Wochenmails 2002

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

Weihnachten ist’s und lausig kalt war es bisher noch dazu. Da kam es mir vor einiger Zeit gut zu pass, dass meine Freundin T. zu einer kleinen Runde in Ihr lauschig warmes Wohnzimmer eingeladen hat. Nun ist das allein beileibe nichts besonderes. Auch wenn ich nicht mehr regelmäßig darüber berichte, ich bin noch immer viel unterwegs – mal in einem fremden Wohnzimmer, mal auf angesagten Partys oder eben nur im Kino oder Theater – ganz, wie mir ist, im Kleidchen oder auch nicht. Der Anlass dieses Abends macht ihn so besonders: Bilderangucken war angesagt – Bilder aus der Geschichte und dem Umfeld der TransSisters.
Jede( r) der Anwesenden hat in ihren Archiven auf der Festplatte oder in Kommoden gekramt, ordentlich Technik wurde beschafft, reichlich Wein und kulinarische Köstlichkeiten dazu. Allein ich hatte weit über 600 Bilder auf eine CD gebrannt, sorgfältig nach Ereignissen geordnet (mit den Papierbildern habe ich mich gar nicht erst befasst) und jede andere hatte ähnliche Schätze zu bieten. Sogar längst verdrängte Videoaufnahmen waren zu sehen. Ihr könnt Euch sicher denken, es war ein wirklich langer Abend. Wir haben viel gelacht, manchmal nur verlegen geschmunzelt und nicht selten gestaunt, was da so alles zu sehen war....

Nicht die Details der Bilder haben mich zum Schluss beeindruckt, sondern Ihre Gesamtheit.
Da ist zum Ersten eine rein äußerliche Entwicklung einer jeden von uns auszumachen. Mein Gott, in was für Kleider ich mich vor nur 3 Jahren noch gestemmt habe! Ich würde heute so nicht mehr auf die Straße gehen. Ziehe ich den Fokus weiter auf und sehe in das verfremdete Gesicht, dann sprechen die ersten Bilder von Sehnsucht, spätere dann von unbändigem Vergnügen an der errungenen Freiheit und wieder spätere von wohltuender Ruhe und Gelassenheit. Wie so ziemlich jede von uns, habe ich mit mir selbst experimentiert, geschaut, wie’s mir dabei geht, gesucht und gefunden und doch immer weiter gesucht. Ich nenne diese Zeit meine Trans-Pubertät und ich werde noch einmal darauf zurückkommen.
In der zweiten Betrachtungsebene sehe ich die TransSisters und ihre Freunde in ihrer Ganzheit. Um es mathematisch auszudrücken: die Anzahl der Gruppenfotos und auch die der darauf Abgebildeten, ist zu der zwischen den Fotos verstrichenen Zeit umgekehrt proportional. Das hängt sicher mit der vorgenannten Sehnsucht und auch mit dem Gefühl des aufeinander angewiesen seins zusammen. Zwölf, Fünfzehn vermutliche Transmenschen (ich hab sie nie gezählt) treffen in fast identischen und reichlich verwirrenden Lebenssituationen aufeinander, brauchen die Gruppe, nicht nur zum Halt, sondern auch als Reibungsfläche und Orientierungspunkt. Das ist sicherlich ganz normal. Ach ja, Pubertät. Der aktuelle Brockhaus spricht in diesem Zusammenhang nicht nur von sexueller Reife (wobei auch das in einer solchen Konstellation greift), Es ist auch eine soziale Reifung, die eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen und Wertmaßstäben und die Übernahme sozialer Rollen mit sich bringt. Und wie bei den Kids findet dieser Prozess vorrangig in Gruppen (vorzugsweise Gleich unter Gleichen) statt. Im Ergebnis dieses Prozesses differenzieren sich nicht nur die Ansichten sondern auch die Beziehungen. Bloße Gruppendynamik wird ersetzt durch Freundschaft, Sympathie und Antipathie. Die Beziehungen zueinander werden in jedem Fall bewusster. Die Fotodokumentation bringt’s hervor. Viele Einzelereignisse, viele individuelle Einstellungen. Findet sich also eine Gruppe zum Zwecke (ich sag es mal hier) des gemeinsamen Pubertierens und lässt sie sich darauf ein, dann ist nach dieser Logik ihr Auseinanderdriften schon mal vorprogrammiert. Ich erinnere mich an die vielen Streitschriften, der von mir so geschätzten Charis Berger aus München, die gelegentlich die wahrlich fragile Transgemeinde beklagt. So gesehen laufen hier ganz normale, zumindest nachvollziehbare Prozesse ab. Es sei denn eine solche Gruppe ist sich ihrer Wurzeln dauerhaft bewusst, ist bereit sich zu öffnen, ganz zu dem Zweck auch anderen etwas von ihren Erfahrungen und vor allem ihren Lebensgefühl zu vermitteln.
Das sehe ich, zumindest partiell, in der dritten Betrachtungsebene der nächtlichen Bildershow. Auf jeder der seit drei Jahren, also insgesamt sechs, sattgefundenen öffentlichen Partys habe ich immer wieder neue Leute kennen gelernt. Die Gesprächsinhalte reichen von blankem Entsetzen über unser Tun bis hin zu Anerkennung, Verständnis und Bewunderung. Die Bilder von diesen Partys füllen inzwischen so manches Album. Nur wenig Bilder gibt es von den offenen monatlichen Treffs in der kleine Philharmonie in der Berliner Schaperstraße. Na klar, diese Treffs sind Kontaktbörse und Anlaufpunk auch für die Leute, die noch Berührungsängste mit der Öffentlichkeit haben. Und hier sehe ich, wer heute die TransSisters wirklich sind. Es ist ein Kern von vielleicht zehn der (sogenannten) Gründungsmitglieder und dazu vielleicht halb so vielen später Dazugekommenen, die regelmäßig bereit sind neue Kontakte zu knüpfen und einfach nur zeigen, dass alternative Lebensweisen gut auch in den Alltag passen. Wichtig an diesen Treffen ist, dass es gar nicht nötig ist eine neue pubertäre Gruppendynamik zu erzeugen – wir verstehen uns vielmehr als Forum und Möglichkeit des Kennenlernens, ganz unabhängig von der einen oder anderen TransSister. Und doch habe auch ich zu diesen Gelegenheiten wirkliche Freundschaften geschlossen. Eine Bereicherung für mich allemal.
Unverständlich in diesem Zusammenhang eine Mail-Zuschrift, die mich in den vergangenen Tagen erreichte, in der berichtet wurde, dass die TransSisters „lieber unter sich bleiben“ wollten und dazu nur wirkliche TV’s und keine geborenen Frauen „in die Mitte aufgenommen“ werden. Richtig ist, dass es den pubertären „Haufen“ von vor drei Jahren nicht mehr gibt, richtig ist, dass ein wesentlicher Teil der „ursprünglichen“ TransSisters sich in festen (und zudem heterosexuellen) Beziehungen befindet und richtig ist, dass nicht aufgenommen werden, wohl aber eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut werden kann. Und wenn diese Beziehung nicht zu mir entsteht, dann vielleicht zu irgend jemand anderen am Tisch. Er (sie) hat mit Sicherheit ein mit uns allen gleiches Interesse. Das ist doch was!

