Wochenmails 2000

Guten Tag liebe Damen und Herren,

kennt Ihr das? Eigentlich ist ein schöner Tag, doch so richtig in die Gänge kommt man (frau) nicht. Das fängt beim Aufwachen an. Liegen bleiben will man nicht, denn es kommen immer dieselben Träume oder die wirklich schönen Träume bleiben aus (das ist genau so schlimm). Und aufstehen braucht man nicht, weil, es wartet nichts wirklich Wichtiges. Ein Tag, der ein Erfolgserlebnis wirklich nötig hat. An solchen Tagen, wenn sie denn da sind, widme ich mich endlich den Katastrophen meines Lebens. Nicht den Großen, die sind an einem Tag nicht zu stemmen. Doch da sind ja noch allerhand von den kleinen Katastrophen. Da wäre vielleicht der Ohrstecker, der erst gestern im Abfluss des Waschbeckens verschwand. Oder der Parkplatzschlüssel, der sich ebenfalls verkrümelt hat - und zwar im Armaturenbrett des Autos. Da wäre auch eine Fußbodenleiste endlich richtig zu fixieren. Oder sollte ich vielleicht die Laufmaschen - Strümpfe aussortieren? Nein der Anblick bringt nur Frust! Will sagen, es sind für mich oft nur Kleinigkeiten, die einem Tag dann doch noch einen Sinn geben. Ach ja, es ist ja auch Sonntag, Zeit für eine kleine Mail!
Eine Freundin hat gerade angerufen. Ich nenne sie hier mal M. M hat sich vor einigen Wochen gegenüber seiner Ehefrau zu seiner Leidenschaft bekannt und eine erst kleine, jetzt schon ganz gewaltige Lawine losgetreten, die kaum noch beherrschbar ist. Das ist eine von den erwähnten größeren Katastrophen, die Zeit, Geduld und unendlich viel Kraft bedürfen. Keiner hält eine solche Lawine auf, denn sie ist nun einmal in Bewegung geraten. Wichtig ist vielmehr, dass alle Beteiligten aus dieser Situation unbeschadet, besser noch gestärkt herauskommen. Schadensbegrenzung? Nein. Ich sage dazu Bereinigung. Es gibt immer wieder Situationen in denen die Beziehung zur Umwelt (und wenn man so will, die Beziehung zur Beziehung) bereinigt und begradigt werden muss. Die Frage ist nur, ob und wann man es tut. M hat es getan (wie so manche von uns) und stellt nun fest, dass das Heft des Handelns nicht allein in Ihren Händen liegt. So geht das. Aktion erzeugt Reaktion, meistens jedenfalls. Und genau hier liegt das Problem.
Nehmen wir mal den Ohrstecker im Traps. Als handwerklich durchschnittlich gebildeter Mensch, begebe ich mich auf die Suche nach einer Rohrzange (da ist sie ja) und drehe am Verschluss. Was passiert? Wasser kommt aus allen Ritzen und zwar in ungeahnten Mengen. Kein Problem, denn das Badehandtuch befindet sich in unmittelbarer Nähe und hält genau so lange stand, bis ich den Wassereimer gefunden habe. Eine noch größere Katastrophe konnte glücklich vermieden werden. Zur Problemlösung hab ich ein Handlungsmuster: ein wenig Grundwissen, ein wenig Findigkeit und Reaktionsvermögen bei auftretenden Problemen. Der größte Teil davon befindet sich in der inneren (virtuellen) Schublade mit dem Namen "Abflussprobleme". Was ich in der feuchten Situation gelernt habe, wird auch gleich noch mit reingestreckt.
