Wochenmails 2001

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich hatte ich so richtig nichts vor und wollte die Tage für all die unerledigten Kleinigkeiten auf meinem Schreibtisch und im Kopf nutzen. Und dann war ich nur in Bewegung, bin nun zufrieden endlich hier allein zu sein. Aber so geht das immer, die wichtigsten Ereignisse und Entscheidungen kommen unerwartet und gelegentlich auch unerwartet heftig. Da waren wichtige Geburtstage, die meine Aufmerksamkeit bedurften und nächtliche Ausflüge mit Freunden und ganz allein. Freud und Leid lagen dicht beieinander. Es gab Zorn über geplatzte Illusionen und aufregende neue Erfahrungen. Ich hatte viel Gelegenheit, die Menschen um mich herum zu betrachten und gelegentlich mir selbst den Spiegel vorzuhalten
Ach ja, Spiegel. Kennt Ihr die Geschichte des wunderschönen griechischen Jünglings, Narziss, der sich so unsterblich in sein Spiegelbild verliebt, dass er daran zugrunde geht? Sicher!
Ich habe noch einmal genauer nachgelesen. Narziss wurde wegen seiner Schönheit von vielen Frauen so geliebt, dass sie davon krank wurden. Die Nymphe Echo wurde wegen ihrer Tollheit sogar bestraft und konnte forthin nur das letzte Wort das sie hörte wiederholen. Im Zuge einiger Verwicklungen stand Echo dann mit weit ausgestreckten Armen vor Narziss, wollte ihm auf diese Weise ihre Liebe gestehen und wurde grausam von dem Jüngling verschmäht. Die so Gedemütigte versteckte sich daraufhin für immer in eine Höhle, bis sie nur noch Stimme war.
Und jetzt kommt’s. Die Rachegöttin Nemesis fand das unerträglich und bestrafte Narziss, sich hoffnungslos in sein Spiegelbild zu verlieben. Er war nach kurzer Zeit unfähig sich davon abzuwenden und schwand allmählich dahin.
Die Götter verwandelten ihn in eine Narzisse – schön, einsam und doch ohne wirkliches Leben.
Was könnte man daraus lernen? Für mich hat die Geschichte mehrere Ebenen. Sicher hätten die Götter nicht gewollt, dass Narziss sich der liebestollen Echo zuwendet, es war wohl eher die Art des Umgangs mit seinen Mitmenschen und die damit verbundene unendliche Eigenliebe, die sie in Zorn versetzten. Ja und dann die Strafe, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben und damit quasi verrückt zu machen.
Da stellt sich doch die Frage, wieweit darf man (frau) sich in das eigene Bild verlieben. Nun, zugegeben, nicht nur in der Gemeinde der Transgender eine nicht seltene Erscheinung. Natürlich gefällt mir, was ich da sehe, wenn ich mich vor dem Spiegel drehe und schaue, wie der Rock fliegt. Doch das ist hier nicht gemeint.
Ich denke, es ist der eigene kritische Blick auf die eigene Persönlichkeit an dem es gelegentlich mangelt. Da machen sich Menschen auf, eine neue Welt zu entdecken. Je nach sozialen Abhängigkeiten, rückt das Thema der Transidentität unterschiedlich weit in den Mittelpunkt des Lebens. Typisch ist die verstärkte Konzentration auf das eigene Ich und die eigenen Bedürfnisse.
Das Ergebnis ist aus meiner Sicht immer das Gleiche: Gut oder leidlich funktionierende soziale Beziehungen werden zum Teil erheblich gestört. Doch es kommt noch schlimmer. Mir fällt auf, dass diese „neue Individualität“ auch die Beziehungen in den so genannten Szenebereichen, also nicht nur in der Transgenderfamilie, stört.
Überall, wo sich Menschen treffen, die ein ganz spezielles individuelles Bedürfnis leben, trifft man auf ein Höchstmaß an Individualität. Schade nur, dass diese Individualität gelegentlich nur oberflächliche soziale Beziehungen zulässt. Bei so manchem braucht es keinen göttlichen Zorn. Sie sind so individuell und unverbindlich, dass sie sich auf Dauer von selbst vereinsamen.
Nehmen wir doch für die Beschreibung ein positives Beispiel aus meinem ganz eigenen transsisterlichen Umfeld. Mit einem ganzen Teil der TransSisters treffe ich mich regelmäßig zu relativ unspektakulären Gelegenheiten. Wir haben ein gutes Stück gemeinsame Vergangenheit bei der Ergründung unserer Bedürfnisse und sind inzwischen gut befreundet. Solche Treffen laufen zumeist so ab, dass wir uns einfach verabreden, dann natürlich auch treffen und sich keiner wundert, wenn bei diesen Treffen mal nur eine oder auch gar keine „Dame“ anwesend ist. Der „Fummel“ (ich weiß ja, das ist schon fast ein Unwort, aber mir fällt jetzt nichts anderes passendes ein) spielt in unserer Beziehung noch immer eine wichtige Rolle, doch die Beziehung ist nicht „Fummel“. An solchen Abenden gelingt es in der Tat mal mehrere Stunden über ganz alltägliche „fummelfreie“ Dinge zu reden. Der eigene Individualismus wird nicht verleugnet und ist zugleich nicht das wichtigste auf dieser Welt. So haben soziale Beziehungen eine Chance auf wirklichen „Tiefgang“ und damit Dauerhaftigkeit!
Für mich ist das eine interessante und wichtige Entwicklung. Ich selbst bin immer mehr in der Lage mein „Anderssein“ als ganz normale Eigenschaft unter allen anderen einzuordnen und habe Menschen in meinem Umfeld, die das genau so sehen. Ganz in diesem Sinne habe ich mich in der letzten Zeit verstärkt aufgemacht, in ganz andere Bereiche einzudringen und mich für Dinge und Menschen interessiert, die sich nun nicht gerade vordergründig mit meiner Speziellen Leidenschaft auseinandersetzen. Ich will neue Bekanntschaften nicht nur als Sabine machen. Es ist einfach, als Sabine für einen Tag oder nur eine Nacht gemocht zu werden. Das ist mir inzwischen zu einseitig, denn Sabine ist nur ein Bild von mir.
Nicht das Bild im Spiegel ist es, was mich wirklich interessiert. Wirklich spannend und interessant sind die Dinge, die sich dahinter befinden. Und dennoch, man muss schon gelegentlich in den Spiegel schauen und nachsehen wie verliebt der eigene Blick denn schon ist. Natürlich auch um zu sehen, wie der weite Rock schwingt und sich ungeniert daran erfreuen.
Na denn! Ich wünsche Euch eine schöne Woche und keine blinden Spiegel, denn Ihr sollt sehen wer da steht.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

......zunächst erst einmal vielen Dank für Eure durchweg positiven Reaktionen zur Frühlingsparty der TransSisters. Ich habe sie an die Organisatoren weiter geleitet und ich denke, sie konnten dieses Lob, genau wie ich, gut gebrauchen. Mir ist natürlich klar, dass es auch einige unzufriedene Gesichter gab, insbesondere unter den Besuchern, die erwartet haben, einen ganzen Abend einfach nur unterhalten zu werden.
Es ist schon komisch, wie unterschiedlich doch die Draufsicht auf die Dinge ist. Als beteiligte "Macherin" habe ich eine eher differenzierte Haltung zu diesem Abend und bin dennoch froh, dass die vielen kleinen Pannen, Ärgernisse und Ungereimtheiten, die es ja immer gibt, den Meisten von Euch verborgen blieben. Wichtigster Eindruck war eine für mich eigentlich ausgesprochen untypische "Party". Der Begriff ist ja landläufig mit viel Fun und gerade im Transgenderbereich mit Stimmung ohne Ende besetzt. Doch gesehen habe ich vor allem viele zum Teil sehr ernsthafte Gesprächsrunden. Man (frau) hat sich eben erst kennen gelernt und schon einen gemeinsamen Gesprächsstoff gefunden. Andere haben einen alten Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Gut dafür, dass die Diskothek in ihren Ausmaßen und Kapazitäten so bemessen war, dass auch wirklich ungestört geredet werden konnte......
Und jetzt beginnt für mich der schwierigste Teil dieser Mail. Ich habe bereits mehrere Stunden an den unterschiedlichsten inhaltlichen Ansätzen geschrieben und werde nun auch die letzte Variante verwerfen, will mich aber wenigstens melden und muss nun erklären, warum ich hier nicht weiter schreibe. Der Grund dafür ist eigentlich denkbar einfach. Ich habe mich in den letzten Tagen mal wieder ein wenig zurückgezogen und versucht mich selbst mit Abstand zu betrachten, oder nur in mich reingeschaut. Damit bin ich noch nicht fertig und daher noch nicht frei genug, meine kleine Welt zu beschreiben.
Ihr müsst also warten bis zur "Ostermail", dann gibt's sicher wieder allerhand zu berichten.

Seid also ganz lieb gegrüßt
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

