Wochenmails 2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

Der CSD in Berlin ist der wohl unbestrittene Höhepunkt der 10 tollen schwul- lesbischen und Transtage zwischen Motzstraßenfest und der eben erwähnten Demo, an der in diesem Jahr wieder reichlich eine halbe Million Menschen teilgenommen hat. So ist das, die "Südstaatler" haben den Karneval und wir, hier im Nordosten der Republik, begehen ganz andere, aber ähnlich bunte und rauschende tolle Tage.
Nach den etwas phobischen Erlebnissen am vergangenen Samstag habe ich lange geschwankt, ob ich mir eine solche Menschenmenge denn nun unbedingt noch einmal antun muss. Hinzu kam noch, dass das Wetter, wie im vergangenen Jahr auch, nicht unbedingt zu längeren Aufenthalten im Freien anregte und ich zudem aus unterschiedlichen Gründen partymäßig so richtig nicht drauf bin. Dennoch, ich wollte wenigstens für ein paar Stunden die Atmosphäre schnuppern und ein Gefühl für die Veranstaltung bekommen.
Einmal entschlossen, war nur noch die Frage der "angemessenen" Bekleidung zu klären. Allgemeiner Standard in diesen Tagen ist ein wohl eher schrilles Outfit, doch das ist ja bekanntermaßen nicht unbedingt mein Ding. Meine körperliche Verfassung und die Wetterprognose geboten zudem eher bequeme und wetterfeste Kleidung. Uns so hab ich's gemacht, wie es wohl in so manchem Haushalt fast täglich passiert. Sabine hat sich im Kleiderschrank von Bernd bedient und dort eine Jeanshose rausgekramt. Hey, die Sachen passen mir ja alle! Welch eine Vielfalt Mann als Frau doch hat! Dazu ein kleines Tages-Make-Up, leichte Pumps, eine schlichte Bluse und eine regenfeste Jacke. Die Wahl war genau richtig und so konnte ich im Kreise meiner Freundinnen den gesamten CSD-Zug in aller Ruhe genießen. Ich will's kurz machen. Jeder Umzugswagen hatte etwas Besonderes und die Stimmung war riesig und schlug sofort auf die Zuschauer am Straßenrand über. Und wieder haben wir es bedauert, als TransSisters, nicht mit einem eigenen Wagen dabei gewesen zu sein. Nun, irgendwann wird es sicher klappen, vielleicht ja schon im nächsten Jahr. Hat nicht jemand von Euch einen kleinen oder größeren LKW, den wir preiswert zu dieser Gelegenheit nutzen könnten? Ist ja nur mal eine Frage....
Ich habe von meinem Standort am Ku'damm ein paar Fotos von der Demo gemacht - Ihr könnt sie sicher bald auf der HP der TransSisters betrachten.
Ach ja, HP der TransSisters. In den vergangenen Tagen habe ich unserem bisherigen Provider (na wer wohl? .. fängt mit STR an und endet mit ATO) die Freundschaft (den Tarif) gekündigt. Wir werden zu einem hoffentlich leistungsfähigeren und zuverlässigeren Provider umziehen. Da ich mir über das Prozedere nicht so richtig im klaren bin, kann es passieren, dass wir von einem Tag auf den anderen abgeschaltet werden. Danach wird es sicher noch ein oder zwei Tage dauern, bis die Seiten wieder online sind. Das hier nur als Hinweis. Wir bleiben im Netz der Netze, rechnen aber in den nächsten Wochen mit einigen kleinen Problemen.