Und nun die Ausgangssituation. Da kommt der Mann, den man liebt und mit dem man lebt und sagt, dass er eigentlich ganz gern Frauenkleider trägt und so auch ein wenig Frau ist. Aha! Schublade auf. "Abflussprobleme", nein hier nicht. Nächste Schublade "Frau". Hier? Nein, da passt er auch nicht rein, da bleibt immer ein "Zipfelchen" draußen. Schublade "Mein Mann". BH und Strumpfhose (und was da noch alles so ist) passt da einfach nicht rein.
Der Mensch ist nach meiner Überzeugung so strukturiert, dass er in allen Situationen nach vorhandenen Handlungsmustern sucht und eben dann die entsprechende Schublade öffnet. Ist eine da, dann kann man auch in diesem Zusammenhang gesammelte neue Erfahrungen ganz gut darin verstauen. Ich kenne eine ganze Menge Frauen, die haben auch eine Schublade "Transgender" oder meinetwegen "Transvestit". Na gut, da werden all die bunten Vögel reingepackt, die frau vielleicht mal gelegentlich kennen gelernt hat oder ihr auf andere Weise bekannt wurden. Und jetzt kommt M und will da auch rein. Diese Schublade ist aber "öffentlich" und nicht "privat"! Außerdem war M immer in der Schublade "Mein Mann" und da soll er auch bleiben.
Jetzt bald genug der Schubladen. Wir sind beim entscheidenden inneren Problem seiner Frau angekommen. Jetzt muss nämlich entschieden werden, ob M eine neue Lade bekommt oder die vorhandene nur umbeschriftet werden muss. Besser wäre die Umbeschriftung, denn was bisher drin war soll ja drin bleiben und wird endlich durch weitere, schon immer vorhandene Bestandteile ergänzt. Sie könnte heißen: "Mein Partner".
Und genau dieser Prozess ist nach meiner Erfahrung unendlich schwierig, erfordert besagte Geduld und auch ein gerüttelt Maß an Glück.
Bis zum endgültigen Ergebnis macht eine Beziehung so manche schwierige Phase durch. So ziemlich am Anfang (und gerade dort befindet sich M) bringt sie das Argument: "alle anderen, aber nicht meiner" oder "ich will einen richtigen Mann". Oh wie ich diesen Spruch liebe! Er begegnet mir allenthalben und nicht nur im Zusammenhang mit unserem besonderen Interesse. Was ist "ein richtiger Mann"?! Ich vermute genau das Gleiche, wie "eine richtige Frau"! Eine virtuelle Schublade, gefüllt mit nicht zu definierenden Traditionen, Vorurteilen, Wunschbildern, Idealvorstellungen und Ansprüchen, die in ihrer Summe (leider) nicht erfüllbar sind. Eine Schublade, die zugenagelt gehört!!! Denn ist sie zu weit geöffnet, verzerrt sich das Bild für die Realitäten. Und hinzu kommt, dass keine wirklich existierender Mensch da rein passt. Nur, sie ist eben da. Doch ich lasse nicht ab, so lange daran zu rütteln, bis sie wenigstens ein wenig verklemmt und nicht mehr ganz so einfach zu öffnen ist.
Genau das wollte ich heute sagen.
Der Ohrstecker war übrigens schon längst bei den Fischen und das Ding mit dem Schlüssel im Armaturenbrett werd ich wohl einem Fachmann überlassen, der hat dafür schon ein Verhaltensmuster. Ich hab mit meinen eigenen Schubladen genug zu tun.
Bis zur nächsten Woche.