Das war eine ausgesprochen ruhige Woche. Die für den Lebensunterhalt nötige Arbeit hielt sich in angenehmen Grenzen und die Wunschverabredung am Samstag hat sich dann doch zerschlagen. So bin ich allein zu Hause geblieben – Zeit, noch einmal in lägst vergessener Post und liegen gebliebenen Zeitschriften zu schmökern. Hinzu kommt, dass der Computer zwar vermeldet „es ist Sommerzeit“ (vermutlich das einzige, was unter Windows zuverlässig funktioniert) und der Blick aus dem Fenster diese Meldung lügen straft.
Das kommende Wochenende hat es ja dann auch reichlich in sich. Am Freitag treffen sich die TransSisters und ihre Freunde zum „Monatstreffen“ und am Samstag dann steigt die viel besprochene „Frühlingsparty“, zwei Veranstaltungen, die für mich viel mehr, als eine Pflichtveranstaltung sind. Das niegelnagel neue Partykleid hängt bereits im Schrank, ich weiß heute schon im Detail, was ich an diesem Abend anziehen werde. Ein bisschen mulmig ist mir schon, denn wie jedes mal habe ich das Gefühl nicht genug für die Vorbereitung getan zu haben und weiß doch, dass es nicht von mir allein abhängt. Auf der anderen Seite bin ich sicher, dass auch diese Party ein Erfolg wird. Viele liebe Freundinnen und Freunde haben sich bereits angekündigt, was kann da eigentlich noch schief gehen?! Also hier noch einmal für die Kurzentschlossenen: Die Frühlingsparty der TransSisters steigt am 31.3. ab 20 Uhr in der Gaststätte „Zur Kneipe“ in der Rankestraße 9 (ganz in der Nähe Ku’damm). Motto des Abends „Transgender and all friends welcome“. Willkommen seid also auch Ihr, ich bin sicher der Abend lohnt die 10 DM, die wir als Kostenbeitrag erheben müssen. Und ich bin natürlich auch neugierig, möglichst viele Leser dieser kleinen Mail persönlich kennen zu lernen. Soviel zur Eigenwerbung.
In den vergangenen Tagen flatterten einige Mails in meinen Kasten, die mich nachdenklich stimmten und auch veranlassten, ein wenig in der Post zu kramen, die ich zwar zur Kenntnis nehme, aber so manches mal nicht recht weiß, was ich damit anfangen soll. Häufig kann ich auch aus solchen Nachrichten und Informationen schöpfen und mich selbst daran reiben. Ich bin mir schon bewusst, dass ich mit dem Verteiler für diese Mail so einige Interessierte TransGender und ihre Freunde erreiche und so auch einen Beitrag für ihre Meinungsbildung leisten kann. Doch nicht jeden Gedanken kann ich aufnehmen, sei es, weil ich selbst zu diesem Thema nicht genug informiert bin, oder weil mich derzeit ganz andere Themen bewegen. „Themen, die mich bewegen“, das ist der Grundgedanke und die Triebkraft dieser Mail, vielleicht auch ein wenig das Erfolgsgeheimnis (wenn es hier so etwas, wie Erfolg überhaupt gibt). Dennoch, bitte schreibt mir weiter und gebt mir Informationen zu Dingen, die mich bisher nicht so bewusst waren, oder Dingen, die ich auch nur falsch gesehen habe.
Zurück zu den Mails der vergangenen Tage. Heidrun und Bärbel (eine „jetzt endlich“ und eine „schon immer“ Frau) zählten zu den sicher zahlreichen Zuschauern der Pro Sieben Sendung „Geschlechtsumwandlung“ am vergangenen Mittwoch. Ich selbst hatte zwar registriert, dass dieser Beitrag läuft, dann aber aus irgendwelchen Gründen darauf verzichtet einzuschalten. Ich kenne selbst einige „jetzt endlich“ Frauen (es gibt eigentlich keinen wirklich guten und nicht diskriminierenden Begriff dafür), einige mag ich und andere mag ich nicht. Ich halte mich zu diesem Thema für leidlich informiert und konnte selbst schon betrachten (erleben?), zu welchen Meisterleistungen die moderne Medizin in der Lage ist. Ich habe unlängst im „Transsexuellengesetz“ und in der beabsichtigten Neufassung geschmökert – darauf komme ich noch mal zurück – und bin entsetzt, wie die im Grundgesetzt festgeschriebene Würde des Menschen derartig eingeschränkt werden kann. Ich habe auch hier gelernt, dass die Würde des Menschen nur solange unantastbar ist, wie sie nicht durch andere Gesetze eingeschränkt wird. Das ist sicher ein weites Feld, denn ich meine auch, dass die Gesellschaft schon die Pflicht hat, den einzelnen Menschen vor unüberlegten, dann irreparablen Handlungen zu schützen.
Heidrun und Bärbel kritisieren nun (vermutlich zu recht) die Herangehensweise der Macher des Beitrages und stellen fest, dass ganz wesentlich Zusammenhänge entweder falsch dargestellt oder gar ganz weg gelassen wurden. Noch dazu kommt, dass die hier betroffene Pia offensichtlich nicht im Entferntesten dem äußeren Bild einer Frau entsprach. Die Krönung des „Beitrages“ war dann wohl das Forum im Internet, in dem sich die Zuschauer zu diesem Thema äußern sollten und wohl auch weidlich getan haben. Wie berichtet wird: „Angriff, Beleidigung und Diskriminierung unterster Schublade! Transidenten wurden gleichgestellt mit Kinderschändern, sie gehörten an die Wand gestellt, ausgerottet.... Ein widerlicher, primitiver Angriff, auf den Betroffene nur mit Verteidigung reagieren konnten!“ Wenn ich das so lese, dann bin ich genau so entsetzt wie ihr und will nicht glauben, dass dies ein Querschnitt durch die deutsche Meinungslandschaft sein soll. Ist es sicher nicht und ist es sicher wohl.
Was habt Ihr eigentlich von einem solchen Beitrag erwartet? Aufklärung? Das ist doch wohl reichlich naiv. Die Macher haben ihr Ziel schon in dem Augenblick erreicht, wenn an diesem Abend mehr als üblich Leute vor dem Fernseher sitzen und ganz nebenbei erfahren, dass ein Exfußballer am sichersten weiß, wo es den besten Urlaub gibt oder endlich realisieren, dass selbst ausgemachte Transen im neuesten Modell der Marke Seat wieder zum richtigen Kerl werden. Zweck der Übung sind die Einschaltquoten, das Mittel dazu war am vergangenen Mittwoch Pia, sind heute bis aufs Blut ausgebeutete Kinder und morgen vielleicht wieder irgend eine armselige Gestalt, die sich (in Hoffnung auf bessere Zeiten) für ein paar Monate in einem Container einsperren und beobachten lässt.
So schön und nützlich der Wettbewerb in der Medienwelt ist, er treibt traurige Blüten. Eine Nachricht ist zur Handelsware verkommen und Information ordnet sich den kommerziellen Interessen unter. Das sind die Gesetze des Marktes, schade, dass sie auch hier wirken. Nur gut, dass es noch immer richtige Journalisten gibt, die ihren Beruf als Berufung begreifen. Doch sehr viele gibt es davon nicht mehr, zumindest gelingt es den Medienkonzernen, den größten Teil dieser Leute ganz klein zu halten.
Interessant in diesem Zusammenhang, die Reaktionen von Fernsehsendern und „Filmemachern“ im Umgang mit dem größten Teil der transsisterlichen Gemeinde. Da gibt es schon gelegentlich eine Anfrage für einen redaktionellen Beitrag oder die Teilnahme an einer dieser bekannten Talk-Shows. Immer, wenn wir um ein unverbindliches Vorgespräch und die Erläuterung des Konzeptes bitten, ist der Kontakt auch schon zu Ende. Ich erspare mir dazu jeden Kommentar.
In seiner Erwiderung zur oben genannten Mail von Heidrun und Bärbel schreibt Alex: „Da wäre also vielleicht auch gefragt, dass wir uns mal zusammensetzen, und gemeinsam überlegen, was wir in Zukunft von Berichten haben wollen, und das auch konsequent gegenüber Anfragen von Fernseh- und Zeitungsmachern vertreten. Dann wäre zumindest die Chance größer, dass solche Berichte (gemeint ist der über Pia) weniger würden.“ Das hört sich erst einmal ganz gut an, doch ich glaube kaum, dass ein solcher Codex in irgendeiner Weise umfassend umsetzen lässt. Zu viele Menschen (und nicht nur Transgender) sind von einem unglaublichen Selbstdarstellungsbedürfnis getrieben – was da im Inneren so abläuft ist nur zu erahnen und vermutlich ziemlich traurig. Und dann fällt mir der Spruch eines alten Mannes ein, den ich vor vielen Jahren mal kennen gelernt habe: „Moral ist immer eine Frage der persönlichen Betroffenheit“. Ein Beispiel für die „Beweglichkeit“ so mancher Moral ist für mich vielleicht die wohl bekannteste deutsche
(Polit-)Transsexuelle aus einem kleinen verschlafenen Dorf im Osten unseres Landes. Kennen gelernt habe ich sie in der Hochphase ihres Outings, da hat sie bei einer Veranstaltung des Sonntags-Clubs (einer der wohl wichtigsten Berliner Vereinigung von Schwulen, Lesben und Transgender) Unterschriften für ihre persönliche Integrität als transsexueller Mensch gesammelt. Monate später kandidierte sie (wohl mit ihrem Popularitätsbonus) für ein Bezirksparlament in Berlin. So ganz nebenbei wurde ein Buch geschrieben und über Filmrechte nachgedacht. Böse Zungen behaupten, dass der Termin für die anstehende Operation ganz gut in den Kalender eines der bekannten Fernsehsender gepasst hat. Und nun ist sie (wie sie mir selbst sagte: „endlich eine richtige Frau“) tingelnd im Land unterwegs und präsentiert ihr Werk. Neueste Nachricht: Sie weigert sich inzwischen vor vorwiegend schwul-lesbischen Publikum aufzutreten. Ihr „Werk“ richtet sich an das ganz normale Volk. Darüber geriet sie dann auch mit ihrem Partner in einen entzweienden Streit. Das ist doch interessant – menschlich und moralisch.
Moral eine Hure? Ja, für manche von uns schon. Sicher, auch meine Auffassungen unterliegen einem Wandel. Dinge, die ich vor vielleicht 10 Jahren „niemals“ für mich akzeptiert hätte sind heute Normalität. Doch mein Moralbegriff wird mit steigender Erfahrung eher weiter, ich versuche zu verstehen und was ich nicht verstehen kann wird wenigstens auf Akzeptanz geprüft. Akzeptabel in der Lebensweise anderer Menschen ist letztlich, was meine und die Möglichkeiten meiner Mitmenschen nicht einschränkt. Dazu inakzeptabel sind die Verleugnung meiner eigenen Geschichte und die Missachtung der Gefühlswelt meiner Mitmenschen.
Und da sind wir auch schon wieder beim „Transsexuellengesetz“. Jedes Gesetz spiegelt die allgemein geltende Moral der Gesellschaft, ist ihr gelegentlich voraus, hinkt ihr aber meistens hinterher. Für die bürgerliche Demokratie kommt noch hinzu, dass sich der beschließende parlamentarische Apparat in einer manchmal unerträglichen Weise verselbstständigt und vom Volkeswillen abgelöst hat. Hier wird gelegentlich mit Menschenrechten gehandelt, wie auf dem Jahrmarkt, spielen häufig ganz persönliche Interessen (und natürlich das eigene Überleben) unserer Parlamentarier eine übergeordnete Rolle. Aber wie auch immer, es gibt ein Gesetzt, das den Wechsel des angeborenen Geschlechtes regelt – die Transsexuellen unter uns wissen woran sie sind.
Aufmerksam geworden durch eine Artikel in einer längst vergessenen Ausgabe von „TransGenderLife“, in dem über Polizeikontrollen gegenüber den Nachtschwärmern im „falschen“ Outfit berichtet wurde, habe ich schon im vergangenen Jahr eine Anfrage an den Berliner Polizeipräsidenten gerichtet. Die Frage war, wie sich denn nun ein Transgender bei Personenkontrollen verhalten solle, wenn das Äußere nicht mit den vorzuzeigenden Ausweisdokumenten übereinstimmt und was er (sie) denn tun könne, wenn er (sie) sich in diesem Zusammenhang diskriminiert fühlt.
Ich denke, diese Fragestellung ist zunächst erst einmal berechtigt. Wer kennt die Ängste nicht, des Nachtens von einer Streife angehalten und nach den Ausweispapieren gefragt zu werden. Vor allem die „Gelegenheitstransvestiten“, so wie ich, sind ja „nur“ gelegentlich im weiblichen Outfit unterwegs und haben nur begrenztes Interesse diesen Status auf Dauer zu manifestieren. Ich will es kurz machen (die Mail wird ohne hin schon wieder zu lang), die Polizei hat natürlich prompt geantwortet. Das Ergebnis will ich Euch nicht vorenthalten und wird nachfolgend abgedruckt:
 
