Guten Tag liebe Freunde und Freundinnen,

„Auf die Schuhe!“ „Auf die Strümpfe!“ „Auf die Strapse!“ Drei kehlige Rufe und „plop“, drei noch fast gefüllte Biergläser knallen aneinander.
Männerrunde, Kneipenstimmung, verklärte Blicke und doch ist etwas anders. Die drei Freizeitkerle wissen wovon sie reden. Sie hätten genau so gut in einer kleinen Cocktailbar an einem Gläschen Wein nippen, oder in einer Diskothek die Hüften schwingen können, nur dann eben im Kleid oder Rock, angemessen Silikon im BH und die herben Züge mit reichlich Make Up kaschiert.
Tolle hohe Schuhe, seidige Stümpfe mit oder ohne Straps, fließende Kleiderstoffe oder knallige Shirts – alles mögliche Synonyme für die ganz persönliche äußere Ausdruckwiese für Transgender (Männer), ganz besonders natürlich eines (klassischen?) Transvestiten. Ja, ja, ich weiß, das sind schon wieder Klischees. Ein Transmensch hat halt nicht viele Möglichkeiten seine Gefühlswelt nach außen zu dokumentieren. Die wichtigste ist wohl, sich diesem Gefühl entsprechend zu kleiden. Und sage keine(r), er hätte dabei keine Präferenzen! Ich hab mich inzwischen mit einer ganzen Menge Leuten unterhalten und weit ab von jeglicher wissenschaftlichen Draufsicht, haben die einzelnen Biografien viele Gemeinsamkeiten, besonders in Bezug auf den zumeist ganz einsamen Einstieg in die Geheimnisse und Reize weiblicher Kleidung. Überlegt doch mal, was war Euer erstes eigenes (bewusst beschafftes) besonderes Kleidungsstück und warum habt Ihr gerade dieses Stück angeschafft? Was war es? Eine Strumpfhose oder seidige Stümpfe, ein Paar Schuhe mit „richtigen“ Absätzen, ein Hemdchen, Höschen oder BH, oder vielleicht ein Rock oder Kleid? Diese Liste lässt sich sicher noch lange fortsetzen. An diesem Tag war, zumindest bei mir, der Damm gebrochen. Ich wusste, genau das ist es, wusste zwar noch nicht genau warum, doch ich wollte mehr davon haben, vielfältiger sein und noch perfekter. Die äußere Hülle nahm immer mehr Gestalt an, doch die wenigen Ausgangspräferenzen gibt es noch heute. Warum also sollte man(n) nicht, in vertrauter Runde, das Glas erheben und sich an diese wahrhaft glückliche Kleinigkeit erinnern?
Ausgangspunkt der Bierrunde war ein Gespräch über den Werdegang und die Stimmung bei den monatlichen Treffen der TransSisters. Das Neunte fand gerade am vergangenen Freitag statt und war (wie gewohnt) gut besucht. Erst kürzlich habe ich zu einem Eintrag im Gästebuch unserer HP angemerkt, dass diese Treffen dem Kennenlernen und er gegenseitigen Verständigung dienen und gerade die vergleichsweise guten Besucherzahlen den Ort und das Konzept rechtfertigen. Die Stimmung ist regelmäßig gut, sehr vertraut und ich habe gelegentlich schon Probleme, mich mit jedem, den ich lange nicht gesehen habe auch wirklich ausreichend zu verständigen. Das geht Manchem so, viele in der Runde kennen sich inzwischen ganz gut.
Alles in Ordnung? Oberflächlich ja. Andrea erzählte mir, dass sie bei einem dieser Treffen von einer Bekannten angesprochen wurde, sich doch mal zu einer recht einsam ausschauenden „Dame“ zu setzen und sie mehr in den Gesprächskreis einzubeziehen. Ich hatte erst heute eine Mail im Postkasten, in der B. schrieb, dass sie es wider Erwarten doch zum Treffen geschafft hatte, die Tische aber so voll waren, dass sie unverrichteter Dinge wieder abgereist sei. Sieht man genau in die Runde, dann fällt schon gelegentlich auf, dass die Eine oder Andere etwas einsam an Ihrem Glas nippt und über den ganzen Abend nicht ins lang erhoffte Gespräch kommt. Andere wieder, sie sind ebenfalls zu ersten Mal in der Runde, blicken Ihre Nachbarin oder Gegenüber an und nehmen automatisch Kontakt auf. Small Talk, zunächst, doch man (frau) hat sich gerade kennen gelernt und kann sich bei nächster Gelegenheit als bekannt begrüßen. Der Kontakt ist hergestellt, vielleicht entwickelt sich die eine oder andere Bekanntschaft oder gar Freundschaft. Ein gedanklicher Ansatz der Monatstreffen ist erfüllt. Gerade für Transgender in den „Kinderschuhen“ (schon wieder Schuhe!) brauchen in der Öffentlichkeit häufig Menschen, die ihnen ähnlich sind. Das macht nicht nur sicherer. Das gemeinsame Erleben und die gegenseitige Verständigung zu gleichen Lebenslagen erzeugt zudem über kurz oder lang ein annäherndes inneres Gleichgewicht und einen gewissen Grad von Normalität. In diesem Umfeld erblickt ein Transgender erst wirklich das Tageslicht (sinnbildlich), auch wenn er (sie) zunächst nur in der Nacht unterwegs ist.