Viele liebe Grüße
Sabine


Öffentliche Reaktionen:

22.10.00
Bravo, Bravissimo!   Carla...

22.10.00
Hallo liebe Sabine,
seit einigen Wochen erhalte ich Dein Wochenmail. Jedes mal freue ich mich über Dein Zeilen, und jedes mal denke ich, ich sollte Dir darauf antworten. Diesmal muss ich es tun.
Deine Worte waren so fanatisch gewählte das ich sie sofort ausdruckte und meiner Frau zu lesen gab. Noch nie hat jemand diesen Sachverhalt so perfekt und fast schon philosophisch definiert wie Du es getan hast. Seit 20 Jahren bin ich TV und seit 10 Jahren glücklich verheiratet. (Weiteres siehe Biographie unter: http://members.tripod.de/ConnyBuck ) Ich kennen unendlich viele Geschichten von Transgendern, glückliche, unglückliche, depressiv usw. Man entdeckt diese Geschichten in der unendlichen Weite des Internets. Aber noch nie wurde, meiner Meinung nach, es so auf den Punkt gebracht wie heute, von Dir. Danke!
Mach weiter so!
Cornelia Buck

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

heute an den Anfang einige organisatorische Dinge. Wegen der stetig wachsenden Anzahl der Empfänger dieser Mail (zuletzt gezählt 66), wird die Wochenmail über den Service von Ecircle versandt. Eure Mailadressen sind dort sicher hinterlegt, die Abwicklung übernimmt ein kleines Programm, mit dem ich eigentlich nichts zu tun habe - ich schicke nur die Mail los. Doch diese Programm kann noch mehr, als nur Mails verteilen. So wird unser circle dort zum Abonnement angeboten, Interessenten können sich automatisch anmelden und auch wieder abmelden. Ich erhalte dazu lediglich eine kurze Nachricht. Natürlich habe ich auch die Möglichkeit Teilnehmer selbst an- oder abzumelden. Eine andere Möglichkeit ist die Veröffentlichung von Beiträgen durch Teilnehmer meines e-circles an alle Teilnehmer. So können Kritik, Lob und andere wichtige Beiträge ebenfalls automatisch an alle Teilnehmer unkompliziert versendet werden. Ein solcher Beitrag ist von mir freizugeben, das macht Sinn, denn gelegentlich wird für eine persönliche Mitteilung an mich diese Adresse verwendet. Nur solche Beiträge werden von mir nicht weiter verteilt.
Ich sage das hier, weil mich gelegentlich sehr interessante Reaktionen zu den angesprochenen Themen erreichen und ich nicht immer in der Lage bin zeitnah zu reagieren und zudem unsicher, ob dieser Beitrag vielleicht auch die anderen Teilnehmer erreichen soll. Daher, und um Euch die Arbeit zu erleichtern, wird künftig jeder Wochenmail mit einer sogenannten Signatur versehen, die Euch die Möglichkeit bietet, je nach Bedarf zu reagieren. Wählt einfach den entsprechenden Link und sendet Eure Nachricht ab. Ich kann dann sicher sein, welcher Empfängerkreis angesprochen ist.
Zum Beispiel: Meine Freundin Gundula. Sie begleitet mich regelmäßig mit ihren kritisch aufmunternden Kommentaren und, was mich besonders freut, mit Versen, die mal einfach nur schön sind und mal zu neuem Nachdenken anregen. Zu meiner Mail vom 1.10. - Ihr erinnert Euch an das Thema "Fetisch, Sexualität und Fummel" (zu letzterem Begriff gibt es noch einiges zu sagen) - hat sie ein Gedicht geschrieben, das ich hier einfach mal wiedergeben will:

Etikettenschwindel
Ich kann den Etikettenschummel
mit Trans- sex, oder –vest nicht leiden.
Den „Transvestiten“-, „Transen“-Rummel
und gern auch so ein Wort wie „Fummel“
will ich vermeiden.
Ich mag es, so wie „Frau“ zu sein,
weil ich das „Frausein“ liebe.
Genügt mir nur der bloße Schein,
schlüpf ich in ìhre Kleider `rein
und nicht in ihre Triebe.
Ich möchte, was ich bin und mag,
nicht ordnen und bewerten.
Gefühl ist, was ich in mir trag`,
und vielleicht Dir zu sagen wag`,
nicht den Banausen und Gelehrten.
Ich will beim Kategorisieren
nicht, dass mir wer ein Bein stellt,
und nicht mich selber diffamieren,
