Wochenmails 2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

„... auf der Reeperbahn Nachts um halb eins...“ Gestern ist es endlich passiert! Sabine hat sich in angenehmer Begleitung einen Reeperbahnbummel, mit all seinen Höhen und Tiefen gegönnt. Hintergrund der Aktion ist, dass ich mich für die letzten Wochen des Jahres aus Berlin verabschiedet habe, mich im Hamburger Großraum aufhalte und mich dann natürlich auch für die wohl berühmteste Attraktion der Stadt interessiere. Der Plan an sich ist schon einige Wochen alt nur das Programm war noch nicht klar. Theater sollte sein, natürlich ein Besuch in den verruchtesten aller Bars entlang der „Sündenmeile“ und (ganz nach Kondition) ein abschließendes Frühstück auf dem Fischmarkt. All das sollte sich in der vergangenen Nacht ganz spontan ergeben.
Was liegt für Trans näher, eine der viel gelobten Travestie-Shows im über die Landesgrenzen hinaus bekannten „Pulverfass“ zu besuchen. Gerade wieder neu eröffnet – an der Reeperbahn, verspricht das Prospekt einen Abend „.. für Liebhaber des schönen Scheins und kessen Liedern, von eindeutig bis zweideutig. Eine Explosive Mixtur aus schriller Komik und Klamauk mit einer guten Priese Erotik..“ Auch die Ankündigung der „Crazy Boys“ mit ihren „Prachtstücken“ konnte nicht schrecken, schließlich sind wir ja auf der Reeperbahn und schließlich wollte ich schon immer wissen, was Frauen wirklich wollen und sie wirklich ausflippen lässt. Anruf bei der Theaterkasse am Vortag, Kartenreservierung, rein ins chice rote Kostüm, rechtzeitiges Erscheinen sichert die besten Plätze. Erlebt haben wir ein frisch renoviertes Revuetheater (ach nein es ist ja Kabarett) mit einer kleinen gut mit wartenden Gästen besuchten Bar im Eingangsbereich. Erlebt haben wir zudem eine chaotische Organisation des Besucherstromes und hoffnungslos überfordertes Personal. Nun ja, ich denke, das muss sich alles noch einspielen. Und doch konnten wir nach einigen Wirrungen und mit etwas List einen guten Platz in Bühnennähe ergattern.
Verwundert war ich zunächst schon, dass ich wohl der (die) einzige Trans im Publikum der kommenden Veranstaltung war, hatte ich doch gehofft, dass sich noch mehr Trans-Menschen für das aktuelle Programm interessieren. Die Show selbst machte mir klar, dass ich mich mit meinen inhaltlichen Ansprüchen wohl im Irrtum befand. Mal abgesehen von einer wirklich bemerkenswerten Adaption auf die unvergessliche Zarah Leander und wirklich nur einem einzigen toll gemachten Kostüm, wurde eher durchschnittliche und zum Teil sogar peinliche Unterhaltung geboten. Bedient wurden vor allem die landläufigen „Stammtischparolen“ über Männer im Frauenfummel. Wirklich umjubelte Höhepunkte waren die Augenblicke in denen dann endlich die Frage „Ob Mann ob Frau, wer weiß das schon genau“ durch wahrhaft nackte Tatsachen geklärt wurde. Oh, ich bin nicht dagegen, dass auch Trans sich mal wirklich entblättert und kann auch (wenngleich nicht ganz ohne eine gewisse Portion Neid) ganz gut damit leben, dass die anwesenden „Damen“ den eher plumpen „Präsentationen“ der Crazy Boys etwas abgewinnen. Wirklich gestört hat mich die Grundstimmung im Saal: „Hey, heute hau’n wir auf die Pauke, zeigt endlich, was ihr habt!“ Ein vielleicht beabsichtigter künstlerischer Anspruch guten Kabaretts war für mich an diesem Abend nicht erkennbar. Die Masse des Publikums war wohl auch nicht darauf aus, außer vielleicht die kleine Transe Sabine und ihre Freundin und den diversen Besuchern, die das „Theater“ vorzeitig verlassen haben. Schade, Kultur kann es eigentlich nie und nirgends genug geben.
Die begonnene Nacht schrie förmlich nach Rettung. Also ab auf „die Meile“. Erste Station ein prunkvolles Spielkasino. Fehlanzeige. Die Spieltische werden Samstags schon um zwei Uhr geschlossen, Spielautomaten können eine Stunde länger gefüttert werden. Das und auch das gesamte Ambiente war dann doch nicht unser Ding. Weiter. Hier und da ein kurzes Gespräch mit einem Einlasser, einer Einlasserin, ein Blick ins Innere der Bar, Mädchen beim Table Dance und rings herum große Augen über rasierten und unrasierten Bärten – nix mit wirklich Kick oder vielleicht sogar angenehmen Ambiente. Dann doch die „Monika-Bar“, gleich neben der Großen Freiheit Nummer 7, eine Transsexuellen-Bar (oder so). Wenigstens ein Gläschen Wein sollte es schon sein. Auch hier nix Besonderes und nur ein paar bedeutungslose Worte mit „Angelika“ aus Venezuela, ein Geschäft war wohl nicht zumachen, die anderen „Mädels“ liefen eher einsam im Raum herum. Die Uhr ging bereits auf 3:30 Uhr, Einkehr in die „Rote Katze“, eine kleine Bar mit ortsüblicher Getränkekarte (jedes Getränk 25 Mark, egal ob Wasser, Cola oder Kaffe mit Weinbrand – außer Bier, das gab’s schon für 8 Mark), dafür aber eine angenehme Lautstärke der Musik und weniger eindeutig gieriges Publikum. Ups, hier wurde ich zum ersten mal an diesem Abend deutlich als nicht ganz „gewöhnliche Frau“ wahrgenommen. Ein paar junge Burschen aus Bad Doberan konnten sich mehr oder weniger anzügliche Bemerkungen nicht verkneifen. Minuten später haben wir gemeinsam an einem Tisch gesessen und angenehm miteinander geplauscht. Trans ist eigentlich nicht wirklich ein Problem. Wie das so geht! Von ganz allein kommt man (frau) ins Gespräch. Übrig bleibt ein besser informierter Gesprächspartner auf der einen und ein wenig mehr Selbstbewusstsein auf der anderen Seite. Gut auch die kurzen Gespräche mit den dort beschäftigten Damen, viel Natürlichkeit, und noch mehr Schicksal. Ganz witzig der Umgang mit zwei offensichtlich sehr jungen Gästen, ihr Bier haben sie wohl bekommen, doch der Verführung Minderjähriger wollte sich keine der Frauen schuldig machen.
Ein nicht unerheblicher Teil der Reeperbahn macht morgens gegen fünf Uhr die Pforten dicht, denn der Fischmarkt öffnet. Die Nacht war für uns inzwischen schon gerettet, wenngleich die Reeperbahn endgültig entzaubert war. Doch der Fischmarkt sollte neuen Zauber auferstehen lassen. Ein Dezembermorgen an der Alster kann lausig kalt sein, besonders in zarten Strümpfen und schmalen Pumps. Der Handel auf dem Markt hatte zwar schon begonnen, doch so mancher Händler war noch zu sehr mit sich selbst und seinen Waren beschäftigt. Ganz in der Nähe eine kleine Schänke in der die „singende Wirtin vom Fischmarkt“ und ihr Team residiert. Der Besuch in diesem Haus war ein Erlebnis der Sonderklasse. Die Wirtin selbst hat mit Sicherheit das Pensionsalter längst überschritten, zeigt jedoch keine Spur von Alterschwäche, singt mit fester Stimme alte Seemannsweisen, dirigiert so ganz nebenbei immer mehr Gäste an die übervollen Tische und hat immer noch ein Auge auf ihre wieselflinke Crew. So landeten wir an einem großen Holztisch auf mäßig gepolsterten Bänken inmitten einer gutgelaunten Gesellschaft. Da war Heike aus Köln - sie ist gerade mal wieder in Ihrer Heimatstadt. Ich weiß inzwischen allerhand von ihr, kenne ihren Mann und die alte Schulfreundschaft. Ein Fazit am Rande: Trans ist ok. Thomas und seine Freunde wussten zunächst nicht recht, ob sie sich denn nun wirklich zu uns setzen sollten, später haben wir lange geschwatzt und ein gemeinsames Erinnerungsfoto geschossen. Der Mann mit den Kopfschmerzen saß zum Schluss ganz dicht neben uns und seine kritisch dreinschauende Frau hat alles ertragen. Alle Zusammen haben wir geschunkelt, „lagen vor Madagaskar“ oder waren „auf der Reeperbahn Nachts um halb eins“. Obwohl einziges Wesen unserer Gattung, habe ich so manche nette Bekanntschaft gemacht - Trans war kein Problem.
Sechs oder sieben Uhr: Die Party in der alten Fischauktionshalle ging los. Gute Musik und noch viel wichtiger, endlich ein deftiges pauschales Frühstück, viele Leute in dicken Jacken und ausgelassene Stimmung. Krönender Abschluss der Nacht war dann im kalten Morgengrauen ein ausgiebiger Spaziergang über den „Fischmarkt“ auf dem wohl schon lange nicht mehr nur Fisch verkauft wird. Die Marktschreier hatten gerade ihr wirklich „großzügiges“ Geschäft begonnen. Hier ein Augenzwinkern für zwei übernächtigte Damen und dort einfach nur ein liebes Wort oder gar ein kleiner Plausch. Trans ist auch hier nicht normal, aber lange kein Problem, war es zumindest nicht für mich.
Was soll ich weiter erzählen? „... Wer niemals in lauschiger Nacht, einen Reeperbahnbummel gemacht....“, und sich dazu gar scheut das kleine Schwarze oder das Rote rauszukramen, wird wohl auch nicht erfahren, dass Trans ganz einfach und ganz „normal“ an diesem Treiben teilnehmen und immer wieder ungeahnt interessante Dinge erleben kann.
Völlig derangiert und übermüdet bin ich dann gegen neun Uhr in der Früh in die Federn gesunken und schon 12 Stunden später war der Erlebnisbericht im Netz. Wenn das nicht Dienst an der geneigten Leserin und dem geneigten Leser ist!
Ich halte Euch weiter auf dem Laufenden.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