E-Mai -Anfrage TransSisters, vom 27.11.00
Sehr geehrte Damen und Herren,
ihre E-Mail-Anfrage vom 27.11.2000, bezüglich der Problematik von Personenkontrollen männlicher Transgender durch die Polizei, wurde an die Stelle des Ansprechpartners der Berliner Polizei für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Landeskriminalamt 1215, weitergeleitet.
Ein spezieller Ansprechpartner für Transsexuelle/Transgender ist in der Berliner Polizei nicht vorgesehen. Da zu klärende Fragen jedoch zumeist mit der sexuellen Orientierung und damit verbundener Besonderheiten oder der Angst vor Diskriminierung zu tun haben, steht die Stelle des Ansprechpartners auch Rat suchenden Transsexuellen zur Verfügung.
Zu der Frage polizeilicher Kontrollen verweisen wir auf die Regelungen des Transsexuellengesetzes sowie die gängige Rechtsprechung, die auch für Polizeibeamte verbindlich sind.
Wie in anderen Fallen des täglichen Lebens wird es sich nicht immer vermeiden lassen, dass es vor Ort gelegentlich zu Situationen kommt, in denen die Abweichung des gelebten Geschlechtes zu amtlichen Unterlagen eine Rolle spielt. In der Regel lassen sich Konflikte durch eine kurze sachliche Erläuterung der Umstände und der bestehenden Bestimmungen vermeiden.
Sollte es dennoch zu Unstimmigkeiten kommen, können sich Betroffene die Dienstnummer der beteiligten Beamten aushändigen lassen und sich an die Beschwerdestelle der Berliner Polizei oder an den Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen wenden.
Mit freundlichen Grüßen,
Löher (Kriminalhauptkommissar)

Obwohl ich mich in der Bewertung im Widerspruch mit einigen meiner Freundinnen weiß, hier mal der Reihe nach meine ganz persönliche Sicht: Gut, die Anrede „Damen und Herren“, das gehört sich so. Dass es für Transgender keinen gesonderten Ansprechpartner gibt ist akzeptabel, so wichtig sind wir ja nun doch nicht. Doch was hat meine (und auch Eure) Leidenschaft mit der sexuellen Orientierung zu tun? Für mich so gut, wie nichts und ich weiß das auch von vielen lieben Schwestern. Der Kollege Hauptkriminaler ist vielleicht nicht gut genug informiert – sollte er aber, denn es gibt nicht wenige von unserer Sorte. Und jetzt kommt wieder das „Transsexuellengesetz“ ins Spiel. Wie gesagt, ich hab das Gesetz und auch die Änderungen gelesen, doch zum angesprochenen Thema hab ich nichts gefunden.
Es liegt mir fern, bei einer Polizeikontrolle mal eben den Namen oder gar die Änderung des Geschlechts zu beantragen. Ich weiß aber, dass das Bild in meinem Ausweis erheblich von meinem gelegentlichen Outfit abweicht – schließlich habe ich lange genug dafür geübt. Das „Transsexuellengesetz“ greift nicht in entferntester Weise für ganz normale Transvestiten – Transsexuelle können ja wenigstens in der Phase des Alltagstests eine Bescheinigung Ihres Therapeuten vorweisen (das ist aus meiner Sicht Diskriminierung in höchster Form!!). Ja, und was ist gängige Rechtsprechung? Auch dazu habe ich bei meinen Streifzügen im Internet leider nichts gefunden. Bleibt übrig, was ich ohnehin schon wusste: „eine kurze sachliche Erklärung“ und die Hoffnung, dass diese Erklärung auch verstanden wird. Ein wenig enger wird es schon mit der „Erläuterung .... der bestehenden Bestimmungen..“, die kennt der Durchschnittpolizist (*) genau so wenig, wie ich. Und letztlich, Beschwerden haben nur dann einen Sinn, wenn man zufällig den Polizeipräsidenten als wohlgesonnenen Zeugen benenn kann – alles andere ist vergebliche Mühe. Gut wieder die freundlichen Grüße, das baut wirklich auf.
(* An dieser Stelle stand vorher das Wort "Durchschnittsbulle* - das ist natürlich eben so eine Diskriminierung, wie die, gegen die ich mich ständig wende. Caro hat mich darauf hingewiesen und ich bedanke mich dafür, denn sie hat Recht. Es war zwar nicht diskriminierend gemeint, aber dann braucht man (frau) es auch nicht sagen. Ich entschuldige mich! Sabine am 28.3.01)
Auch dieses Schreiben ist ein weiteres Beispiel für geltende Moral. Schwule und Lesben haben schon viel erreicht, wenigstens ein gewisses Maß an Toleranz (und einen eigenen Kriminalhauptkommissar) , Transsexuelle kämpfen mit unzureichenden Gesetzen, die sie mehr diskriminieren als schützen, (aber sie haben ein Gesetz an dem sie sich reiben können) und gemeine Transvestiten, wie ich, hängen irgendwo dazwischen oder werden mit ihrem Anliegen einfach ignoriert. Zumindest in den Augen der Leute, die dem Gesetz Geltung verschaffen sollen. Ja welchem Gesetz denn eigentlich? Dem in dem steht, dass meine Würde unantastbar ist? Ich will hoffen, dass die Jungens und Mädels sich zur rechten Zeit daran erinnern.
Und meine Würde steht für mich nicht zur Disposition. Genau deshalb meide ich aktiv und passiv zweifelhafte Medien-Ereignisse und schreibe lieber eine „kleine“ Mail an Leute, die sich freiwillig dafür interessieren.
Ich hoffe, dass ich Euch heute nicht über Gebühr mit einem ewig langen Text belastet habe – es ist wieder mal mehr geworden als ursprünglich beabsichtigt. Daher ein Versprechen. Jede( r) der (die) bis hier hin gelesen hat, mich am nächsten Samstag bei der Frühlingsparty darauf anspricht und dazu noch erzählen kann, was ich hier geschrieben habe, dem gebe ich ein zusätzliches Glas Sekt aus. Ich bin wirklich gespannt und weiß dann doch, dass Ihr all das hier aufgeschriebene ertragen habt.
Ich wünsche Euch allen eine ganz „unmoralische“ Woche und freue mich schon darauf, Euch recht bald persönlich zu treffen.
Viele liebe Grüße
Sabine B.  