mich nicht auf den Teil reduzieren,
der mir zum Stempeln grade einfällt.
Ich denke manchmal vor mich hin:
Es ist so falsch, wie ich es mache,
und es macht auch keinen Sinn,
dass über den, der ich doch bin,
ich mit den and`ren lache.

Das ist ein Beitrag zum Thema! Ich hab die Zeilen mindestens zwanzig Mal gelesen und in mir rührt sich genau so viel Andersdenken, wie Anerkennung. Lässt man (frau) sich die Worte auf der Zuge zergehen im Kopf verdauen, dann sind wir wieder dort, wo jede Diskussion über unsere Leidenschaft (Fähigkeit, oder Ambitionen, oder Neigung, oder, oder) letztlich endet. Die persönlichen Ansätze und Absichten eines jeden Transgenders sind so unterschiedlich wie unsere kompletten Namen. Übereinstimmungen sind statistisch kein Problem. Doch wann trifft man schon mal jemanden, der (die) genau so heißt, wie man selbst?
"Ich mag es, so wie „Frau“ zu sein, weil ich das „Frausein“ liebe." Nein, ich will nicht wie Frau sein, sondern benutze das "Wiefrausein" als Transportmittel für genau das "Gefühl..., was ich in mir trag`" und "schlüpf ... in ihre Kleider `rein und nicht in ihre Triebe". Mal ganz unabhängig davon, was Gundula selbst in diesen Text legt, eine Anregung, mal etwas tiefer in sich selbst zu schauen, liefert sie allemal. Und deshalb soll diese Gedicht hier auch gelesen werden.
"Und gern auch so ein Wort wie „Fummel“ will ich vermeiden". Da hat Gundula noch mal einen in einer gesonderten Mail nachgelegt. Zitat:
"...deutlich zu machen, was mich an dem Ausdruck „Fummel“ stört: Er wertet das ab, was wir als Ausdruck unserer Persönlichkeit betrachten, weibliche Kleidung, was uns lieb und manchmal auch verdammt teuer ist. Wenn wir diesen Ausdruck verwenden, stellen wir uns gewissermaßen dort hin, von wo aus andere uns mit einer gewissen nachsichtigen aber eben auch hämischen Herablassung betrachten. Ich zitiere Erich Kästner, den ich sehr schätze:
„Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!“ - Zitat Ende.
Was soll ich dazu sagen? Ja, sie hat irgendwo Recht. Doch sollten wir nicht irgendwann aufhören, die deutsche Sprache neu zu erfinden? Ist es nicht wichtiger, bisher abwertende Begrifflichkeiten zu kultivieren? Das Wort "schwul" zum Beispiel ist längst von dem Grauen und den Vorurteilen befreit, das es noch vor zehn oder zwanzig Jahren hatte. Wenn ich mich "anfummle", trage ich die Frauenkleider, die ich im Moment besonders mag und komme für mich mit dieser Begrifflichkeit ganz gut zurecht. Und ich kenne Leute, die nun wirklich nicht in der Kleidung des anderen Geschlechts rumlaufen, die finden meine Fummel toll und ausgesprochen schick. Sie mögen mich eben als Mensch und nicht wegen meiner Kleidung - mit und ohne Fummel. Ja, und was den Herrn Kästner anbetrifft: Kernige Sprüche. Ich mag ihn auch. Doch jeder kernige Spruch, vereinfacht und generalisiert (ich bin ja selbst nicht frei davon). Sind wir doch mal ehrlich! Würden wir nicht auch gelegentlich mit einem lachenden Auge auf uns selbst blicken und bewusst die Klischees der Umwelt bedienen, wäre der Spaßfaktor unseres Tuns erheblich geschmälert.
Das fällt mir dazu ganz spontan ein.
Gundula und all die Anderen! Ich will es hier noch einmal öffentlich sagen, ich habe die Weisheit nicht gepachtet und freue mich ehrlich über jede Zuschrift. Auf diese Weise erhalte ich oft ganz andere Draufsichten zu den von mir angesprochenen Themen und komme in meiner eigenen Meinungsbildung weiter. Das ist gut so, bitte bleibt also weiter am Ball. Vielleicht ja künftig noch mehr öffentlich an alle Mailempfänger.
Ja, heute hab ich mal in der Vergangenheit gekramt, es war mir aber wichtig. Aktuell gäbe es auch noch einiges zu sagen und zu berichten. Doch der nächste Sonntag kommt bestimmt und damit die nächste Wochenmail.