Zu all dem kommt hinzu, dass sich, zumindest einige von uns, im Berliner Transgender-Netzwerk engagieren. Sicher, es kränkelt ein wenig, doch es ist da. Ganz unter all den oben genannten Aspekten und Zusammenhängen. Und doch, oder gerade deswegen, lohnt es sich am Ball zu bleiben - Genau so wie bei den TransSisters. Es ist eine persönliche Lebenshaltung und eine verbindende Idee. Und genau deshalb wird die Wochenmail, wenn auch sporadisch, Euch immer wieder erreichen – mir und Euch zum Vergnügen, wohl auch zum Nachdenken.

Ich wünsche Euch allen eine beschauliche Weihnacht und ein gutes (hoffentlich friedvolles) Jahr 2003.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

es weht ein eisiger Wind, nicht nur vor unseren Haustüren, auch die sonntagsmorgendliche Zeitungslektüre lässt mich frösteln.
Ein altes, längst vergessenes Kindermärchen, vom „Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“, fällt mir ein. Es ist die Geschichte von einem Schneider zu grauen Vorzeiten, der seine drei Söhne, einer boshaften Ziege wegen, mit der Elle aus dem Haus jagte und dann selbst von ihr verprellt wurde. In seiner Wut, holte der sein Bartmesser, seifte der Ziege den Kopf ein und schor sie so glatt, wie seine flache Hand und jagte sie dann mit Peitschenhieben vom Hof. Nun, dass die drei Schneidersöhne in der Welt ihr Glück machten, besagten speisenbeladenen Tisch und auch den goldspeienden Esel mit Hilfe des tückischen Knüppels zum versöhnlichen Vater brachten, ist hinlänglich bekannt. Doch was wurde eigentlich aus der Ziege? Sie hatte die Jungen getäuscht mit dem Spruch „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, meh, meh!“ und dann dem Schneider ihren Hunger geklagt. Nach ihrer Bestrafung lief sie in den nahen Wald und versteckte sich im Bau eines Fuchses. Als dieser nach vollbrachter Jagt heimkehrte, war er von ihrem Anblick so erschrocken, dass er sogleich Reißaus nahm. Auch dem zu Hilfe eilenden Bär gruselte. Erst die Biene wagte sich in die Fuchshöhle, stach der Ziege so gewaltig in den kahlen Kopf, „dass sie aufsprang, meh!, meh! schrie und wie toll in die Welt lief; und (es) weiß niemand auf die Stunde, wo sie hingelaufen ist“.