Nachfolgend ein Beitrag von Andrea am 27.03.2001
Liebe Sabine, liebe Gemeinde,
eine zwar lange, aber nicht weniger interessante, vor allem aber polarisierende Wochenmail - zumindest aus meiner Sicht.
Gerade in Bezug auf Moral und Normalität (was das auch immer sein mag) stellt sich mir fast täglich nicht nur die Frage, wie und von wem diese Begriffe eigentlich inhaltlich definiert werden, sondern auch, weshalb eine inhaltliche Begrenzung der Reichweite für die Allgemeinheit, die Gesellschaft, den einzelnen, irgendwie alle eben einen derart großen Stellenwert hat.
Ich spreche dabei einerseits von meinen ganz persönlichen Erfahrung, dass die Frage danach, was gesellschaftlich moralisch vertretbar ist oder was denn bitteschön "Normal" ist, von jedem irgendwie anders beurteilt zu werden scheint (meistens eben aus Sicht der persönlichen Betroffenheit – insofern trifft das von Dir strapazierte Zitat sicherlich den Kern der Sache). Das gilt übrigens auch für mich. Aus meiner ganz persönlichen Betroffenheit heraus, fordere ich von meiner Umwelt, mich so zu akzeptieren, wie ich es persönlich für moralisch vertretbar und vor allem normal halte. Dabei spielen zwei Aspekte eine ganz wesentliche Rolle: mein eigenes Selbstverständnis und der Wunsch nach gesellschaftlicher Akzeptanz. Ich möchte hier niemanden mit meinen unzähligen, häufig missionarischen Gesprächen langweilen, in welchen ich - mal sehr zurückhaltend, mal sehr offensiv, meist aber mit niederschmetterndem Ergebnis - für mein Anliegen geworben habe. Diese Art von Gesprächen kennen die meisten  aus "unserer Gemeinde" selber nur zu gut. Wesentlich scheint mir an dieser Stelle nur zu sein, dass ich mich so gesehen nicht anders verhalte, als alle anderen es eben auch tun: Ich werbe für mich und meinen Anspruch auf Teilhabe an der Gesellschaft.
Was mir in den vielen Gesprächen aber ebenso auffiel war, dass es ab einem gewissen Punkt scheinbar einen breiten Konsens darüber zu geben scheint, dass bestimmte Dinge für die breite Masse (die Gesellschaft?) derzeit indiskutabel zu seien scheinen. Für mich stellte sich an diesem Punkt immer wieder die teils sehr persönliche, teils philosophische Frage nach dem "Warum?". Warum wird das Bild, das ich von mir habe, nicht von diesem Konsens erfasst? Warum muss ich mich - um akzeptiert zu werden - für "die Gesellschaft" bis zur Unkenntlichkeit verbiegen? Warum ängstigt mein Tun "die Gesellschaft"? Warum passe ausgerechnet ich da nicht rein. Warum betrachtet die Gesellschaft einen wesentlichen Teil von mir als nicht normal bzw. moralisch nicht akzeptabel? Warum ist es notwendig, die Begriffe "Normal" und "Moral" inhaltlich derart eng zu fassen? Warum ist mein Tun indiskutabel? Warum verurteilt mich die Gesellschaft dazu, nur in der Isolation glücklich sein zu dürfen? Warum wird dieses unendlich komplexe, gerade ob seiner individuellen Vielfalt wertvolle Wesen Mensch gesellschaftlich derart reduziert? Warum ...? Jeder, der ein vom gesellschaftlichen Konsens abweichendes Verhalten lebt, und sich darüber mal Gedanken gemacht hat, kann diese Liste ohne Mühe endlos fortsetzen.
Wichtig scheint mir jedoch die Feststellung, dass sich Gesellschaft offensichtlich über konsensfähige Regeln definiert; d.h. Regeln, die von der Allgemeinheit anerkannt werden und die das sog. Gesellschaftliche Miteinander der Individuen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft zum Inhalt haben. Tragischerweise steht die individuelle Vielfalt des einzelnen einer dementsprechenden, auf breiter Basis konsensfähigen Vielfalt gesellschaftlicher Regeln ganz besonders im Wege. Die Meinung darüber, was wichtig und was vernachlässigbar, was vernünftig und was unvernünftig, was elementar und was dispositiv ist, unterliegt regelmäßig einer höchst individuellen Bewertung.
Sowohl die genannte individuelle Vielfalt auf der einen Seite, sowie die Komplexität der gegenseitigen Abhängigkeiten innerhalb einer Gesellschaft, als auch die Tatsache, dass es nun mal leider nicht "die eine Wahrheit" gibt, und darüber hinaus die Halbwertzeit der geltenden Wahrheiten immer kürzeren Zyklen unterliegt, machen gesellschaftliche Regeln erforderlich, die sich auf den sog. kleinsten gemeinsamen Nenner reduzieren müssen, damit Gesellschaft einerseits überhaupt funktionieren, andererseits aber auch sich selbst weiterentwickeln kann. Dabei lassen sich gesellschaftliche Regeln in die Kategorien "ungeschriebene Regeln" und "geschriebene Regeln" einteilen. Zu den letzteren zählen die Gesetze, die für die Gesellschaft ein verbindliches Regelwerk des gemeinschaftlichen Umgangs der Individuen miteinander darstellen und dazu dienen, dem einzelnen Sicherheit in seinem Tun zu verleihen und seinen Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. Damit diese Gesetze gesellschaftlich umsetzbar sind und die für ihre Anerkennung erforderliche dauerhafte Geltungskraft entwickeln, müssen sie auf möglichst große Anzahl verschiedenster Lebenssachverhalte anwendbar sein, weshalb sich die Berücksichtigung höchst individueller Bedürfnisse regelmäßig verbietet. Nichts desto trotz wird auch in den Gesetzen berücksichtigt, dass sich Gesellschaft weiterentwickelt. Diesem Umstand wird dadurch Rechnung getragen, dass sog. unbestimmte Rechtsbegriffe (z.B. Treu und Glauben, Sitte, Anstand, Moral, etc.) verwandt werden, die regelmäßig "... zum Zeitpunkt der Rechtsanwendung ..." (u.a. auch unter Berücksichtigung der individuellen Ansprüche sowie der jeweils gesellschaftlich geltenden ungeschriebenen Regeln) zu interpretieren und auszulegen sind. Ergebnisse der Berücksichtigung von gesellschaftlichen Entwicklungen sind u.a. auch das sog. Transsexuellen-Gesetz und die rechtliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, welche das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und Berücksichtigung höchst individueller Interessen von gesamtgesellschaftlichen Minderheiten Rechnung trägt. Hier entwickeln die Gesetze jedoch nicht nur individuelle Anspruchsgrundlagen. Sie bilden darüber hinaus auch die Basis für die Entwicklung einer gesellschaftliche Akzeptanz der Tatsache, dass die Menschen eben doch sehr individuell sein können und entfalten damit nicht nur regelnde sondern auch lenkende Funktionen. Es wäre jedoch höchst blauäugig zu erwarten, dass dies von heute auf morgen gesellschaftlichen Konsens entwickelt und somit ein lebbares Stück Normalität darstellt. Man muss auch den anders Denkenden die Zeit einräumen, sich an diese Tatsachen zu gewöhnen. Jedenfalls sind die beiden genannten Gesetze durchaus geeignet, in der Gesellschaft ein toleranteres Miteinander zu forcieren, in dessen Folge auch Personengruppen wie wir, die derzeit noch in so gar kein derzeit gültiges Gesellschaftsbild passen, davon profitieren können. Das Transvestiten - wie wir selber wissen - in kein derzeit gültiges Gesellschaftsschema passen, ist - so bedauerlich das auch immer sein mag - eine Tatsache, mit der wir uns zwar nicht unbedingt anfreunden müssen, die wir jedoch wenigstens zur Kenntnis nehmen sollten (schon allein aus Gründen des Selbstschutzes). Ja; es ist so, dass unserer Neigung, Veranlagung, Leidenschaft, oder wie man es auch immer qualifizieren möchte, nicht das einzige ist, was uns ausmacht. Und ja; es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass wir uns bemühen können wie wir wollen, mit noch so rational oder emotional nachvollziehbaren Argumenten um uns werfen können und dennoch gesellschaftlich nur sehr begrenzt akzeptiert werden. Wir alle leiden - mehr oder weniger - stark darunter. Aber woran liegt es denn, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft derart gering ist? Aus meiner Sicht kommen hier gleich mehrere Faktoren zum Tragen, die sowohl gesellschaftlich, als auch durch unser Verhalten selbst geprägt werden. Zu den elementar ungeschriebenen Regeln einer Gesellschaft gehört es, dass es Männer und Frauen gibt und das diese - innerhalb der Gesellschaft - unterschiedliche Rollen wahrnehmen. Auch wenn geschlechtsspezifische Rollen kein Naturgesetz darstellen, sondern regelmäßig ein künstliches  Konstrukt gesellschaftlicher Entwicklungen sind (Wirklichkeit ist nicht, Wirklichkeit wird gemacht), gibt es wahrscheinlich nichts, was einen derart starken Einfluss auf die Gesellschaft und das gesellschaftliche Miteinander hat, als die über das Geschlecht gesellschaftlich determinierten Rollen. Darüber, dass den unterschiedlichen Geschlechtern auch unterschiedliche Rollen zukommen herrscht übrigens weltweit Konsens. Man kann das auch daran feststellen, dass eben dieses "Naturgesetz" von den allerwenigsten in Frage gestellt wird.
Ich habe außerhalb unserer sehr exklusiven Gemeinde noch niemanden kennensgelernt, der nicht irgendwie irritiert war, wenn er nicht genau wusste, ob sein Gegenüber denn nun Mann oder Frau ist. Selbst bei ähnlich betroffenen Minderheiten (wie z.B. Schwulen, Lesben, Transsexuellen, etc.) führt dass, was wir versuchen zu transportieren oder darzustellen, zu Irritationen. Man kann dies zwar versuchen zu ignorieren, sehr viel weiter hilft es regelmäßig nicht. Offensichtlich ist es so, dass es einen erheblichen Erklärungsbedarf zu geben scheint, der darauf beruht, dass wir mit unserem Tun zumindest für den Betrachter an den "Grundfesten des gesellschaftlichen Miteinanders" ganz kräftig rütteln. Ich erinnere mich da z.B. ebenso an diverse Diskussionen mit meinem sehr schwulen Friseur, der "diese lächerlichen Transen" einfach nicht einordnen kann, wie auch an die mit den lesbischen Mädels im "Poure Elle", die einfach nicht verstehen konnten, dass "Kerle, die im Fummel rumlaufen, nicht auch schwul sind". Ganz zu schweigen von den unendlichen Diskussionen mit der Partnerin, die wir alle kennen und die nicht selten dazu führten, dass die Partnerschaft nach dem Outing zerbrach oder zumindest heftig Schaden zu nehmen drohte und in der Folge beiden Beteiligten ein Höchstmaß an geistiger Beweglichkeit abforderte. Immer aber stand auf Seiten der Nicht-Transen latent die sehr ambivalente Frage im Raum, welche Rolle sie im Verhältnis zu uns einnehmen können/sollen und ob sie in der Lage sind, ihr eigenes Rollenverständnis diesen Umständen anzupassen (Zitat: "Welche Rolle spiele denn dann ich in unserer Partnerschaft?", "Mir wäre es lieber, Du hättest eine Freundin. Dann wüsste ich wenigstens gegen wen ich kämpfen muss! So müsste ich gegen Dich kämpfen, was ich aber nicht kann, weil ich Dich doch liebe!"). Diese Reaktionen als Unvermögen der anderen abzutun, bedeutet nicht nur ihren berechtigten Interessen zu negieren, sondern ist in höchstem Maße auch intolerant, was angesichts unseres Anspruchs an die gesellschaftliche Toleranz schon ein Widerspruch in sich ist.
Ein weiteres ungeschriebenes gesellschaftliches Gesetz ist, dass der sog. "Erste Eindruck zählt". Man kann auch diese höchst menschliche Eigenschaft verfluchen, es ändert aber nichts daran, dass es aber nun mal so ist. Jeder registriert nun mal zuerst was er/sie sieht, und vergleicht dann diese Eindrücke mit der jeweils individuellen "Landkarte" auf der sich eine begrenzte Anzahl von "Schubladen" befinden. Findet man keine passende "Schublade", wirkt dies meist irritierend, zuweilen auch beängstigend. Stellt sich die Frage, wie wir uns der Umwelt präsentieren. Nun, die meisten die ich kenne, lassen sich unter dem Tenor zusammenfassen "Ich bin der X und manchmal bin ich die Y"; oder auch "Ich bin ein Mann (und das bin ich auch gerne) der seiner weiblichen Seite hin und wieder freien Lauf lassen muss".
Ein eigentlich sehr gutes Hilfskonstrukt, um anderen kurz und prägnant zu vermitteln, was man darstellt. Und was machen die Erklärungsempfänger/innen? Sie nehmen eben diese Erklärung und versuchen sie in ihre inneren "Schubladen" zu packen (ich nehme mich davon überhaupt nicht aus). Da es keine abschließende Zuordnung gibt, stehen wir regelmäßig irgendwo zwischen den "Schubladen" - im Niemandsland. Und dann kommt es eben ganz stark darauf an, wie wichtig wir unserem Gegenüber sind, da dieser/diese einen nicht ganz einfachen Kraftakt durchführen muss, um ihre/seine innere Landkarte neu zu strukturieren. Das dies tatsächlich nicht einfach ist, lässt sich u.a. daran festmachen, dass die meisten Transvestiten die ich kenne (inkl. Meiner Person) ebenfalls einen ganz erheblichen Kraftakt hinlegen mussten, um sich einen Eindruck von sich selbst zu machen (d.h. sich selbst zu definieren), was sich darüber hinaus nicht selten über Jahre oder Jahrzehnte hinzog und selbst heute noch - nachdem so viele gelebte Eindrücke vorhanden sind - nicht abgeschlossen ist. Und trotzdem wir sehr genau wissen, welche Kraft und wie viel Zeit erforderlich ist, um die mit dem Transvestitismus verbundenen Dimensionen zu erfassen und zu verarbeiten, erwarten nicht wenige von uns (auch hier nehme ich mich nicht grundsätzlich aus), dass andere auf eine kurzfristige Konfrontation ohne abwehrendes oder gar diskriminierendes Verhalten, sondern eben mit viel Verständnis vielleicht sogar gleicher Sympathie reagieren. Dass dies so ohne weiteres nicht möglich ist, musste ich kürzlich am eigenen Leib feststellen, als ich mich Hals über Kopf in ein wirklich bezauberndes Wesen verliebt habe, die jedoch eine mir völlig unbekannte Art des Verständnisses von Liebe und Leidenschaft präferiert. Vordergründig war ich selbstverständlich sehr tolerant gegenüber dieser Leidenschaft. Im Kopf wusste ich aber genau, dass ich mit dieser Art so gut wie nichts anzufangen wusste und dass - was sehr viel wichtiger ist - diese ganz spezielle Leidenschaft so überhaupt nicht in meine Landkarte passte. Ich konnte kramen so viel ich wollte, es gab da einfach keine entsprechende "Schublade". Stand also die Frage im Raum: Kann das überhaupt gut gehen? Ich merkte ziemlich schnell, dass ein Miteinander nur möglich wäre, wenn es mir gelänge, in meiner "Landkarte" dafür entsprechend Platz zu schaffen; denn dieses bezaubernde Wesen war mir einfach zu wichtig, als dass ich auf sie hätte verzichten wollen. Nun; schlussendlich habe ich wohl doch zuviel Zeit benötigt, denn es ist leider nichts draus geworden. Auch wenn ich nur allzu gerne ihre Welt kennen gelernt hätte, ich kann es bis heute nicht sagen, ob es mir tatsächlich gelungen wäre, eine vergleichbare Schublade für dies spezielle Thema zu öffnen. Jedenfalls war wohl auch hier u.a. der erste vielleicht auch zweite Eindruck - wenigstens bei ihr - ausschlaggebend dafür, dass sie von einer intensiveren gemeinsamen Reise in zwei Welten (ihre und meine) lieber Abstand nahm.
Was mache ich nun selbst aus dem oben gesagten? Ist denn wirklich alles derart hoffnungslos, wie es sich liest? Nein, selbstverständlich nicht! Im Grunde genommen unterscheiden sich die mit dem Thema Transvestitismus verbundenen Probleme - wenn man sie auf eine Partnerschaft bezieht - durch nichts von denen, die alle anderen Menschen auf der Welt auch haben: entweder man liebt sich trotz oder gerade wegen der Eigenheiten des Partners/der Partnerin, oder man liebt sich eben nicht. Und wenn sich im Laufe der Beziehung herausstellt, dass es - aus welchen Gründen auch immer - eben nicht mehr geht, dann trennt man sich eben (meist aber doch unter Tränen). Dieser Vorgang ist an sich nichts besonderes und passiert weltweit sicherlich mehrere Millionen Mal am Tag.
Wenn man aber fordert, dass sich die Umwelt einem gegenüber irgendwie zu verhalten hat oder verhalten müsste, muss man damit rechnen immer wieder ganz herb enttäuscht zu werden. Denn die Umwelt, das sind die Individuen, die uns täglich begegnen, und die die gleiche Anspruchshaltung an den Tag legen wie wir: Ich erwarte, dass meine Umwelt meine Sicht der Dinge teilt. Das das eben nicht so ist, diese Erfahrung können wir auch an uns selbst jeden Tag aufs neue erleben. Wir registrieren unsere Umwelt und tüten diese - abhängig von der Form und der Vielfalt unserer inneren Landkarte - eben irgendwie ein, wobei sich jeder von uns wohl kaum die Mühe macht (und in Ermangelung an Zeit und Kraft verständlicherweise auch nicht machen kann), jeden Eindruck in seiner Bedeutung und Dimension so zu verarbeiten, wie der andere ihn verstanden wissen möchte. Es wird immer wieder Personen geben, die - aus welchen Gründen auch immer - mit dem, wie wir sind und was wir sind, nichts anfangen können, vielleicht auch gar nicht wollen. Vielleicht sollte man einfach akzeptieren, dass Gesellschaft eben ein hochkomplexes System ist. Zwar gilt für komplexe Systeme, dass diese sterben,  wenn sie sich nicht weiterentwickeln. Nichts desto trotz gilt aber auch, dass Änderungen in solchen Systemen - gerade aufgrund ihrer komplexen gegenseitigen Abhängigkeiten  - eben nur in sehr homöophatischen Dosen erfolgen dürfen, wenn man das System nicht gänzlich kippen will. Da dies regelmäßig mit erheblichen Risiken verbunden ist (wer weiß denn schon, was dann kommt?), sollte man sich einfach mal vor Augen halten, was man denn schon alles hat. Bezogen auf das Thema Transvestitismus und den Umgang damit in der Öffentlichkeit haben wir - aus meiner Sicht – bereits eine ganze Menge. Wir haben unsere - wenn auch recht lose - Gruppe der TransSisters. Wir nehmen mal geschlossen, mal vereinzelt die unterschiedlichsten Freizeitangebote (Theater, Tanzen, Klönen,) Berlins wahr. Wir veranstalten Partys und bewegen uns - na ja einige von uns – mehr oder weniger öffentlich. Insgesamt haben wir es geschafft, uns einen "Dunstkreis" zu schaffen, innerhalb dessen wir uns relativ frei und ungezwungen bewegen können, ohne eben befürchten zu müssen irgendwie schief angesehen zu werden. Wir schaffen es auch immer wieder - das zeigt zumindest die Erfahrung - dass wir selbst anders denkende Personen mit unserer sehr speziellen Art begeistern können. Wir haben es darüber hinaus geschafft, für uns selbst mit diesem nicht ganz einfachen Thema sehr viel selbstverständlicher umzugehen, als dies vor nicht allzu langer Zeit noch der Fall war. Ich denke das ist sehr viel mehr als viele andere "Leidensgenossen" haben, die in der gleichen Situation sind wie wir. Was wir aber auf keinen Fall schaffen werden ist, dass die anderen - wenn sie kurzfristig und unvorbereitet mit unserem charmanten Auftreten konfrontiert werden - sofort ihre innersten Überzeugungen über Bord werfen und uns in ihr Herz schließen. Dazu sind die Menschen einfach zu unterschiedlich. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich auch nicht alles und jeden mag. Sicher; ich versuche bei allem was ich tue, eine möglichst große Toleranz an den Tag zu legen. Zu behaupten, dass mir dass auch immer gelingt oder gar besser gelingt als anderen, wäre jedoch weit von jeder Realität entfernt. Meine kleine Welt unterscheidet sich durch nichts von der der anderen - auch der der einzelnen TransSisters. Ich habe genauso meine höchst individuellen Vorstellungen von Normalität und Moral, deren Änderungspotential vom Spielraum meiner individuellen Landkarte begrenzt wird, und die im dualen Zusammenspiel zwischen mir und meiner Umwelt ihren Ausdruck finden. Dabei ist mir - wenn auch nicht immer - durchaus bewusst, dass ich auch mal völlig falsch reagieren kann. Ich bin eben auch nur ein Mensch - wie alle anderen auch (dazu zählen landläufig auch Polizisten).
So! Ich denke, mehr habe ich dazu nicht zu sagen ;-)) - ist ja auch reichlich viel Stoff. Sabine; wenn Du möchtest, kannst Du das alles auch an andere weiterleiten. Ich hoffe, dass sich bei denjenigen, die meine Ausführungen bis zum Schluss gelesen haben, keine allzu große Langeweile eingestellt hat. Für ein kleines Feedback wäre ich wirklich dankbar.
Denjenigen, die sich von der Fülle erschlagen fühlen, gelobe ich hiermit feierlich, dass ich versuchen werden, mich beim nächsten Mal (ein kleines Bisschen) kürzer zu fassen.
Ganz liebe Grüße an Dich Sabine sowie an alle geneigten Leser/innen
Andrea(s)