Ich will hier noch einmal auf das Thema der Wochenmail von vor zwei Wochen zurückkommen. Ihr erinnert Euch sicher, es ging um die Frage inwieweit durch den "gemeine Transvestismus" ganz individuelle Defizite kompensiert werden. Ich wähle hier ganz bewusst den Begriff Transvestismus, weil ich hier ausschließlich auf den gelegentlichen reversiblen Rollenwechsel abziele und die Transsexualität aus verständlichen Gründen hier ausdrücklich ausnehme. Ich wurde dazu in den vergangenen Tagen häufig angesprochen. Die Palette der Reaktionen reicht von Nachdenklichkeit bis Ablehnung. Das Thema ist bei ehrlicher Betrachtung offensichtlich so diffizil, dass diese Diskussion in diesem Forum nicht ganz so öffentlich geführt wird. Sicher erinnert Ihr Euch auch noch an den Beitrag in dem bei oberflächlicher Betrachtung zunächst versucht wurde, das Problem in seiner Substanz mit einem "großen Hammer" zu zerschlagen und dennoch ein wenig Nachdenklichkeit zurück blieb. Nun, meine Freundin (ich will sie hier mal A. nennen) hat ihre Gedanken noch einmal schriftlich in einer Mail sortiert. Wir haben lange darüber gesprochen und ich möchte hier einige weitere Aspekte der ursprünglichen Gedanken wiedergeben.
A. hatte für den Samstag der vorigen Woche einen Termin in einem nahegelegenen Kosmetikinstitut zum schminken gemacht. Ich finde das toll! Sie ist einfach in den Laden rein, hat nach einer Schminkmöglichkeit gefragt und gleich klar gemacht, dass es ein weibliches Make Up sein soll. Die Kosmetikerin hat danach sofort die Kurve gekriegt und mit der Bemerkung „das haben wir hier öfters“ ein professionelles Beratungsgespräch begonnen. Das zeigt mal wieder: unbeschwert und offen siegt! Ich weiß aus eigenem Erleben, dass A. schon Tage davor wegen dieses wichtigen Termins ganz aufgeregt war, konnte diese Aufregung aber nicht richtig einordnen. Nun kam der große Tag, Sie hat die Aktion sichtbar genossen und insgesamt davon profitiert. Aus meiner Sicht die Perfektion des Machbaren und eine Bestätigung ihres bisherigen Stils. Und doch war sie unter dem Strich nicht zufrieden. Sie schreibt selbst dazu:
“.... Was nun mein Resümee für den Abend betrifft? Nun, ich hatte mir sehr viel davon erhofft. Vor allem wohl, dass ich mich hinter einem - aus meiner Sicht - perfektem Make Up öffentlich unbeschwerter bewegen kann. Diese Hoffnung hat sich auch voll erfüllt. Noch nie war ich innerlich derart unbeschwert und selbstbewusst unterwegs ..... und sollte ... doch wenigstens diesbezüglich - na sagen wir mal so - zufrieden sein. Aber bereits auf dem Weg nach Hause keimte in mir ein ziemliches mentales Loch, was am darauffolgenden Tag immer größer wurde. Was war geschehen? Ich war genau an dem Punkt angekommen, den ich schon so lange zu erreichen suchte. Und was finde ich dort vor? Gähnende Leere? Ein großes Nichts? Auf jeden Fall ein Gefühl der Einsamkeit und Sprachlosigkeit.....
Es drängt sich mir die Frage auf, was ich eigentlich zu finden geglaubt habe. Wollte ich überhaupt etwas finden? Und wann ja, was? Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. War der Weg das Ziel? Und wenn ja, was kommt dann? Wollte ich nur ein massives Defizit auf diese spezielle Art kompensieren? Und wenn ja, welches? Ich sitze nun hier an meinem PC und die Fragen, die ich mir stelle, haben die gleiche Qualität, wie die, die ich mir schon gestellt habe, bevor ich meinen Weg ging......
Ich bewege mich als Mann in Frauenkleidung im Schutz der Anonymität der Nacht und der Großstadt. Und ich nutze beide exzessiv um meinen Weg zu gehen. Dieser Weg - auch wenn er noch so steinig ist - führt irgendwann an ein Ziel. Es ist vergleichbar mit einem Bergsteiger. Auf der Spitze der besonders hohen Berge ist es regelmäßig sehr einsam. ..... Ich bin irgendwo angekommen; habe alle Warnungen in den Wind geschlagen und gesiegt. Doch niemand jubelt mir zu oder gratuliert mir. Es ist ja auch niemand da - außer die anderen Bergsteiger(innen), die mit mir vielfach nur die Leidenschaft, nicht aber die Beweggründe teilen. .... Und schließlich: Was ist denn mit meinen Beweggründen? Was hat mich über diese lange Zeit immer wieder angetrieben, mich in diese extremen und letztlich einsamen Höhen zu begeben. War es der Versuch, vor irgendetwas zu fliehen, indem ich die Schwerkraft überwinde, die mich in unerträglicher Weise am Boden hielt?....“
Na? Mal ehrlich! Kennt Ihr solche Gefühle? Nun, mir sind sie nicht fremd. So manches mal frage ich mich nach meinen wirklichen Beweggründen, besonders intensiv bei den Erfolgen, die mich nicht wirklich nachhaltig glücklich machen. Unter dem Strich gehrt es um den (Zitat Christa Lilith Vogel) „kleinen Zipfel Glück“, den wir in der Hand halten, den es gilt nicht loszulassen oder/und ein Stück mehr davon zu erheischen.
Andererseits, ein Erfolg ist immer ein erreichtes Ziel und bedingt die Erwägung seiner Wiederholung oder aber die Orientierung auf neue Ziele. Und genau das, darüber sind wir uns sicher einig, tut der besagte Bergsteiger. Wenn ich dem von mir schon häufiger zitierten Herrn Prof. Cube glauben kann (und ich glaube ihm), dann ist dem Bergsteiger der Berg nur das Objekt seiner Lust. Die Lust selbst erfährt er, in dem er sich selbst besiegt. Und weil es so viele Berge gibt auf dieser Welt und weil man sie auf schier unzähligen Routen besteigen kann, wird wohl kaum ein Bergsteiger den besagten wirklich einsamen und einmaligen Gipfel erklimmen, den A. vermutet bestiegen zu haben. Und ich meine, auch A. ist noch lange nicht auf jedem Berg gewesen. Doch die Frage nach den wirklichen Beweggründen wird ja wohl erlaubt sein und sie hat sie deutlich gestellt.
Vielleicht ist es (um im Bild zu bleiben) ja viel angenehmer sich mit anderen, auch Nicht-Bergsteigern, auf einer Wiese zu tummeln, immer den Gipfel im Blick, wohl wissend, dass man jeder Zeit auch dort hinauf stürmen kann – wenn man wirklich will.
Ihr Resümee find ich ganz passend und ich schließe mich dem voll an: „...Es ist aber nicht so, dass ich den von mir eingeschlagenen Weg als falsch empfinde. Ganz im Gegenteil. Und ich will ihn auch zukünftig weder aufgeben, noch als falsch qualifizieren. Ich habe nur gemerkt, dass der Gang eines von allen losgelösten Weges dazu führen kann, sich am Ziel sehr einsam zu fühlen. Und das kann auf Dauer auch nicht so ganz richtig sein. Mal sehen, wie ich diese Nuss knacke....“
Ich wünsche euch allen ... (ach lassen wir die kernigen Sprüche über Gipfel... daher einfach nur...) eine schöne Woche.

Viele leibe Grüße
Sabine B.