Doch zurück zu meiner Zeitung. Zugegeben, eines von den Exemplaren mit eher kleinen Buchstaben, wenig Bildern und mehr als 10 Seiten. Die Koalitionsvereinbarung, die Grundlage für das Deutsche Regierungshandeln der nächste 4 Jahre ist unterzeichnet und wird von den Unterzeichnern genau so frenetisch gefeiert, wie sie von der Oppositionsbank verteufelt wird. Die Mädels und Jungs auf der Regierungsbank sind um ihren Job in der Tat nicht zu beneiden. Allenthalben leere Kassen und der Goldesel schwächelt. Ich kenne solche Situationen aus eigenem familiären Erleben. Entweder sinken (selbstverschuldet oder nicht) die Einnahmen, oder die Ausgaben laufen unkontrolliert davon. Der Familienvorstand macht Kasse, schaut auf jede Ausgabenposition und stellt sich auf die veränderten Bedingungen ein. Eine solche Denkweise ist wohl der Regelfall, denn die Anzahl der Goldesel ist sehr begrenzt. Doch, wohl dem, der ein solches Tier besitzt!
In einer kleinen Kolumne meiner Zeitung kann ich lesen, dass die sogenannte „Giftliste“ des Finanzministers die Streichung von steuerlichen Vergünstigungen für geleistete Spenden beinhaltet. Ah ja, sollte man denken, die Unternehmen haben nun weniger Möglichkeiten ihre Steuerlast zu senken. Das klingt doch populär! Der „Kleine Mann“ oder die „Kleine Frau“ ist davon nicht betroffen. Falsch gedacht! Der Spendenbegriff ist im Deutschen Steuerrecht klar umrissen. Es geht hier um soziale, mildtätige, kirchliche, kulturelle, wissenschaftliche und andere gemeinnützige Zwecke. Jedes Unternehmen hat die Möglichkeit bis zu 10 Prozent der eigenen Einnahmen für diese Zwecke zu spenden, quasi Kostenwirksam zu machen und damit natürlich die eigene Steuerlast zu senken. Dabei geht es insgesamt um volkswirtschaftlich durchaus relevante Beträge. Weil eine durchgängige Erfassung nicht gewährleistet, sind die in der Diskussion befindlichen fünf Milliarden Euro eher als Untergrenze anzusehen. Dieser Markt ist so bedeutend, dass die Literatur bereits von einem dritten volkswirtschaftlichen Sektor spricht und er ist, angesichts der aktuellen Vermögenslage, ein Wachstumsmarkt zudem. Viele kulturelle, karitative und soziale Projekte, auch solche der TransGender-Thematik werden aus diesem Sektor finanziert. Aufgaben und Projekte, für die der Staat zwar ordinäre Verantwortung trägt, aber finanziell und logistisch nicht in der Lage ist, diese Verantwortung wahrzunehmen. An diesem „Fünf-Milliarden-Tischlein-deck-dich“ sitzen viele Esser. Kultur und Wissenschaft und ihre Eleven an den großen Schüsseln. Die Armen, die Kranken, die Behinderten und Minderheiten wohl an eher kleineren, aber dafür vielen Schüsseln. Nicht zu vergessen, nähren sich einige Zigtausend hauptamtliche (in Arbeit befindliche!) Mitarbeiter von eben diesem Tisch, von den allgegenwärtigen Schmarotzern will ich hier nicht reden.
In dieser Situation kommt die zur Zeit fröhlichste Truppe aller Zeiten daher und sägt dem Tisch die Beine ab um sie dem Goldesel, in der Hoffnung auf seine Genesung, zum Fraße vorzuwerfen. Was denken die sich, was passiert? Bekommen all die Bedürftigen dann die erforderliche Unterstützung vom Staat? Wo kein Anreiz zum Spenden besteht, wird weniger gespendet und wo weniger gespendet wird, brechen wichtige soziale Strukturen weg und Steuereinnahmen gibt’s schon gar nicht.
Für Unternehmer hat das Interesse an gemeinnützigen Spenden eins mit dem Knüppel bekommen. Aha, vermutlich ist Wohltätigkeit nicht gewollt. Doch Unternehmer wären nicht Unternehmer, wenn sie nicht doch etwas zur Steuerbegrenzung unternehmen würden und dabei zugleich ihr Image aufpolieren. Da gibt es ja noch das Mittel Sponsoring. Das funktioniert ähnlich, wie im Sport längst üblich und unabdingbar. Das Unternehmen gibt Geld hin und dafür beißt der radelnde Star zu jeder Gelegenheit in einen knackigen Müsliriegel – na ja, was da so runter fällt, kann er ja später in der Disko noch schnupfen. Die Kosten für solche Aktionen sind ganz normale Betriebsausgaben, eben ein Geschäft auf Gegenseitigkeit namens Sponsoring. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Philharmoniker anstelle des Fracks oder, bei den Damen, des schwarzen Kleides ein Coca Cola T-Shirt tragen, aber denkbar wäre es schon. Unvorstellbar ist für mich jedoch, wie zum Beispiel eine TransGender-Selbsthilfegruppe die Werbebotschaft eines Getränkemarktes oder gar die eines Automobilgiganten vermitteln soll. Vielleicht die eines Pharmakonzerns? Keine der Parteien würde sich wirklich ernsthaft darauf einlassen. Es weht ein eisiger Wind und nicht nur vor unserer Haustür....

Zurück zu meinem Kindermärchen. Jedes Kind weiß recht bald, ein Tischlein-deck-dich, einen Goldesel und besagten Knüppel-aus-dem-Sack gibt es nicht wirklich – all diese Zauberdinge bedürfen in Wirklichkeit der eigenen Aktivität. Doch die hinterhältige Ziege, die ist für mich noch heute gut vorstellbar. Den unbedarften Jünglingen erzählt sie „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt! Meh! Meh!“ und behauptet später „Wovon sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blatt! Meh! Meh!“ Sie schafft Zerwürfnis in der Familie, selbst Fuchs und Bär nehmen Reißaus. Einzig die kleine Biene kann sie besiegen.