... und hier die Erwiderung von Sophya vom 31.3.2001:
Liebe Andrea,
das mit dem "Kurzfassen" ist keine schlechte Idee; gar zu oft habe auch ich ermüdende soziologisch geprägte Diskussionen zu solchen Themen geführt oder durchlitten...
Nachdem ich Deinen Text ausgedruckt und mit Edding redigiert hatte, konnte ich die für mich wesentlichen Ansatzpunkte isolieren:
•    Die Forderung nach Akzeptanz Deiner Lebensweise an die Gesellschaft  - später verschärft: Erwartung nicht nur von Akzeptanz, sondern gar von Verständnis!
•    Dein Anspruch auf "Teilhabe an der Gesellschaft"
•    Dein Unverständnis darüber, dass die Gesellschaft Dich in ihren Konsens nicht einschließt
•    das TSG
•    Geschlechterrollen
•    die Gruppe als Hort des "sicheren" Andersseins
Ich möchte zu diesen Punkten kurz! meine Position darstellen; ich beschränke mich auf Thesen und verzichte bewusst auf ihre Verifizierung (falls überhaupt möglich) - alles unter der Prämisse meiner ganz persönlichen Sicht ohne den Anspruch der Allgemeingültigkeit!
Kurz zu mir: ich heiße Sophya, bin transsexuell & 32 Jahre alt....
Die Forderung nach Akzeptanz anderer Lebensweisen durch die Gesellschaft ist berechtigt und sicher ein edles Streben, doch leider auch ein eitles, wenn man gar Verständnis erwartet! Ich kann mich in dieser Gesellschaft relativ frei bewegen, wenn ich gewisse Grundregeln akzeptiere; Zuspruch und Ablehnung halten sich die Waage; es ist an mir, die Menschen durch mein Auftreten zu überzeugen (wenn ich es denn für nötig erachte) und das ist dezent aber stringent feminin/androgyn – also glaubwürdig, keine Verkleidung! Ansonsten ist mir die Gesellschaft einfach egal: ich und mein Leben als Frau sind mir wichtig - dafür bringe ich jedes Opfer und jammere nicht...
Ich werbe nicht für meinen Anspruch auf Teilhabe an der Gesellschaft; ich nehme teil, ob es der Gesellschaft passt oder nicht. Sie müssten mich schon beseitigen um das zu vermeiden (was einige sicher auch gerne täten...) Entsprechend verbiege ich mich absolut nicht; ich bin eine Frau, gehe als Frau auf die Straße, drücke jedem der zweifelt rein, dass der äußere Schein nicht unbedingt dem inneren Sein entspricht und schlüpfe in mein schwarzes Seidennachthemd wenn der Tag vollbracht...
Natürlich gibt es Zeiten, wo die "Teilhabe" schwer fällt, ich mich nicht stabil genug fühle, depressiv bin; dann lasse ich es einfach (sicher die beneidenswerte Ausnahme das zu können) oder ich überwinde mich - Kompromisse sind unmöglich für mich, täten mich zerreißen...
Aus der Tatsache nicht im Konsens der Gesellschaft eingeschlossen zu sein ergibt sich für mich ein Gefühl von Freiheit! Ich bin anders und stolz drauf - mit dieser Überzeugung haben die Schwulen und Lesben viel erreicht - im Konsens sein heißt automatisch verbogen werden - niemals! Das TSG ist eine gewaltige Errungenschaft! Es ist diskriminierend in seiner Anwendung auf den Einzelfall, doch der einzig gangbare Weg: ich möchte meinen weiblichen Namen hochoffiziell tragen; also mach ich das Spiel mit; in diesem Falle verbiege ich mich temporär getreu meiner obigen Aussage: für mein Leben als Frau bringe ich jedes Opfer...
Mit Geschlechterrollen ist das so eine Sache: ich sehe mich zu 70% weiblich und akzeptiere die 30% Mann in mir. Ich lebe sie nie aus, aber sie sind da und lassen sich auch durch eine OP nicht beseitigen. Ich finde gerade Menschen sehr anziehend, die beide Rollen leben; sie haben ein wenig göttliche Perfektion zurückgewonnen, welche uns die Trennung in Geschlechter nahm...
Zum Schluss zur Gruppenbildung: ihre Daseinsberechtigung ist unbestritten, doch für Transen muss irgendwann das Selbstbewusstsein aus der eigenen Persönlichkeit fließen - wir leben als Frau und das kann nicht 7 Tage die Woche von der Sicherheit in einer Gruppe abhängig sein. Ich bin bewusst von Anfang an allein oder mit meiner Frau auf die Straße gegangen; ansonsten würde ich heute noch nicht allein mit der U-Bahn nach Neukölln zu meiner Psych fahren. Außerdem macht mir mitunter das zickige Verhalten einiger TV´s und Transen Probleme. Erstaunlicherweise kommen die herbsten Kritiken und übelsten Angriffe auf die Persönlichkeit immer aus den eigenen Reihen; das muss ich mir nicht reintun!
Trotz allem bin ich absolut offen und werfe niemals alle in einen Topf! Leider kenne ich nur Sabine; sie ist eine absolut zauberhafte Person; so gesehen freue ich mich auf die Party am Samstag und bin gespannt
auf Euch Alle incl. Dir Andrea (falls Du da sein solltest).
Liebe Grüße von
Sophya  