Seid bis dahin ganz lieb gegrüßt
Sabine

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... dann ist es einfach wieder an der Zeit, mich bei Euch zu melden. Obwohl, heute wird es richtig kompliziert, ich hab nämlich gestern meine komplette Handtasche vergessen, samt Brille, die eigentlich für die richtigen Treffer auf der Tastatur unentbehrlich ist. Ja, ja, da war dann beim späten Abgang doch der Kerl wieder dominant in mir. Dass die Handtasche fehlt ist erst nach einigen Kilometern beim Anblick einer Funkstreife auf- und eingefallen. Aber die Jungs und Mädels hatten Gott sei Dank kein Interesse an mir.
Heute also etwas langsamer und angestrengter und zudem im zeitlichen Ablauf zurück ein wenig geschwätzt.
Gestern haben wir Silvias Geburtstag gefeiert und der Spruch, dass Platz auch in der kleinsten Hütte ist, wurde hier erneut kultiviert. Sicher hat jemand die Gäste gezählt, ich hab mir die Mühe nicht gemacht, war einfach angenehm berührt, wie viele Freunde und "Innen" den Weg in das 25. Stockwerk eines Marzahner Hochhauses gefunden haben. Und so war eine eigentlich ganz persönliche Feier zum (fast) Szenetreff mutiert. Es wurde viel gelacht, getrunken, gegessen und natürlich geredet und geredet. Und wie unter Freundinnen so üblich, auch sehr viel Persönliches. Ich war zwar nicht bis zum bitteren Ende anwesend, doch ein Großteil der Gespräche an denen ich Teil hatte bezog sich auf das ganz persönliche Selbstverständnis und den Umgang mit unserer Leidenschaft (Begabung?) und, ja auch dem Fetisch, zu dem die Eine sich bekennt und die Andere nicht daran glaubt, dass ihr Handeln auch dadurch bestimmt ist.
Zum Schluss ist es immer eine Frage des ganz persönlichen Ansatzes und des Verständnisses und natürlich der Definition. Ein Fetisch ist (jetzt musste ich selbst erst einmal nachschlagen) nach Binet (1887) ein "...sexuelle Anomalie, bei der Erregung und Befriedigung sexueller Wünsche an den Anblick oder die Berührung von Gegenständen gebunden ist, .... Es handelt sich um behandlungsfähige krankhafte Störungen." Das komplette Zitat will ich mir hier ersparen, zumal bestimmt kaum jemand von uns wirklich etwas damit anfangen kann. Sicher, die "moderne Wissenschaft" sieht dieses Phänomen nicht ganz so stringent, aber krank, krank sind sie allemal! Sieht man aber den Fetischismus (vielleicht den, den wir ja in irgendeiner Form leben), als spielerische Form des Umgangs mit sicher Objekt-orientierten Vorlieben und das Bekenntnis dazu als tatsächliche Annahme des eigenen Ichs, dann könnte ich schon ganz gut damit leben. Krank sind in meinen Augen die, die mit ihrer Lust die Würde und den Körper anderer Menschen verletzen und die, die einfach nicht wahr haben wollen, dass auch sie eben diese Objekt-orientierten Vorlieben haben.
Ja ja, ich höre sie schon, die "wirklichen" Frauen unter uns Transgendern. "Das mag ja bei dir so sein, doch ich fühle mich als Frau - das hat lange nichts mit einem Fetisch zu tun!" Ach! Und wie war das (mal ehrlich!), als Ihr zum ersten mal ein weibliches Kleidungsstück angezogen habt? Wo in Eurem Körper war denn diese Befreiung genau zu spüren? Warum dann tragt Ihr häufiger Kleider und Röcke als die geborenen Frauen? Das hat nur dann nichts mit Fetischismus zu tun, wenn alle Hormone wirklich neutralisiert sind. Nur, dann sied Ihr auch nicht Frau.
Iwo, das soll hier keine Kampfschrift werden, mich wurmt nur der manchmal intolerante Umgang mit den sehr persönlichen Bekenntnissen Einzelner. Diese Differenzen werden nicht etwa ausgetragen, nein wir sind uns ja alle zu Toleranz verpflichtet, denn wir sitzen ja alle im gleichen schwankendem Boot. Aber die Atmosphäre, die spür ich schon. Ich bin selbst darin nicht so sehr verwickelt, doch Akzeptanz als die erstrebenswerte Stufe der Toleranz ist zuerst eine Sache des Herzens. Und darin können wir uns alle (mich natürlich eingeschlossen) wohl noch üben. Dennoch, ich bin froh, so viele gute Freundinnen und Freunde zu haben und möchte wohl auf keinen von ihnen verzichten. Na ja, oder so....