Wir sollten unseren Stachel schärfen.......

Viele liebe Grüße
(Sa)bine B.
Sum sum

Nachtrag vom 27.10.2002:
... zwischenzeitlich hat die Bundesregeierung verlauten lassen, dass sie von diesem Vorhaben, wohl wegen der vielfältigen Proteste (insbesondere der Wohlfahrtsverbände), abstand nimmt. Nun gut, der Stachel bleibt jedoch ausgefahren.....

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

„in Transit“, befinden sich Menschen, die auf der Durchreise von Irgendwoher nach Irgendwohin sind. Sie tauchen mal eben auf, hinterlassen eine Spur oder auch nicht. Ich hatte in den letzten Tagen gleich mehrere solcher Begegnungen. Die eine viel zu flüchtig, die andere viel zu bedrückend und die nächste viel zu beeindruckend, als dass ich nicht darüber berichten muss.

„In Transit“ ist auch der Name eines Performance Festivals im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Mein(e) Freund(in) Andrea(s) ist darauf gestoßen und der „harte Kern“ der TransSisters – immerhin ein gutes Dutzend, war dabei. Schon lange haben wir die Einbahnstraße „Fummel-Party-Fummel-Party“ verlassen, unternehmen gemeinsam eine ganze Menge Dinge, die wohl eher ins gutbürgerliche oder auch alternative Lager gehören. Das alles, ganz nach Gelegenheit und Zweckmäßigkeit mit oder ohne Perlonstrumpf. Gestern sollte es eine Tanzperformance sein. Die Tanzcompagnie Rubato präsentierte Jin Xing und Dieter Baumann in einem Stück namens „Person to Person“. Jin Xing ist eine chinesische Tänzerin, die in es ihrem früheren männlichen Leben zu höchstem tänzerischen Ruhm und immerhin bis zum Oberst der chinesischen Armee gebracht hat. 1995 war sie der erste Mann, der sich in China einer öffentlich genehmigten geschlechtsangleichenden Operation unterzog und feierte danach weiter triumphale Erfolge als Tänzerin und Leiterin eines eigenen Ensembles. Baumann, so sagt man, ist hier in Deutschland einer der bedeutendsten Tänzer überhaupt. Ich kannte beide nicht, halte mich in Sachen Ballett eher für mäßig interessiert, bewege mich gern auf bekanntem Kulturterrain.

Ich gebe zu, ich war auch gestern reichlich skeptisch. Gelegentlich habe ich schon früher solche experimentellen Ereignisse besucht, war im Regelfall zufrieden, wenn ich’s hinter mich gebracht und wieder vergessen hatte. Doch Person to Person versprach in der Ankündigung mit dem Hintergrund von Xing’s Lebensgeschichte, eine tänzerische Darstellung „verschiedener Körper- und Geschlechtsrealitäten ... eine Komposition der Zeichen, der Projektionsfläche und Bilder für die Erwartungen, die Zuschreibungen, die Sehnsüchte, Zweifel und das Begehren des Betrachters.“ Das machte mich dann doch neugierig. Nach einigen Verwirrungen saß ich dann im guten Plisee-Hosenrock auf einer harten Holztribüne und war glücklich über einen kleinen Schaumgummistreifen, von dem ich hoffte, dass er mir beim Überleben hilft.
Es hat bei mir einige Minuten gedauert, bis ich mich in die tänzerische Handlung und die begleitende asiatisch durchdrungene Musik vertiefen konnte. Und dann fing ich an, die Geschichte zu begreifen. Ein Mann (Baumann) schwankt in seinen Gefühlen und wird durchs Leben getrieben, mal hier-, mal dorthin. Er entdeckt die weibliche Seite seines Seins (Xing), findet nicht nur Gefallen an ihr - will auch so sein. Er vereinigt die männliche mit der weiblichen Ausdrucksweise und ein neues Wesen wird geboren. Er begleitet sie bei ihren ersten Schritten in die Welt, sie gibt ihm die Weichheit der Ausdrucksweise zurück. Beide Seiten stellen sich gemeinsam und getrennt dar. Er ist kantig und raumgreifend in den Bewegungen, sie zart (wie eine Blume), sinnlich und grazil. Im immer schnelleren Wechsel zwischen männlichem und weiblichem Ausdruck werden sie eins.
Licht aus – totenstille im Saal. Ich hätte laut zu den anderen Zuschauern rufen mögen, die uns in unseren Kleidern beim Einlass interessiert betrachtet haben: „Habt ihr das gesehen? So ist das! Es lässt sich mit Worten nämlich nicht erklären“ – hab es natürlich nicht getan. Minutenlanger brausender Applaus....
Ich kann die tänzerischen Qualitäten der Akteure natürlich nicht beurteilen. Kunst ist für mich, wenn der Betrachter Spielraum für eigene Interpretationen hat und eine Chance, das Anliegen des Künstlers zu verstehen. Insoweit habe ich wirkliche Kunst erlebt. Erzählt ist das hier, damit Ihr Euch, wenn Ihr mal auf die Namen Xing und Baumann in irgendeiner Vorankündigung stoßt, daran erinnert. Ein Ereignis der Sonderklasse, wirklich lohnend.