heute mal zeitig aus den Federn gekommen, schon einen kleinen Job erledigt, will ich mich gleich an die Wochemail machen, bevor irgend etwas anderes zeitraubendes passiert.
Wieder ist ein Monat zu Ende gegangen – am vergangenen Freitag fand wieder das offene Monatstreffen der TransSisters statt. Aus wichtigen Gründen konnte ich zwar dieses mal nicht teilnehmen, doch ich höre, dass das Treffen wie gewohnt gut besucht war. Es ist ja häufig eine recht angenehme Mischung zwischen aktiven Transgendern, Ihren Partnerinnen und Partnern, einfach nur interessierten Menschen und denen, die erst mal nur einen Kontakt suchen, sich vielleicht später mal entscheiden, den kleinen heimlichen „Fummel“ in diesem Kreise auszutragen. Für so manche und manchen steht an solchen Abenden schon die Frage „was ziehe ich denn nun an?“ Grundsätzlich ob männlich oder weiblich und wenn weiblich, ja was denn nun?
Ich komme darauf, weil ich mich am vergangenen Samstag in genau dieser Situation befunden habe. Mal einfach so mit einigen Freundinnen verabredet war ein Abendessen geplant, wir hatten uns lange nicht gesehen, wollten endlich mal wieder in Ruhe schwatzen. An solchen Tagen beginnt meine innere Vorbereitung auf das Ausgehen schon etliche Stunden vor dem eigentlichen Ereignis. Wenn ich mir bewusst mache, was mir im Laufe des Tages so alles durch den Kopf gegangen ist, kann ich heute wohl erst wirklich nachvollziehen was in den Köpfen meiner (inzwischen verflossenen) Partnerinnen und wohl auch so ziemlich jeder Frau vorgeht. Der Kleiderschrank ist prall gefüllt mit Garderobe für so manchen Anlass und zudem etlichen Stücken, die eigentlich so richtig nicht mehr passen. Nach dem Öffnen der Schranktür der weithin bekannte verzweifelte Ausruf: „Was ziehe ich nur an? Ich habe nichts vernünftiges anzuziehen!“ Und doch ist der Schrank proppevoll. Genau so habe ich mich am Samstagmittag beim ersten zaghaften Blick in den Kleiderschrank gefühlt. Nun, ich bin keine Frau, doch mein Sabine-Kleiderschrank enthält inzwischen mindestens sechs oder sieben tragbare Stücke und natürlich einen ganzen Haufen Teile, die ich ewig nicht getragen habe, von denen ich mich aber dennoch nicht trennen kann.
Ach, wie einfach haben es doch die Männer unter uns! Ein Mann kennt eigentlich nur drei Bekleidungsvarianten: Freizeit (Jeans und Pulli – Farbe und Zustand egal); Geschäft (leger und sportlich – viele Teile fast täglich tragbar) und „ganz gut“ (der unvermeidliche graue Anzug und vielleicht noch ein schwarzer für Hochzeiten und Beerdigungen – hält ewig, weil, geheiratet und gestorben wird ja nicht so oft).
Frau fragt sich bei der Auswahl der Kleidung eher nach ihrem inneren Gefühl und ich annähernd genau so. Wichtig ist zunächst der Anlass: Shopping – das kleine unauffällige Stadtkostüm ist gefragt, frau will ja nicht unbedingt auffallen. Theater oder so: Das kleine Schwarze oder weiblich elegant. Abendessen mit Freundinnen und offener Ausgang des Abends: elegant und dennoch „Bar“-tauglich. Letztlich Party: Wirklich chic vielleicht sogar auffällig. Doch der Anlass bestimmt die Entscheidung nicht allein. Das Gefühl sagt auch, wie die Bekleidung (darüber und auch darunter) beschaffen sein soll. Sexy hat häufig unbequeme Komponenten, bequem ist oft zu wenig sexy. Und dann wird es erst richtig kompliziert: Welche Farbzusammenstellung ist angesagt, besser, welche Farben entsprechen dem momentanen Gefühl. Ist das alles selektiert, muss noch geklärt werden, ob die notwendigen Accessoires (Schuhe, Strümpfe, Tasche, Nagellack, Lippenstift, Schmuck etc) auch wirklich zur Verfügung stehen. Aus dieser, sicher unvollständigen Auflistung ergibt sich trotz überfüllten Kleiderschrankes nur ein logischer Schluss: „Ich habe nichts vernünftiges anzuziehen! – richtige Männer haben es doch viel einfacher!“
Manche( r) von Euch wird sicher denken: „Jetzt dreht Sabine durch! Meine Kollektion ist gerade mal so groß, wie in mein kleines Versteck in der Garage rein passt und die redet von Anlässen, Accessoires und Gefühlen!“ Doch Halt, Stop! Genau darum geht es doch. Es geht um Gefühle. Gefühle die die meisten von uns ausleben in dem sie Frauenkleidung tragen. Da geht es, wie des Öfteren schon erwähnt, zunächst um solche Kleinigkeiten wie eine Strumpfhose, vielleicht auch Strümpfe, einen Slip, ein Hemdchen, einen BH, ein Paar Schuhe, einen Rock ein Kleid und  und und. Jede( r) von uns genießt das eine oder andere Detail und irgendwann, spätestens beim ersten „öffentlichen“ Ausflug, die gesamte Komposition. Ich behaupte, dass diese Komposition bei einem Transgender-Menschen weit bewusster gestaltet wird, als bei so mancher Schonimmerfrau. Und ich weiß von vielen Freundinnen (und natürlich auch von mir), dass die eigentliche Würze im Detail liegt. Ich für meinen Teil genieße die Auswahl eines jeden dieser Details der Gesamtkomposition und befrage zu jedem mein Gefühl, ob ich das zu diesem Zeitpunkt und genau so haben will – oder wenigstens ertragen kann.
Schon vor einigen Wochen kursierte durch das Internet ein Fragebogen einer Hamburger Studentin der „Akademie für Mode und Design“, die im Rahmen ihrer Diplomarbeit Transvestiten und CrossDresser nach ihren Bekleidungsgewohnheiten und natürlich Ihren Wünschen befragte. Mal abgesehen von den allgemeinen Fragen zur Zielgruppenbeschreibung, fragt sie auch nach ganz spezifischen Passformproblemen – das Thema ist ja allgemein bekannt - die der weibliche Anatomie angepasste Konfektion verursacht schon einige Probleme an einem eigentlich männlichen Körper, dreist bei Auswahl der entsprechenden Konfektionsgröße. Ich ärgere mich selbst gelegentlich darüber, dass die Träger meines BH’s oder die Ärmel eines Pullis eigentlich etwas länger sein könnten und dass sich bei mir an der Stelle, an der selbst eine korpulente Frau eine Taille hat, der Bauchansatz befindet. Na und die „Volumenprobleme“ im Schritt von Bodys oder Damenslips brauche ich ja wohl nicht weiter zu beschreiben. Ärgerlich, weil die Suche nach adäquater Bekleidung für einen männlichen Körper unvergleichlich schwerer ist und über wirklich tragbare Schuhe der Größe 43 will ich erst gar nicht reden. Doch irgendwann habe ich mich darauf eingestellt. Besagte Studentin stellt nun, fast abschließend, die Frage ob es denn Sinn machen würde eine eigene Kollektion für Transgender zu entwickeln. Nee, eigentlich fragt sie ja nur, wie eine solche Kollektion heißen könnte. Ich bin da in der Beurteilung unsicher. Zunächst erst einmal hatten wir hier in Berlin ja schon einen Laden (Transformation), der entsprechend angepasste Ober- und Unterbekleidung angeboten hatte und der ist ja bekanntlich inzwischen (vermutlich wegen wirtschaftlicher Probleme) dicht gemacht. Die dort vertriebenen vorwiegend englischen Modelle waren wohl auch sündhaft teuer. Doch das haben kleine Kollektionen nun mal so an sich und ich vermute mal, dass jede andere TG-Kollektion auch nicht bedeutend preiswerter sein kann.
Nun stelle ich mir mal für einen Augenblick vor, dass ich genügend Geld zu Verfügung hätte um in einem solchen Laden einzukaufen. Sicher würde ich mich für das eine oder andere Stück, insbesondere wo die rein männliche Anatomie eine entscheidende Rolle spielt, interessieren. Doch ich bin mir nicht sicher, ob ich auf Dauer auf meine Besuche in der Damenabteilung einschlägiger Kaufhäuser und Boutiquen verzichten würde oder gar meine Kleider in der Herrenabteilung kaufen wollte. Nein, es ist die Vielfalt, der landauf landab gebotenen Damenbekleidung, die mich interessiert und begeistert und, es ist auch die Zielgruppe (nämlich „richtige“ Frauen) für die diese Bekleidung hergestellt wird, die mich in die einschlägigen Geschäfte treibt. Und doch finde ich das Thema der Arbeit bedeutend, weil auch auf diese Weise ein Verständnis für die gesamte Transgender-Problematik erzeugt wird. Vielleicht liest ja der eine oder andere Konfektionshersteller darin und ist eher bereit auf unsere Sonderwünsche einzugehen. Vielleicht gibt es ja eines Tages überall in den Damenabteilungen der Kaufhäuser oder wenigstens im Versandhandel sogenannte „TG-Zwischengrößen“ für alle beliebeigen weiblichen Kleidungsstücke. Schön wäre das schon.
Doch das Grundproblem beim Öffnen meines Kleiderschrankes bleibt sicher weiter bestehen: „Ich habe nichts vernünftiges anzuziehen! – richtige Männer haben es doch viel einfacher!“