Am Freitag war ich zu wohl ersten Mal solo als die Transe Sabine unterwegs. Natürlich bewege ich mich (zwangsläufig) auch als Frau durch die Stadt, aber zumeist mit einem ganz konkreten Ziel und da hab ich dann die nötige Verstärkung von meinen Schwestern. Doch an diesem Tage begab es sich mal ganz anders. Der Anlass war eigentlich banal. Eine liebe Kollegin hatte eine Einladung zu einer Vernissage erhalten, die in gewisser Weise mit unseren gemeinsamen geschäftlichen Interessen zu tun hatte. Und ich sollte mitkommen, vielleicht wird ja mal ein Auftrag für uns daraus. "cross female" war der Titel der Veranstaltung in der die KüstlerInnen auch einen Beitrag zur Genderproblematik leisten wollten. Was also lag näher, dort im Fummel zu erscheinen und damit eine ganz persönliche Themenbezogenheit zu beweisen. Gesagt, was ich dachte und getan, was ich sagte. Wenn auch nicht ohne Begleitung, so doch allein als Sabine bin ich dort im schlichten rotem Kleid mit angemessenem schwarzen Blazer erschienen. Ich sage euch, ich sah toll aus und hab mich auch so gefühlt. Einzig der linke Strumpfhalter wollte nicht richtig halten, doch die Frau von Welt überspielt ein solches Malheur mit Gelassenheit - das Kleid war zudem lang genug.
Na ja, so richtig exklusiv wie erwartet, war die Veranstaltung nicht, die gesamte Kreuzberger und ein Teil der Berliner Kunstszene hatte sich versammelt und noch einige Hundert andere Gäste dazu, doch in dieser Weise themenbezogen, war nur ich erschienen. Abgesehen von den wirklich netten drei getransten Jungs, die mit den obligatorischen Häppchen durch die Reihen zogen - sie waren der wohl weniger anspruchsvolle Beitrag des Veranstalters zur Genderproblematik. Aber, das Haus hat sich offen gezeigt. Die Ausstellung selbst hat mich nur zum Teil überzeugt und ich war doch verwundert über das Aufsehen zur Eröffnung. Was man mit gutem Marketing doch alles erreichen kann. Dennoch, die wenigen wirklich interessanten Exponate sind bis zum 29. Oktober im "Künstlerhaus Betanien, Studio 1" zu betrachten.
Doch für mich lange nicht genug damit. Gleich am Eingang hab ich dann einen Schulfreund wieder erkannt, den ich in den vergangenen Jahren aus den Augen verloren habe. Nun war er aber da. Zuerst bin ich selbstbewusst und unbemerkt an ihm vorbei. Später hab ich ihn dann wieder gesehen und in einem Anfall von Mut "Guten Tag" (oder "Hallo") gesagt. Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis ihm dämmerte, wer denn da ein Gespräch anzettelt. Ich mach’s kurz. Der sonst künstlerisch gut bestallte Schulfreund hat wohl doch einen kleinen Kulturschock erlitten. Lieber Hans (postum), ich war es wirklich. Und meistens bin ich ein Mann. Und ganz durchgeknallt bin ich auch noch nicht. Nur, wenn wir uns mal wieder (wie in alten Zeiten) über die Frauen unterhalten, dann kann ich einige Aspekte einbringen, die du nur vom Hörensagen kennst. Ich weiß inzwischen auch, dass es manchmal ganz nützlich ist, ganz tief in mich rein zu schauen und dann die von uns häufig diskutierte Dialektik von Inhalt und Form in die Realität umsetze. Zumindest gebe ich mir dabei alle erdenkliche Mühe. Und wenn mich etwas besonders beschäftigt, dann hab ich inzwischen wirklich gute Freundinnen und Freunde. Manchmal schreib ich es auch nur einfach auf - in eine kleine, ganz persönliche Wochenmail.

