Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich sollte ich mich anziehen und eine Stunde in den Park gehen, wer weiß, wie das Wetter in den nächsten Tagen wird. Ich denke, ich werde es auch noch tun, doch zunächst erst mal die neuesten Neuigkeiten  aus meiner kleinen Welt.
Ich hab mich ja in den vergangenen Wochen doch eher etwas schwerer getan bei meinen transsisterlichen Ausflügen. Auch bei mir hat sich eine Art Kriegsmüdigkeit eingestellt – zumindest was die regelmäßigen Bar- und Diskobesuche in der Gruppe anbetrifft. Für mich war einfach wichtiger, mich mit meinen Freunden und Freundinnen eher im kleinen Kreis zu treffen, nicht einmal immer in der bevorzugten „Freizeitbekleidung“, und einfach nur zu schwatzen und die Gelegenheit für ausführlichere und auch sehr persönliche Gespräche zu nutzen.
Ein Tief? Ja und nein. Ja, weil man (frau) sich schon von Zeit zu Zeit neu sortieren und einfach mal über die Sinnhaltigkeit seines Tun’s nachdenken sollte – bei mir war es halt mal wieder so weit. Nein, weil ich bei diesen Begegnungen schon feststellen konnte, dass es so einigen anderen TransSisters im Moment ähnlich ergeht. Und nein, weil es schon erstaunlich ist, wie viel wir alle übereinander wissen und eigentlich keine(r) wirklich allein gelassen wird.
Für den vergangenen Freitag dann hat sich wieder ein beachtlich großer Kreis verabredet – Open Stage und Disco im Cafe Transler (SchwutZ). Ich bin ehrlich, bis zum Abend habe ich nicht genau gewusst, ob ich überhaupt hingehen wollte. Zu meiner allgemeinen Zurückhaltung in der Gruppe kam noch ein ziemlich anstrengende Woche. Und dann ist ja da immer noch das leidige Kleiderproblem, das wäre vielleicht auch ein Grund einfach zu Hause zu bleiben. Ich hab mich trotzdem auf den Weg gemacht, weil mir schon ganz wichtig war, mal wieder mit (fast) allen zusammen zu sein und das passende Kleid hat sich dann auch noch gefunden. Manchmal ist es richtig, wenn man sich einen Ruck gibt und einfach aktiv wird. Die Show war mit fast zweieinhalbe Stunden wohl zu lang und in der anschließenden Disko gab’s die guten alten Klassiker, also genau mein Ding. Ich hab mich wohl gefühlt. Sicher die Lokalität ist nicht die Feinste und Improvisation ist Standard. Aber der Laden hat Atmosphäre und ist zudem gut besucht – von Transgendern, Schwulen, Lesben und Menschen, denen diese Besonderheiten einfach fehlen.
Für den Neuling ein wenig verwirrend, der Weg zum Veranstaltungsort führ direkt durchs Cafe. Da sollte man (frau) schon die Blicke des fast ausschließlich männlichen Publikums ertragen. Aber keine Angst, auf Frauen sind die ohnehin nicht aus. Ausgesprochen angenehm dann der Einlass. Ich frage also in meiner bescheidenen Art, was ich denn als Geld abzuliefern hätte und hab schon drei der größten Hartgeldstücke in der Hand. Entsetzen beim Einlass! „Du zahlst hier nichts.“ Ach ja, das hatte ich vergessen. Vermeintliche Männer im Frauenoutfit bezahlen keinen Eintritt. Ich fand das angenehm und konnte das Geld dann in mehrere Weinschorlen investieren. Ich schildere das alles so ausführlich, weil ich schon glaube, dass sich hier auch Transgender wohl fühlen können, die noch nicht so viel Erfahrungen in der Öffentlichkeit sammeln konnten und vielleicht ihre ersten Schritte wagen wollen. Sicher, ein ausgemachter Transgender-Treff ist es lange nicht, den gibt es in Berlin leider nicht (mehr). Aber ein Besuch im Cafe Transler  im SchwuZ am Mehringdamm 61 lohnt sich allemal.