Viele liebe Grüße bis zur nächsten Woche!
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

es war mir wirklich (rein zeitlich nicht möglich) meine Mail wie gewohnt am Sonntag zu verfassen, dafür war an diesem Wochenende viel zu viel los für mich. Gestern Abend, dann doch recht spät wieder in heimischer Umgebung, fühlte ich mich wie eine Zeitreisender, der alle wichtigen Zeitebenen seines Lebens aus unbestimmten Gründen zugleich erleben sollte.
Noch am Freitag agierte der ambitionierte Geschäftsmann, kämpfte ums tägliche Überleben und legte Grundlagen für eine weitere (mehr oder weniger) erfolgreiche Arbeit. In der nächsten Station (am selben Tage) ging es ab in die Zukunft trauter Zweisamkeit voller schöner Momente und Ausgelassenheit – im Kleid und ohne, ganz wie mir gerade war und ganz ohne Abwägung möglicher Wirkungen. Aus diesem Leben heraus „düste“ ich dann am Sonntag direkt in die Vergangenheit. Eine liebe Tante feierte in meiner Geburtsstadt ihren 80. Geburtstag. Ich war direkt an den Stätten meines kindlichen Sein und traf auf Menschen, die wie auf „Klick“ so viel älter geworden sind, natürlich verbunden mit der Erkenntnis, dass auch an mir die Jahre nicht spurlos vorbei gegangen sind. Schlussendlich die Rückkehr in meine zwischenzeitlich ausgekühlte leere Wohnung, dem gähnend leeren Kühlschrank und den Bergen unbeantworteter wichtiger Post. Im Sabine-Schrank ein warmer wollener Rock und andere notwendige Kleinigkeiten, und im Regal in der Küche eine Whiskyflasche – meine zuverlässige Begleiterin in den immer seltener werdenden ruhigen und nachdenklichen Stunden. (Für die Argwöhnischen unter Euch: ich bin seit mindestens zwanzig Jahren nicht volltrunken gewesen und das wird auch so bleiben!) Selten treffen für mich Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit so nahtlos aufeinander.
Zentrales inneres Thema dieses prallen Wochenendes war die Frage nach der ewigen Haltbarkeit der so seltenen und für unser Leben so wichtigen „schönen Augenblicke“.
Konstruieren wir uns mal eine ganz beliebige Person und ich sage Person, weil ich mich nicht festlegen will, wie sehr sie dem weiblichen oder männlichen Bild entspricht. Und nennen wir diese Person einfach Elli Einstrumpf. Elli, weil der Name so schön kurz und griffig ist und „Einstrumpf“ (in meinem Kopf trägt Elli einen einzigen langen schwarzen Strumpf) als Synonym für einen winzigen, dennoch vorhandenen Zwiespalt zwischen gutbürgerlichem Sein und dem sich ständig verstärkendem Bedürfnis, die lange verborgene Gefühlswelt in wirkliches Leben umzusetzen.
Elli nun, hat die Lebensmitte bestimmt schon erreicht und damit auch etliche Höhen und Tiefen des Lebens durchlebt. Die Höhen hat sie (ich bleibe mal beim „sie“) genossen und unter den Tiefen sehr gelitten. Beide Lebenszustände haben sie geprägt und übrig blieben wohltuende Erinnerungen an die schönen Augenblicke genau so, wie die Ängste vor als Qual empfundener seelischer Belastung. Sie richtet ihr Leben ein, vermeidbare Gefahren werden vermieden doch im selben Maße ebneten sich die Gipfel der so sehr begehrten Höhen.
Elli bricht irgendwann, vermeintlich zufällig, aber eigentlich notwendigerweise aus ihrem gewohnten Lebenstrott aus, begibt sich in emotional unsicheres Terrain und findet ungeahntes Glück in ganz kleinen glücklichen Momenten. Alte Angst wird wach, einer Höhe folgte bisher immer eine Tiefe. Nein, nicht Tiefe, sie will ganz oben bleiben, für immer. Was liegt näher, als diesen Moment ganz, ganz fest zu halten und nicht mehr loszulassen. Alles zu tun, damit er nie endet. Doch mal ehrlich, was soll sie mit einem einzigen, schönen, ewig währenden Moment auf Dauer anfangen? Nun, sie könnte ihn ja ewig genießen. Doch reicht ein einziger, ewiger schöner Augenblick für immer?
Zurück zu meiner Zeitreise und der Ankunft im Alltag. Da bleibt aus den vergangenen Tagen, die Befriedigung einen guten (bürgerlichen) Job gemacht zu haben, nicht ohne Risiko, doch dieses mal erfolgreich. Dem folgte ein kurzes intensives, weniger bürgerliches, Leben, ganz nach Gefühl und Laune. Nicht ohne Ängste und doch voller Mut ich selbst zu sein, damit voller „schöner Augenblicke“, die für immer festzuhalten sich wirklich gelohnt hätte. Und ganz zum Schluss, beim Trip in die Vergangenheit, für mich die Auflösung der so wichtigen Frage nach der ewigen Haltbarkeit eben dieser „schönen Augenblicke“. Um ihre Haltbarkeit braucht man sich nicht mühen, das haben sie von allein an sich. Ganz absichtlich bin ich noch vor der offiziellen Feier eine Zeit lang durch die kleine Stadt gestreift, fand die Plätze verwegener Kinderspiele und heimlichen „Mädchenseins“, traf dann auf Menschen die ich einst sehr mochte und die noch heute (sichtlich ergraut) die gleiche Liebe und Wärme ausstrahlen. Ich erlebte die Wiederkehr längst vergessener „schöner Augenblicke“, zum Teil mit den Ängsten eng verknüpft.  
Ich denke, alte Ängste und neuer Mut liegen ungeahnt dicht beieinander, bedingen sich sogar. Es ist die Vielfalt, der hier so häufig zitierten schönen Augenblicke, die uns glücklich macht. Wir sollten jeden einzelnen davon genießen, ihn dann wieder loslassen, uns erneut in die Gefahr des Misserfolgs begeben und schauen, ob das Kunststück von neuem gelingt.
Na und nun mal ehrlich, haben wir nicht alle etwas in uns, von jener Elli?
Ich wünsche Euch allen eine Woche voller unvergleichbar schöner Augenblicke und bewältigter Ängste.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