Ein anderer Transit-Reisender, Carsten, ein „Trans-Mann“ aus Deutschlands „Ersatzhauptstadt“ in meinem elektronischen Postkasten mit einem Einzeiler: „Ich wollte Dir - einfach mal nur so- ein schönes WE wünschen!“ Nun ist das wahrlich nichts besonderes und doch freue ich mich darüber. Ein darunter stehender, längst vergessener Spruch hat mich nachdenklich gemacht:
“Nichts ist so,
wie es scheint.
Was ist es aber dann,
was wir sehen?!“
Obwohl bei der Beantwortung meiner Post gelegentlich schlampig, hab ich mich gleich für die Grüße bedankt und den vier kleinen Zeilen hinzugefügt:
“... eben das, was wir sehen wollen,
.... gelegentlich rosarote Träume,
.... manchmal die eigene Fratze,
.... viel zu selten die Wahrheit“

Ja, so ist das bei der Durchreise, durch einen Ort oder durch ein anders Leben. Man muss eine Zeit verweilen um sicher zu sein, was man wirklich sieht und hat doch immer Gelegenheit für eigene Interpretationen.....

Wie war doch das Motto des kleinen Berliner Festivals? Are you in transit?
Ich wünsche eine gute Reise!

Viele liebe Grüße
Sabine B.

nach

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

der August geht dem Ende zu, damit auch die landesweiten Ferien. Ich selbst bin längst aus dem Urlaub zurück und auch meine Freundinnen und Freunde trudeln so langsam wieder in der Stadt ein. Ein richtiger Sommer war es wohl noch immer nicht, wenngleich mit einigen wirklich heißen Tagen. Dafür gab es aber Wasser, erst reichlich von oben und nun wälzen sich die Wassermassen durchs Land und durch die Städte. Auch meine Heimatstadt, Dessau, am Schnittpunkt von Elbe und Mulde bleibt wohl nicht davon verschont. Zurück bleiben die Trümmern von neuen und alten Bauwerken, riesige Mengen Schlamm und, am aller schlimmsten, unzählige zerstörte Existenzen. Wie gut, dass die Flut an mir vorbei geht und schade, dass ich nichts weiter gegen diese Gewalten tun kann, als meine Geldbörse ein wenig zu öffnen und zu hoffen, dass mein Geld auch wirklich die Opfer erreicht. Mag jeder selbst entscheiden, wie viel Solidarität er mit den Menschen landauf, landab empfindet, ich bin wirklich betroffen und Hilfe tut Not.
Mein wichtigstes Urlaubsziel in diesem Jahr war der dann doch spontane Entschluss, mich auf die Spuren der ägyptischen Pharaonen zu begeben. Schon lange beschäftigt mich dieses Thema, schon lange wollte ich mit eigenen Augen die Überreste einer Kultur betrachten, die ihre Blüte zu einer Zeit erreicht hatte, in der im Mitteleuropäischen Raum noch um Faustkeile und Bärenfelle gestritten wurde. Eine Nilkreuzfahrt in Oberägypten sollte es sein, die bedeutenden Tempel, darunter Karnak und Abu Simbel und das Tal der Könige und der Königinnen. Mal abgesehen von der Einmaligkeit dieser Tage, geht mir heute durch den Kopf, dass gerade das alte Ägypten seinen Wohlstand dem Nil und hier insbesondere den fruchtbaren Schlämmen der jährlichen Überschwemmungen verdankte. So mancher Tempelkult beschwor die Fluten sogar herauf. Welch eine Ironie, angesichts der aktuellen Ereignisse in Deutschland und weiten Teile Europas! Oder möglicherweise doch nicht? Wussten die alten Ägypter vielleicht besser als wir, mit den Naturereignissen zu leben? Sicher ist, sie haben Ihren Fluss immer geliebt und ich habe erfahren, dass sie ihn noch heute als Quelle ihres Lebens achten.