Gundula schrieb am 24.6.2001:
Liebe Sabine, liebe A.,
ich nehme Bezug auf A.s Erlebnisse in einem Kosmetikinstitut ( habe ich übrigens auch schon genossen) und die sich daran anknüpfenden Frustgedanken. Beigefügtes Gedicht beschreibt meine Erlebnisse in einem Damensalon. Vielleicht ist es ja geeignet, trübe Gedanken zu vertreiben.
Übrigens: Mich bauen solche erfolgreichen Unternehmungen auf, vielleicht ist das der innere Beweggrund: Ich überzeuge Menschen, dass diese Art von Freude, wie ich sie empfinde und nicht verberge, mein legitimes Recht ist, und ich gebe ihnen Gelegenheit, die Art von Mensch zu sein, die sie gern sein würden, tolerant, großzügig, nachsichtig, liebenswert, hilfsbereit.
Es ist meine Überzeugung, mein Glaube, dass Menschen so sein möchten, wenn sie es noch nicht sind, werden sie es eines Tages zu ihrem eigenen Glück - vielleicht – werden.
Liebe Sabine, mit diesem Beitrag kannst Du machen, was Du willst, schick ihn an die ganze Gemeinde oder nur an A. (Andrea?) und vergiss nicht drunter zu schreiben, dass es Gundula war, die mal wieder gedichtet hat.
Liebe Grüße
Gundula

Waschen, legen...

Willst du dich mal selbst verwöhnen,
weil du  mieser Stimmung bist,
und dich mit der Welt versöhnen,
dann hilft nur ein Hairstylist.
„Waschen, legen wär´  ´mal nötig“,
sage ich durchs Telefon.
„Schneiden auch?“ fragt sie erbötig.
„Nein“, sag´  ich, das ginge schon.
Und dann machen wir die Zeit aus,
Donnerstag, um vier Uhr dreißig.
Ich fahr´  schon beizeiten raus,
dass ich viel zu früh bin, weiß ich.
Doch ich will mich darauf freuen,
was da bald mit ihm geschieht,
meinem Haar, dem nicht mehr neuen,
wie´s  in frischem Glanz erblüht.
Schön,  im Damen-Haar-Salon
auf den freien Stuhl zu warten:
Magazine, Feuilleton,
Mode- und  Gesellschaftssparten.
Wie es duftet, raschelt,  knistert,
Damen vor- und rückgespiegelt,
einer wird good-bye geflüstert,
deren Schicksal ist besiegelt.
Sie, die sich vom Stuhl erhebt,
macht den Platz frei in der Reihe,
an dem ihr Parfum noch klebt,
dessen ich mich bald erfreue.
„Bitte hier!“ wird mir befohlen.
„Und wie hätten Sie´s  denn gern?“
Ich muss tiefen Atem holen,
fühl´  mich auf  ´nem fremden Stern.
„Waschen, legen“, sag´  ich schüchtern,
und sie schaut mich zweifelnd an.
„Ja“, sag´  ich, „bin durchaus nüchtern,
fangen Sie doch einfach an.“
Vorwurfsvolle Blicke bohren
sich in meinen breiten Rücken,
fühl´ mich einsam und verloren,
möchte feige mich verdrücken.
Rosafarbenes Gewebe
wird mir um den Hals gebunden
und bei Wäsche und dann Pflege
kein Haar in meinem Haar  gefunden.
Rechts von mir wird schon gerollt,
links wird Grauhaar eingefärbt.
Hab´  ich so was auch gewollt?
Ändern, was man mir vererbt?
Nun beginnt an meinem Kopf
die bestellte Prozedur.
„Nein, nicht wieder einen Zopf!
Ich will freie Locken pur!“
Lockenwickler, großkalibrig,
dreht sie in mein Haupthaar ein.
So was, meint sie, sei nicht üblich,
doch ich sag´  ihr, “Es muss sein!“
Und dann kommt sie mit der Haube,
dazu Keks und Kaffeetasse.
Sie tut das,  damit ich  glaube,
dass ich in den Rahmen  passe.
Überlässt mich dann für Stunden
ungerührt den Neugier- Blicken,
doch ich hab´  herausgefunden,
dass die Blicke mich entzücken.
Ganz besonders, wenn am Ende
- Haube endlich abgeschaltet -
ihre stilgeübten Hände
meine Lockenpracht entfaltet.
Ja, dann schau´n  sie alle her,
sie beneiden mich um Haare,
und ich weiß, da hab´  ich mehr
als von irgendeiner Ware.
An der Kasse dann vorm Geh´n
-  ich leg durchaus reichlich drauf -
sagt sie: „Auf ein Wiederseh´n!“
Und ihr Lächeln baut mich auf.
Im Hinausgeh´n  spiegelt sich
meine neue Silhouette.
„Hallo“, sag´ ich, „das bin ich!“
Was ich seh´, ist eine Nette.
Draußen dann im  sanften Wind
fühl´  ich, wie´s mich streichelt,
fühl´  mich selber  wie ein Kind,
das sich  für sooo  reich hält.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

