Guten Abend liebe Freundinnen und Freunde,

heute waren zunächst die Dinge, die ich in Vorbereitung der nächsten Woche tun musste, wichtiger als die Wochenmail, die ich ja für gewöhnlich schon immer um die Mittagszeit beginne. Doch mir steht eine ziemlich heiße Woche bevor und da ist es schon besser, wenn man noch ein paar Kulissen schiebt, solange sie sich noch bewegen lassen. Doch jetzt bin ich für Euch da – ich geb ja zu, auch ein wenig für mich. Manchmal, wenn mehr Entscheidungen fällig sind, als man eigentlich will oder verkraften kann, muss jeder Prioritäten setzen. Das Eine tun und das Andere lassen, oder wenigstens verschieben.
Ich sage das, weil mir dieser Vorgang immer wieder begegnet, auch im transsisterlichen Dasein. Da hat die Eine neue berufliche Aufgaben, ist zudem noch erfrischend ehrgeizig und stürzt sich in die Arbeit. Die Andere befindet sich in einer kleineren oder größeren persönlichen Krise, ist unsicher im Umgang damit und zieht sich in ihr Schneckenhaus zurück. Die Nächste wiederum stellt fest, dass es an der Zeit ist, nicht nur den Gesetzten der Gruppendynamik zu gehorchen und entwickelt ganz eigene Initiativen. Und so hat es gelegentlich den Anschein, dass diese Prioritäten eher trennend, als verbindend sind. Falsch. Unendliches und bedingungsloses Gruppengetue ist oberflächlich und zerstörend. Wichtig ist, dass man (frau) von einander weiß und die anderen nicht im Abseits sehen lässt. Einfach gesagt und schwer gemacht. Das stimmt und funktioniert doch. Ich habe in den letzten Wochen noch nie so viel telefoniert und mit Leuten einfach nur mal so auf dem heimischen Sofa oder in der Kneipe gequatscht. Ich weiß von vielen kleinen Begegnungen, die nicht immer gleich das große Transsisters – Event waren. Und ich bin sicher, dass auf die derzeitige unübersehbare Distanz wieder wohltuende Nähe folgt.
Ich komme darauf, weil ich am Donnerstag eine Begegnung hatte, die in mir die Frage offen ließ, wie viel Nähe und gemeinsames Handeln braucht eine Vereinigung, wie die unsere oder auch eine Vereinigung von Transgendern schlechthin. Ausgangspunkt war eine Einladung der Wickstöckel -Veranstalter(innen), die die Einrichtung eines Berliner Transgender – Netzwerkes diskutieren wollten. Nun, die Veranstaltung war eher schlecht besucht, aber dennoch nicht uninteressant. Da war die Rede von einem dritten Klo in öffentlichen Gebäuden, die massenweise Beantragung der Streichung des Geschlechtes in der Geburtsurkunde (wozu ist das nötig?) und die Schaffung eines Transgender – Cafes als allgemeine Begegnungsstätte. Und es war die Rede von politischem Einfluss, der nur über einen Dachverband realisiert werden kann und dem Willen das fällige Transgendergesetz zu beeinflussen.
Das sind für mich Dimensionen, an die ich bisher nicht wirklich gedacht habe. Sicher, mir stinkt die allgemeine Diskriminierung von Menschen mit „abweichender geschlechtlichen Identität“ (so hat das glaub ich Hirschfeld bezeichnet) und ich stehe für die freie Entfaltung jedes Menschen. Ich persönlich brauch kein drittes Klo als „sozialen Raum“ und das Geschlecht, das in meiner Geburtsurkunde steht entspricht genau dem, was ich beim Duschen wasche. Ob ich regelmäßiger Gast in einer Transgender – Gasstätte wäre, ist nach den Erfahrungen mit Carolas Treff eher zweifelhaft. Und ob eine politische Lobby verhindert, dass Menschen, wie ich öffentlich angegafft und angefeindet werden, glaube ich auch nicht. Dennoch, meine Situation ist vielleicht etwas einfacher und übersichtlicher als die der Menschen, die kraft Gesetz an ihrer Verwirklichung gehindert werden. Um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen sind sicher auch spektakuläre Aktionen erforderlich. Ich find es wichtig, dass die unterschiedlichsten Interessengruppen in der Stadt von einander wissen und sich bei entsprechenden Gelegenheiten gemeinsam präsentieren und, wenn es sich anbietet auch gemeinsam handeln. Die Frage aber, wie viel inhaltliche Gemeinsamkeit ist für diese Handeln nötig, ist nur schwer zu beantworten. Zu unterschiedlich sind die Ansätze und Ziele beispielsweise der Transvestiten und der Transsexuellen. Das beginnt schon bei der sehr differenzierten Definition und Vereinnahmung des Wortes „Transgender“ und endet letztlich in der überaus differenzierten Stellung zu den geltenden Gesetzen dieses Landes.
Übrig bleibt eine wesentliche Gemeinsamkeit: Wir alle wollen mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Ein Erfolg wäre schon, wenn die als Transgender bezeichneten Menschen, ähnlich wie Schwule und Lesben in den geltenden Moralvorstellungen einen allgemein akzeptierten Status hätten. Das liebe Leute, kann ich aber nicht auf dem „Transgender – Klo“ erreichen – da bin ich ja wieder ausgegrenzt. Das erreichen wir nur, wenn sich möglichst viele Transgender zu ihrer Identität bekennen und zeigen, dass wir das Leben bunter und reicher machen. Ich  habe mich entschlossen, meinen Teil zu einem solchen Netzwerk beizutragen – ich denke das lohnt sich für mich und für uns alle.
Und die Sache mit dem Bekennen zur Identität, habe ich am gleichen Abend (zur Strafe) auch noch geübt. Obwohl mitten in der Woche und recht spät am Abend, ging es auf meinem hauseigenen Parkplatz und auch im Treppenhaus zu, wie auf dem Bahnhof Zoo. Als hätten sich alle Bewohner zu einem Begrüßungskomitee verabredet. Der eine Nachbar brachte mir galant den Parkplatzschlüssel ans Auto und die andere ließ mir den Vortritt im Fahrstuhl. Mein Gott hat mir das Herz geklopft! Eigentlich wollte ich mich ja in diesem neuen Haus nicht verstecken und so sein, wie ich bin. Als ich dann so war, hatte ich weiche Knie. Nun ja, das war Donnerstag Nacht, heute ist Sonntag. Meine Fensterscheiben sind  noch heil, die Tür ist nicht beschmiert und alle diese Nachbarn haben den netten Mann von nebenan wieder freundlich gegrüßt.
Ist das ein Stück von der Normalität, die wir alle wollen? Für mich schon, gewollt oder nicht.
Ich wünsche euch allen eine angenehme und erfolgreiche Woche.

Viele liebe Grüße
Sabine