Lange habe ich nicht mehr aus meiner kleinen Transenwelt und von den TransSisters berichtet. Nicht, weil es nichts Berichtenswertes gegeben hätte, eher, weil ich selbst in den letzten Monaten etwas zurückhaltender geworden bin und damit verengt sich natürlich auch mein Fokus. Und doch ist so einiges los in der Berliner Szene, soweit man von einer homogenen Szene überhaupt sprechen kann. Es ist um mich rum ruhiger geworden. Ich beobachte das an mir und an meinen Freundinnen und Freunden, die sich die TransSisters nennen. Selbstverständlich treffen uns regelmäßig in kleinerem oder größerem Kreis- mit und ohne Kleid, gehen Essen, ins Kino in eine Bar oder Treffen uns zum Grillen. Diese Treffen sind quasi "privat". Die Zeiten "alle machen alles gemeinsam" sind längst vorbei und ich wähle bewusster aus, wann ich wie und mit wem meine noch immer zu knappe freie Zeit verbringe. Und doch treffe ich alle mehr oder weniger regelmäßig. Eher "öffentliche" Höhepunkte sind die regelmäßigen Monatstreffs, bei denen ich immer wieder neue interessante Leute kennen lerne und natürlich die inzwischen recht beliebten Partys der TransSisters. In diesem Zusammenhang kann ich vermelden, dass die nächste Party bereits am 14. September am wohl bekannten Ort, dem "Knemo" in der Berliner City-West, stattfindet (dazu siehe die Programmseite der TransSisters) - die Vorbereitungen sind bereits angelaufen, auch hier hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Für mich ist diese Party zugleich ein kleines Jubiläum, denn im Herbst vor gut drei Jahren haben sich die TransSisters ihren Namen gegeben - wenn Ihr so wollt, stehen 1000 Tage TransSisters als Höhepunkt an, das ist schon ein guter Grund zum feiern. Und noch ein weiterer kleiner Rekord ist zu vermelden. Unsere Webseite hat in den vergangenen Tagen den 100.000 sten Zugriff gezählt. Das sind seit der Zählung kontinuierlich mehr als 3.000 Zugriffe im Monat - ein Zeichen, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Wir arbeiten an einer Erneuerung und Erweiterung, schaut doch weiter immer mal rein unter www.TransSisters.de .1000 Tage TransSisters (na ja, so ungefähr) sind für mich und die Masse der Gründungsmitglieder zugleich mehr als drei Jahre (zuerst getroffen haben wir uns schon im Frühjahr 1999) mehr oder weniger aktives Sein, zwischen den geschlechtlichen Welten, zeitweises Sein in der wirklichen Gefühlswelt oder einfach nur gelegentliches aufreizendes Eintauchen in fremde, nie erreichte Welten.
An vielen Stellen hat sich nicht nur bei mir Routine eingestellt. Beim Schminken, der Auswahl des geeigneten Outfits, der Begegnung mit den noch immer neugierigen Nachbarn, auf der Straße, in der U-Bahn und überall, wo es uns gemeinsam oder allein hintreibt. Meine alten Ängste, mich der Lächerlichkeit preiszugeben, sind noch immer vorhanden, doch ich gehe souveräner damit um. Das beim Ausgehen zuerst erlebte, berauschende Gefühl der Befreiung mischt sich mehr und mehr mit einer inneren Ruhe und Ausgeglichenheit. Die Jagt nach dem "Kick" wird berechenbarer. Übrig bleibt Raum für einen klareren Blick auf wirkliche Bedürfnisse und die Erkenntnis, dass sich auch "Trans" der Gefahr der übermäßigen Anpassung aussetzt - raus aus dem einen Klischee und hinein in das andere.
Ein Beispiel: So ziemlich alle Bekanntschaften, die nicht in das transsisterliche Umfeld gehören, wissen inzwischen, dass ich es mag, mich gelegentlich weiblich zu kleiden. Zu zwei unterschiedlichen Gelegenheiten habe ich mich mit Freunden und Bekannten getroffen, hatte an dem Tag einfach nicht das Bedürfnis mich in der Öffentlichkeit weiblich zu kleiden, und wurde damit konfrontiert, dass ich eigentlich im Kleid erwartet wurde. Wieso eigentlich? Sicher, wir hatten uns aufeinander gefreut und eine Menge zu erzählen. Doch woher kommt diese Erwartungshaltung? Vermutlich bin ich zu einem guten Teil selbst verantwortlich dafür. Zu sehr und zu oft habe ich mich selbst und meine besondere Eigenschaft thematisiert. Zur von uns allen angestrebten "Normalität" gehört eben auch, dass das Thema "Trans" ein Lebensthema unter vielen ist - wie lautet doch der bekannte Spruch: es kommt immer darauf an wer wen beherrscht, ich die Leidenschaft oder die Leidenschaft mich. Das ist wohl der Tenor, der die oben erwähnte eingezogene Ruhe ausmacht, bei mir selbst und auch in meinem Umfeld.
Es ist auf die Dauer wenig erquicklich, nur dem einen großen Thema zu dienen, denn als alleiniges Lebensziel ist es auf Dauer wohl ungeeignet. Und doch kann "Trans" zu einem ganz "normalen" Lebensbestandteil werden.
Wirklich nachvollziehen kann ich aber auch die stürmischen und drängenden Diskussionen, zum Beispiel im Forum auf der HP der TransSisters. Immer neue Namen Tauchen auf, immer mehr Leute outen sich in diesem kleinen Forum und stellen die Frage, wie sie denn ihr Leben gestalten könnten. Es geht häufig um alltägliche Kleinigkeiten, wie Schminktipps, Ausgehmöglichkeiten und Kontakte zu Gleichgesinnten oder Interessen- und Selbsthilfegruppen, aber auch um Partnerschaften und Probleme im familiären Umfeld.
Für mich weniger nachvollziehbar sind die immer wieder aufkeimenden Diskussionen um die Beschaffung und unkontrollierte Einnahme von Hormonen für die "schnelle Feminisierung". Leute! Ich bin zwar weit weg von dem Wunsch, für immer als Frau zu leben, doch auch ich habe mich geraume Zeit mit dem Thema Feminisierung befasst. Ich habe nicht nur versucht mich zu belesen, sondern dazu auch viele Gespräche mit Menschen geführt, die sich viel länger in viel eindeutigeren Positionen, als ich, befinden, vielleicht wirklich besser als Mädchen geboren wären. Eindeutige Tendenz: Weiblichkeit (soweit nachvollziehbar) macht sich zuerst im Kopf fest, ist vor allem Gefühlswelt, dann Kommunikation und soziale Beziehung und ganz zum Schluss die äußere Form. Nicht das Kleid, nicht der Lippenstift und schon gar nicht hastig eingeworfene weibliche Hormone machen mich einen deut weiblicher, als ich bin. Ich kann meine Gefühlslage bei Bedarf durch weibliche Hüllen und Attribute ausdrücken und unterstützen. Den Genuss der verwendeten Materialien und Kleidungsstücke und den Kick, ganz drinnen im Bauch, gibt's umsonst dazu. Doch wie ich auch in meiner Umwelt erscheine, im Kopf bin ich immer der selbe Mensch. Und genau deshalb erscheine ich mal hier im Kleid und dort in Jeans und Pullover.
Nun ist das so generell ganz einfach gesagt. Natürlich bin auch ich nicht wirklich frei in der Entscheidung, wann ich mich wo wie kleide und mein weibliches Erscheinungsbild bleibt auf einen Ausschnitt meiner Freizeit beschränkt. Manchmal wünsche ich mir mehr Spielraum und vor allem mehr Mut den vorhandenen Spielraum wirklich zu nutzen. Zumeist komme ich in den gegebenen Verhältnissen ganz gut zurecht. Gleiches weiß ich auch von so etlichen meiner Freundinnen. Bei allen Bemühungen "Trans" auch in den Alltag zu retten, sind gerade Transgender erkennbar in der Öffentlichkeit am häufigsten in einschlägigen Clubs und in der Nacht anzutreffen. Sind sie wirklich "die schönen der Nacht"? Eine Fragestellung, die viele Facetten beinhaltet. Genau zu dieser Frage und daran angrenzende Themen habe ich einen kleinen Workshop im Rahmen der traditionellen "Transgender-Tagung" im Berliner Sonntags-Club, vom 3. bis 6. Oktober diesen Jahres angeregt. Ich hoffe, ich kann noch einige TransSisters für diese Gesprächsrunde begeistern und würde mich natürlich freuen, die eine oder den anderen von euch dort zu treffen. Nähere Infos erhaltet Ihr unter www.Sonntags-club.de .