zwei Stunden Frühstück auf dem Balkon im strahlenden Sonnenschein! Dazu eine kiloschwere Zeitung ausreichend Kaffe und Zigaretten. Die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse der Hauptstadt machen das Zeitunglesen wieder zu einem spannenden Ereignis. Just an dem Tage, an dem das traditionsreiche schwul – lesbische Straßenfest in der Motzstraße seinen Höhepunkt hat, wählt das Abgeordnetenhaus einen schwulen Bürgermeister und gleich in der Woche darauf ist dann noch die große Demo aus Anlass des CSD. Wie aus zuverlässiger Quelle berichtet, will auch der Berliner Senat an diesem Tage die Regenbogenfahne hissen – und das hat schon die scheidende Regierung beschlossen. Da kommt doch was in Bewegung! – soll man wenigstens meinen. Schon seit Jahren ist durch die Konstellation – ein Wochenende Straßenfest und am kommenden Wochenende CSD – die City der Stadt fest in schwul – lesbischer und (ich betone) trans - Hand. Für die Dauer von 10 Tagen ist es in diesem Umfeld relativ einfach seine Neigung nach außen hin zu demonstrieren und für diejenigen, die normalerweise nichts damit am Hut haben, gelegentlich auch chic einfach nur dabei zu sein.
Obwohl nicht sonderlich drauf, habe ich mich gestern für einige Stunden in das Getümmel des Motzstraßenfestes gestürzt. Trotz leidlicher Straßenfest- CSD- und Love Parade- Erfahrungen, habe ich zum ersten mal Platzängste verspürt. Nun mag das mit meiner momentanen Verfassung zusammenhängen, doch ich bin sicher, dass ich so viele Leute dort noch nicht gesehen habe. Für eine Wegstrecke von normalerweise 10 Minuten habe ich reichliche 30 bis 40 Minuten gebraucht. Ich habe darunter allerhand mir bekannte Gesichter gesehen. Da waren natürlich die TransSisters und ihre Freunde. Gesehen habe ich einige bekennende Abgeordnete aus dem Abgeordnetenhaus (natürlich SPD), Mitglieder der einschlägig bekannten Vereine und Selbsthilfegruppen, relativ enge Mitarbeiter meines momentanen Hauptauftraggebers (ob ich sie morgen mal anspreche?) und liebe Bekannte, die man eher selten trifft (welch eine Freude, einer hat sich sogar als bisher unbekannter Leser der Wochenmail geoutet).
Das waren aber alles Leute, die ich irgendwie dort erwartet habe. Da drängt sich doch die Frage auf, was die Meisten der Besucher dort alle wollen? Nun, wie gesagt, in einigen Kreisen ist es einfach nur chic sich gelegentlich in eine derartige Szene zu bewegen und inzwischen wohl auch politisch hoffähig. Ein nicht unerheblicher Teil hat wohl endlich mal die Gelegenheit genommen, ungefährdet von Anrüchigkeit, zu schauen, was für Typen denn da alles rumschwirren (im Volksmund: „die Gaffer“). Na, und die Masse hat sich einfach nur amüsiert, einen schönen Vorsommertag auf einem als turbulent bekannten Straßenfest verbracht. Doch welche Motivation die Besucher auch auf die Straße getrieben hat, alle waren irgendwo bereit, lange verfemte Lebensweisen zu akzeptieren und sich partiell damit auseinander zu setzten. In der Tat, da kommt doch was in Bewegung. Hätten wir in einer solchen Zeit Parlamentswahl, wäre dann eine Schwule-, eine Lesbische- und eine Transliste wohl erfolgreich ins Parlament eingezogen? Ich weiß es nicht und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es wirklich wollte. Ich halte es da lieber mit meinem Regierenden Bürgermeister, der sich nicht als „Schwulenpolitiker“, sondern als „schwuler Politiker“ sieht – und das ist gut so. Eine solche Haltung macht ihn für mich im Vorschuss sympathisch. Dennoch, er ist schwul und weiß aus eigenem Erleben um die Probleme und Sorgen der Akteure der 10 tollen Berliner Tage im Juni eines jeden Jahres. Aus dieser Erfahrung und der damit verbundenen Verantwortung als Politiker sollten wir ihn nicht entlassen.
Ich wünsche Euch noch weiter turbulente Tage und auch verantwortungsvolle Politiker.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

„.... Don’t dream it, be it...” haben sie gesungen und sind alle samt, Männlein wie Weiblein, fröhlich in Straps und Strümpfen über die Bühne getanzt. Selbst der Dr. Spock (alle rufen: hu!), im Rollstuhl sitzend, machte keine Ausnahme. Geschlechtliche Identitäten wurden im Verlaufe des Spiels überwunden. Doch welch ein Glück für die Welt, ein futuristischer Laserstrahl hat am Ende die von Ihrer Geschlechterrolle Abtrünnigen dahingemetzelt. Trotzdem war die Welt am Ende nicht mehr so, wie zuvor. Ihr ahnt vielleicht, wovon ich rede, die „Rocky Horror Show“ war in Berlin. Wir waren da und ich war dabei.
Ganz freiwillig wäre ich vermutlich in dieses Spektakel nicht hineingeraten. Ich hatte vor Jahren den Film gesehen und überhaupt keine Beziehung dazu gefunden. Doch wozu hat man Freunde, sie ermuntern auch gelegentlich, mal über den eigenen Suppenteller hinaus zu sehen. Und was ich gesehen habe, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Das ist bei mir wie mit Jazz. Ich kann ihn im Radio oder von Platte nicht hören. Doch habt Ihr Jazz schon mal erlebt? Das ist doch was ganz Anderes!
Ein Bisschen Bewunderung muss ich mir schon für die abringen, die zu solchen Gelegenheiten immer gleich wissen, worum es geht (oder zumindest partiell den Eindruck hinterlassen) und dann auch noch das entsprechende Outfit parat haben. Nun ja, ich stehe wenigstens zu meinen Bildungslücken, aber arbeite daran. Ich habe mich im Vorfeld der Veranstaltung leidlich informiert und mit einem Regencape als Schutz gegen imitierte Gewitterböen bewaffnet, den Reishagel habe ich leidlos ertragen und anfliegende Toilettenpapierrollen mit den Händen abgewehrt. Ich hatte mit dem Spiel viel Spaß und die anderen, vielleicht 6 oder 7 Hundert, Besucher des BKA Luftschloss augenscheinlich genau so.
Nun ist die „Rocky Horror Show“ ja bekanntermaßen ein Kultstück. Ich hatte schon vermutet, dass sich zur Vorstellung eine ganze Menge Typen sammeln, die sich auch äußerlich der Thematik annähern – man liest ja gelegentlich, dass einzelne Figuren fast authentisch nachgespielt werden. Mein erster Eindruck vom Publikum war eher bürgerlich – vielleicht etwas lockerer als landläufig bürgerlich. Es gab ausgesprochen wenig Kostümierungen und Trans war nur die transsisterliche Gruppe. Um so erstaunter war ich über die Stimmung bei der Show. Hinter mir saß eine Gruppe junger Frauen, die Meisten wussten auf Anhieb, wann welche Utensilien einzusetzen waren und ganze Textpassagen wurden im Chor gesungen. Die Stimmung war einfach toll ich habe mich da mittendrin wirklich wohl gefühlt. Man (frau) konnte den Eindruck gewinnen, dass Schwul oder Trans an diesem Ort , zu dieser Zeit, in der Tat kein Problem darstellen. Wohlwollend interessiert auch die Begegnungen während der Pause. Und dennoch, warum waren wir wohl die einzigen TransGender in diesem riesigen Zelt und warum in den Blicken der Anderen noch immer die „Bunten Vögel“? Habe ich die Textzeile vielleicht falsch verstanden? Sollte es besser heißen „... dream it, don’t be it ......“ Wie komme ich nur darauf?
Als die Lichter (Laser?) am Ende der Vorstellung wieder angingen, ist keine von uns tot umgefallen und alle Besucher hatten sich prächtig amüsiert. Ein Teil hatte einen Traum und die Meisten hatten wohl einfach nur Spaß. Na bitte, das war doch ein gelungener Abend!
Ach, übrigens habe ich im Zusammenhang mit der Suche nach einem geeigneten Outfit für den Abend meine Lade mit den ganzen Strümpfen aufgeräumt. Darin befanden sich weit über 40 komplette Paare und über zwanzig verwaiste einzelne Damenstrümpfe. Was soll ich dazu sagen?  „.... Don’t dream it, be it...”?