Ich bin wieder da!
Bis zur nächsten Woche viele liebe Grüße Sabine

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

"Guten Tag. Ich brauche eine Beratung. Ich bin ein Transvestit."
Diese drei Sätze, waren der Einstieg in ein Telefonat, das erst vor wenigen Tagen mit mir geführt wurde. Ein vermutlich junger Mann hat sich mit der Bitte um Rat an den Berliner Sonntags - Club gewandt und dort meine Telefonnummer als mögliche Kontaktadresse bekommen. Das ist ok so. Ich selbst habe schon vor längerer Zeit diese Möglichkeit geschaffen, in tiefer Dankbarkeit für die mir gewährte Hilfe und Unterstützung. Und so hab ich gelegentlich mit Menschen Kontakt, die auf der Suche sind - nach sich selbst oder einfach nur nach Gleichgesinnten. Darunter waren recht lustige und manchmal auch skurrile Kontakte, meistens aber sehr nachdenkliche. Eben wie der in der vergangenen Woche.
Diese 10 Worte und auch wie sie gesprochen wurden, erinnern mich an meine ureigene Befindlichkeit vor nun fast drei Jahren und bezeichnen eine sich extrem verändernde Welt. Vielleicht hab ich sie genau so gesprochen. Und so manches mal hab ich mich schon gefragt, ob ich diesen Weg wohl auch gegangen wäre, wenn ich genau gewusst hätte, was ich damals nicht einmal ahnte. Nun, ich bin ein grundsätzlich optimistischer und überaus pragmatischer Mensch (obwohl auch das schon ein Widerspruch an sich sein kann). Im Wesentlichen bedauere ich wirklich nur die Dinge, die ich nicht getan habe. Was ich getan habe, hab ich zu diesem Zeitpunkt wirklich gewollt, oder wenigstens als machbar akzeptiert. Doch sind damit gleich alle Entscheidungen als "richtig" legitimiert? Wie geht man mit Fehlentscheidungen um? Nicht jeden Schritt, den man vorwärts geht, kann man irgendwann wieder zurück! Will sagen, dass es Entscheidungen gibt, die selbst unter völliger Aufgabe des eigenen Ehrbegriffs (mein persönlich höchstes Gut) nicht korrigierbar oder Rückgängig zu machen sind. Und genau eben das tut dieser namenlose junge Mann, wenn er das Tor zu einer neuen Welt aufstößt - wie ich vor einigen Jahren. Große Worte? Vielleicht. Ich tu mich im Moment auch wirklich schwer, meine Befindlichkeit zu formulieren.
Was aber soll ich dem jungen Mann raten? Natürlich, die pauschalen Sprüche: "erkenne dich selbst und lebe deine Leidenschaften aus", "was ist schon dabei", "es gibt viele Menschen, wie du und ich, die trauen sich nur nicht..", "jeder soll so leben, wie er wirklich empfindet" - die kennen wir alle. Ich mag sie aber ums verrecken nicht sagen. Ein wirklich guter Rat hat die Weisheit persönlicher Erfahrungen. Und Weisheit wiederum setzt einen gewissen Abstand und Draufsicht auf eine Vielzahl von Erfahrungen voraus - ist eine Bilanz mit Soll und Haben. Nun will ich Euch nicht mit meiner persönlichen Bilanz behelligen (die regelmäßigen Leser wissen ja ohnehin fast alles von mir), doch einige Dinge sind wohl eher Allgemeingültig:
Da kommt zuerst das Gefühl krank zu sein, zumindest aber in Ansätzen pervers und abartig. Im nächsten Schritt werden je nach der Phase des Outings, die sozialen Beziehungen gestört. Partnerschaften werden extrem belastet, Freunde wenden sich ab. Es stellt sich noch immer keine Verbesserung der eigenen Befindlichkeit ein. Es folgt seelische Einsamkeit - jetzt gibt es vielleicht noch ein "Zurück"! Doch wohin zurück? Der alte Zustand war unerträglich und die Zukunft ist ungewiss. Es folgt die Phase der persönlichen Annahme der Leidenschaft, Du willst sie exzessiv ausleben - immer wieder und immer mehr. Hier entscheidet sich die Partnerschaft. Sie hält, zwar stark belastet, oder sie bricht. Und hier scheiden sich auch die mir bekannten Werdegänge (Leidenswege?). Hält die Partnerschaft, dann bleibt sie nicht ohne Probleme. Ganz aufschlussreich dazu unter Forum unter www.TransSisters.de.
Ich kenne wirklich nur ein einziges Paar mit einem Transvestiten, das augenscheinlich wirklich harmonisch lebt und ich beneide sie. Hält die Partnerschaft nicht, folgt seelische Zwiespältigkeit. Endlich kannst Du leben, wie Du es immer wolltest und wirst doch irgendwo einsam sein. Du wirst Menschen kennen lernen, denen es geht wie Dir und feststellen, dass Deine Bedürfnisse durchaus lebenswert sind. Und auch hier scheiden sich wieder die Wege. Der Eine ist zufrieden, der Andere sucht nach einer neuen Partnerschaft. Ob der Zufriedene wirklich zufrieden ist, kann ich nicht sagen. Findest Du eine neue Partnerin (oder auch Partner), dann schwörst Du jeden Eid, diesen Weg immer wieder zu gehen. Doch genau so sicher wird der Alltag Dich wieder einholen.
Leben ist weniger "Fummel", mehr soziale Beziehung. Nur, der Fummel setzt diesem Leben engere Grenzen. Ich habe mich entschieden, will und kann nicht zurück (wohin auch?).
Was also soll ich Dir raten? Geh behutsam um mit Dir und Deiner Umwelt. Und ruf mich noch mal an. Ich hab Dir eine Menge zu erzählen.