in der vergangenen Woche gar nicht, in dieser Woche wohl eher ein wenig spät. Ja ich weiß, es ist eigentlich nicht in Ordnung, erst regelmäßig wöchentlich am Sonntag zu schreiben und dann diese Holperei. Zu meiner Entschuldigung will ich anführen, dass ich mich immerhin mehr als zwei Jahre regelmäßig am Sonntag dran gemacht habe, das eine oder andere Ereignis in meinem Leben zu beleuchten. Das war rein technisch auch möglich, konnte ich doch mein ganz privates Leben auf diese häufig vergnüglichen Stunden einstellen. Das hat sich in den letzten Wochen entscheidend verändert. Zu sehr bin ich mit meiner ganz neuen und zudem ganz spannenden Beziehung beschäftigt und will keine Minute davon versäumen. So wie am vergangenen Wochenende - eine schöne Zeit, ganz wie ich sie mir immer (?) gewünscht habe. Soviel „Frau“, wie mir gerade wichtig ist und soviel „Mann“, wie unabdingbar.
Die Wochenmail will ich aber dennoch schreiben, muss mich halt um einen neuen Rhythmus und neue Regelmäßigkeit bemühen. Und zu erzählen gibt es noch immer eine ganze Menge. Ich bin optimistisch, dass sich dieser Rhythmus bald wieder einstellt und hoffe, dass Ihr mir bis dahin die Treue haltet. Soviel zur Erklärung meiner Versäumnisse.
Gelegentlich streife ich durchs Internet, vertiefe mich in die einschlägigen Transgenderseiten und lese hier ganz besonders gern in den häufig recht interessanten Foren. So ein Forum im Netz hat ja mehrere Vorteile, es ist öffentlich und zugleich ausreichend anonym. Öffentlich, weil so manche oder mancher von uns schon das Bedürfnis hat, mal über ein ganz persönliches Problem zu sprechen, nach Antworten zu suchen oder gar Kontakte zu knüpfen. Anonym, weil ja keiner weiß, wer eigentlich hinter dem Autor steckt – das ist einerseits ganz gut, weil Grund für mehr Mut und andererseits auch Grund für Übermut und Geschmacklosigkeiten. Ihr wisst sicher alle, wovon ich spreche.
Doch warum durch fremde Foren streifen, wenn das eigene (das der TransSisters) voll von interessanten Beiträgen ist. Amiée zum Beispiel fragt, wie das denn nun ist, wenn ein Transvestit, mit der Zeit immer mehr perfektioniert, häufig und über Jahre wie eine Frau auftritt, ob sich das eigene Bild nicht allmählich verselbständigt, dadurch der gewohnt männlich Hormonhaushalt durcheinander gerät und ein unaufhaltsames Drifting zur Transsexualität stattfindet. Emanuelle weiß in ihrem Beitrag dazu zu berichten, dass genau das bei ihr nicht sattgefunden hat. Sie spricht viel mehr davon, dass sich ihr  Leben als Transvestit (ja, sie bezeichnet sich selbst so) „normalisiert“ hat und das „Zurückkommen“ auch nicht problematisch ist. Na bitte! Doch kramen wir noch ein wenig weiter.
Einige Tage zuvor setzt Karin im gleichen Forum einen Link zu einem ganz persönlichen Erlebnisbericht über „ein Wochenende als Frau“, gebucht über einen der immer häufiger angebotenen besonderen Services, dieses mal in Dresden. Nachgehakt und nachgelesen. Karin berichtet von einem wirklich prickelndem Erlebnis „je länger ich ging, um so selbstbewusster wurde mein weibliches Ego – so als hätte ich nie etwas anderes gemacht“ und „Seit diesem Erlebnis reiße ich mir jeden Abend die Männerkleider vom Leib, um den Rest des Abends in meinem geliebten Frauen-Outfit zu verbringen....“
Es fällt nicht schwer, noch mehr Beiträge zu zitieren, etwa Alexandra, die gern mal Frauenkleider anzieht, aber eben den Aufwand scheut, sich eine kleine Kollektion an Kleidern und anderen nötigen Dingen zuzulegen, oder oder oder.
Allen Beiträgen gemein ist irgendwo die Frage „Wie weit geht das eigentlich und wohin?“ Ich will das mal hier an meinen ganz persönlichen Erfahrungen und Ansichten messen. So ziemlich am Anfang mit meiner eigenen Selbstfindung, dem Bekenntnis zu meiner Leidenschaft und dem Willen die notwendigen persönliche Konsequenzen zu ziehen, war da eine ganz große Angst. Ich hatte Angst einen Prozess in Gang zu setzen, der mich irgendwann mitreißt, aus dem es für mich kein Zurück mehr gibt, kein Zurück, in ein „ganz normales“ bürgerliches Leben. Ganz komplizierte innere Prozesse versuche ich gelegentlich in Bilder zu kleiden. Ich sah mich selbst in einem kleinen Bach vor einem riesigen Staudamm stehen und die Mauer des Damms zeigte deutliche und beachtliche Risse. Ich fürchtete in diesem Strom unter zu gehen.
Gut gemeinte Ratschläge in einem kleinen Umfeld vermeintlich transsexueller Menschen haben mich nicht gerade beruhigt. „Das, was du durchmachst ist alles ganz normal, mein Weg zur „richtigen Frau“ führte auch über äußerlich fetischistische Ansätze und einer ganzen Zeit als Transvestit....“ „Lass dich einfach treiben, irgendwann weißt du wo du hin gehörst..“ „Transvestiten sind in ihrem Frausein nicht konsequent....“ Ich wusste damals noch nicht, dass diese Meinungen sehr einseitig und die wenigen Ratschläge nicht gerade klug waren. Die Grundangst, die sicher bei jedem Aufbruch in neues Terrain besteht, wohin geht die Reise wirklich, wurde nur genährt. Und irgendwo, verborgen in einem kleinen Eckchen meines Bewusstseins besteht sie noch immer. Doch mit der Zeit habe ich immer mehr heraus bekommen, was mir wirklich gefällt, das Eine für mich ausgeschlossen und das Andere dazugeträumt.
Was ist da eigentlich passiert? Zu Anfang war ich zufrieden, wenn ich einige verträumte Stunden ganz allein im Kleid verbringen konnte. Doch ein ganz kleiner Wunsch blieb immer übrig. Endlich die Möglichkeit, konnte ich mich zu Hause zu jeder freien Stunde so kleiden, wie es mir gefiel. Später dann habe ich dazu meine „Schätze“ öffentlich ausgetragen und mir gewünscht, auch in der ganz persönlichen Beziehung, so zu leben, wie ich nun mal bin. „Soviel „Frau“, wie mir gerade wichtig ist und soviel „Mann“, wie unabdingbar“. Genau dort bin ich jetzt angekommen und ich weiß natürlich nicht, welche Wünsche noch entstehen und ich weiß auch nicht, ob ich sie wohl realisieren will. Vielleicht bin ich aber auch wirklich angekommen, dort wohin mich der starke Wasserstrahl gespült hat, denn den Dammbruch habe ich gut überlebt.
Ein recht berühmter, leider viel zu oft verfemter Philosoph (der Name beginnt mit „Ma“ und endet mit „rx“) spricht davon, dass die Bedürfnisbefriedigung an sich, zwangsläufig neue Bedürfnisse hervorbringt. Er hat damit zunächst rein wirtschaftliche Verhältnisse und zugleich ein Naturgesetz im menschlichen Verhalten beschrieben. Bedürfnisse sind nach meinem Verständnis zwar unendlich, sie treiben uns, wie jener Strom nach dem Dammbruch immer weiter voran, doch sie sind nicht uferlos, sie haben sehr persönlich Grenzen. Denn wir sind in der Lage diese Bedürfnisse zu reflektieren und gegeneinander abzuwägen. Und jeder von uns schwimmt in seinem eigenen Strom, solange wie er kann und mag. Ich möchte (um dann doch im Bild zu bleiben) nie wieder zurück in jenen gemütlich plätschernden Bach, in dem ich doch nicht schwimmen konnte und auch nicht voran kam.
Insoweit ist die Eingangsfrage für mich beantwortet. Irgendwann musste ich einfach losschwimmen, es ging nicht anders. Eine Zeit lang ließ ich mich von meinen Gefühlen und Wünschen treiben, habe aber immer darauf geachtet in nicht zu unruhiges Wasser zu geraten, nicht unter zu gehen. In ruhigem Wasser kann ich inzwischen gut verharren und wo es mir wirklich gefällt, gehe ich an Land. Vielleicht ich bleibe ich ja für immer.
Ups! Was so alles entstehen kann, wenn man (frau) ganz unverfänglich in einem Forum schmökert. Für mich lohnt sich allemal, hier und da zu lesen, was die Menschen so bewegt und was sie treibt. Ich kann mich selbst daran messen und meine Gedanken einfach frei laufen lassen...