Damit bin ich auch schon beim nächsten Thema. Nachzulesen im Internet, wird das große Beerdigungsevent von „Carolas Treff“, die selbsternannte „Transenbar“ Berlins am 25.11. 2000 angekündigt. Ich hatte schon vor einige Wochen gehört, dass Carola den Betreib wohl einstellt. Die in den letzten Monaten erzielten Besucherzahlen waren für die Unternehmung mit Sicherheit mehr als nur ruinös. Ich erinnere mich an viele Diskussionen in unserem Kreis und auch mit Carola über Form und Inhalt eines solchen Treffs. Das ist nun alles der Schnee der Vergangenheit. Carola ist sicher eine Pionierin der Szene in Berlin. Sie hat viel gewollt, viel gewagt und nun hat sie verloren. Und nicht nur sie. Wenn man denn überhaupt von einer Transgenderszene in Berlin reden kann, dann ist sie so inhomogen, wie nur Irgendwas und, das hat sich gezeigt, nicht geeignet für ein nachhaltig tragbares wirtschaftliches Konzept – zumindest noch nicht. Dennoch, Carola hatte gerade im Sommer und Herbst 1999 recht gut besuchte Veranstaltungen. Und wenn wir ehrlich sind, dann verdanken die TransSisters gerade Carolas Bemühungen ihre Existenz. Wir sind heute eine schon beachtete Gruppierung in der Transgenderszene Berlins und ich habe mich schon manches mal gefragt, wie denn alles gekommen wäre, wenn uns Carola nicht buchstäblich von der Straße aufgesammelt hätte. Also hier ist in der Tat  Hochachtung und Dankbarkeit angesagt. Ich hatte mir schon vorgenommen, mich am 25.11., sozusagen als letzte Anerkennung, auf der letzten Veranstaltung sehen zu lassen.
Das war am Freitag. Am Samstag sehe ich dann die oben erwähnte, übrigens ausgesprochen düstere, Internetseite. So richtig festmachen kann ich es nicht, aber mir kraucht die kalte Wut den Nacken hoch wenn ich da lese: „Obwohl die Initiatorin alles getan hat – Berlin mit Flyern überschwemmte .... konnte der Szenetreff nicht den Stellenwert und die Akzeptanz erreichen, die eine kostendeckende Fortführung ermöglicht. Neue Transgender werden es schwer haben, zukünftig den ersten Schritt in die Szene zu tun....“ „ Aber Carola wäre nicht Tante Carola, wenn sie nicht genauso, wie sie gestartet ist, auch ihre Beerdigung mit einem großen Event inszenieren würde..“ Bla bla bla, Einlass 22:00 Uhr, Eintritt 15 DM. „In stiller Trauer ... Tante Carola, Tessa, DJ Hasi und alle leibenswerten Gäste.“
Ja, werd ich hier womöglich zum Abschied noch mal ordentlich verarscht? Was bitte, denken sich die Verfasser(innen) dieser Flugschrift eigentlich? Wer, bitteschön ist denn nun für den wirtschaftlichen Erfolg einer Unternehmung verantwortlich? Ich bin selbst seit einigen Jahren selbständig, habe meinen Markt genau im Auge, bin um Flexibilität und Anpassung täglich bemüht. Auch in meiner Branche (und ich kenne sie genau) gibt es einige Marktlücken. Doch ich stelle mir schon gelegentlich die Frage, ob ich sie auch wirklich ausfüllen könnte und .... Ach was soll´s.  
Wenn da in dem Flyer von „allen liebenswerten Gästen“ die Rede ist, drängt sich mir die Frage auf, ob ich wohl dazu gehöre. Auch ich bin dann irgendwann der „Transenbar“ fern geblieben und jedes Mal, wenn ich doch mal wieder da war, hab ich mir aus den unterschiedlichsten Gründen vorgenommen, nicht wieder hin zu gehen.
Schlussendlich, bei aller Anerkennung und auch Dankbarkeit, ich bin noch nicht sicher, was ich am nächsten Samstag wirklich tue.
Aber ich weiß genau, was ich am Sonntag der nächsten Woche tue. Da schreib ich die nächste Wochenmail.

Bis dahin, viele liebe Grüße
Sabine