Irene schrieb am 2.4.2001:
Liebe Andrea,
deine Mail war zwar lang aber nicht langweilig. Im Gegenteil. Vieles was du geschrieben hast, sind sicher die Probleme, mit denen sich alle "rumschlagen" die gewissermaßen zwischen den Stühlen sitzen. Vielleicht sehe ich das auch falsch. Es existiert sicherlich eine große Dunkelziffer von Menschen, die genau so leben wie wir sind, oder so denken. Aber, wegen der Gesellschaft oder aus den unterschiedlichsten Gründen nicht offen ihr wahres ich zeigen können. Nun gibt es bestimmt welche, die sagen, dass sind Feiglinge oder Schwächlinge. Das sehe ich anders. Alle Menschen sind verschieden. Das ist ja auch aus deinen Zeilen zu entnehmen. Wir sind sicherlich eine ganz kleine Minderheit, welche sich austauscht und sich zeigt. Jedenfalls die ganz mutigen. Ich bewundere alle TV und TS mit Hochachtung, die das schaffen. Manche brauchen einfach nur Hilfe.
Sabine hat letztlich geschrieben, wie hoch die "Einschaltquote" zu TransSisters ist. Das sagt schon einiges aus. Natürlich lassen sich die Motive nicht ablesen. Aber das Interesse am Thema ist doch deutlich da. Es müssen sicherlich auch verschiedene Plattformen zum gleichen Thema vorhanden sein. Ich denke, auch denen, die völlig anonym bleiben wollen oder "müssen" sollte man, vielleicht auch die TransSiters eine Plattform bieten. Wie weiß ich im Moment auch nicht. Aber deine Ausführungen regen zum Nachdenken an.
In diesem Sinne mach weiter so. Ich glaube es hilft.  
Liebe Grüße Irene

Sonja schrieb am 28.03.2001:.....
Hi Sabine,
Deine Wochenmail kann gar nicht lang genug sein. Es ist schön auch mal von alltäglichen Sorgen, bzw. über Dinge etwas zuhören, die mir auch schon durch den Kopf gegangen sind. z.B. Was passiert wenn ich einen Unfall habe und ich bin dabei gedresst oder ich habe nur Hohe Schuhe an oder so. Wie wird die Außenwelt und vor allem die Polizei da reagieren.
Merkwürdig finde ich es auch das "man" immer gleich auf die Stufe des Rotlicht milliues (Ups ich glaube das ist jetzt falsch geschrieben) eingeordnet wird. Schwul/lesbisch darf man sein, aber wenn man Spaß daran hat mal die Sachen der anderen Fraktion anzuziehen, dann ist man gleich ... Irgendwie komisch oder?? Man hat einen festen Job eine Familie und ist ein treuer Staatsbürger aber da hört dann scheinbar die Freundschaft auf.
Interessant finde ich, dass wir ja eigentlich nichts besonderes machen ("sag ich mal so"), hier ein Beispiel, Nimm eine Frau und schicke sie zum Herrenausstatter, sie wird bestimmt bedient und kann sich alles kaufen was Sie will. Früher wäre so was nicht möglich gewesen aber heute kann eine Frau im Anzug auf die Strasse gehen ohne schief angesehen zu werden, oder nehmen wir das grundsätzliche Thema "Hosen" usw. Früher war es einer Frau nicht gestattet Hosen zu tragen tja auch da ist ein Wandel in der Gesellschaft vollzogen worden. Also warum sollte es nicht irgendwann mal so sein, das es keine unterschiede zwischen "männlicher" und "weiblicher" Seite gibt.
Ich denke, dass das hier beschriebene ein etwas anderes herangehen an die Sache ist. Und hoffentlich gibt es keine schelte weil ich ohne Gesetze usw. argumentiere, ich denke immer noch ich bin ich und ich bin so wie ich bin, wenn auch meistens nur in den eigenen vier Wänden.  
Ich finde das was Ihr tut sehr gut und bin ich dankbar dass es Dich und Deine Wochenmail gibt.    
Ich wünsche euch einen mordsmäßigen Spaß bei Eurem Fest und in Gedanken bin ich Bei Euch.
Ich wünsche dir und den anderen eine schöne Woche
Liebe Grüße
Sonja

Tina hat Sonja am 30.03.2001 geantwortet:
Hallo Sonja,
hallo an alle anderen Leser,
über die Sache mit dem Rotlichtmilieu musste ich schmunzeln. Ich glaube nicht, dass alle TVs bzw. TGs gleich pauschal in die Schublade Rotlichtmilieu gepackt werden und von wem eigentlich?
Einige unter uns sehen doch eher einfach nur chic oder elegant aus, für andere dagegen ist das eher nuttige Outfit je gerade der Reiz an der Sache.   
Schwul, lesbisch, hetero sind für die Gesellschaft eindeutige Begriffe. Treten MM, WW oder MW-Paare in der Öffentlichkeit auf können diese eindeutig zugeordnet werden. Eine Frau im eher maskulinen (m.) Outfit fällt weniger bis kaum auf, dagegen ein Mann im femininen (f.) Outfit umso mehr, warum?
Die Mode hält entsprechend für die weiblichen Proportionen und Größen zugeschnittene Schuhe und Anzüge bereit. Die Nachfrage ist nennenswert. Die Frauen tragen dieses m. Outfit mit dem notwendigen Selbstbewusstsein.
Die Männer-Mode hält keine speziell zugeschnittenen Blusen, Röcke, Kleider und Schuhe bereit. Die Nachfrage ist einfach zu gering, was ein entsprechendes Angebot rechtfertigen würde. Der überwiegende Teil der Männer würde auch einfach das Selbstbewusstsein fehlen, eine sehr f. Mode zu tragen.
Es steht nirgendwo geschrieben, dass Männer keine f. Kleidung tragen dürfen also warum tut es (fast) keiner? Wenn keiner mal damit anfängt wird es auch nie Gesellschaftsfähig werden. Solange uns die Werbung den Mann als harten Kerl hinstellt, der sich nur die Gesichtshaare rasieren darf (oder will?) und sich mit dem richtigen (männl.) Deo von haushohen Klippen stürzt wird sich daran auch nichts ändern. Über die "autofahrende Transe" (SEAT) wird doch nur geschmunzelt.     
In anderen Kulturen trägt und zu anderen Epochen trug der Mann sehr wohl Rock, Bluse und Strumpfhosen. Also warum nicht heute und hier?
Zumindest ein Teil von uns haben ja schon mal angefangen sich entgegen der "gesellschaftlichen Kleiderordnung" auch tagsüber Orte wie Einkaufsstraßen, Läden, Theater, Ausstellungen, Messen,... aufzusuchen. Zur Nachahmung empfohlen!!!
Liebe Grüße
Tina

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

der Frühling ist nun wohl endlich da! Gerade bin ich aufgestanden und das Thermometer zeigt schon 15 Grad! Nun ja, es ist ja auch schon Mittagszeit.
Die Partynacht war lang und nicht minder aufregend, da kann man (frau) schon mal ein Stündchen länger im Bett bleiben.
Das war sie nun die Frühlingsparty der TransSisters. Eine kleine Gruppe Transgender in Berlin hatte eingeladen gemeinsam den Beginn des Frühlings zu freiern. Ich denke, die Mehrzahl wollte über die monatlichen öffentlichen Treffs hinaus eine Möglichkeit des Kennenlernens und des gemütlichen Beisammenseins mit Freunden bieten. So manche hat sich in der Vorbereitung und dann auch der Durchführung richtig ins Zeug gelegt und die meisten der Gäste haben sich augenscheinlich prächtig amüsiert. Ich konnte beobachten, dass viele neue Bekanntschaften geschlossen wurden und habe selbst neue interessante Menschen kennen gelernt oder endlich mal, nur via E-Mail aufgebaute Kontakte, in persönlichen Gesprächen vertieft. Das war zum Teil amüsant, so manches Mal nachdenklich und gelegentlich auch nur belanglos. Unter diesen Gesichtspunkten hat sich die Nacht für mich wirklich gelohnt. Und wie so oft, sind es dann die kleinen unbedeutenden Schauplätze, zunächst nebensächlichen Bemerkungen oder Handlungen, die sich fest in meine Gedanken und die Gefühlswelt eingraben. Doch das will ich heute nicht vertiefen.
Gelohnt hat sich auch die Investition in mein neues Partykleid. Ich habe mich rein körperlich lange nicht so wohl gefühlt. Es macht schon Spaß, ein Kleid zu tragen, das genau den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht, eben maßgeschneidert passt und zudem auch von der Umwelt mit anerkennenden Blicken gewürdigt wird. Sicher ich falle damit nicht so auf, wie so manche kurzberockte und langbeinige Mitstreiterin. Ich bin da mehr der dezentere Typ, möchte eben die Dame über 40 sein. Ich fand mich wirklich tot-chic. Das war wichtig für mich.
Ach ja, natürlich habe ich auch mein Versprechen aus der Mail der vergangenen Woche eingelöst, jedem und jeder, die mich auf diese Mail hin ansprechen, ein zusätzliches Glas Sekt zu spendieren. Viele meiner Gesprächspartner haben sich als regelmäßige Leser der Wochenmail geoutet, das hat mich wirklich gefreut. Der Sektkonsum hat sich trotzdem in sehr engen Grenzen gehalten. War’s nun Rücksicht auf meine finanziellen Möglichkeiten oder gar eine seuchenartige Abneigung gegen den guten Deutschen Sekt? Ich kann hier nur vermuten. Oder?
Damit sind wir bei der Mail der vergangenen Woche. Sicher habt Ihr die ungewöhnlich zahlreichen und eben so ungewöhnlich ausführlichen Reaktionen darauf, erhalten. Vielen Dank für die Mühe des Schreibens, ich kann sehr gut nachvollziehen, wie schwer es manches mal ist, die vielschichtigsten Gedanken so zu strukturieren, dass sie dann auch lesbar auf den Bildschirm passen. Ich habe die Zuschriften inzwischen mehrfach gelesen, dabei auch vieles nicht Aufgeschriebene zwischen den Zeilen entdeckt, und hätte eigentlich zu so mancher Passage einiges zu sagen. Sicher werde ich zur einen oder anderen Gelegenheit darauf zurückkommen. Ich will Euch hier und heute nur ermuntern, weiter zu schreiben. Ich selbst nehme jede Äußerung als Bereicherung und Möglichkeit der Überprüfung meiner eigenen Haltung – die Vielfalt der Farben macht den Regenbogen erst wirklich komplett.
Das für mich zweitgrößte Ärgernis der vergangenen Woche war, der komplette Absturz des Servers der Strato AG, die unsere HP gehostet hat. Von Dienstag bis zum Samstag waren unsere Seiten im Internet nicht erreichbar. Genau in der Woche, in der das Monatstreffen und die Party stattfanden. Wir wissen, dass gerade in solchen Zeiten unsere Seiten besonders häufig frequentiert werden. Ich war ohnmächtig und machtlos zugleich. Da hat auch nicht geholfen, bei Strato anzurufen und mal richtig Dampf abzulassen – wer mich näher kennt, weiß, dass das ziemlich unangenehm und wohl auch ungerecht sein kann. Ich habe mich danach zwar viel besser gefühlt, doch das Problem war dennoch nicht gelöst. Umso schöner, dass unser Monatstreffen trotzdem, wieder mit weit über zwanzig Teilnehmern, ausgesprochen gut besucht war. Diese Veranstaltung entwickelt sich wohl zu einem echten Renner in der Szene.
Doch nun sind wir wieder online, alles ist wieder gut. Es ist eben Frühling. Wir haben ihn mit unserer gestrigen Party ein wenig gefeiert und er hat es uns mit Sonnenschein gedankt. Der Baum vor meinem Balkon hat schon richtig dicke Knospen, die Lebenssäfte fließen wieder – bis in den letzten kleinen Zweig. So ist das. Und nicht nur bei den Bäumen.