Ich wünsche Euch erholsame Feiertage
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

ein wenig Stress in Abwechslung mit Erholung und vor allem ganz andere Gedanken beherrschten die letzten Hälfte der vergangenen Woche. Familiäre Gründe haben mich ins "Ländle" geführt. Nichts war mit Kleidchen hier und lackierten Nägeln dort, ich habe so manchen Tag nicht einmal daran gedacht! Es gab einfach Wichtigeres zu tun. Wichtiger? Ich bin nicht sicher. Auf jeden Fall waren die Tage anders ausgefüllt, als mein derzeitiger, gelegentlich recht aufreibender  Alltag. Ich war zusammen mit meinen Kindern, ganz der Papa, Kumpel und Freund. Wir haben gemeinsam gearbeitet, viel geschwatzt, manchmal geschwiegen - einfach nur zusammen gelebt. Wo wir auch waren, ob auf der Einkaufsmeile eines 8 Tausend Selen - Ortes, im größten Vergnügungstempel der näheren und ferneren Umgebung oder dem Gipfel bierseliger Erlebnisgastronomie (jetzt weiß ich endlich, wo die Leute dort so Abends hingehen), kannte Jeder Jeden und wenn nicht, dann kannte man Jemanden, der Ihn kennt. Trans war dort nichts und ich wollte auch so nicht sein.
Doch jetzt bin ich wieder in der großen Stadt, in einem Haus, in dem ich die Nachbarn mal gerade vom Angesicht kenne, in meiner Wohnung, die ich schon vor der Reise aus gutem Grund so leidlich geputzt habe, müsste eigentlich noch einige Vorbereitungen für den Job der nächsten Woche erledigen, tue es aber nicht, und vertreibe mir lieber die Zeit bis zum Start der Formel Eins mit der Frage "Warum wann Trans und warum wann nicht". Zugegeben, die Fragestellung ist für mich nicht neu, war aber lange Zeit nicht gerade aktuell und meine kleine Reise dient wohl mehr als Anlass mal mehr darüber nachzudenken. Schuld daran bin nicht etwa ich selbst (wie auch!), sondern ein nun schon einige Monate währendes Gespräch mit einer Trans-Freundin, ich will sie hier mal A. nennen. A., mit reichlich psychologischer Vorbildung, hat in einer Fachzeitschrift gelesen, dass nach amerikanischen Untersuchungen die Gruppe der Trucker und der Computerspezialisten am häufigsten zum Transvestismus neigen. Oha! Da musste ich doch gleich nachfragen wie das denn kommt. Zitat sinngemäß: "Trucker und Computerspezialisten sind durch ihre Tätigkeit überdurchschnittlich häufig einsam und haben daher keine wirklich intensive Beziehung zu einer Frau. Sie haben am ehesten Defizite zu kompensieren". Das allein ist ziemlich scharfer Tobak für mich und ich sehe schon, wie sich bei der Einen oder Anderen von euch die Nackenhaare aufstellen (so sie nicht der letzten Ganzkörperrasur zum Opfer gefallen sind). Ist das wirklich so? Ich selbst kenne so manchen Trans-Computerfreak, nicht einen Trucker (hier ist ja auch nicht Amerika), dafür aber etliche, die in einer festen Beziehung zu einer Frau leben. Doch so einfach kann  ich diesen Satz nicht vom Tisch wischen, ich bin viel zu sehr getroffen. Lassen wir mal die Berufszweige weg und auch die fehlenden Möglichkeiten einer intensiven Beziehung zu einer Frau. Von dem Satz bleibt für mich übrig: "Defizite kompensieren". Bedenken wir auch, dass jede von uns natürlich einen ganz individuellen Ansatz für ihr Tun oder Nichttun hat, dann bleibt für mich noch immer eine hinreichend großer Anlass über Defizite, welcher Art auch immer, nachzudenken. Obwohl mir da schon etwas einfällt, will ich mich hier nicht über allgemein mögliche Defizite auslassen, das will ich auch gar nicht mitteilen. Interessant ist die von A. angedachte Herangehensweise: (wieder sinngemäß) "Du musst dich selbst beobachten und jederzeit deine eigene Motivation hinterfragen". Ich bin in meiner Entwicklung längst an der Stelle angekommen, dass ich meine "besondere Eigenschaft" grundsätzlich akzeptiere und sie für mich nicht wegzudenken ist. Doch würde ich ganz gern noch viel lockerer und spielerischer damit umgehen. Und in diesem Zusammenhang ist die Frage schon erlaubt, warum mir in den letzten Tagen nichts gefehlt hat und warum die Sabineseite meiner Persönlichkeit bei meinen Ausflügen in die große Stadt überwiegt. Natürlich weiß ich, dass Ihr alle solche Probleme nicht habt und mit dem Leben in und als Trans, die letzten emotionalen Defizite endlich beseitigt und schon gar nicht kompensiert habt. Dennoch, die Frage danach wird ja wohl erlaubt sein.
So, "Schumi" und "Schumi" fahren noch immer um die Wette und ich seh' mir das jetzt in aller gebotenen Ruhe an. Mein Telefonverzeichnis lege ich trotzdem schon mal raus. Denn danach will ich mal hören, was denn so alles in meiner Abwesenheit gelaufen ist und was demnächst alles läuft. Sabine muss endlich mal wieder raus! Defizite hin, Defizite her. Vielleicht kann ich ja ganz nebenbei mich und die Anderen beobachten.
Ich wünsche Euch allen eine erfolgreiche und nachdenkliche Woche.