Bis hoffentlich bald
Sabine

Wochenmail

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... da gab es ja allerhand Aufregung in der vergangenen Woche. Die Wochenmail war nicht wirklich verschwunden, es waren zum Schluss Zitat: "massive Hardwareprobleme" bei Ecircle, die die Versendung um fast 24 Stunden verzögert haben. Nun ja, was Hardwareprobleme sind, weiß ich inzwischen ja auch und habe dafür Verständnis.
Heute ist der Tag eins nach der so häufig hier besprochenen Sommerparty der TransSisters. Und, wie war’s? Diejenigen, die da waren, konnten sich eine eigene Meinung bilden. Nun, um nachhaltig in die Analen der Berliner Transenszene einzugehen, werden sicher noch einige Partys folgen müssen. Aber das hatten wir auch nicht unbedingt bezweckt. Ich denke, es war (wie auch die Partys zuvor) eine Transgenderparty der anderen Art, wie sie es eben nur hier bei den TransSisters gibt. Wenig schrill und viel Normalität. Gestern hatten sich Menschen getroffen, die, durch ihre besondere Begabung geeint, einfach nur eine Party feiern wollten. Nichts Überdrehtes und keine endlose Thematisierung der allbekannten Konflikte. Wo ich auch hingehört habe, die Masse hat sich wohl gefühlt und prächtig amüsiert. Zum Schluss hat die Mischung es gemacht. Eine Mischung aus gut funktionierendem Service im Kaiserstein, vielen interessanten Gesprächen, einem hochklassigem Showteil und gut tanzbarer Musik. Verantwortlich für diese Mischung waren die, die sich hier in Berlin "Die TransSisters" nennen. Ganz besonders sind hier unsere Freundinnen Andrea, Anna, Tina, Silvia und Regina zu nennen. Doch nicht zu vergessen sind auch die hier nicht genannten Schwestern, die im Vorfeld mit Rat und Tat die ganze Angelegenheit aktiv vorbereitet haben. Zum Schluss noch einen ausdrücklichen Dank an unsere Sponsoren Christa Lilith Vogel (selbst eine TransSister) und Samanta Moden, deren Unterstützung das finanzielle Risiko kalkulierbar und damit auch die 10 Mark Kostenbeitrag für jeden Besucher erträglich machte.
Viele neue Gesichter hab ich auf der Party gesehen und Leute getroffen, die ich schon an anderer Stelle gesehen habe aber noch nicht sprechen konnte. Die am weitesten gereiste Schwester kam wohl aus der Schweiz (leider nicht GWHF), aber auch von Hannover, Halle (?) und Hamburg hat "frau" sich auf den Weg nach Berlin gemacht. Natürlich gab es nach der Party auch noch eine kleine "Nachlese", wie gewohnt im Knemo. Es bestand Einigkeit, die Party war ein Erfolg. Dennoch, es gab auch wichtige kritische Anmerkungen. Das ist gut so, denn die nächste Party kommt bestimmt, da werden wir sicher noch etwas umsichtiger handeln. So, genug der allgemeinen persönlichen Einschätzung.
Ich selbst habe an diesem Abend mein neues Abendkleid ausgetragen. Nun ein neuer Fummel, das ist in gewissen Zeitabständen sicher nichts ungewöhnliches. Nicht alltäglich für mich war allerdings, dass ich mich darin vom ersten Augenblick an körperlich ausgesprochen wohl gefühlt habe. Inhalt und Form waren für mich in dieser Nacht voll stimmig. Eine Erfahrung, die ich so intensiv und bewusst noch nicht wahrgenommen habe. Andrea hat zu diesem Thema einen guten Vergleich gezogen. "Das ist, wie die Rückkehr aus einem kalten Wintertag in eine dicke Wolldecke und eine Tasse heißer Kakao in der Hand". Genau so! Eine unzerstörbare Haut über der Haut, die viel wohlbefinden und innere Wärme erzeugt. Nur, dass ich einen Whisky dem Kakao vorziehen würde. Mein Selbstbewusstsein war fast grenzenlos. Ich hab die Nacht mit einem kleinen Spaziergang durch die Berliner City beendet. Und das ohne jede Pöbelei, die Blicke der Passanten oder das bekannte belustigte Gekicher. Auch hier war es die Mischung. Gesundes Selbstbewusstsein und eben perfektes Outfit. An diesem Spaziergang hat nicht nur die frische Morgenluft gut getan. Ihr wisst sicher, was ich meine.
Diesen folgenden Schlussabsatz habe ich nun schon zum dritten mal begonnen und dann doch immer wieder gelöscht. Seit mehr als einem Jahr habt Ihr Einblick in die alltäglichen Geschehnisse und manchmal sehr persönlichen Gedanken der "Transe" Sabine, einem Kerl, der gern Frauensachen trägt. 59 Empfänger hat diese Wochenmail inzwischen und richtet sich zu größten Teil an Menschen, die ich nicht persönlich kenne. Das hat natürlich auch einige inhaltliche Konsequenzen - gewollt oder nicht. So manches mal, habe ich schon gedacht: "Kannst du dich in diesem Forum so weit öffnen?" und gelegentlich auch Gedanken und Gefühle sortiert in solche, die ich preisgebe und solche, die nun wirklich nichts mit der Transe Sabine zu tun haben. Für mich waren die wöchentlichen Mails immer auch ein Stück Selbstbewältigung und Motivation. Ich habe mir also regelmäßig die Zeit genommen einen bestimmten Problemkreis zu durchdenken und mit dem Aufschreiben weitgehend zu beenden. Doch Sabine oder auch Bernd ist eine komplexe Person. Andere, sehr persönliche Dinge und Probleme habe ich auf diese Weise häufig vor mir hergeschoben. Es ist für mich an der Zeit, mich jetzt darum zu kümmern. Ich habe mich daher entschlossen, mit der Wochenmail für ein oder zwei Wochen auszusetzen und mich einfach mal ganz privat zurückzuziehen. Ich hoffe, dass ich auf diese Weise den Kopf frei bekomme für Dinge, die längst sortiert gehören, sei es nun die Familie, Freunde, die ich lange vernachlässigt habe oder eben die Dinge, über die ich hier nicht reden will und kann.
Keine Angst, so riesig sind die Probleme nicht und die Dramen diese Lebens habe ich zum größten Teil alle schon durchlebt (denke ich jedenfalls). Ich will hier nur eine ehrliche und plausible Erklärung geben, warum ich wohl für einige Zeit schweigen werde. Und dass ich wieder komme ist gewiss.
Das Leben bei den TransSisters geht natürlich weiter. Es folgen einige eher private Partys und natürlich weitere Aktivitäten, die Ihr auf unserer HP nachlesen könnt. Ich will zudem sehen, dass ich noch heute einige erste Bilder von der Sommerparty ins Netz stellen kann. Weitere werden sicher folgen.

Ich wünsche Euch allen (genau wie mir) nachdenkliche und erfolgreiche Tage.
Viele liebe Grüße
Sabine