsere Gruppe. Nun ist nicht alles Krise, was Krise genannt wird. Ich will hier auch nichts überbewerten. Doch mir liegt zu viel an meinem Freundeskreis, dass ich mich nicht recht zeitig darum bemühen wollte. Und vielleicht habe ich ja heute einen kleinen Anstoß für neue Entwicklungen gegeben.
War diese Mail nur für die TransSisters? Ich denke nein. Ich finde, dass jede soziale Beziehung gut gepflegt gehört. Vielleicht erscheint Euch so manche Passage der vergangenen Mails nicht mehr so rätselhaft. Und vielleicht macht Ihr Euch ja Gedanken darüber, „was der Dichter damit sagen wollte“.
Sicher ist auf jeden Fall, dass alles, was ich hier aufschreibe, allein nur meine Sicht auf diese Welt ist und so soll es auch bleiben. Für mich ist das wichtig. Ich sitze hier, sage, was ich denke und gleich nachher will ich tun, was ich gesagt habe.

Ich wünsche Euch allen eine schöne vorweihnachtliche Woche.
Viele liebe Grüße
Sabine

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

wirklich ereignisreich, die vergangene Woche. Sabine ist doch recht häufig unterwegs gewesen und noch viel wichtiger, wieder ein bisschen klüger in die neue Woche gekommen. Doch erzählen will ich hier nur von den Ereignissen der letzten zwei Tage.
Unsere Freundin Ara hatte angeregt, sich in der Urania den Film „Der Englische Patient“ anzusehen und dann einfach mal zu schauen, was sonst noch passiert. Gefunden haben sich für dieses Angebot nur drei „Mädels“ und getroffen haben wir uns schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn in der Cafeteria des Hauses. Ihr wisst ja, in einer kleinen Gruppe lässt es sich mal ganz gut schwatzen. Das haben wir auch getan. Erstaunlich, dass sich das unter der Woche meist eher mäßig gefüllte Haus immer mehr belebte, binnen 30 Minuten änderte sich das allgemeine Sprachgeräusch. Zunächst ziemlich für uns allein waren wir die bunten Vögel in Mitten einer immer weiter anwachsenden russischen Gemeinde – und die Chronisten des Abends verweilten in ihrem Kameraschwenk recht lange an unserem Tisch. Keine Angst, die Stimmung war ausgesprochen friedlich. Doch erstaunt war ich schon und die Vermutung, sich im „falschen Film“ zu befinden lag nahe. So war es dann auch. Unser Film war „aus technischen Gründen“ abgesetzt – bleibt zu vermuten, dass die erwähnte „Russische Gemeinde“ mal einfach den „englischen Patienten“ einkassiert hat.
Ja, und dann kam für den Abend eben Variante zwei zum Zuge, eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier, die wir eigentlich erst viel später und dann nur ganz kurz besuchen wollten. Eingeladen hatte Bianca (Ihr erinnert Euch an die schöne Stimme auf der Party der vergangenen Woche?) in eine Büroetage inmitten von Kreuzberg. Im Nachhinein eine gute Entscheidung. Wieder waren wir unter vorwiegend fremden Menschen und für mich angenehmen Gesprächspartnerinnen. Es ist schon wichtig, wie man (frau) eine solche Situation angeht. Ich will neue Menschen kennen lernen und habe wieder einmal festgestellt, dass mein Auftritt als Sabine dabei eher nützlich als hinderlich ist. Wenn ich den Schalter dann umgelegt habe, kann ich so offener auf mein Gegenüber zugehen und ein Gespräch beginnen. Später dann ist Sabine plötzlich nicht mehr wichtig, kaum noch präsent. Ich bin einfach nur Ich. Für diese Augenblicke stimmen Inhalt und Form im philosophischen Sinne überein. Für diese Augenblicke lebe ich.
Schön dazu, wenn die Gesprächspartner Interessantes und Neues zu berichten haben, schade, dass nicht in jedem Fall die Zeit ausreichte um alle Themen zu vertiefen. Witzig war eine Begegnung mit einer Dame, die sich gelegentlich als Paul in der kunstinteressierten Welt bewegt. Eine Sammlung von Bärten hat sie schon und sich für ein Modell endlich entschieden. Jetzt ist sie auf der Suche nach einem ultimativen Männerbauch, der gut in den Maßanzug ihres Vaters passt. Ist das nicht verrückt? Da stehe ich vor dem Spiegel, betrachte meine Bauch und meine flache Brust und im selben Augenblick steht jemand anderes ebenfalls vor dem Spiegel, mit genau entgegengesetzten Wünschen. Wir haben herzlich dazu gelacht und ich hoffe mal, dass ich die „Männer - Bauchwerdung“ weiter verfolgen kann.
