Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

wieder ist eine Woche rum, eine Woche voller interessanter Ereignisse. Ich musste mir schon Zettel machen, damit ich nicht vergesse, was mir so alles eingefallen ist.
Das erste Ereignis fand bereits am Montag statt. Die ARD hatte eine Film im Programm mit dem Titel "Enthüllungen einer Ehe". Ich wäre auf einen solchen Titel eher nicht aufmerksam geworden, doch ich hatte schon vor Wochen im Newsletter von Transgenderlife (übrigens aus meiner Sicht sehr informativ unter www.Transgenderlife) gelesen, dass hier die Geschichte eines transsexuellen Mannes geschildert wird. Und das in der ARD! Das musste ich sehen. Und gesehen hab ich eine Geschichte, die insgesamt zu schön war, um wirklich wahr zu sein. Ich will gleich vorweg sagen: Gut, dass sich auch seriöse Filmemacher diese Themas annehmen und gut, dass die Öffentlich Rechtlichen solch einen Film auf den besten Sendeplatz setzen. Doch in einigen wichtigen Details, waren die Macher wohl eher schlecht beraten und gelegentlich auch in allgemein pauschalem Denken verhaftet.
Die Geschichte an sich ist schnell erzählt. Ein beruflich erfolgreicher, lange verheirateter Familienvater war unachtsam beim Verstauen seiner diversen Utensilien, seine Frau geht der Sache auf den Grund und folgt ihm in die Räume einer Selbsthilfegruppe in der entfernten Großstadt. Es kommt zur unvermeidlichen Konfrontation. Diese Situation, seine Ängste und die Sprachlosigkeit beider Partner und die darauf folgende Auseinandersetzung wurden aus meiner Sicht hervorragend eingefangen. Die Argumentation von ihm "ich kann darüber nicht reden" und von ihr "man kann sein Leben nicht austauschen, wenn es mal schief gegangen ist", "Du machst Dich lächerlich, und mich und deine ganze Familie. Du musst dich behandeln lassen" trifft aus meiner Sicht genau den Anfang einer solchen Situation. Und hier ist zunächst noch völlig gleichgültig ob der Betroffene gern eine Frau, oder eben nur wie Frau sein will.
Der Film versucht sich auch in Antworten. Warum leben so veranlagte Menschen häufig viele Jahre in scheinbarer Harmonie mit einer Frau und lieben sie bestimmt auch ehrlich? An einer Stelle bringt er es dann auf den Punkt: "Dein Körper erregt mich, ich stelle mir vor, es wäre mein eigener Körper. Männer haben alle den gleichen hässlichen Körper, wie ich". Ja, eine solche Denkweise kann ich nicht nur nachvollziehen, ich weiß von mir und anderen, dass es durchaus möglich und üblich ist, die eigenen Wünsche auf die Partnerin zu transportieren. Die eigene Unvollkommenheit wird zum Maßstab der Definition der Partnerin (umgekehrt des Partners). Gut aufgenommen, in diesem Zusammenhang, auch die bekannten Abläufe. Die Partnerin versucht die Situation durch verstärkte Zuwendung zu bereinigen. Das klappt zunächst (alle seine Frauensachen werden hier demonstrativ verbrannt), doch sie hat aus eben dieser Definition eigentlich keine Chance. Ich weiß inzwischen, das tut sehr weh. Sie erkennt, dass sie ihn wohl unwiederbringlich als Mann verloren hat und fragt: "Mein Mann wird das was er immer sein wollte, aber was wird aus mir?" Und hier verflacht die verfilmte Geschichte. Der Wandel der Haltung der Partnerin wird zwar im Zusammenhang mit seinem Selbstmordversuch in Szene gesetzt, doch die Frage, was bewegt sie, auch in der Phase des (für Transsexuelle noch immer unvermeidlichen) Alltagstests zu ihm zu stehen und mit ihm zu leben, wird nicht beantwortet. Nein, am Ende des Filmes begleitet sie ihn in den Operationssaal und erwartet in der Vorhalle der Klinik das Ende seiner männlichen Existenz und das endgültige Ende ihrer Beziehung. Sicher, wir alle kennen die Geschichten, die zum Teil auch im Internet kursieren, in denen die Partnerinnen den "Wandlungsprozess" bis zum Schluss begleiten. Doch was läuft in einer solchen Situation im Menschen ab, was muss er (sie) erkennen und durchleiden? Schade eigentlich ich hätte mir da etwas mehr Tiefgang erwartet.
