Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

„virtual Reality“ heißt die große Zauberformel, allen hier versammelten InterneterInnen sicher vertraut. Was ist das eigentlich? Reality ist der neudeutsche Begriff für Realität und virtual, gleich virtuell, beschreibt die künstliche Umgebung – vermutlich in einem Computer. Aha, also Realität in künstlicher Umgebung. Oder vielleicht eine künstliche Realität? Wer kann das schon auseinander halten. Mit Hilfe von Bit und Byte entsteht ein Abbild unserer Welt und jede( r) entscheidet selbst ob real oder künstlich.
Ich meine natürlich das World Wide Web. (Ist das nicht toll: so viele Fachbegriffe! Tja, ich mache gerade einen Englischkurs!) Ohne Zweifel ziehen viele Menschen, so auch ich bei mehr oder weniger umfangreichen Recherchen, wichtige Informationen aus diesem Netz. Dazu gehören für mich zum Beispiel Gesetzestexte, Wirtschaftsinformationen, der Einkauf dringend benötigter Bücher und natürlich der eine oder andere Schnickschnack, den Trans so braucht. In ruhigen Stunden surfe ich auch einfach nur durchs Netz, lasse mich von Zufälligkeiten oder spontanem Interesse leiten. Riesige Mengen von Daten wandern auf meinen Bildschirm und vermitteln mir ein Bild, besser einen Ausschnitt, von dieser Welt. Ja welcher Welt? Der Realen oder der Virtuellen? Nehmt eine beliebige Suchmaschine und gebt den Suchbegriff „Transvestit“ ein. Lycos.de zum Beispiel bietet daraufhin über 2000 Suchergebnisse. Hey, das lohnt ja! Ein Lesestoff für die nächsten Nächte. Also los geht’s. Einige der angeführten Links haben überhaupt nichts mit dem Thema zu tun. Na ja. Und dann geht es los. Einschlägig bekannte Shops bieten zumeist überteuerte Produkte, für „Männer“, die gern wollen, sich aber nicht trauen, mehr oder weniger ansprechende „Bildergalerien“ sind entweder ganz „free“ oder mit Hilfe eines „kostenfrei“ zu ladenden Zusatzprogramms „superschnell“ zu laden (Vorsicht 0190-Falle!) oder „ganz private“ Seiten zeigen, wie es ist, ein Transvestit zusein. Irgendwo mittendrin befinden sich auch Links zu einschlägigen Selbsthilfegruppen und wenn Ihr Geduld und Zeit habt führt euch einer zur Seite der TransSisters. Nehmen wir mal an, Ihr habt eine ganze Nacht Zeit, den angebotenen Links zu folgen und hättet darüber hinaus keine weitere Informationsquelle. Welches Bild der Realität würde entstehen? Nun, ich will nicht verhehlen, so manche angebotene Seite weckt in mir Gefühle, die ich vielleicht bisher nicht erfahren oder verdrängt, oder auch nur vermisst habe. Sind alle Transvestiten vordergründig exhibitionistisch, vielleicht sogar schwul und auf einen „Sofortkontakt“ aus? Was ist real und was ist künstlich erzeugt? Wer kann das schon auseinander halten.
Kramen wir weiter im WWW. Eine ganz beliebte Plattform sind die sogenannten Chats, in denen sich Menschen mit „gleichen“ Interessen „weltweit“ zu einem kurzen schriftlichen Austausch treffen. Ich habe zum Thema „Chat“ und „Transvestismus“ auf Anhieb 25 relevante deutschsprachige Webadressen gefunden. Eintauchen, eine ganze Nacht lang, endlich Kontakt zu Menschen, die so sind, wie ich. Hey, da sind ja sogar „richtige“ Frauen, die mir am liebsten gleich an die geliebte Wäsche wollen. Conny69, oder vielleicht doch Sibylle_doppel_D? Wofür entscheide ich mich? Wer darf virtuell (real oder nicht) mit mir spielen? Ist Conny wirklich schon 69 (was soll dieser Zusatz sonst heißen), hat Sibylle wirklich die Oberweite DD oder vielleicht gar Haare auf der eigentlich männlichen Brust? Was ist real und was ist künstlich erzeugt, vielleicht sogar gelogen? Wer kann das schon auseinander halten.