Viele liebe Grüße
Sabine B.


Andrea aus Berlin schreibt dazu am 11.6.2001:
Liebe Sabine, geliebte Schwester, werter Freund  
wie Du Dir aus unseren Gesprächen zu dieser Transen-Theorie denken kannst, stehen mir tatsächlich alle Haare zu Berge; und das, obwohl ich diese ohnehin immer senkrecht trage. Aber mir kommt noch mitten in der Nacht der Kaffee von heute morgen hoch, wenn ich über solche Aussagen stolpere – erst Recht, wenn diese unter dem Deckmantel der Wissenschaft verbreitet werden.
Da haben sich also wieder einmal irgendwelche Gehirnakrobaten hingesetzt und haben angefangen Erbsen zu zählen. Natürlich waren es nicht etwa selbst Betroffene, da ja sonst die Objektivität flöten gehen würde. Und das Ergebnis der Untersuchung? Also für mich klingt nicht anders, als die bisher veröffentlichten "streng wissenschaftlichen" Untersuchungsergebnisse; als da wären: abweichendes Verhalten, Fetischismus, postpubertäre Identitätslabilität, Perverse ,etc. Und nun: Defizitkompensation aufgrund kontaktgestörter Persönlichkeitsentwicklung.
Alle diese Ergebnisse verbindet bis dato eine Gemeinsamkeit: Ihre Halbwertzeit ist regelmäßig von geringer Dauer. Eine Theorie löst die nächste ab, bis auch diese dann irgendwann überholt ist. Als Betroffene(r) versuche ich nun bereits seit mehreren Jahrzehnten herauszufinden, was die Ursachen für mein Tun sind. Ich habe Tonnen von Literatur verschlungen, Therapeuten und sonstige Seelensezierer konsultiert, mir permanent die Murmel verbogen, mich hinter Ängsten versteckt und die Konfrontation gesucht. Aber nichts und niemand war in der Lage, meine Fragen zu beantworten. Mittlerweile bin ich - als Betroffene(r) - zu der Überzeugung gekommen, dass der Wunsch, für alles eine einfache Erklärung zu finden, die man dann prima in eine namentlich bezeichnete Schublade packen kann, dann zum Scheitern verurteilt sein muss, wenn es sich um die inneren Beweggründe eines Menschen handelt.
Ich trage leidenschaftlich gerne Frauenkleidung;  populärwissenschaftlich ausgedrückt bin ich ein Transvestit. Aber das ist nicht alles. Ich bin auch Mann, Arbeitnehmer, Autofahrer; ich liebe Musik, Menschen, das Leben; bin manchmal lustig oder traurig, suche Kontakte und ab und zu die Einsamkeit. Ich bin genauso vielseitig und einfältig wie alle anderen Menschen. Weshalb muss ich mich dann auf eine Teil-Eigenschaft reduzieren lassen? Und das auch noch von Leuten, die mit dieser speziellen Leidenschaft so viel zu tun haben, wie mit der Rückseite vom Mond.
Aber sehen wir uns doch mal an, ob dieses Untersuchungsergebnis wirklich bahnbrechend neue Erkenntnisse bringt:
Die Menschen, die ich kenne und die die gleiche Leidenschaft wie ich haben, passen schon mal nicht in die Kategorie vereinsamte Defizitkompensateure. Fast alle waren oder sind in festen Partnerschaften oder streben diese wieder an. Wie kann man dann behaupten, dass es sich bei Transvestiten um vereinsamte Beziehungskrüppel handelt, die zu sozialen und/oder partnerschaftlichen Kontakten nicht / nicht mehr in der Lage sind bzw. keine Zeit dafür haben, wenn bei vielen die Partnerschaft erst nach dem Outing zerbrach? Da könnte man genauso gut die Theorie aufstellen, dass alle Schäfer latente Sodomisten sind.
Ich kann von mir jedenfalls sagen, dass ich schon immer in diversen, meist langjährigen Beziehungen zu Frauen gestanden habe und es - wie viele andere auch - sogar bis in die Ehe gebracht habe. Und trotz der großen Leidenschaft zum anderen Geschlecht war da - wenn auch vielfach unbewusst - immer schon der Wunsch vorhanden, mich auch mal so richtig schön anzufummeln. Na gut! Bin ich dann vielleicht ein Fetischist? Wohl kaum; weil ich dann einen anderen Menschen - zumindest die Sexualität betreffend – nicht bräuchte. Was bin ich dann? Was treibt mich dazu, dieser Sehnsucht von Zeit zu Zeit den ihr notwendigen Raum zuzugestehen?
Ich versuche es einfach mal mit der Terminologie dieser tollen Experten. Ja, es sind wohl Defizite, die mich dazu bringen, unter anderem und entgegen der Norm hin und wieder die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen. Diese Defizite resultieren aus dem Wunsch nach Befriedigung einer Summe bestimmter Bedürfnisse, Gefühle und Sehnsüchte. Und die Befriedigung von Defiziten ist ja wohl ein völlig normaler und alltäglicher Vorgang - bei jedem und jeder. Wenn mein Defizit Hunger heißt, versuche ich zu essen. Heißt es Durst, versuche ich zu trinken. Heißt es Frieren, versuche ich, mich zu kleiden, oder adäquat zu wohnen. Heißt es Geld, versuche ich zu stehlen oder zu arbeiten. So gesehen, sind es gerade die individuell empfundenen Defizite, die uns täglich dazu antreiben, eben nicht in der Ecke zu hocken und darauf zu warten, dass unsere Zeit abläuft.
So gesehen, birgt die von Dir zitierte Untersuchung eben keine neuen Erkenntnisse. Vielmehr ist es aus meiner Sicht wieder einmal ein Beispiel für den erneuten Versuch einer einseitigen Reduzierung von Menschen auf eine ihnen eigene Eigenschaft. Es ist nicht so, dass ich diesen Wunsch nicht verstehen kann. Aber ich denke eben, dass diese Versuche am untauglichen Objekt stattfinden. Menschen lassen sich nicht auf die eine oder andere Eigenschaft reduzieren und zusammenfassen. Sie sind - jede(r) für sich - höchst individuell und vielseitig orientiert.
Ich jedenfalls werde weiterhin mehrgleisig agieren und so vielseitig wie alle anderen sein: Ich werde essen wenn ich hungrig bin, schlafen wenn ich müde bin, Freunde treffen, wenn ich sie brauche, möglichst viel Lust an meiner Arbeit haben. Ich werde mal traurig, mal bockig und mal spaßig sein. Werde versuchen, mein Defizit an Partnerschaft zu kompensieren. Und ich werde mich anfummeln, wenn ich Lust dazu habe.
Ich werde eben weiterhin das machen, was alle anderen auch tun: Defizite kompensieren!
Einen ganz lieben Gruß und ´nen dicken Gute-Nacht-Kuss von
Andrea(s)