Ich wünsche Euch eine stressfreie Woche. Vielleicht schaut Ihr ja mal nach den Bäumen vor Euerm Haus und tut es ihnen gleich.
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und  Freunde,

... es ist schon etwas später am Abend, doch ich hatte für mich gute Gründe, diese kleine Mail zu verschieben und außerdem ist ja immer noch Sonntag. Mal abgesehen von einer beruflich recht lebhaften Woche, war auch rein transsisterlich bei mir in den vergangenen Tagen allerhand los. Keine riesigen Ereignisse aber dennoch interessant für mich und produktiv. Erst heute haben wir in kompetentem Kreis die Überarbeitung unserer HP besprochen und beschlossen. Das ist gut so, denn sie ist ja in dieser Form schon gut ein Jahr alt, wir haben einige gute, aber auch schlechte Erfahrungen gesammelt und auch in den rein technischen Fragen haben wir uns neue Möglichkeiten erschlossen. Sicher, die Überarbeitung wird Schritt für Schritt erfolgen, doch die Arbeit lohnt sich allemal. Gut 38.000 Zugriffe in den letzten 12 Monaten, seit unserer Zählung (das sind über 3.000 im Monat) rechtfertigen den Aufwand. Schaut also immer mal unter www.TransSisters.de  vorbei, es lohnt sich bestimmt.
Obwohl ich mir jede Woche aufs Neue vornehme, etwas ruhiger zu treten, bin ich doch immer wieder drin im prallen Leben und genieße die Abende mit Freunden (Freundinnen), an denen so manches Problem gewälzt wird und für mich ganz neue Einsichten und Nachdenklichkeiten entstehen.
Wie aus Zufall wurde in den vergangenen Tage die Frage „Soll denn nun jeder wissen, das ich Trans bin“ –sicher ein zentrales Thema eines jeden Outing – Prozesses, diskutiert. Ich selbst bin damit noch nicht ganz fertig, zu viele unterschiedliche Aspekte spielen für mich dabei eine Rolle. Ich will es mal der Reihe nach versuchen:
Das weit schwierigste Problem besteht aus meiner Sicht erst einmal darin sich selbst in die Augen zu sehen und dabei zu erkennen, dass da mehr ist als eine flüchtige, vielleicht sogar nur erotische Erfahrung. Aus leidvoller Internet – Erfahrung wissen wir alle, dass sich hier schon das erste Mal die Geister scheiden. Die einen sind auf dem Trip sich selbst die Frau zu sein, die sie niemals und nirgends finden. Zur Krönung erhoffen sie sich von einem Transvestiten oder gar Transsexuellen die Befriedigung Ihrer Fantasien, die in Ihrer Substanz reine sexuelle Spielart sind und nichts mit dem Wesen eines Transgenders (wie ich ihn verstehe) zu tun haben. Es liegt mir fern, über solche Spielarten zu richten, doch diese „Männer“ haben kein wirkliches Problem mit der erwähnten Fragestellung, sie bleiben ja ohnehin anonym. Ärgerlich nur, dass solche Typen das allgemeine Ansehen der Transgender nicht unerheblich prägen.
Andere wieder, und von denen will ich hier reden, stellen fest, dass sie mehr sind als das gesellschaftlich anerkannte Bild eines Mannes (oder meinetwegen auch Frau). Sie überschreiten bewusst die gesellschaftlichen Normen, begeben sich in Teile der Rolle des anderen Geschlechts. So manche( r) will diese Rolle nicht verlassen, fühlt wie das andere Geschlecht und geht den schweren, hoffentlich befreienden Weg eines Transsexuellen. Für diesen Teil der Transgendergemeinde ist klar, dass sie ihr gesamtes Umfeld mit ihren Absichten konfrontieren müssen. Sie sind irgendwann Frau oder Mann, vor dem Gesetz und oft auch am Körper. Die Frage „Soll denn nun jeder wissen....“ stellt sich schon wieder, unter anderem Vorzeichen, aber sie steht.
Übrig bleiben in dieser Aufzählung diejenigen, die nicht die Absicht haben das Ufer zu wechseln und ihre persönliche Vielfalt einfach nur ausleben wollen.
Die erste Hürde, das eigenen Bekenntnis, ist also genommen. Wer soll und muss denn nun von meinem „Beispiel – Transgender“ (ich nenne ihn hier mal B. – wie Beispiel) wissen, was ihn bewegt?
Nahe liegend ist die eigene Partnerin, soweit vorhanden. Das ist wichtig, denn diese Partnerin soll ja sein Leben mit leben und gestalten. Im schlimmsten Fall geht’s schief und B. gestalte sein Leben weiterhin allein. Optimal wäre schon er würde mit seinen Gefühlen akzeptiert und noch immer geliebt – Kompromisse bleiben nicht aus. Im Idealfall stößt er auf mehr als nur Verständnis, die Partnerin ist bereit, diesen Weg mit ihm gemeinsam zu gehen und kann dieser Vielfalt etwas abgewinnen.
Doch „ideal“ ist äußerst selten, optimal gibt es schon eher und der schlimmste Fall tritt ganz schön oft ein (Murphys Gesetz – es geht schief, was schief gehen kann). Wie auch immer, unser B. entschließt sich sein Leben zu leben, mit oder ohne Partnerin, besser allerdings mit. Er lernt Gleichgesinnte kennen, hat irgendwann kein Problem mehr, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und lernt in der Anonymität seines Transseins viele Menschen kennen, die ihn mögen, Trans, wie er ist.
 „Trans, wie er ist“? Genau das ist das Problem. Für diesen Teil der Welt ist er eben Trans, sie kennt ihn nicht anders. Ich will mal nicht darüber reden, welche Vorbehalte und Bedenken wieder auftauchen, wenn unser B. dauerhaftere Beziehungen knüpfen und vielleicht in das ganz private Leben eines anderen Menschen eintreten will – hier offenbart sich der Unterschied zwischen dem Interesse für das Exotische, der Fähigkeit diese Exotik las Normalität anzunehmen und das auch nach außen hin zu dokumentieren.
Doch B. hat ja, wie wir alle, auch eine Welt hinter sich gelassen, ein Leben vor dem Transsein. Da sind die Eltern, enge Verwandte Freunde und Kollegen. Sie alle kennen unser B(eispiel) in seiner bei Geburt festgelegten Geschlechterrolle und mögen ihn vielleicht sogar.
Erst Samstagnacht erzählte mir eine zufällige Bekanntschaft: „Wenn meine Eltern wüssten, wie ich bin, würde sie das umbringen – ich liebe sie zu sehr, um ihnen das anzutun“ und es ging hier um weit weniger als das Transsein. Eine andere gute Freundin ist geradezu versessen darauf, Ihren Eltern mitzuteilen, wie sie wirklich lebt. Sie spricht davon, dass gerade ihre Eltern ein Recht darauf hätten zu wissen, wie ihr Sohn lebt und ihn auch bitteschön so lieben sollen. Eine andere liebe Freundin wiederum handelt nach dem Motto: „Ich spreche mit den Leuten darüber, die mir wichtig sind“ meint damit ihre eigene Familie, gute Freunde, sogar (aus jobtechnischen Gründen) ihren Chef und lässt ihre Eltern dabei aus. Sind sie nicht wichtig? Doch sie sind es, da bin ich sicher!
Ich meine, alle hier genannten Auffassungen sind irgendwo richtig und auch nachvollziehbar. Sie sind so individuell, wie wir alle. Ich selbst neige inzwischen eher dazu mein Transsein (zumindest nach außen) nicht zu sehr zu thematisieren. Gerade im Umgang mit bekannten Schwulen und Lesben hat mich gelegentlich gestört, dass sie kaum ein anderes Thema als ihr Anderssein wirklich ausdauernd besprechen konnten. Ich will mir sagen „Ich bin so“. Und wenn meine besondere Neigung in Bezug auf andere Menschen Bedeutung gewinnt, dann kann und will ich auch darüber reden.
„Transsein“ ist eine Eigenschaft von mir und ich will nicht, dass sie meine zwischenmenschlichen Beziehungen dominiert. In soweit ist es für mich nicht unbedingt wichtig, jeden Menschen, den ich mag damit zu konfrontieren. Wichtiger ist für mich, diesem Thema nicht auszuweichen und in entsprechenden Situationen zu mir selbst zu stehen – ganz natürlich ich selbst zusein. Darum werde ich mich bemühen – im „kleinen Schwarzen“ oder im „Frack“, egal wie und egal wo.