Auch an diesem Abend gab’s gute Musik – aus der Konserve und auch handgemacht. Schön, wenn die Gäste einer Party nicht nur konsumieren, sondern auch agieren. Und noch besser, wenn diese Aktivität zu einem Genuss für alle Anwesenden auswächst. Ich beneide alle, die sich so ausdrücken können und wünsche mir manchmal selbst eine solche Begabung.
Krönung des Abends war die Tombola mit Preisen, die von der neuen Klobrille über ein Paar neue Pumps bis hin zu einem Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant reichten. Bei einem Lospries von einer Mark hatte ich zunächst zwei Nieten und beim nächsten Kauf den Hauptgewinn, das Abendessen gezogen. Ich hab noch nie zu einer solchen Gelegenheit wirklich was gewonnen und war ganz schön überrascht. Ich werde also zwischen Wehnachten und Sylvester in angenehmer Begleitung Essen gehen.
Insgesamt ein Abend, der mir sehr gefallen hat. Mit viel Neuem und einer angenehmen Vertrautheit, die einfach aus der Situation entstanden ist.
Am Samstag dann war „die Weihnachtsfeier“ der TransSisters, wie im schon vergangenen Jahr in mehr privatem Umfeld. Ich habe mich gefreut, mal wieder mit allen Freunden und Bekannten aus dem transsisterlichen Umfeld zusammen zu sein. Ein wichtiger Höhepunkt war der Julklap, zu dem jeder Gast ein kleines Geschenk mitgebracht hatte und eine richtige Weihnachtsfrau gab’s auch, mit gut einstudiertem Gedicht.
Natürlich kann es, wenn über zwanzig Menschen in einem Einpersonenhaushalt zusammenkommen, nicht die großen tiefschürfenden Gespräche geben und natürlich kann sich nicht jede(r) an allen Gesprächen beteiligen. In meinem Umfeld wurden zwei wichtige Themen eher kontrovers diskutiert.
Da war zu einen das Thema der gemeinsamen Sylvesterfeier. Hin und her. Ich habe gelernt, dass es wohl kaum möglich sein wird, alle Ambitionen und Interessen unter einen Hut zu bringen und der Grund dafür hängt eng mit dem Zweiten wichtigen Thema zusammen, nämlich die Frage des Umgangs miteinander insbesondere in Bezug auf die möglichen gemeinsamen Aktivitäten und die inhaltlichen Ansprüche daran. Man (frau) kann sicher unterschiedlicher Meinung sein, zu welcher Gelegenheit tatsächliche, scheinbare oder konstruierte Differenzen dazu auszutragen sind. Nur, selten genug gibt es Gelegenheit in entspannter Umgebung solche Gedanken raus zu lasen und eben einfach mal zu diskutieren. Ich habe diese Diskussion eine ganze Weile verfolgt, mich auch daran beteiligt und dann festgestellt, dass kaum jemand dieses Gespräch wirklich gewollt hat. Den aufgeworfenen Problemen haben sich wirklich nur wenige von uns gestellt. Ich war nicht immer mit jeder einer Meinung, das war auch nicht zu erwarten. Doch Ehrlichkeit wiegt in meinen Augen schwerer als bloßes Lavieren und viel schwerer als die Scheu vor der Auseinandersetzung. Und das war der eigentlich bedauerliche Teil dieser Diskussion. „Sisters“, von denen ich glaubte, dass sie ein vitales Interesse hätten, all das vermutete und unausgesprochene mal auszusprechen und sich zu reiben, haben sich mal einfach nicht an dem Gespräch beteiligt oder sind ihm (wohl absichtlich) ferngeblieben. Ich habe die Runde dann irgendwann verlassen, weil, für mich war diese Situation ausgesprochen kompliziert. Ich denke, dass ich mich in besonderer Weise in die Entwicklung unserer „Gemeinschaft“ involviert hatte. Ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht:
In einer Situation der Einsamkeit und durch mein Outing völlig ruinierten sozialen Beziehungen, stoße ich auf eine neue Gruppe, die mir naheliegende Interessen verfolgt. Was für ein Glück! Die neue Welt hat sich für mich geöffnet. Dazu verliebte ich mich in eine wichtige Schlüsselfigur des Geschehens. