Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... eine verrückte Woche. Kennt Ihr das? Manchmal hat man (frau) richtig zu tun, die Ereignisse in ihrer Entwicklung wirklich in der Hand zu behalten. Und jedes mal wenn man versucht einzugreifen, passieren neue Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat und ist schon gar nicht darauf vorbereitet. Ich bin in dieser Woche um vieles klüger geworden und wenn nicht klüger, dann doch um einiges erfahrener. Das gilt auch für den Teil in mir, der sich als Sabine darstellt.
Mehr aus Zufall hatte ich am Donnerstag eine Begegnung mit einer wohl eher reiferen „angehenden“ Dame, ich nenne sie mal H. aus Bremen. Wie das so geht, meine Telefonnummer wird doch gelegentlich weitergereicht (so manches mal leider) und es kommt zu spontanen Kontakten mit Transgendern aus allen Ecken unseres Landes. Bei einer der letzten telefonischen Begegnungen (in einer Wochenmail habe ich darüber berichtet) habe ich gelernt, mich mehr auf solche Gespräche mit quasi Hilfesuchenden einzulassen. Ich habe mit H. an diesem Nachmittag wohl mehr als zwei Stunden geredet. Das heißt, ich habe eigentlich nur zugehört, denn ich bin überhaupt nicht zu Wort gekommen. Was ich erfahren habe, ist eine zum Teil für Transgender typische Geschichte und die Geschichte eines Menschen, der wegen seiner Eigenheiten (nicht nur seiner Transsexualität) jegliche feste soziale Beziehungen verloren hat. Nach 60 Lebensjahren findet das Wort Einsamkeit seine wirkliche Vollendung.
Nur gut, dass H. nicht so empfindet. Die Geschichte an sich ist hier nicht von Bedeutung, mehr, wie die Umwelt mit Menschen umgeht, die in ihren Möglichkeiten, die Ereignisse aktiv zu beeinflussen, wohl eher unsicher sind.
H. hat also schon immer gern Frauenkleider getragen und diese Leidenschaft bis vor gut einem Jahr heimlich ausgelebt. Höhepunkte in diesem Ausleben waren die Angebote der einschlägig bekannten „Trans-Fachzeitschriften“, die in jedem Sexshop gegen „gebührliches“ Entgelt erhältlich sind. Der Eine und der Andere bietet „endlich mal einen ganzen Tag als Frau“, natürlich gegen Entgelt, so zwischen 300 und 400 Mark. Die Leistung der Anbieter war frappierend ähnlich mager und selbst für den eher anspruchslosen, zudem fast mittelosen, Kunden eine bittere Enttäuschung. Die Ausflüge in die „Trans-Welt“ und das Modehaus gerieten zu einem Desaster. Nun ja, eine richtige Frau braucht natürlich auch eine angemessene Ausstattung. Gut, dass es dafür Fachgeschäfte gibt, mit freundlicher, geschulter Bedienung und einige Stunden im gewünschten Outfit sind (natürlich auch gegen Entgelt) überhaupt kein Problem. Da gibt es Silikonprothesen für nicht einmal 1200 Mark, den passenden BH dazu bekommt man schon für unter 100 Mark (das einfache Modell) und so weiter und so weiter. Sicher kennt Ihr alle diese und ähnliche Anbieter. Beim Blättern in den einschlägigen Hochglanzprospekten gewinnt man schnell den Eindruck geborene Männer verwandeln sich beliebig und perfekt in weibliche Wamps, sind dauergeil und ohnedies nicht älter als 25 Jahre. Das ist der käufliche Teil unserer Welt. Und leider ist es auch der am meisten bekannte Teil. Doch weder H. noch ich, noch viele andere mir bekannte Transgender, haben sich mit diesem Ziel auf die Suche nach Verwirklichung gemacht.
Wenn ich an H. denke, dann fällt mir meine erste gezielte Begegnung mit dem Thema Transvestismus ein. In einem alten Lexikon, so um 1910, werden alle möglichen sexuellen Abnormitäten beschrieben. Abnorm, wie soll’s auch anders sein. Da fand ich Abbildungen von Menschen, die einen Fetisch haben oder gar das Bedürfnis, den ganzen Tag in Frauenkleidern rumlaufen wollten. Alle samt krank, ein Teil von ihnen sicher heilbar. Moderne Lexika haben sich mit diesem Thema eher zurückhaltend, aber immer kurz und knapp befasst. Nun gut, wenn die Sache abnorm ist, dann gibt es bestimmt eine Information in den einschlägigen Sex-Fachgeschäften. Dieser Weg ist hier etwas sehr verkürzt und vereinfacht dargestellt. Doch auf der Suche nach Informationen ventiliert der Mensch natürlich zuerst die bekannten Informationsquellen. Sicher, die erwähnten Geschäfte haben ihre Berechtigung, das eine oder andere Spielzeug gefällt auch mir, ihren Markt haben sie allemal.
