Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

da bin ich wieder. Weil am vergangenen Sonntag nicht dazu gekommen, hatte ich mir dann den darauf folgenden Dienstag vorgenommen, doch dabei ist es auch geblieben, andere Ereignisse haben mich einfach davon abgehalten.
Eigentlich hatte ich in der vorigen Woche auch allerhand interessantes zu berichten und will mal sehen, ob ich auch noch alles zusammen bekomme:
Nun schon seit einigen Jahren findet regelmäßig im Berliner Sonntags-Club die so genannte Transgender-Tagung statt. Ich hatte schon zwei mal daran teilgenommen und mich auch in diesem Jahr in die Teilnehmerliste eingetragen. Zwei Worshops waren für mich interessant und bedeutend. Einer mit dem Thema der Auflösung von Geschlechtsidentitäten, die Überschrift versprach einen praktischen Erfahrungsaustausch, und zum anderen eine Veranstaltung, die im Nachgang wohl als die Gründungsveranstaltung eines Berliner Transgender – Netzwerkes begriffen werden kann. Das waren natürlich nicht die einzigen Veranstaltungen, es gab noch einen Angehörigengesprächskreis, eine Lesung aus aktueller Transgender- Literatur, einen Gesprächskreis speziell für jugendliche Transgender und genau drei spezielle Workshops, die sich die sich mit den „Standards of care“ oder besonderen Problemen im Zusammenhang mit geschlechtsangleichenden Operationen. Ja, und es gab natürlich auch Party und viele interessante Gespräche. Ich zähle das hier so auf, um die augenscheinlichen Wichtungen ein wenig deutlich zu machen und wenn ich es genau nehme, fühlte ich mich als ganz gemeinen kleinen Transvestiten ein wenig unterrepräsentiert, nicht mich selbst, sondern die Gruppe der Menschen, die so oder so ähnlich sind, wie ich. Doch dieses Problem ist sicher so alt, wie der Club und es liegt wohl an mir (nicht nur als Mitglied) für das nächste Jahr ein entsprechendes Veranstaltungsangebot zu machen.
Wie auch immer eben ein Workshop versprach ja interessante Diskussionen. Unter „Geschlechterkonstruktionen und Geschlechtsidentitäten“ und „Schaffung von Räumen in denen unsere Vielfältigkeit Wirklichkeit werden kann“ konnte ich mir schon was vorstellen, zumal der Titel der Veranstaltung die zwei Wörter „verflixte Praxis“ enthielt. Ihr ahnt es schon, der Nachmittag ging für mich so richtig daneben. Die zweistündige Veranstaltung wurde mit einem wirren, ewig langen, Text über Geschlechtsidentitäten und ihre Entstehung (oder so) eröffnet. Ihr könnt mir glauben, ich höre des öfteren komplizierte Vorträge, einige davon halte ich gelegentlich sogar selbst und ich hab mich wirklich bemüht den Gedankengängen zu folgen, es ist mir einfach nicht gelungen. Wesentlicher Inhalt war wohl die Theorie, dass Geschlechtsidentitäten unter Zugrundelegung der äußeren Geschlechtsmerkmale gesellschaftlich gemacht werden. Aha. Ich hab die Veranstalter gebeten, mir den genauen Wortlaut noch einmal zu schicken, vielleicht erschließt sich der Inhalt ja bei mehrmaligem Lesen.
Und was fange ich nun mit einem solchen Gedanken an? Ich will mal die Widersprüchlichkeit auch der Diskussion aufzeigen. Auf der einen Seite schwangen sich die Verfechter jenes unverständlichen Textes auf und waren im Grunde für die endgültige Abschaffung jeglicher polarisierender (weiblichen oder männlichen) Identität, wollten aber andererseits wenig später in der Öffentlichkeit auch als beispielsweise „lesbische Frau“, also eindeutig polarisiert begriffen werden. Das verstehe, wer will. Ich habe wie gesagt, die Unterlagen angefordert und werde mich sicher später noch einmal ausführlicher damit auseinandersetzen.