Zurück zu meiner Bierrunde. Dem Gläserklirren ging ein ganz leises Gespräch voraus zum Thema „Was hat dich bewegt endlich vor die Tür zu gehen?“ Nun, was meine Freunde berichteten, wird wohl ihr Geheimnis bleiben, oder sie schreiben es selbst für Euch auf. Doch so sehr abweichend waren die Beweggründe nicht, vielleicht sind wir ja gerade auch deshalb so gut befreundet.
Ich schrieb es erst, ich bin ein recht „spätes Mädchen“. Schon in jungen Jahren hab ich selbst mit diversen weiblichen Wäschestücken experimentiert und schnell meine Präferenzen erkannt. Ich weiß natürlich nicht, wie das bei Euch war, doch für mich hatten diese Situationen zunächst auch eine gewisse Erotik (Ihr wisst, was ich meine?). Es dauerte eine wunderschöne Ewigkeit, bis sich ein gesamtes Körpergefühl einstellte und damit der Wunsch, mich nicht mehr nur verborgen „weiblich“ auszudrücken – Trans wollte endlich geboren werden. Nun kam für mich die Zeit der Zweifel an mir selbst und meiner psychischen Verfassung und ging einher mit der Suche nach adäquaten Kontakten. Allein habe ich da keine Ordnung rein bekommen. Dazu musste ich mich partiell outen, denn wer sucht, muss schon auch mal sagen, wonach er sucht. Es hat lange gedauert, bis ich auf einen Trans gestoßen bin, der sich einfach nur mit mir unterhalten hat und dem ich mein grotten-hässliches „erstes Kleid“ vorstellen konnte. (Ihr erinnert Euch an meinen Bericht in der Mail vom 18.02.2001 – nachzulesen im Mailarchiv auf der HP der TransSisters) Die TransSisters gab es damals noch nicht und von derartigen Trans-Stammtischen hatte ich auch noch nicht gehört. Wichtig für mich aus heutiger Sicht: ich habe mich über all meine Ängste und Zweifel hinweggesetzt und aktiv nach Kontakten gesucht. Doch richtig „draußen“ war ich noch lange nicht. Es hat wieder eine Zeit gedauert, bis ich einen anderen Trans kennen gelernt habe und daraus entwickelte sich ein recht loser Kontakt. Der (sie) aber, hatte seine ersten Schritte in der Öffentlichkeit gerade getan und erzählte mir bei einem Telefonat begeistert von seinen nächsten Trans-Ausflugsplänen. Das war es! Ich musste einfach dabei sein! Einfach? Einfach gesagt. Einen Sabine-Kleiderschrank gab es noch lange nicht und das erste Kleid war wohl doch nicht so ausgehtauglich. Eigentlich lebte ich noch immer in der Welt meiner Präferenzen. Das reichte wohl für die Einsamkeit der heimischen Stube, doch öffentliche Weiblichkeit hat seine Konventionen. Angemessene Oberbekleidung musste her, Schuhe, eine Handtasche und die vielen kleinen Accessoires. Für eine Woche verfiel ich förmlich in einem Kaufrausch und alles war am Tag X minus Null bereit. Damals noch mit ausreichend und langem Kopfhaar, hab ich den Mut aufgebracht einen weit entfernten Frisörsalon aufzusuchen und dann noch einen Kosmetiksalon mit den notwendigen Schminkarbeiten beauftragt – zwei unvergessliche Ereignisse am Tage meiner „zweiten Geburt“. Ich hab ein Bild davon gefunden und werd es an diese Mail anhängen.
Nun war es endlich so weit: Ich habe meinen Geist und meinen Körper gespürt, wie noch nie in meinem Leben, ich war eine einzige Person. Ich habe diese Person in der Öffentlichkeit gezeigt, mein Selbstbewusstsein war schier grenzenlos. Und ganz am Rande: Ich hatte meine Seidenstrümpfe bislang nie so genossen. Jetzt gerate ich wohl ins Schwärmen......
Zurück zur Ausgangsfrage der Bierrunde. Was hat mich bewegt? Ich war bereit für mein neues Leben, ich wollte öffentlich werden. Und deshalb hab ich mich selbst in Bewegung gesetzt. Ich habe aktiv Kontakte gesucht und auch endlich gefunden. Und ich sage Euch, für mich hat es sich gelohnt...
Vielleicht treffen wir uns ja auf einem der nächsten Monatstreffen der TransSisters. Sagt einfach „Hallo“ und ich werde antworten „Ich bin Sabine B. und wer bist Du?“ Aber „Hallo“ sagen müsst Ihr schon...

Bis zur nächsten Woche
Viele liebe Grüße
Sabine B.