Ich grüße Euch alle ganz lieb bis zur nächsten Wochenmail
Sabine B.

Nachfolgend die öffentlichen Zuschriften:
Maria schrieb am 27.11.2001
Guten Tag liebe Sabine B.
Sich treiben lassen....... die Augen schließen und die Träume genießen .........Dein Bächlein war zuerst ganz klein. Damals träumtest Du von der großen Reise, vom großen Fluss der, wir wissen es alle, im offenen Meer endet. Kein Ufer mehr. Nur noch Wasser, Sonne, aber auch Wind und Sturm.
Sabine, Du hast völlig recht. Jedes von uns Transgender hat am seinem Anfang so ein Bächlein. Alle möchten sich treiben lassen, die Augen verschließen von der Reise zum Meer. Aber alle haben einem großen Anker in der Tasche, der bei allzu großer Strömung ausgeworfen werden kann. Diesen Anker hast Du vergessen zu erwähnen.
Unser Anker: Die Männerkleider noch im Schrank und die Camouflage verschlossen in der Schublade und jedes Mal, wenn jemand läutet, fährt uns der Schreck in die Glieder. Sind alle unsere geliebten Damenkleider, die feinen Strümpfe ect. ect. weggeräumt. So liegen diese, unsere „Glücksbringer“ zuunterst, völlig zerknittert in der untersten Schublade und müssen warten, bis die Luft wieder rein ist. Bis wir wieder soweit sind und das Spiel von vorne beginnt.
Wir alle kennen das kleine Ecklein mit unserer Angst vor den Rissen in der Staumauer. Die Angst vor dem Wegspülen und nicht wissen, wohin wir gespült werden. Nicht wissen, wo wir schlussendlich liegen bleiben .........
Meinen Anker wurde mir zu schwer. Entweder war mein Boot zu klein und der Anker zu groß. Auf alle Fälle merkte ich, dass mein Bötlein zu sinken begann. Ich musste mich von meinem Anker trennen. Von meinem Anker, der mir seit Jahren die Sicherheit brachte, immer und zu jederzeit das Schifflein zu stoppen wann immer ich es wollte. Genau von diesem notwendigen Ungetüm musste ich mich trennen um nicht in den Fluten zu ertrinken. Stehen konnte ich ja schon lange nicht mehr. Ich war schon zu weit von meinem Bächlein entfernt.
Seit drei Monate lebe ich zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit als Frau. Ich konnte meine Männerkleider nicht mehr akzeptieren. Das Versteckspielen wollte ich nicht mehr. Ich wollte hinaus aufs Meer. Ich wollte, solange ich noch die Kraft dazu hatte, meine Insel suchen. Ein kleines Stück Land das ich erobern will.
Zugegeben, das Rudern ist beschwerlicher als sich treiben lassen. Aber es hat sich bis jetzt gelohnt. Zugegeben, ich habe schon ein paar Schwielen an den Händen vom Ruder. Diese aber werden vergehen. Ich habe inzwischen auf meiner kleinen Insel Leute kennengerlernt, die mich so akzeptieren wie ich bin. Ich kam als Gast auf diese Insel und werde, wenn ich die Spielregeln einhalte, als Freund dort mein kleines Stück Lebensqualität genießen können. Ich glaube fest daran.
Liebe Sabrina, Du hast wirklich recht. Jedes muss selber wissen, ob es auf dem Festland oder auf der kleinen Insel leben will. Beides haben zu wollen kann sehr gefährlich werden. Der Sturm und die Klippen lassen grüßen.
Liebe Sabine, schreib bitte weiter. Ich lese Deine Wochenendmail auch noch am Mittwoch.
Es grüßt Dich ganz herzlich. Maria

Gabi schrieb am 28.11.2001:
Liebe Sabine,
immer schön locker bleiben, Hauptsache wir bekommen weiterhin unsere
Wochenmail. *g*  Wenn eine neue Liebe in`s Leben tritt, dann fordert sie erst
mal ihr Recht und alles andere wird zur Nebensache, auch eine Wochenmail.
Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute für Deine neue Beziehung,
Gabi Petersen.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