Ich sah das alles bisher eigentlich weniger revolutionär. Wir alle leben in einem definierten kulturellen Umfeld, hier in Mitteleuropa mit eher christlicher Tradition und was noch wichtiger ist, jeder ist davon mehr oder weniger geprägt. Ich selbst habe eigentlich mit den daraus resultierenden und gesellschaftlich geprägten Geschlechtsidentitäten kein Problem. Sie helfen mir bei meiner eigenen Orientierung und der Suche nach meiner eigenen Stellung in diesem System. Problematisch ist für mich eher, dass die Mehrheit der Gesellschaft sich schwer tut, Menschen, die ihren eigenen Platz irgendwo zwischen den Pollen (eben Trans) definieren, als gleichberechtigten Bestandteil der Gesellschaft zu akzeptieren. Ich verweise in diesem Zusammenhang nur auf die unseligen Diskussionen mit der Neufassung des TSG oder der Eintragung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Dass in anderen Kulturen auf unserer Erde noch wesentlich mehr Geschlechter definiert werden ist zwar hoch interessant (aber auch schon wieder kategorisiert), hilft mir aber bei meinen Überlegungen wenig. Ich will genau jetzt und genau in dieser Welt leben und ich bin sicher, das kann ich auch. Und genau genommen fühle ich mich nicht mehr diskriminiert, als vielleicht ethnische Minderheiten, so manche Behinderte oder gar Frauen, die sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind. Mir gefällt der Gedanke, die Frauenbeauftragten zu „Gleichstellungsbeauftragte“ in allen gesellschaftlichen Bereichen zu machen, mit dem Auftrag gegen jegliche Diskriminierung einzuschreiten, auch die gegen Trans. Wenn es dann noch selbstverständlich würde, dass auch Männer diese Funktion ausfüllen dürfen und diese Beauftragten eine wirksame Rechtsgrundlage hätten, dann hätten wir wieder ein wenig mehr Aussicht auf Gleichstellung aller Menschen. Daran liegt mir wirklich.
Die zweite von mir besuchte Veranstaltung hatte für mich schon eine kleine historische Dimension. Es ist gelungen. Insgesamt acht Berliner Trans- Gruppierungen haben sich am 7.10.2001 gegen 18 Uhr zu einem Netzwerk zusammen geschlossen. Mir fällt übrigens gerade auf, dass das Kind ja überhaupt keinen offiziellen Namen hat – zu sehr waren wir mit den Inhalten und Plänen beschäftigt. Für die angedachte Arbeitsweise will ich es, im Vorgriff auf das noch ausstehende offizielle Protokoll, mal für mich auf den Punkt bringen. Es geht zunächst vorrangig darum, sich gegenseitig kennen und verstehen zu lernen, über wichtiger Ereignisse zu informieren und bei Bedarf gemeinsam zu handeln, sei es nur eine gemeinsame Party oder das gemeinsame Auftreten zu gesellschaftlichen oder politischen Ereignissen. Jede Gruppierung und jede Einzelperson, die sich inhaltlich der umfassenden Transgender – Community zugehörig fühlt, ist zur Mitarbeit aufgerufen. Ausgenommen werden rassistische und menschenverachtende Hintergründe. Jede Gruppierung und die Einzelpersonen insgesamt haben bei notwendigen Entscheidungen eine Stimme. Das klingt doch ganz einfach, oder? Das Konstrukt arbeitet zunächst „basisdemokratisch“ – Aufgaben werden verteilt und die Erfüllung bei einer der nächsten Zusammenkünfte abgerechnet. Über weitergehende Strukturen wurde noch nicht entschieden und niemand ist (Gott sei Dank) auf den Gedanken gekommen, über mögliche rechtliche Konsequenzen oder Konstrukte nachzudenken. Ich für meinen Teil bin