Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

habt Ihr das schon einmal erlebt? Ganz unverhofft ein ganzer Tag frei, ganz ohne Verpflichtung und ohne Planung!
Eigentlich war ich heute mit einem guten Freund verabredet um ihm bei notwendigen Renovierungsarbeiten zur Hand zu gehen. Ehrensache. So habe ich mein Wochenende entsprechend geplant, am Samstag all die Dinge erledigt, die sich gewöhnlich über das ganze Wochenende verteilen und artig jede nächtliche Ausschweifung vermieden, denn es sollte ja schon recht früh losgehen. Aber Kino mit einer Freundin sollte schon sein und ein kleines Abendessen ganz bestimmt. Schade eigentlich, dass mich die unverhoffte Absage erst bei meiner späten Heimkehr erreicht hat, ich wäre die Nacht vielleicht etwas mutiger angegangen. Schön, dass es mich trotzdem früh aus dem Bett getrieben hat, so habe ich Zeit, mich um Dinge zu kümmern, die eigentlich nicht so wichtig sind, kann den Tag einfach laufen lassen.
Ich will mal beim Kino anfangen: Gesehen haben wir „Ritter aus Leidenschaft“, eine spritzige mittelalterliche Geschichte um den Sohn eines Dachdeckers, der als Knappe seines plötzlich verstorbenen Ritters in eine ritterliche Identität schlüpft und der Star aller Tourniere in Europa wird. Einer der Dreh- und Angelpunkte der Geschichte ist die Frage, ob es wohl möglich ist, dass ein armer Tropf aus niederer sozialen Stellung wohl in der Lage ist „seine Sterne neu zu ordnen“ und eben ein anerkannter Ritter zu sein. Er wurde in der Tat zum richtigen Ritter und die Dame adligen Geblüts hat sich ihm hingegeben. Doch die Frage bleibt. Ist es möglich, seinen vorgezeichneten Weg zu verlassen und einen für alle unmöglich erscheinenden Weg zu gehen. Nun ist das sicher eine Frage der Betrachtungsweise und des Herangehens. Auf mich selbst bezogen fällt mir spontan ein, dass ich mit meinem Trans-Sein schon Wege eingeschlagen habe, die wohl keiner bei meiner Geburt geahnt und beabsichtigt hatte. Genau genommen würde ich mich als wohl eher „spätes Mädchen“ sehen, denn es hat bestimmt 30 Jahre gebraucht um die innere Unruhe zu definieren und dann noch mal weitere 15 Jahre, diesem Ruf zu folgen und zumindest ansatzweise zu folgen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir meine besondere (Trans-) Eigenschaft schon in die Wiege gelegt wurde, oder erst in meinem konkreten sozialen Umfeld, jedem Menschen immanent innewohnende Eigenschaften ihre Ausprägung erfahren haben. Sicher ist eigentlich nur, dass ich so bin und, wie viele von uns, begonnen habe mein Ich anzunehmen und einfach nur zu leben. Doch habe ich meine Sterne damit neu geordnet?
Break. Weil ich grundsätzlich nicht sein kann, ohne irgend etwas zu tun, hatte ich mich (ob des enormen sonntäglichen Zeitgewinns) gleich nach dem Frühstück entschlossen, ein wenig in einem Haufen von angesammelter Post, alten Unterlagen und Zeitschriften zu wühlen, vielleicht ist ja was interessantes dabei. Ich bin gar nicht weit gekommen, denn ganz oben auf lag ein kleines rosa Heftchen „Gundula G. In Reimen geträumt, Transgender Poesie“. Ihr erinnert Euch, Gundula hat bei der Party in der vergangenen Woche daraus gelesen. Mit dem Büchlein in der Hand, war es um den Vormittag geschehen und ich bereue keine Minute davon, schon gar nicht die 15 Mark, die ich dafür ausgegeben habe. Fazit: Diese gesammelte Poesie gehört in jeden gut sortierten Trans-Haushalt und nicht nur dort hin. Ich habe beschlossen, noch einige Exemplare zu bestellen und sie an gute Freunde zu verschenken und an Leute, die meine Gefühlswelt bisher nie nachvoll ziehen konnten. Gundulas Gedichte sind nicht mein letztes, aber sicher mein bestes Argument in der Auseinandersetzung und Erklärung meines Seins. So viele inhaltsschwere Wochenmails kann ich gar nicht schreiben.
Ich kenne Gundula nun schon seit einigen Jahren, gelegentlich schwatzen wir miteinander, sie begleitet diese Mail mal zustimmend, mal kritisch und auch mal mit einem kleinen Gedicht - so ist es nicht verwunderlich, dass ich einige der Texte schon kannte. Gundula ist, vermutlich wegen ihres eher ländlichen Wohnsitzes, viel allein in ihrem weiteren Wohnumfeld unterwegs und so wird das Gedichtbändchen ohne Zweifel von den wirklich reizenden, nachdenklichen, gelegentlich selbstironischen und witzigen Kaffeehausgeschichten dominiert. Die Anordnung der Texte lässt für mich auch eine ganz persönliche Entwicklung erkennen. Da sind die Zweifel über die Sinnhaftigkeit und Außenwirkung ihres Tuns, der ironische Blick auf ihre körperliche Unvollkommenheit, die Leiden der Heimlichkeit, das Glücksgefühl nach bestandener Prüfung beim Frisör, in der Boutique oder eben im Kaffeehaus. Und da ist der Entschluss, das eigene Leben (wenngleich als ebenfalls „spätes Mädchen“) neu zu leben. Oder vielleicht doch nicht neu? Eher identisch, eben ehrlich vor sich selbst. Viele der dargestellten Situationen und präzise formulierten Gedanken und Gefühle sind mir nicht unbekannt und schöpfen aus dem prallen Trans-Leben. So manche Seiten des kleinen Buches hat jetzt eine eingeknickte Ecke, ich wollte sie hier zitieren, doch das würde den Rahmen dieser Mail bei weitem sprengen, denn ich kann mich nicht entscheiden. So will ich es bei einem kleinen Zitat belassen. Es fasst Gundulas Grundhaltung ganz gut zusammen:

Wer ich bin
ist meine Sache!
Des Lebens Sinn
liegt doch darin,
was ich aus mir
mache.

Übrigens, wenn Ihr über Gundula und Ihre Verse mehr erfahren wollt, dann empfehle ich Euch Ihre HP im Internet unter: www.xxx
Und da ist sie wieder, die Frage, ob es möglich ist, seine Sterne neu zu ordnen. Auch Gundula hat sie nicht explizit beantwortet. Doch ich vermute, das es nicht gar nicht darauf ankommt. Wichtig ist doch (um im Bild zu bleiben), alle seine Sterne zu erkennen und sie im richtigen Licht erstrahlen zu lassen. Da mag der eine oder andere mehr oder weniger hell erscheinen, doch es geht immer um das gesamte Bild. So mancher Stern hat den „Mief“ der Vergangenheit, er wird immer da sein, doch er wird nicht immer leuchten (das ist für meine Liebe D).

Ich wünsche Euch eine angenehme Woche
Viele liebe Grüße
Sabine B.