das vergangene Wochenende war wohl sicher eines der erfreulichsten und denkwürdigsten für mich. Ich bin meinem ganz persönlichen „kleinem Zipfelchen Glück“ wieder ein ganzes Stück näher gekommen und habe zudem am Samstag in großer und vertrauter Runde Geburtstag gefeiert. Im Oktober haben Bernd und Sabine Geburtstag. Sabine immerhin schon den Dritten, na und der Bernd ist eigentlich schon ganz schön alt für ein kleines Mädchen. Natürlich feiern wir immer zusammen, denn wir betrachten uns als untrennbare Einheit, nur eben mit unterschiedlichem Erscheinungsbild.
Obwohl ich eigentlich über ausschließlich angenehme Ereignisse berichte, will ich über eine Angst in mir sprechen, die Angst, nicht so wahrgenommen zu werden, wie ich wirklich bin. Ausgangspunkt ist, dass mir schon gelegentlich auffällt, dass die Sabine als ganz eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wird, und kommt dann der Mann um die Ecke, der diese Sabine ja ausdrückt, dann gestalten sich die Beziehungen und Kontakte häufig schon auf einer ganz anderen Ebene. Kann das sein? Da mag jemand nur die Sabine und jemand nur den Bernd? Ist der Bernd vielleicht gar nicht so interessant, wie die Sabine und hätte er ganz allein vielleicht auch nicht so viele liebe Freunde und Bekannte? Wie geht das? Sabine und Bernd (um mal nur für einen Augenblick bei dieser unsinnigen Trennung zu bleiben) haben sich doch immer als untrennbare Einheit, eine einzige Persönlichkeit betrachtet! Nun, zum Glück bin ich im Umgang mit der Masse meiner Freunde und Freundinnen nicht darauf angewiesen, hier im Kleid und dort in Jeans, ein gewünschtes (vielleicht auch geliebtes) Bild zu wahren. Ich rede hier natürlich nur über wirklich sehr vertraute Bekanntschaften, die wenigstens die (äußerliche) Sabine oder auch beide Erscheinungsbilder kennen. Und doch gibt es Situationen in denen ich das Gefühl habe, dass der (äußerliche) Mann weit weniger interessant ist, als seine (selbst erdachte und wohl auch angepasste) weibliche Ausdrucksform.
Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich dieses Problem viel einfacher beschreiben lässt. Doch weiter damit.
Erst vor einigen Tagen habe ich einer kleinen, ganz persönlichen Geschichte von einem kleinen Jungen geschrieben, der eigentlich ganz gern ein Junge war, doch die eben so kleinen Mädchen um ihre soziale Stellung und die damit verbundenen Möglichkeiten des ganz persönlichen Ausdrucks beneidete. Na und natürlich um Ihre Kleider und Röcke. Ich will es kurz machen. Der kleine Junge wurde immer größer, seine Wüsche und Träume wuchsen mit und ganz heimlich tat er so, als sei er ein Mädchen. Wollte nicht selbst ein Mädchen, sondern wie ein Mädchen sein. Das ging natürlich am besten, wenn er sich so kleidete. Ganz verborgen lebte er gelegentlich sein Bild vom weiblichen Ausdruck, ganz ohne schmückendem Rahmen und nur so viel, wie unbedingt nötig. Irgendwann, viele Jahre später, er war inzwischen längst ein Mann (und er war es gern), wurde er sich dieses Gefühls und seiner Bedürfnisse bewusst. Seine selbst gebauten Erklärungen für sein „abweichendes“ Verhalten funktionierten nicht mehr. Nein, es war keine ausschließlich sexuelle Spielart, wenn er sich heimlich und seinen Wünschen entsprechend kleidete und nein, er konnte auch nicht mehr glauben, einfach nur krank zu sein. Ja, er wollte sich nach außen und öffentlich darstellen. Doch, wie an anderer Stelle schon gesagt, öffentliche Weiblichkeit hat seine Konventionen. Wollte er sich natürlich unter natürlichen Menschen, wie eine Frau bewegen, war viel mehr „gestalterischer“ Aufwand erforderlich, als wenn er diese Erscheinung für sich allein lebte. Ein Kompromiss musste her. Ein Kompromiss zwischen den bisher gelebten Bedürfnissen und einer als notwendig empfundenen öffentlichen „Gesamtkomposition“.
Dieser Kompromiss hat für mich noch heute einen Namen, er heißt „Sabine“. In der äußeren Gestaltung ist Sabine eine zum Teil recht aufwändig gestaltete Kunstfigur und nur der Kenner (die Kennerin) weiß um die vielen kleinen Details, die notwendige weibliche Ausdrucksform des Mannes sind, der dahinter steckt. Nun, ich genieße es schon, diese Figur zu formen und zu gestalten. Ich stelle zudem fest, dass sie es mir gelegentlich recht einfach macht, mit Menschen, die mich interessieren in Kontakt zu kommen. Hier insbesondere Menschen, die sich für das Thema „Trans“, seine Hintergründe und die damit verbundenen Gefühlslagen interessieren. Klar, ich stelle diese Thema ja in irgend einer Weise auch dar. Doch wäre das auch so, wenn ich mein Erscheinungsbild ganz ohne schmückenden Rahmen und in nur wenigen Farben präsentierte? Oder wenn ich gar als ganz „normaler“ Typ in Jeans daher käme?
Was Wunder! Ein Widerspruch tut sich auf, den ich selbst erzeuge. Da präsentiert sich auf der einen Seite ein Mensch, der sich selbst Sabine nennt und diese Sabine ist genau so wenig Ausdruck dieses Menschen, wie sein rein männliches Pendant. Nicht nur die Erscheinung von Sabine, sondern auch die von Bernd, ist ein wohl gesellschaftlich und individuell notwendiger Kompromiss. Allerdings mit dem Unterschied, dass nur einer dieser Kompromisse von mir bewusst erzeugt wurde. Er ist für mich auch unvermeidlich.
Wird diese Kompromiss-Konstruktion für mein gegenüber deutlich, entscheidet sich, ob eine längere Freundschaft oder gar Beziehung daraus wird.
Und jetzt bin ich wieder an meinem Ausgangspunkt angelangt.
Da treffe ich rein zufällig auf eine Frau „die sich für das Thema „Trans“, seine Hintergründe und die damit verbundenen Gefühlslagen interessiert“, lerne sie schätzen und lieben, habe Angst, „nur“ als Sabine wahrgenommen zu werden und beginne all die widersprüchlichen Kompromisse aufzulösen. Tausende Worte in eben so langen Gesprächen, wie Mails. Der Preis dafür sind schlaflose Nächte, nervöse Tage und auch versäumte Wochenmails (Ihr habt es sicher gemerkt). Der Lohn ist jenes, von unserer Freundin Christa zitierte; „Zipfelchen Glück“, das ich ganz fest halte, von dem ich immer mehr bekomme und das ich nie wieder hergeben will. Die von Euch, die mich persönlich kennen, wissen es sowieso und Ihr sollt es auch wissen – mir ist in den vergangenen Wochen das Glück mehrerer Jahre auf einmal widerfahren und ich genieße es!!!
Geburtstag war. Ich zumindest mache kein Geheimnis daraus, dass ich älter werde und nehme diesen Tag gern zum Anlass mit Menschen zu feiern, die mir am liebsten sind und die ich mag. Wieder gesellschaftliche und wohl auch familiäre Konstellationen machten insgesamt drei Feierlichkeiten nötig. Einmal als artiger Sohn Kaffeetrinken mit Mutti und Vorstellung der neuen Freundin - ein wirklich schöner und relaxter Nachmittag. Dazu der Vater, der seine Kinder, die noch in der Stadt wohnen, zu einem vertrautem und schon traditionellen Mittagessen eingeladen hat – endlich mal wieder „in Familie“. Und dann (letzte Samstagnacht) eine Geburtstagsparty mit meinen engsten Freunden und all den Leuten, die ich dazu sehr mag. Ich hatte nicht allein eingeladen, schon im zweiten Jahr feiere ich mit meiner Freundin Regina den Geburtstag zusammen. Schön, dass alle, die ich gern an diesem Tag bei mir begrüßt hätte gekommen sind (mal von wirklichen Verhinderungen abgesehen) und schade, dass meine kleine Wohnung nun wohl doch seine Kapazitätsgrenze erreicht hat. Einzig in der Tabuzone privates Schlafzimmer wurde nicht getrunken, geredet, diskutiert und gelacht. Trotz aller Mühen habe ich es nicht geschafft, mich um jeden Gast wirklich so zu kümmern, wie er/sie es wirklich verdient hätte. Dazu waren es einfach zu viele. Da all meine Gäste auch LeserInnen dieser Mail sind, möchte ich mich auch auf diesem Wege noch einmal für die vielen Wünsche und ( zum Teil kostbaren) Geschenke bedanken. Meine liebe Freundin Gundula hat sogar ein wirklich reizendes (und Gott sei Dank nur lobendes) Gedicht für mich geschrieben. Das macht schon wieder Angst. Kann sie sich im nächsten Jahr zu meinem „Fünfzigsten“ überhaupt noch steigern?
Doch eine Angst kam in dieser wirklich rundum gelungenen Nacht nicht auf. Wie werde ich nun wahrgenommen? Als Sabine oder als Bernd? Sabine hat zur Party eingeladen und Bernd hat seine Gäste im Kleid und leidlich perfektem Make Up empfangen. Freunde waren zu Gast und die meisten kennen die wirklichen Details meiner notwendig weiblichen Ausdrucksform.
Ich wünsche Euch allen eine schöne sonnige Herbstwoche!

Viele liebe Grüße
Sabine B. (oder besser Bernd S.?)

Hier die öffentlichen Zuschriften zu dieser Wochenmail:
Emanuelle schrieb am 5.11.2001
Hallo Sabine!
Allerherzlichsten Glückwunsch zum Geburtstag! Alles Gute und Liebe, Gesundheit und was Du Dir noch so wünschst! Und schreib weiter Deine tollen Wochenmails, die ich so sehr genieße. Besonders diese war wirklich süß!
Deine
Emanuelle

Claudia schrieb am 5.11.2001
Guten Tag liebe Sabine,
Deine schon gespannt erwartete Wochenmail mit Deinen Gedanken, Erlebnissen und
Freuden sowie auch manchmal Ängsten sind diesmal für mich Anlass, Dir zu schreiben. Deine überwiegend freudigen Empfindungen haben mich erfreut und ich kann mir so richtig vorstellen wie denn "Sohnes Vorstellung" seiner Liebsten "bei Muttern" abgelaufen sei könnte... Erinnerungen an die Zeit der Tanzstunden erwachen; so richtig schön!!!
Nun zu dem Komplex Deiner beschriebenen Angst -meine Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen: Spontan fühlte ich mich an unser erstes Gespräch erinnert welches in Deinem Auto auf der Strecke vom Schwuz in`s KNEMO statt fand. Es ging um das Individuelle, die Einheit von Körper, Geist und Seele und den Widerstreit, den wir zeitweise in uns spüren wenn Sabine/Bernd, Andrea(s) oder Claudia und Klaus miteinander um Positionen und/oder Anerkennung "kämpfen" und was Andere, d.h. uns mehr oder weniger bekannte Menschen dazu anzumerken haben.
Ich habe für mich herausgefunden, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen ist. Es besteht aus Seele, Geist und (auch!) aus Körper, letzterer wird meistens als erstes wahrgenommen... mit den Augen. "Der Mensch ist ein Augentier" sagte mir mal ein Psychologie-Dozent.
Dies als gegeben angenommen, wird per Augenschein die erste Kategorisierung vorgenommen. Werden dann über die anderen Sinnesorgane weitere Wahrnehmungen registriert, so kann ich etwas von einem mir bis dato unbekannten Wesen erleben! "Neue Schubladen" werden geöffnet und es erfolgt eine "überarbeitete Zuordnung". Und dies doch recht umfangreiche Wahrnehmen, Bewerten und Zuordnen läuft rasant schnell ab!!
Man (frau) wir haben eine "Person" kennen gelernt, toll was!!! Was heißt denn Person? Nach Übersetzung aus dem Latein soll persona die Maske sein. Und setzen wir dieses mal als Fakt, dann haben andere uns und wir andere als "Masken" erlebt, hinter denen sich doch sooooo viel noch verbirgt und immer wieder Neues hervor kommen wird. Dies finde ich derart interessant, dass es mir immer wieder eine Freude ist eigentlich Bekannte neu zu erleben!
Und wenn mir nun eine Person vertrauter geworden ist, ich ihr Wesen, diese Gesamtheit etwas näher glaube zu kennen--- dann erscheint sie plötzlich in "anderer Maske", obwohl sie doch das gleiche Wesen ist. (Ich schreibe hier nicht von psychisch Kranken!). Diese Veränderung der Person und doch das "selbe Wesen" machen den Menschen und mir selbst schon Probleme, manchen Angst evt. Unsicherheit und häufiger als geglaubt Aggression.
Zurück zum Anfang: Wir sind nicht frei von Bewertungen, unserer selbst und anderer. So ist es erklärlich, dass je nach Vertrautheitsgrad den Sabine oder Bernd in dem Menschen X eingenommen hat, die Bewertung der Person Sabine oder Bernd vorgenommen wurde/wird. Wenn es mir gelingt das Wesen zu lieben - ohne Ansehen der Person (wie es auch so schön heißt) - dann bin ich einem weiteren "Zipfelchen vom Glück" nähergekommen.
Liebes Wesen SabineundBernd, viel Gutes wünsche ich Dir und möge Dein Vorrat an Gedanken zum Auseinandersetzen nicht enden!
Von Herzen liebe Grüße ClaudiaundKlaus
Juliane schrieb am 6.11.2001
Einfach Klasse, diese Wochenmail!
Ich habe mir erlaubt, sie an einen jungen Menschen zu schicken, der erst am Anfang seines Weges steht und mit seiner Gefühlswelt noch nicht so recht klar kommt..........ich denke, wenn er dies liest, wird er sich selbst wieder finden!
Danke, Sabine, weiter so! (wenngleich es auch sicher manchmal schwer fällt!)
Viele liebe Grüße von der leider viel zu oft verhinderten Juliane!