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung! Eigentlich war alles wieder so wie ich es mal hatte. Ich hatte eine Beziehung und aus dieser Beziehung heraus konnte ich mich um das Gedeihen des dazugehörigen Unfeldes kümmern. Konnte integrieren vorantreiben und eine Entwicklung beeinflussen(?). Endlich hatte ich wieder meine große Familie, das höchste Gut, das ich wohl je besessen habe. Die TransSisters als Vehikel für den Transport meines eigenen Egos? Vielleicht. Ziehe ich aber die Bilanz zwischen Geben und Nehmen, dann habe ich eher ein recht ausgeglichenes Gefühl. Nur, diese eigenartige unbewusste, innere Konstruktion hatte von Anbeginn keine Chance auf Dauerhaftigkeit – war eigentlich nur eine schöne Illusion und eine Verschnaufpause auf einem Weg, den ich zum Schluss ganz allein gehen muss. Mein Mehrwert aus den vergangenen Monaten repräsentiert sich in Form von wirklich guten Freundinnen und Freunden, die ich gefunden habe und auch nicht mehr los lassen will, denen ich vertrauen kann und die mir vertrauen, die ich verstehe, und die mich verstehen, auch wenn ich mal sprachlos bin.
„Der König ist tot. Es lebe der König!“
Was habe ich denn nun ganz persönlich gelernt? Gelernt habe ich, dass es nicht nötig und wichtig ist, dass in einer solchen Gruppierung, wie der unseren, nicht alle den gleichen Weg gehen wollen und können. Schnelle Einigkeit zu erzielen, gelingt nur in besonderen Aufbruchsituationen oder in kleinen homogenen Gruppen. Nicht jede(r) kann mich lieben, aber nicht jede(r), der mich nicht leibt ist mein Feind. Wie arm wäre das Leben, wenn immer alle der gleichen Meinung wären! Wie gut ist es doch, sich an anderen Auffassungen zu reiben zu können und daraus einfach mal was zu lernen. Die Vielfalt macht’s und davon haben wir eine ganze Menge zu bieten. Ich möchte darauf nicht verzichten.
Da sitze ich nun und überlege, wie weit ich denn diese "Nabelschau" noch treiben kann. Ursprünglich als kleine Info-Postille entworfen, wurden auf diesem Wege an den engeren Freundeskreis der TransSisters die neuesten Nachrichten und Verabredungen ausgetauscht. Wie schon mehrfach angemerkt, hat diese Mail sich dann verselbständigt und erreicht inzwischen einen Empfängerkreis, in dem die, die sich die TransSisters nennen, in der Minderzahl sind. Termine gibt es zudem nicht mehr mitzuteilen, dafür haben wir ja unsere Terminseite und für weitergehende Informationen gibt's ja auch noch das gute alte Telefon. Ich habe diese Mail immer mehr als eine Reflektion meiner Welt und meiner selbst begriffen und gestaltet. Die stetig steigende Anzahl der Empfänger (die sich im Übrigen alle freiwillig anmelden) zeigt, dass schon ein Interesse besteht, diese Zeilen immer und immer wieder zu lesen. Und doch ist mir, angesichts des sehr persönlichen Charakters, manchmal unheimlich dabei. Vor einigen Monaten habe ich mich gegen die Angebote gewandt, mich in einschlägigen Talk-Shows ausbreiten zu lassen und frage mich heute, wieweit sich diese Wochenmail von dem Darstellungsbedürfnis der dort Vorgeführten unterscheidet. Nun, ich kann über die Herangehensweise an das Thema selbst entscheiden und genau das ausdrücken, was ich wirklich meine. Die Mehrzahl der Zuschriften, die ich zur Wochenmail erhalte ist zustimmend und ermunternd, mich auch in der nächsten Woche wieder zu Wort zu melden. Kritiken sind ausgesprochen selten, regen immer zu neuem Nachdenken an und die Abmeldungen aus dem Verteiler kann ich an eine Hand abzählen. Wichtig ist für mich die Möglichkeit meine eigenen Gedanken zu sortieren - und häufig werden die Schlussfolgerungen auch in die Tat umgesetzt. Ich gebe zu, dass ich schon manchmal meine Mühe damit habe, aber ich versuche es wenigstens.
Und übrig bleibt in jedem Fall, dass ich, genau so wie Ihr, gespannt bin, was denn Sabine in der nächsten Woche schreibt.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Dritten Advent
Viele liebe Grüße
Sabine

Guten Abend liebe Freundinnen und Freunde,

heute mal nur eine kurze Nachricht. Nicht, dass Sabine in der vergangenen Woche nicht aktiv war und nicht, dass nichts zum Nachdenken gegeben hätte. Nein, ich bin halt nur noch nicht fertig mit Nachdenken. Außerdem hab ich mich heute mal so richtig vertrödelt. Dann war noch Kaffee trinken mit dem Kindern und ein Besuch bei Mutti angesagt. Es ist eben Advent, da wird es auch mal ein wenig ruhiger.
Ich wünsche Euch dennoch eine angenehme und erfolgreiche Woche.

Viele liebe Grüße
Sabine