mit der zunächst vorrangig informellen, lockeren Struktur sehr zufrieden weil, ich sagte es schon einmal, solche Strukturen nach meiner Auffassung langsam wachsen müssen. Entsprechend widersprüchlich war dann auch meine Diskussion, als es um eine baldige Mitarbeit in einer wichtigen Europäischen Vereinigung ging, beispielsweise um auf aktuelle Gesetzgebungsverfahren Einfluss zunehmen. Ich hatte dazu auch ein kleines kurzes Gespräch am vergangenen Freitag beim Stammtisch – Treffen der „Drag Kings“ (ebenfalls Mitglied des Berliner Netzwerkes), einer Vereinigung von (gewachsenen Frauen), die sich gern in männlicher Rolle darstellen, und mir unterschwellig den Vorwurf eingehandelt nicht ausreichend politisch zu denken. Das trifft mich schon. Ganz genau so, wie der von Charis Berger im Zusammenhang mit der Diskussion um eine Europäische Transgender – Organisation erhobene Vorwurf ,mangelnder Visionsfähigkeit (Ihr erinnert Euch sicher an diese Diskussion). Ist unpolitisch und nicht visionär, wenn man große Ziele mit kleinen pragmatischen Schritten angeht und immer schaut, wofür die Kräfte auch wirklich ausreichen? Als ehemaliger DDR-Bürger weiß ich sehr genau, was passiert, wenn sich eine selbsternannte Führung von ihrer Basis abhebt und allein die politischen Ziele formuliert. Ich bin aus tiefstem Herzen gegen Führungsansprüche und trete genau so vehement für eine wirklich legitimierte Führung ein. Also überlegen wir genau, wie weit unsere Basis unsere Visionen trägt und tun nur das, wofür, wir auch legitimiert sind. Das, liebe Charis, macht übrigens den Unterschied zwischen politischen Visionen und der Vision einer umwerfenden technischen Erfindung, wie zum Beispiel der Glühbirne, bei deren Entwicklung der Herr Edison im übrigen lediglich der Erfolgreichere war. Zudem hat diese Entwicklung insgesamt gut 30 Jahre, zumeist sehr einsamer Entwicklungsarbeit gebraucht. Ich bin sicher wir, mit unserem gemeinsamen Anspruch hier in Berlin und auch in Deutschland, meinetwegen in Europa, haben eher Erfolg.
Ich sag es noch einmal. Gehen wir in unseren trans-politischen Bemühungen behutsam vor und Schritt für Schritt, aber zielgerichtet und zügig.
Zum Netzwerk wäre noch hinzuzufügen, dass „Transgender United“ der Veranstalter der des Wigstöckels in Berlin, eine großzügige Spende in Höhe von 1000 DM zugesichert hat, über die Verwendung ist noch nicht explizit entschieden. Auch der Internetauftritt unter dem Namen www.Trans-berlin.net , bisher von mir fragmentarisch eingerichtet, geht in professionelle Hände über – auch auf diesem Gebiet wird es bald deutliche Fortschritte geben. Ich bin insgesamt optimistisch und freue mich auf all die neuen Bekanntschaften und eine spannende Zusammenarbeit mit Trans-Menschen in Berlin.
Der Samstag der Tagung hatte dann noch eine große, alle Teilnehmer vereinigende Party. Ich habe mich lange nicht so wohl im Club gefühlt und einige interessante Bekanntschaften gemacht, eine davon bewegt mich noch heute. Es ist häufig Zufall, der Menschen zusammenführt, man kann ihm kaum nachhelfen und wenn er dann eintritt fangen alle Glocken an zu schellen. Doch das ist eine ganz andere Geschichte, die behalte ich erst einmal für mich oder erzähle sie zu einer anderen Gelegenheit. Ich will ja noch viele Wochenmails schreiben und die nächste in der kommenden Woche.

Seid bis dahin ganz lieb gegrüßt
Sabine B.