.....jetzt ist aber Schluss, denn der Sonntag ist fast vorbei.
Ich wünsche Euch allen eine besonnene und ehrliche Woche
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Nachfolgend eine Zuschrift von Jula am 31.3.2001
Liebe Sabine,
der folgende Text ist so etwas wie eine späte Reaktion auf deine Wochenmail vom 18.3., jedoch unabhängig von dieser in letzter Zeit entstanden. ............
Was will ich für wen sein?
Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt ist die Frage nach der Anerkennung bzw. Akzeptanz durch andere. So problematisch die für viele Transgender im Vordergrund stehende Frage ist, was ich für mich selbst sein will, so interessant ist für mich auch die Frage, welche Anerkennung oder neutraler gesagt Reaktionen ich mir von meiner Umwelt wünsche bzw. zu meiner Zufriedenheit auch brauche.
Ausgangspunkt der Überlegungen dabei ist die Überzeugung, dass wir auch in unserer Eigenschaft als Transgenders soziale Lebewesen sind, die sich nicht selbst genug sein können und wollen, sondern in der einen oder anderen Form das Bedürfnis haben, auch mit dieser Seite unseres Wesens Teil der Gesellschaft zu sein.
Ich unterscheide für mich 3 verschiedene Bereiche der Umwelt, die durch unterschiedliche Nähe zu mir selbst eben auch unterschiedlich wichtig für mich sind.
Ich stelle sie mir als konzentrische Kreise vor, deren Mittelpunkt selbstverständlich ich selbst bilde. Der engste Kreis repräsentiert die Partnerschaft bzw. die engste Familie (Frau, Kinder). Der 2. Kreis, der dann schon etwas weiter weg ist, steht für Freunde, Bekannte und Verwandte und schließlich der dritte für die anonymen Mitmenschen, denen man so begegnet. Im Folgenden möchte ich diese Bereiche von außen nach innen einmal näher betrachten.
Der Satz einer Schwester "Wozu der ganze Aufwand, wenn es dann doch keiner bemerkt?" bringt die Problematik von Transgenders in der Öffentlichkeit auf den Punkt. Biologische Frauen werden in der Öffentlichkeit (logischerweise) für selbstverständlich genommen, also von der Umwelt nicht besonders mit Reaktionen bedacht. Außer bei Besonderheiten in Aussehen oder Verhalten (positiv wie negativ) erhalten sie über ihr (Frau-)Sein kein Feedback. Genau wie eben Männer in ihrer Eigenschaft als Männer nicht besonders wahrgenommen werden, gilt das auch für Frauen. (Jedenfalls in unserer Kultur).
Biologische Frauen sind auch nicht darauf angewiesen, von der Umwelt explizit als Frau wahrgenommen zu werden. Anders ist die Lage bei Transgenders. Ich glaube, viele von uns sind auch auf der Suche nach dieser Selbstverständlichkeit, also nach dem optimalen Passing. Dazu brauchen wir aber auf der anderen Seite gerade die Bestätigung der Umwelt, dass wir als Frau wahrgenommen werden, die uns ironischerweise, wenn eben das passiert, verweigert wird. Unsere höchste Bestätigung ist in der Verweigerung von Bestätigung zu finden.
Eine Rolle mag dabei spielen, dass eben dieses "anonym Frau sein" ein wichtiger Zugang zu den weiblichen Alltagserfahrungen, zu denen eben auch das Ausgehen in der Öffentlichkeit gehört, ist. Dadurch wird die Öffentlichkeit nicht mehr Zweck des Ausgehens, sondern lediglich das Mittel, den Zugang zu bestimmten Erfahrungen zu erreichen.
Wenn ich daraus eine verallgemeinernde Grundlinie ableiten kann, dann die, dass im Kontakt zur anonymen Umwelt nicht die Provokation im Zentrum der Wünsche steht, sondern die soziale Unauffälligkeit, die leider mit sich bringt, dass wir das ersehnte Feedback zu unserer Weiblichkeit im Normalfall nur durch das Ausbleiben von Reaktionen erhalten können. Festzuhalten bleibt, dass das gewünschte Verhalten die (wie auch immer erkennbare)Reaktion ist: "Ich sehe dich als Frau!" Das bedeutet aber, dass wir uns in der Öffentlichkeit eben gerade nicht outen, sondern unsere zweite Identität aufrechterhalten wollen und das Erkennen des Mannes in der Frau lediglich in Kauf nehmen. Die Gefahr des Erkanntwerdens ist für viele von uns der Preis, der gezahlt werden muss. Einige wenige kostet das wenig, denn sie haben ein tolles Passing, andere zahlen gern und wieder anderen ist der Preis zu hoch.
Anders sind die Gegebenheiten meiner Ansicht nach, wenn man die Frage nach der Akzeptanz in bezug auf den Kreis der Freunde und Bekannten stellt. Dort ist, wenn überhaupt, nur zeitlich begrenzt die Akzeptanz als biologische Frau zu erreichen, denn die individuelle Geschichte ist entweder sowieso bekannt oder wird es über kurz oder lang sein. Die "Weiblichkeit" des Transgenders, auch wenn sie akzeptiert ist, wird nie den Status der Selbstverständlichkeit sondern immer den der Besonderheit haben, auch wenn sich dies nicht unbedingt im Verhalten der Kommunikationspartner auswirkt. Besonderheiten schleifen sich jedoch mit der Zeit ab, so dass ich durchaus die Chance sehe, dass man auf Dauer eben nicht auf die Eigenschaft "Crossdresser" oder auch "Transe" reduziert wird, sondern (wieder) als Gesamtpersönlichkeit wahrgenommen wird, als die man dann die Freiheit hat, über die Stereotypen beider Geschlechter verfügen zu können und nach Laune die Lager wechseln zu können, wenn man sich nicht sowieso fest für eines (in unserem Fall das biologisch "andere") entscheidet und so eine feste Rollenzuweisung durch eine andere ersetzt. Die Entscheidung für den festen Rollenwechsel wäre verknüpft mit dem Begriff "Transsexualität", wahrend die Pendler zwischen den Welten, die keine von beiden missen möchten, die "Transvestiten" bzw. "Crossdresser" sind. Diese - in welcher Form auch immer - gewünschte Akzeptanz in einem oder auch 2 Rollenbildern ist ein Idealbild.
Das minimalistische Ziel jedes Transgenders dürfte sein, man selbst sein zu können, ohne Sanktionen erleben zu müssen. Also im Unterschied zur gewünschten Sicht durch die anonyme Umwelt ist im Kreise der Bekannten der Wunsch, als "echte Frau" gesehen zu werden, unrealistisch. Er wird ersetzt durch den Wunsch als "Ich, so wie ich wirklich bin!" gesehen und akzeptiert zu werden.
Das ist problemlos, wenn überhaupt, nur in den Fällen zu erwarten, in denen wir von Anfang an als Transgenders agieren. In allen anderen Fällen ist der Ausgang ungewiss. Dabei dürfte ein großes Hindernis sein, dass wir mit unserem sozial auffälligen Verhalten sehr viel von unserem inneren preisgeben bzw. öffentlich machen.
Wenn eine biologische Frau einen Rock trägt, dann trägt sie eben einen Rock. Wenn wir das gleiche tun, dann ist es eine Aussage über unsere Wünsche und Vorlieben und damit auch und immer wieder eine Provokation oder zumindest ein Anlass zur Verunsicherung. Wer etwas unübliches tut, der schuldet Erklärungen, eben weil es nicht "selbst-verständlich" ist. Außerdem enthält Crossdressing, ob von uns gewollt oder nicht, eine verwirrend ambivalente aber sehr deutliche sexuelle Komponente. Wir wissen von unseren Nachbarn und Verwandten nicht, was sie sexuell anmacht, aber wenn wir einmal im Minirock bei einer Feier waren, dann hat jeder eine feste Überzeugung (zu recht oder zu unrecht), was wir so mögen. Dieses (vermeintliche) Wissen der anderen über unsere Seele wird das Bild, das andere von uns haben, vollkommen neu prägen und viele andere Eindrücke überstrahlen. Und gewiss ist, dass sich etwas verändern muss, wenn sich das Bild, das andere von mir haben, verändert. Das bringt es auf die einfache Formel, dass ich mich dort outen sollte, wo ich mir von der mit dem Outing verbundenen Veränderung etwas erhoffe. Wo es gut ist, so wie es ist, sollte man es auch gut sein lassen.
Noch etwas anders liegt der Fall, wenn wir den engen Bereich der Partnerschaft oder Familie betrachten, denn dort sind wir nicht nur mit Erwartungen konfrontiert, denen man sich auch entziehen kann (insbesondere dadurch, dass man sich erst gar nicht outet), sondern mit echten Ansprüchen, die nicht von der Hand zu weisen sind, ohne der Partnerschaft selbst auf Dauer den Boden zu entziehen.
Da Selbstverwirklichung (lapidar festgestellt) für alle Beteiligten in einer Beziehung gilt, ist der Anspruch auf eine dem Selbstbild entsprechende Inszenierung des Äußeren genauso berechtigt, wie der nach einer Identität des Partners, die der eigenen sexuellen Ausrichtung entspricht und einen nicht durch dauernde Konfrontationen mit der Umwelt getrübten Alltag. Was nun genau der Transgender in der Partnerschaft sein will, kann meines Erachtens dahingestellt bleiben, so lange er weiterhin doch auf jeden Fall eines sein will, nämlich Partner/in in einer Beziehung, deren Basis gemeinsam und beiderseits ehrlich festgelegt sein sollte. Dies kann dazu führen, dass das "Transgender-Thema" in der Partnerschaft, eben aus Liebe zur Partner/in, defensiver gelebt wird, als dies ohne die Partnerschaft der Fall wäre. So, wie viele um der Liebe willen Veränderungen in der Umwelt und den Lebensumständen auf sich nehmen, sind auch wir Transgenders nicht über Zugeständnisse aus Liebe erhaben. Für meine Frau möchte ich mehr Mann sein als für mich selbst!
Ähnliches gilt auch für die Beziehungen zu Eltern. Auch gegenüber unseren Eltern stehen wir in einem (moralischen) Pflichtengefüge, zu dem auch gehört, den Eltern zu vermitteln, dass sie an uns nichts falsch gemacht haben. Ich halte es für durchaus akzeptabel, den Eltern nur den Sohn zu zeigen, auf den sie stolz sein können (und berechtigterweise auch wollen) und ihnen die "verborgene Tochter" vorzuenthalten, wenn sie von dieser nicht profitieren können, sondern sie lediglich als Indiz für eigenes Versagen zu sehen vermögen. Ehrlichkeit ist meiner Ansicht nach kein Selbstzweck, sondern ein probates Mittel zur Vermeidung von Kränkungen, doch sehr selten, aber manchmal eben doch wird die Ehrlichkeit selbst zur Kränkung.
Fazit: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen. So wie jede von uns ihre Transidentität auf ihre ganz eigene Weise (er)lebt, sind auch unsere Außenbeziehungen mit ihren Rechten und Pflichten individuell.