Ara reagiert am 13.6.2001 auf Andreas Beitrag:
Liebe Bürgerin , Lieber Bürger,
- ist das eine Provokation ? (ist natürlich nur spaßig gemeint, muss man ja manchmal dazu sagen, wenn man sich noch nicht so gut kennt)
Zumindest, lieber Bernd , ist mir doch deutlich geworden, dass du eine Diskussion anstoßen willst, oder deine Betroffenheit (wohin mit dem Stachel ?) groß ist. und es passiert natürlich gerade das, was mich hindert, mich mitzuteilen:... Wir nehmen einen ganz groben Hammer und erschlagen das Problem - (was mich ja nicht im geringsten verunsichert oder verletzt)
- weil das so lustvoll ist
- weil der eloquente Wortgebrauch geübt werden soll
- weil die Angst im Spiel ist ?
Schon höre ich das "Quatsch" geblökt, als könne man ein Thema vom Tisch blasen. Ich bewundere deine Fähigkeit und Bereitschaft, das Thema zu transportieren, dich trotzdem nicht hindern zu lassen, sondern die "dark side of the moon" zu genießen !
Und dennoch bin ich ab einem bestimmten Bewusstseinsstand eben auch der Zeuge dessen, was ich tue und das ist gut so, nicht, um es zu verbieten, vermiesen, vergiften, sondern um mich zu begleiten bei dem, was aus mir heraus möchte, Manifestation sucht.
Letztlich geht es mir beileibe nicht um Moral - wie so vielen in dieser Gesellschaft, auch den Pseudowissenschaftlern (ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe) - , sondern um die Wahrheit, und die wird sich sowieso herausschälen, wenn man wach genug ist. ich gebe dir hier meine Frage, die noch ein bisschen anders ist: Bringt mich das, was ich tue, der Lösung bestimmter Lebensfragen (z.B. Partnerschaft) näher oder ferner, mache ich es mir leichter oder schwerer. ich kann doch nicht in eine Richtung wollen, aber in eine andere gehen... (oder wenn, dann schaue ich ganz genau hin, um den Vorgang zu erkunden).
Ich jedenfalls schicke dir viele liebe Grüße !
Ara