Und dann die vielen Kleinigkeiten, die schlussendlich den Gesamteindruck nicht unerheblich prägen. Mal abgesehen davon, dass ich eine solche, wie die dargestellte Selbsthilfegruppe noch nicht gesehen oder erlebt habe (nun gut ich hab ja wirklich wenig Erfahrungen auf diesem Gebiet), ist es nicht gelungen die Rolle der Leiterin Vicky hier eine bereits "umgebaute" Transsexuelle adäquat zu besetzen. Das war nämlich eine Schauspielerin, mit zudem ausgesprochen weiblichen Erscheinungsbild. Ja soll denn der Zuschauer glauben, dass dieser Prozess wirklich bis hin zur perfekten Frau führt? Ich weiß aus einigen Gesprächen, dass die Probleme nach der OP lange nicht beseitig sind. Es sind genau so viele wie vorher, nur eben zum Teil etwas anders strukturiert. Und auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel. Ausgesprochen ungenügend verarbeitet, auch die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Da wird doch echt suggeriert, dass man(n) nur in eine Pension gehen braucht und dann einfach behauptet, dass öfters die Schwester vorbei kommen wird. Liebe Leute! Wer hat Euch denn diesen Quatsch erzählt! Welches Bild wird hier vermittelt? Sicher, auch ich kenne Transgender, die sofort als Frau durchgehen. Doch das ist längst nicht die Regel. Übrigens, in Hotels und Pensionen ist es eher die Regel, dass das Personal sich um solche Fragen nicht schert (sicher so lange der Frieden des Hauses nicht gestört wird) und eigentlich daran interessiert ist, die Zimmer zu vermieten. Und so gibt es noch einige andere Stilbrüche, die zu Teil doch schon recht weh tun. Schade eigentlich, es hätte mehr daraus werden können. Doch wie auch immer. Der Film ist insgesamt sehenswert. Ich empfehle Jedem, sich mal ein Video davon zu besorgen, oder auf die sicher baldige Wiederholung zu harren.
Ein anderes wirklich sehenswertes Ereignis, war der Besuch der Helmut Newton – Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, übrigens noch bis zum 7.1.2001 und Donnerstags bis 22:00 geöffnet. Newton ist sicher ein Star unter den professionellen Fotografen und das nach meinem Empfinden zu Recht. Viele wirklich gute Frauenbildnisse, auch Fetisch und immer gut fotografiert. Selbst der geschiedene und der aktuelle Kanzler haben sich ablichten lassen. Das Urteil bleibt sicher dem Betrachter überlassen. Insgesamt eine Kulturempfehlung, inzwischen ist auch der Besucherstrom etwas geringer geworden, man kann sich in aller Ruhe umschauen.
Letztes Ereignis der Woche, ein Blitzlicht aus dem Fernseher. Da hat doch der Bundestag mit Mehrheit der Koalition beschlossen, dass sich gleichgeschlechtliche Partnerschaften amtlich registrieren lassen können, sogar ein gleicher Name gewählt werden kann und (ich glaub) das Erbrecht damit verändert. Ein Schritt, der in den vergangenen Monaten gelegentlich diskutiert wurde und aus meiner Sicht sicher längst überfällig war. Während die Grünen von einer „großen Kulturrevolution, neuem Umgang mit homosexuellen Menschen" spricht, die nun endlich nicht mehr Menschen zweiter Klasse sind, hat die CDU-Fraktion mit Verfassungsklage gedroht. Sie befürchtet einen „Verstoß gegen Kultur, Familie und Gesellschaft“. Ah ja. Da haben wir es mal wieder. Die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ist denn doch relativ und immer vom Standpunkt des Betrachters abhängig. Die Deutsche Kultur (Leitkultur?) ist gefährdet! Wie wäre es, sehr verehrte Volksvertreter von der Opposition, wenn Schwule und Lesben (wie schon mal gehabt) als „undeutsch“ erklärt werden? Dann wäre diese Gruppe quasi wie Ausländer zu behandeln. Endlich könnte man Schwule und Lesben quotieren und den Überschuss einfach ausweisen. Eine tolle Sache, diese Leitkultur. Im Gegenzug bedienen all die Prostituierten nur noch Volksvertreter, die mit all den „abartigen“ Menschen auch leben wollen und können. Das wär doch was! Ob wohl dann ein Stimmungswechsel möglich wäre? Ich bin da ganz sicher. Ich hoffe mal inständig, dass es wirklich zu einer Klage vor dem Verfassungsgericht kommt. Dann wird sich die Stärke unserer Demokratie wirklich zeigen. Oder auch nicht? Spannend bleibt diese Thema allemal.
Was hat dieses Thema mit uns Transgendern zu tun? Nichts und sehr viel! Schwule und Lesben stehen uns wegen der ihnen entgegengebrachten mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz und natürlich auch wegen ihres für unsere Problematik schon eher vorhandenen Verständnisses näher als der Rest dieser Gesellschaft.  Für mich ist die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, auch wenn sie in letzter Konsequenz wieder nur halbherzig ist, ein Schritt in die Anerkennung des „Andersseins“.
Und in der Tat, die meisten Menschen sind anders als wir. Gewöhnen wir uns doch endlich daran, dass es auch Menschen gibt, die nicht schwul oder lesbisch sind und auch Menschen, die in nur einer Geschlechterrolle leben wollen und können. Davon gibt es eine ganze Menge – ich kenne auch welche. Aber ich komme ganz gut damit zurecht. Sie sind aus meiner Sicht zwar insgesamt arm dran, aber ich akzeptiere ihren Wunsch so zu leben und denke nicht daran sie mit halbherzigen Gesetzen oder gar mit Verfassungsklagen zu diskriminieren.
So, das soll es für diese Woche gewesen sein. Diesmal nicht gerade sehr persönlich. Oder doch?

Ich wünsche Euch allen eine angenehme, erfolgreiche und diskriminierungsfreie Woche.
Viele liebe Grüße
Sabine