Na gut, da verlasse ich mich doch lieber auf einen weiteren nützlichen Dienst im WWW: E-Mail, das ist es überhaupt! Wirklich privat und geschützt vor fremden Mitlesern, kann ich Menschen kennen lernen, Gedanken austauschen und ganz persönliche Gefühle in Worte fassen. Natürlich ganz bezogen auf das Thema, das wir gerade diskutieren. Und, ich kann lange darüber nachdenken, wie ich was formuliere, Unebenheiten vermeiden, Schwächen verbergen. Ich formuliere ein Bild, von mir und meiner Welt. Was ist real und was ist künstlich erzeugt, vielleicht sogar idealisiert? Wer kann das schon auseinander halten.
Ich will sagen, „virtual Reality“, ist virtuelle Realität in all der Zweideutigkeit seiner (meiner) Auslegung. Sie vermittelt ein Bild, nicht mehr und nicht weniger. Sie regt zum Nachdenken und zum Träumen an. Nur am PC erlebt, begibt sich auch das Nachdenken allein in die Virtualität, eine künstliche, erdachte Welt. Lang genug dabei gewesen, entsteht ein Traum gelegentlich mit der Eigenschaft, sich zu verselbständigen, von seiner realen Basis zu entfernen.
Gut, dass ich meinen Computer gelegentlich ausschalten und zurückkehre in die „reale Realität“ (ich kann´s nicht englisch sagen), nachschaue, wie die Welt wirklich ist. Was ich dort finde unterscheidet sich gelegentlich von meinen Träumen und deckt auch eigene Unzulänglichen auf. Doch diese Realität ist wirklich, sie ist real. Ich kann sie mögen oder auch nicht. Und ich mag sie, denn ich kann aktiv und vor allem nachprüfbar Einfluss darauf nehmen. Schön zudem, wenn sich die Realität eigentlich nicht zu weit von ihrem virtuellen Abbild unterscheidet. Ich denke, dass ich das auseinander halten kann. Ihr doch sicher auch?!
Ich gebe zu, und Ihr vermutet es vielleicht, dass diese Wochenmail in ihrem Ursprung für eine einzige Person erdacht und verfasst wurde. Doch mal ehrlich, tauchen wir nicht alle gelegentlich in die „virtual Reality“ ein und berauschen uns ausschließlich an einem Bild?
Ein Grund zum Nachdenken ist das für mich allemal, vielleicht auch für Euch. Und genau deshalb will ich Euch an diesen Gedanken teilhaben lassen.
Ich wünsche euch allen eine Woche voller erfüllter (möglicherweise zuvor virtueller) Träume.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Irene schreib dazu:
Hallo liebe Sabine,
vor wenigen Stunden bin ich aus meinem Urlaub in Ägypten in die Heimat Berlin zurückgekehrt. Durch deine Mail wurde ich angeregt, einfach mal aufzuschreiben was ich denke oder in Ägypten unter sonnenüberfluteten blauem Himmel dachte. Dort in Ägypten hatte ich mich sehr dafür interessiert, wie Menschen wie wir (ich meine TV,TS, Schwule, Lesben...),in solch einem Land ihr Leben leben. Eine Antwort fand ich nicht nicht mal Ansatzweise. Du kannst dich dort bis zur Unkenntlichkeit verkleiden. Du weißt nicht ob du Männlein oder Weiblein vor dir hast! Aber dann? Da habe ich festgestellt, dass ich vom Islam kaum was weiß. Wie lebt ein Muslime, der sich in seiner Gefühlswelt nicht einzuordnen wüste? Ich habe keine Antwort gefunden? Ich habe auf der Straße Männer gesehen, die Hand in Hand gingen. Die Bedeutung kann ich nicht einordnen. Zurück in Berlin. Hier war mit einmal alles klar. Scheinbar! Oder? Was ist Realität? Wo beginnt sie und wo endet sie? Hier nehme ich meinen Fummel aus dem Schrank, schminke mich und kann mich auf die Straße trauen. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn ich das in Ägypten versucht hätte? So gesheen haben wir in Berlin oder in Europa sichtlich eine etwas andere Realität. Oder
Liebe Grüße Irene, die sonnengebadete