Doch Trans-Sein bedeutet für mich mehr als Trans-Fetisch-Sein. Und hier setzt das eigentliche Dilemma von H. ein. Woher und wie erhält sie Informationen, die über die objektbezogenen Begierden hinausgehen? Wer sagt ihr, wann sich wo Transgender welcher Schattierung auch immer treffen und informiert sachlich über Themen, die damit zusammenhängen? Sicher, es gibt die schon oft besprochenen Selbsthilfegruppen, H. hat inzwischen einen entsprechenden Zugang gefunden, und es gibt solche Gruppierungen, wie die TransSisters in Berlin in mehreren Städten. Und es gibt solche Gespräche, wie eben mit H. Ich selbst habe mich entschlossen, meine Zurückhaltung bei direkten persönlichen Anfragen etwas aufzugeben und bin ohnedies mit dieser keinen Mail bemüht, die Welt aus meiner ganz persönlichen Transgender-Sicht zu reflektieren und meine Auffassungen und Erfahrungen mitzuteilen.
Und es gibt ein Magazin, weitab von Hochglanz und deutschlandweiten Kontaktanzeigen namens „TransGenderLife“. Ich weiß, dass ich heute einen wichtigen Grundsatz meiner Mail erschüttere, der da lauten könnte: „Keine Werbung für irgendwelche kommerziellen Produkte“. Doch wo liegt die Grenze zwischen Information und Werbung? Ich erwähne dieses Magazin hier, weil es im mir bekannten Blätterwald das einzige ist, aus dem ich wirklich interessante Informationen ziehe. Sicher, nicht alles, was da geschrieben steht, hat meine ungeteilte Zustimmung – muss es ja auch nicht. Aber ich kann mich damit auseinander setzen und meine eigene Haltung auf Stichhaltigkeit prüfen. Seit einiger Zeit habe ich ein Abonnement und habe mich auch schon einige Male mit der Herausgeberin (Charis Berger) zu einigen Themen verständigt. Für mich ist das Gesamtprojekt der guten sachlichen Information einmalig und ich will mich aus diesem Grund dafür engagieren. Mach ich auch, mit der neuesten Ausgabe beginnend, erscheint regelmäßig auch ein Beitrag von mir (das ist jetzt in der Tat Werbung – Eigenwerbung).
Das letzte Heft flatterte dann endlich am vergangenen Freitag bei mir ein. Ich war gespannt, weil ich schon in einer Vorabinformation erfahren habe, dass die TransSisters und das bekannte Umfeld recht häufig erwähnt werden. Ich lese eine Auswahl der Gedichte und ein Porträt von Gundula, einer lieben Freundin, die auch diese Mail schon seit langer Zeit begleitet. An anderer Stelle erfahre ich mehr über die neue Gruppierung von TransGendern in Bielefeld – Nicole hat ja auch eine Seite auf unserer HP. Weniger gelungen, der undifferenzierte Beitrag zu Carolas Transentreff und ihrem Letzten Auftritt, der gestern übrigens recht angenehm begann und dann für meinen Eindruck eher peinlich endete. Hochinteressant das Interview mit der Rechtanwältin zur Frage: Was passiert bei einer Personenkontrolle durch die Polizei? Und wirklich informativ, die vielen kleinen Pressemeldungen rund ums TransGendersein. Ich würde hier sicher noch mehr erwähnen, doch ich hab noch nicht alles gelesen und zudem den Fehler gemacht, die Zeitschrift an eine liebe Freundin zu verborgen, die nun natürlich erst mal auslesen muss.
Sicher, das Blatt hat insgesamt in der Aufmachung noch nicht seinen Stil gefunden und ist auch in der Verarbeitung noch verbesserungswürdig. Es ist aber keine inhaltliche Konkurrenz zu den oben besprochenen Hochglanzmagazinen. Es informiert über Themen, die Transgender auf Dauer wirklich interessieren. Mit einem Monatspreis von gut 19 Mark ist es nicht gerade billig – dafür gibt es aber sicher gute Gründe. Ich hab’s mal ausprobiert und lese darin öfters, als in den erwähnten anderen Zeitschriften, sage öfters „aha“ und bin anschließend klüger. Meine Empfehlung also, besorgt Euch mal ein Probeexemplar (vorzugsweise natürlich die letzte Ausgabe) und entscheidet selbst, ob Ihr weiter darin lesen wollt. Infos erhaltet Ihr unter www.transgenderlife.de .
Jetzt habe ich mich doch in diesem einen Thema verloren und wollte eigentlich noch über Befindlichkeiten im Umgang der Transgender untereinander und meine ganz persönlichen Erfahrungen damit, berichten. Berichten wollte ich auch von Carolas Beerdigungsfeier. Doch das ist schon alles vergangener Schnee. Verrückte Wochen, so wie ich sie gerade hinter mir habe, haben einen Vorteil: Die Masse der Katastrophen reduziert das scheinbare Ausmaß der einzelnen Katastrophe und die Ruhe nach dem Sturm gibt Zeit zur Besinnung. Dann kann man die Bruchstücke aufsammeln und das Unbrauchbare erneuern. Ich habe heute damit angefangen und werde sicher in der nächsten Woche weiter darüber berichten.
Bis dahin wünsche ich Euch weinig Sturm, viel Ruhe und noch mehr Erfolg.

Viele liebe Grüße
Sabine