Andrea schrieb am 8.11.2001
Liebe Sabine, lieber Bernd, liebste  Freundin, liebster Freund .....
Wie sich doch Gefühle ähneln können. Auch mich beschäftigt - wie Du ja weist - zunehmend eine ähnliche Frage. Mal Andreas, mal Andrea; aber eben immer nur der eine oder die andere.
So lange ich zurückdenken kann, habe ich davon geträumt, nicht die klassische Rolle des Mannes spielen zu müssen. Schon gar nicht in der Partnerschaft. Lange Zeit ist mir das nicht gelungen, weil ich zugegebenermaßen auch Angst vor den Reaktionen meiner Umwelt hatte. Dann wurde - nach zerbrochener Ehe - Andrea geboren. Gefühle die Achterbahn fuhren; Einsichten in mein Innerstes, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte; ein Sturm der Emotionen und Erfahrungen, die einerseits süchtig nach mehr machten, mich in anderen Augenblicken mal zurückschrecken, mal innehalten ließen - die gesamte Palette stürzte auf mich ein und ich hatte arge Probleme mit der Verarbeitung hinterherzukommen. Aber ich genoss diese Entdeckungsreise in vollen Zügen.
Und nachdem ich dem Puzzle "Andrea" mit einer femininen Brille das vermeidlich letzte (äußerliche) Teil zugefügte, hatte ich erstmals das Gefühl so vollständig zu sein, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Der letzte äußerlich sichtbare Teil von Andreas war eliminiert. Endlich fertig! Oder doch nicht?
Andrea bekommt - ob nun zurecht oder nicht - eine ganze Menge Zustimmung und dann und wann auch Komplimente. Und es schmeichelt mir (Andrea) sehr; tut eben einfach gut. Aber schaue ich am nächsten Morgen in das ungeschminkte Gesicht von Andreas, stelle ich mir die Frage, ob die Komplimente und Aufmerksamkeiten ihn einschließen, oder doch nur für Andrea bestimmt waren. Und dann kommt dieses sehr unangenehme Gefühl hoch, dass ich hatte, bevor Andrea geboren wurde. Eben dieses Gefühl, nur halb wahrgenommen zu werden und - egal wo und wie ich mich befinde - auch nur hälftig anwesend zu sein. In solchen Augenblicken frage ich mich manchmal, ob sich mein jetziges Leben wirklich so sehr von dem unterscheidet, bevor ich Andrea den Raum einräumte, die sie einfach mal braucht. Damals wurde ich doch auch nur hälftig wahrgenommen - eben als Andreas. Und heute? Ist da wirklich ein Unterschied, wenn ich nur das eine oder das andere bin? Ich denke da auch an die Leute, die mir bedeuten, dass ihnen Andrea besser gefällt als Andreas - oder umgekehrt. Wieder nur die Wahl zwischen dem einen oder anderen?
Ich habe schon den Eindruck, mich im Bereich extremer Gegensätze zu bewegen. Stets versuche ich, diesen Spagat so ausgeglichen wie nur irgend möglich zu bewältigen. Und doch erwische ich mich dabei, dass mir das nicht so recht gelingen will. Vielmehr habe ich das Gefühl, mich an äußeren Enden zu bewegen, ohne einen Zugang zu dem Punkt in der Mitte zu erhalten, an dem sich Andreas und Andrea die Hand reichen können. Sicher, Andrea ist erst rd. drei Jahre alt und man darf an diesem Punkt nicht ungeduldig sein. Aber was, wenn zwischen den beiden ein Gleichgewicht hergestellt ist? Dann hätte ich zwar den sog. inneren Frieden. Aber es bleibt immer noch die Frage, was meine Umwelt von mir wahrnimmt und wie sie mir bzw. ich ihr begegnen soll . Ich muss gestehen, dass ich auf letzteres derzeit keine rechte Antwort habe.
Es gibt in meinem jetzigen Leben eine Frau, der es ganz ähnlich geht. Es ist dieser Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach größtmöglicher, intimer Nähe und der gleichzeitigen Angst davor. Ich weiß nicht, wie ich mich als Andreas und Andrea da einbringen soll und sie weiß nicht, welche Rolle sie dabei spielt.
Wie sollte sie auch? Ich bin nach außen und (und manchmal auch noch nach innen) entweder Andreas, Andrea oder irgendetwas dazwischen. Und es ist kein Geheimnis, dass die Umwelt  auf einen immer nur so reagieren kann, wie sie ihn wahrnimmt. Und wie kann ich dieses Wesen, dass eigentlich irgendwo zwischen Andreas und Andrea liegt, nach außen darstellen, ohne als Spinner, Fetischist oder Sonderling abgestempelt zu werden. Sicher, das passiert in Teilen auch, wenn ich als Andrea unterwegs bin. Aber ich und meine Umwelt können diesem Kind einen Namen geben - nämlich Transvestit. Auch wenn es mich grundsätzlich schon stört, regelmäßig auf mein Trans-sein reduziert zu werden, so haben ich und die Umwelt wenigstens eine einvernehmliche Basis. Einen Namen, eine Kategorie, auf deren Grundlage agiert und reagiert werden kann. Das Problem liegt glaube ich daran, dass man dem, was ich eigentlich nach außen zum Ausdruck bringen will, eben nur sehr schwer einen Namen geben kann.  Es fällt schon schwer genug, damit irgendwie selber klar zu kommen. Wie soll man sich da mit der Umwelt einigen? Da ist es einfacher, sich entweder so oder so zu präsentieren. Das ist dann zwar nur die Hälfte, aber immer noch besser als absolute Rat- und Sprachlosigkeit.
Schon seltsam; so schließt sich der Kreis. Da habe ich mir doch glatt selbst eine Antwort auf das o. g. Problem gegeben. Schreiben hilft eben doch hin und wieder. Vielleicht geht es einfach nicht anders als so, wie wir es erleben und gelegentlich beklagen. Und vielleicht ist alles auch weniger dramatisch als wir es erleben.
Ich denke man kann und darf von der Umwelt nicht erwarten, dass sie mehr sieht, als man ihr präsentiert. Alles weitere hängt dann davon ab, ob sich aus den sich daraus ergebenden Kontakten mehr wird oder eben nicht. Und das es mehr werden kann, haben wir - ob oberflächlich, platonisch oder intim - schon erleben dürfen. Eigentlich eben doch ein ganz normaler Vorgang. Ist doch schon ´ne ganze Menge. Ich kenne Leute, die weniger Glück haben als wir - und das, obwohl sie sich auf der sicheren Seite der Norm befinden. Immerhin werden wir - so oder so - wenigstens wahrgenommen.
Ich hoffe, das mein Geschreibsel nicht allzu wirr klingt. Jedenfalls habe ich versucht, mich möglichst kurz zu fassen.
So! Mein Luxuskörper schreit nach der horizontalen Rekonvaleszenz . Immerhin ist es ja auch schon ganz schön spät (oder früh?).
Liebe Grüße von uns beiden an Sabine und Bernd (die ich soooo gerne BeSine nennen würde, weil sie für mich beides ist)
Andrea(s)
 