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

..... ja, so ganz frei von Fehlern bei der Bearbeitung meiner Post bin ich wohl auch nicht - Ihr habt es ja selbst gemerkt. Ziemlich häufig flattern unaufgefordert die unterschiedlichsten Nachrichten in meinen virtuellen Postkasten (und leider nicht nur dort). Darunter befand sich eben auch jene Information über den beabsichtigten Fernsehbeitrag bei dem versucht werden sollte, mit versteckter Kamera "Männer" reinzulegen, indem ihnen eine Mogelpackung, nämlich ein Mann in Frauenkleidung untergeschoben wird. Naja, für so manchen mag das ja ein riesen Spaß sein. Ich halte so viel nicht davon.
Auf der anderen Seite ist es schon interessant, wie Menschen reagieren. Es ist ja in der Tat so, dass allein an der Kleidung eine erste Identifikation (Mann oder Frau) vorgenommen wird - wie auch sonst. Wenn dann noch die anderen äußeren Merkmale nicht gerade extrem auffällig sind, geht jeder Mann (entsprechend gestylt) bei oberflächlicher oder flüchtiger Betrachtung auch mal als Frau durch. Wir wissen das und so manche setzt darauf, wenn sie durch die Straßen streift.
Mir geht das genau so. Ich möchte einfach nicht besonders auffällig sein und mich ganz normal unter ganz normalen Leuten bewegen. Das ist natürlich nur bedingt möglich, denn spätestens auf den zweiten (ich wünsche mir dritten) genaueren Blick stellt mein Gegenüber schon fest, dass da was nicht ganz stimmig ist. Na, und dann kommt's eben raus: Ein Mann in Frauenkleidern! Doch bis zur nächsten möglichen Reaktion kann man(n) schon gewonnen haben. In meinem Auftreten "als Sabine" hat sich so viel Selbstverständlichkeit eingestellt, dass ich immer seltener auf offene Ablehnung stoße. Nun bin ich nicht das Bild von einer Frau, doch ich gebe mir schon Mühe, diesem (und vor allem meinem) Bild näher zu kommen. Schon wieder eine Schublade? Sicher, doch mit ausgesprochen angenehmen Eigenschaften. Ich fühle mich wohl darin.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es vor allem darauf ankommt, wie man (frau) sich in der Öffentlichkeit verhält. Übermäßige Unsicherheit und Angst vor Anfeindung oder Lächerlichkeit wirken schlimmer wie Knoblauch - man kann sie nicht riechen, sie wirken wie unsichtbare Wellen, die dem eigen Schatten weit voraus eilen. Und wenn es dann so ist, dann beginnt ein unendlicher Kreislauf. Erst kommt die Angst angestarrt zu werden, dann wird tatsächlich angestarrt. Damit kommt die Angst, irgendwie "angemacht" zu werden, dann wird man (frau) tatsächlich "angemacht". Und so geht das immer weiter. Viele von uns kennen diesen Kreislauf und so manche hat Probleme, da wieder raus zu kommen. Wie raus? Dafür gibt es keine Patentrezepte. Auch ich bin noch nicht frei von solchen Ängsten, doch so manches Mal kommen sie gar nicht erst auf. Wichtigster Faktor für mich ist, dass ich mich in meinem Outfit wirklich wohl fühle. Ist diese Stimmung da, dann steigt automatisch mein Selbstvertrauen. Und habe ich das nötige Selbstvertrauen, dann hält mich nichts ab, mich so zu geben, wie ich bin und das auch nach außen zu zeigen. Interessant, dass genau damit ein ganz neuer, ganz anderer Kreislauf beginnt. Offenes selbstbewusstes Auftreten, kein feindliches Anstarren. Kein feindliches Anstarren, freundliches Lächeln zurück. Danach möglicherweise Kopfschütteln des Gegenübers, immer häufiger aber Akzeptanz und gelegentlich sogar anerkennende Blicke. Anerkennende Blicke erzeugen Wohlbefinden, Wohlbefinden bringt mehr Selbstverständlichkeit .... Die Welt ist schön. Eine Situation, in der ich mich am liebsten befinde.
So am vergangenen Freitagnachmittag. Eigentlich ganz unvermittelt, hatte ich mich mit zwei Trans-Freundinnen zum Einkaufsbummel, ganz in Ku'-Damm-Nähe, verabredet. Ich habe mich nicht gerade auffällig, eher elegant gekleidet (rotes Kleid und schwarzer Blazer). Hauptziel war die von mir so sehr geschätzte Boutique, ich wollte mal schauen, ob sich ein paar tagestaugliche Stücke finden. Was soll ich sagen, allein die Stunden in der Boutique waren ein rauschendes Fest. Ich habe wenigstens zehn unterschiedliche Stücke anprobiert und hätte das Meiste am liebsten gekauft. Nun ja, auch die engere Wahl war dann teuer genug, doch ich konnte einfach nicht wiederstehen. Ich habe übrigens (auch in Überseinstimmung mit den lieben Verkäuferinnen) festgestellt, dass Rot mir ganz gut steht und so ist ein neues rotes Kostüm nun endlich mein Eigen. Doch danach war lange nicht Schluss. Raus aus der Boutique, rauf auf den Ku'Damm und rein in die nächsten Läden ganz um die Ecke. Krönender Abschluss des Bummels war ein gepflegtes Eis in einem Straßencafe. Ich habe mich so wohl gefühlt, dass ich nicht einmal sicher bin, ob mich die Umwelt überhaupt wahrgenommen hat. Und wenn doch, dann waren da zwei zufriedene selbstsichere Frauen - oder halt, das sind doch ein Männer ... na gut, warum nicht, wenn sie es mögen.... alles kein Problem. So selig und zufrieden gab’s dann schlussendlich noch einen kleinen Plausch mit einer Nachbarin vor meinem Haus. Komisch nur, dass auch sie sich ganz normal gegeben und mich dann doch noch als den netten alleinstehenden Mann von der zweiten Etage identifiziert hat.
Woran wird das alles nur gelegen haben? Ob das wohl jene unsichtbaren Wellen waren, die signalisieren, wie man (frau) sich wirklich fühlt? Am Freitag waren es die angenehmen Wellen. Ich habe mir gemerkt, woher sie kommen, ganz tief aus mir selbst.
Zugegeben, ich bin nicht sicher, ob diese Stimmung auch aufgekommen wäre, wenn ich allein losgezogen wäre. Aber das ist im Moment auch nicht wichtig, denn ich habe ja Freundinnen, die mit mir bummeln gehen und die ich zum Bummeln mitnehme. Allein ist das sowieso nur der halbe Spaß.
Ich wünsche Euch allen eine schöne Woche und dazu natürlich ausschließlich angenehme Begegnungen, mit und ohne weiblichem Outfit.

Viele liebe Grüße
Sabine B.