Marlene schrieb am 13.11.2001
Hallo BeSine, hallo Andrea(s)!
Jetzt möchte ich als Außenstehende (also Nicht-Transe) auch mal kurz meinen Senf dazu geben. Ich kenne ja nun etliche Transen und habe viele auch schon "en femme" sowie "en homme" erlebt. Sicher ist es richtig, dass man eine Transe erst wirklich kennt, wenn man beide Seiten kennt, denn sie ist ja beides. Und wie es bei jedem zwischenmenschlichen Kontakt so ist, spielt das Aussehen am Anfang einer Begegnung sicher eine Rolle (Frau oder Mann, welcher Stil, hübsch oder hässlich...). Danach ordnet man einen Menschen erst einmal ein, könnte er/sie mich interessieren, mir sympathisch sein. Doch sobald man mit jemandem spricht, blickt man viel tiefer als das, und das Aussehen wird unwesentlich/zweitrangig. Erst dann merke ich, ob mir jemand sympathisch ist oder nicht, ob ich mit ihm/ihr etwas anfangen kann oder nicht und ob ich den Kontakt vertiefen möchte oder nicht. Will sagen, nur weil mir jemand vielleicht "en trans" gefällt, ist das noch lange keine Basis für eine Freundschaft. Denn eine Freundschaft hat man mit einem MENSCHEN, nicht mit einer "Hülle". Ich denke also, wenn jemand euch mag, dann sicher nicht nur getranst!
Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass das Aussehen (Styling) keine Rolle spielt, denn damit drückt man ja etwas aus. Aber noch viel mehr drückt man durch sein Verhalten / in der Kommunikation aus, erst dadurch wird die (ganze) Persönlichkeit deutlich. Ich gebe zu, dass es manchmal schwierig ist, hinter die "Schminke" zu blicken, denn manchmal verändert sich ja auch das Verhalten mit der jeweiligen Aufmachung, und es kann schon sein, dass einem das eine oder andere besser gefällt. Aber dennoch: Entweder ich mag jemanden ganz, oder gar nicht, alles andere wäre Selbstbetrug.
OK, soviel von mir.
Sabine, wenn du magst, kannst du das auch veröffentlichen, muss aber nicht.
Ganz liebe Grüße,
Marlene

Gundula schrieb am 14.11.2001:
Liebe Andrea,
Dein Beitrag zu Sabines Wochenmail – wieder hast Du bei meiner Frau exakt ins Schwarze getroffen. Übrigens – sie liest die Wochenmail regelmäßig, stimmt auch mit Sabines Ansichten überein.
In ähnlicher Weise wie Du Dich, sehe ich mich. Ja, ich bin  „trans“, und immer mehr kann ich diese Zwischenlösung aushalten, den Zustand,  das eine sowohl als auch  das andere zu sein, hin- und herzuwechseln,  meine Uneindeutigkeit nach außen zu vertreten.
Es war diese Idee, die meine jetzige Frau im Kopf hatte, als sie mich zerrissen und unglücklich, in  keiner der beiden Lebensmustern glücklich, antraf, unter meiner männlichen  Rolle leidend, mich verfolgt fühlend, nicht ich selbst, .und die verstohlen anprobierte weibliche Rolle karikiert und übertrieben, ungeeignet für jede Öffentlichkeit  hinter verschlossenen Türen und vor dem Spiegel oder der Kamera  darstellend,  nicht etwa lebend.
Sie meinte damals, es müsste möglich sein, diese beiden Muster, das weibliche und das männliche  Erscheinungsbild  so zu leben, dass es akzeptiert werden kann von zwar nicht jeder aber doch „Öffentlichkeit“.
Ich ließ mir also die Haare wachsen, um ein weibliches Körpermerkmal in meiner männlichen Identität  an mir zu haben.. Machte mir nach einem Jahr einen Zopf, was meinem Hinüberwechseln entgegenkommt. Ach ja, die Brille. Ich habe nur noch eine, eine Damenbrille selbstverständlich, und ich trage sie jeden Tag und überall. An meinem männlichen Arbeitsplatz hat man sich nur anfangs gewundert, ein paar Bemerkungen habe ich durchaus gehört, aber nun ist es kein Thema mehr, ich kann „Weibliches“ als Mann leben, ich kann „weibliche“ Entscheidungen treffen, „weiblich“ reagieren, Menschen auf „weibliche“ Weise zuhören , mich ihnen „weiblich“ zuwenden, „weibliche“ Gefühlsäußerungen zeigen, nicht ganz so raumfordernd auftreten, und man nimmt es hin und ich fühle mich wohl. Mit Erstaunen hat man meine Veränderung als positiv registriert und kommentiert, kein bisschen mehr fühle ich mich in meiner Männerrolle misstrauisch beäugt und verfolgt und unter dem Zwange stehend, in jeder Situation „Sieger“ und der Boss zu sein.
Und mit Freude schlüpfe ich in das weibliche Erscheinungsbild,  genieße das Umsteigen, trete auf in jeweils einem meiner ländlichen Cafés, bin dort eine freundliche ältere Dame, geschmackvoll gekleidet, etwas zu groß, etwas zu kräftig, etwas zu tiefstimmig aber  wohl gelitten und mit besonderer Freundlichkeit und Zuwendung bedient.
Es geht also, „trans“ zu leben. Nun gut, ich präsentiere mich in meiner Arbeitsplatz-Umwelt und an meinem Wohnort nicht im weiblichen Erscheinungsbild.  Ich müsste zu viele Menschen erst davon überzeugen, dass das, was es mir bedeutet, keine Bedrohung darstellt. Und die vielen Unaufgeklärten würden mir und meiner Frau das Leben schwer machen, warum soll ich mir und warum meiner  Frau das antun?
Ich habe verschiedene „Bühnen“, wo ich „auftrete“. Aber ich trete auf, so oder so und das mit Selbstbewusstsein und Freude, und dabei jeweils keine Seite meines Wesens verleugnend.
Du, Sabine und noch manche anderen  von uns, halten diese Spannung aus, uneindeutig zu sein, beide Seiten zu leben und einer Öffentlichkeit zuzumuten, sich nicht so oder so zu bekennen sondern dazwischen zu stehen und zu dem Dazwischen zu stehen.
Ich kann verstehen, dass  diese Art Leben für manchen eine zu große Strapaze darstellt und sie lieber eindeutig sein möchten, entschieden, entweder oder. Ich akzeptiere das als den ihnen gemäßen Weg. Mein Weg ist anders, ich lebe „trans“.
Wie sollte ich auch anders. Meine Enkeltöchter kennen mich als Opa, für meine Töchter bin ich wie immer gekleidet ihr Papa, für meine Frau bin ich etwas androgyn, mal stärker so mal stärker so aber im wesentlichen derselbe Mensch.  
Ihr Beide, Sabine und Du habt ein Thema, das sich für mich anders als für Euch darstellt: Ihr beide braucht und wollt Anerkennung und Wertschätzung in Eurer männlichen Rolle mindestens so sehr, wie in Eurer weiblichen. Das kann ich verstehen, dass Euch das auf der Höhe Eurer beruflichen Entfaltung wichtig ist, wichtig sein muss.
Bei mir ist das anders, ich habe fast mein ganzes aktives Erwachsenenleben hindurch   Anerkennung und  Wertschätzung  ausschließlich in einer erfolgreich zelebrierten Männer-Rolle gefunden. Mir war sehr bewusst, dass ich im weiblichen Erscheinungsbild nur Hohn und Spott ernten würde. Deshalb genieße ich jetzt die Erfahrung von etwas, was mir wie ein Wunder erscheint. Ganz normale Leute (schon merkwürdig, dass es fast ausschließlich Frauen sind) mögen mich, so wie sie mich sehen, sind freundlich und höflich zu mir,  begegnen mir mit offener Sympathie. Ich kann davon nicht genug kriegen. Deshalb sind mir meine Ausflüge ins Normal-Leben so unerhört wichtig. Sie erfüllen mich mit ungebremster Freude. Anders ausgedrückt: Der Mann in mir hat schon alles gekriegt, was zu kriegen ist, die Frau in mir ist zu kurz gekommen und verlangt jetzt ihr Recht.
„Trans“ zu leben. Es geht. Diese Lebensform verdient es, kultiviert zu werden, so wie Ihr es bei den TransSisters praktisch versucht und so wie Sabine und Du und auch andere, deren Namen ich nicht mehr in Erinnerung habe, ihre Lebensphilosophie formulieren, nachdenklich, selbstkritisch, bescheiden. Es könnte Ermutigung ausgehen für diese „Zwischenlösung“. Für dieses meiner Ansicht nach mehr „weibliche“ Prinzip von „sowohl als auch“  gegenüber dem meiner Ansicht nach eher „männlichen“ Prinzip von „entweder oder“ mit dessen blutigen Konsequenzen.
Nun ja, was für die eine geht, ist für  die andere nicht möglich, und das ist zu respektieren. Ich habe große Hochachtung vor dem Mut, der Entschlossenheit, der Leidensbereitschaft und der Geduld all jener Schwestern, die sich klar entscheiden und ihren Weg gehen. Doch mein Weg ist auch ein mutiger und auch er verdient Respekt.
Seid allesamt umarmt
Gundula