Ihr seht also, es ist noch immer was los in meinem Leben. Das ist auch ganz gut so und wird sicher auch so bleiben. Vielleicht habe ich ja auch eine Anregung für einen Beitrag von Euch geben können, würde mich auf jeden Fall freuen, wenn ich was von Euch höre.

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

heute mal der Versuch einer ganz anderen Wochenmail und doch ein Thema das für mich eine Betrachtung wert ist.........

..... schlägt man, oder auch frau die Zeitung auf, dann dauert’s nicht lange und der Blick fällt auf die Anzeigentexte, besonders interessant die Kontaktanzeigen, mancherorts auch Heiratsmarkt genannt. Was Wunder, dass fast ausschließlich Singles oder solche, die es gern wären derartige Anzeigen in der Hoffnung auf adäquaten Kontakt schalten. Obwohl deutschlandweiter „Frauenüberschuss“ statistisch bewiesen ist, habe ich den Eindruck, dass es vor allem die Männer treibt, sich so auf die Suche zu begeben. Vielleicht habe ich auch nur einen falschen Eindruck, weil ich die Rubriken „M sucht F“ immer überspringe und bei „F sucht M“ niemals das steht, was ich wirklich erwarte.

Schon lange bewegt mich die Frage, was denn nun den Single-Mann oder die Single-Frau ausmacht. Und ich meine hier nicht die „Schon-immer-Singles“, nein, vielmehr die, die nach einer mehr oder weniger langen Partnerschaft gewollt oder ungewollt in diese Situation geraten sind. Zur Klärung dieser Frage hätte ich mich natürlich mit einem umfangreichen Fragebogen auf die Straße begeben können um zufällig Single-Frauen wie -Männer zu befragen. Ich bin allerdings sicher, dass mir jede der Gruppen vor allem die augenscheinlichen Vorzüge gepriesen hätte.
Sie: Endlich kann ich mich mal nur um mich selbst kümmern, habe Sex, wenn ich es wirklich will, kann eigene Interessen entwickeln, mich jeden Tag mit meinen Freundinnen treffen, mich lange und ausführlich mit ihnen unterhalten und durch die Geschäfte ziehen, die Hausarbeit reduziert sich auf höchstens 20 Prozent.
Er: Endlich kann ich meinen Tagesablauf selbst bestimmen, Überstunden machen, soviel ich will und anschließend in der Eckkneipe versacken, habe immer Zeit für meine Freunde, kann in der freien Zeit meine sexuellen Ambitionen richtig ausleben, jedes Spiel der Bundesliga und jedes Formel-Eins-Rennen sehen, kann auch mal ein ganzes Wochenende schweigen und den Haushalt mache ich nur, wenn es wirklich nötig ist.
Was Beiden (Mann wie Frau) fehlt sagen sie freiwillig nicht, deuten es höchstens in den besagten Anzeigen an. Sie: Treue, Verständnis, Ehrlichkeit, Kulturinteresse, beruflicher Erfolg (denn nichts ist erotischer, als Erfolg). Er: Häuslichkeit, Selbständigkeit, Toleranz (vermutlich in Hinblick auf sexuelle Ambitionen) und abgeschlossene Familienplanung.
Doch was macht denn nun das Singleleben wirklich aus, wo sind die wirklichen Vor- und wo die wirklichen Nachteile für Sie und für Ihn? Es wir Zeit, dass sich jemand ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzt und das „Singledasein“ für jedermann und jederfrau transparent macht! Ich habe mich zu einem nachträglichen Selbstversuch entschlossen, nachträglich, weil mit meinem Singlestart vor gut 4 Jahren nicht unbedingt beabsichtigt. Doch die Ausgangslage ist nahezu ideal, hatte ich doch damals beschlossen allgemein männlich, wie weiblich besetzte Eigenschaften zu leben und habe damit die einmalige Gelegenheit beide Singlepositionen zu betrachten. Nun könnte ja jemand behaupten das sei alles Quatsch, denn ich bin ja bekennender Mann – zugegeben, doch bin ich an beiden Gefühlslagen sicher näher dran als die Nur-Frau oder der Nur-Mann und alle oben aufgeführten Werte des Singledaseins und auch die offenen Wünsche bedeuten mir etwas. Zu untersuchen und mit gelebter Erfahrung zu belegen sind die unterschiedlichsten Aspekte, ordentlich sortiert in thematischen Kapiteln. Wegen der inzwischen doch recht häufigen Nachfrage nach Offenlegung des Kartoffelsalat-Geheimrezeptes meiner Mutti (liebevoll Oma genannt) hier ein Auszug aus dem Kapitel „Sabines Küche“:

.... Die Herstellung besagten Kartoffelsalates hat für mich die Kategorie eines strategischen Unternehmens. Planung, Zeitmanagement und ausreichende Ressourcen sind der wirkliche Schlüssel zum Erfolg. Bei mindestens fünf Gelegenheiten habe ich inzwischen festgestellt, dass sich die Abläufe immer gleichen. Nehmen wir mal an, es ist Donnerstag und für die Grillparty am Samstagabend ist als Mitbringsel eine Schüssel des Kartoffelsalats versprochen. Erster Schritt: Oma anrufen und die Details der Zutaten sowie den Ablauf der Zubereitung erfragen. Das ist erforderlich, weil die akribischen Gesprächsmitschriften den unergründlichen Weg aller meiner wichtigen Notizen gehen und in irgend einem Haufen auf meinem Schreibtisch unwiederbringlich verschwinden. Im Regelfall ergibt die sofort angesetzte Besichtigung des Kühlschrankes und ein kurzer Blick in das für Vorräte vorgesehene Regal, dass alle benötigten Zutaten entweder nicht vorhanden und wenn doch derart angegammelt sind, dass sie aus Gründen des Erhalts der Freundschaft zu den potentiellen Essern besser neu angeschafft werden sollten. Das ist sowieso einfacher, denn ich kann alle Zutaten direkt auf den bereits am vergangenen Wochenende angelegten Einkaufszettel übernehmen. Ich schreibe also auf den Hauptzettel: 5 kg Kartoffeln, 500g Jagdwurst, eine Flasche Olivenöl, eine Flasche Weinessig, ein Glas Rote Beete (die Kullern!), drei kleine Gläser Mirakel Wip, ein Glas Gewürzgurken, mindestens drei Eier aus Bodenhaltung und Zwiebeln. Bei der Durchsicht des Gesprächsprotokolls stoße ich auf Alternativen und mache mir dazu noch eigene Gedanken. Es entsteht ein weiterer Zettel: Rotwurst anstelle Jagdwurst, Radieschen anstelle Rote Beete, eine kleine Büchse „Mexiko-Gemüse“ und eine kleine Büchse Pilze zur Ergänzung. Ach ja, Pellkartoffeln hat Oma immer unter Zugabe einiger Kümmelkörner gekocht – ein neuer Vorrat Kümmel muss her. Bei dieser Gelegenheit kann auch gleich der Bestand an Salz, Pfeffer und Zucker ergänzt werden – das brauche ich zum Würzen und Abschmecken. Bleibt nur noch zu klären, wie ich mir die Zubereitungszeit „versüße“ – meine Empfehlung: zwei Flaschen trockener italienischer Wein machen das Arbeiten leichter, ab der zweiten Flasche macht es sogar Vergnügen.
Nächster Schritt im Zeitmanagement ist die Verschiebung der Verabredung für den Freitagabend auf eine angemessen späte Zeit und die Freiplanung des Samstagvormittags. Wichtiger Planungsbestandteil ist, dass die eigentliche Produktion des Salats während der gewöhnlichen Geschäftszeiten erfolgt, so kann man im Falle eines Misserfolges den Einkauf komplett wiederholen oder vergessene Zutaten beschaffen.

Der Einkauf gestaltet sich für mich in der Regel unproblematisch. Die Damen und Herren im Supermarkt gegenüber kennen mich und meine Zettel und haben überhaupt kein Problem, wenn ich zum zweiten oder dritten mal an der Wursttheke erscheine oder um Orientierungshilfen, etwa zum Standort von Essig oder Salz, bitte. Auch an meine gelegentlich lackierten Fingernägel oder Make-Up-Ränder an den Augen haben sie sich längst gewöhnt. Ich befinde mich auf sicherem Terrain.

Es ist Freitagabend, Planung und Beschaffung sind abgeschlossen. Ich trete in die Realisierungsphase und halte mich zum ersten mal nicht an Omas vorgaben. Denn Omas Tipp heißt: die Kartoffeln („du musst festkochende Kartoffeln nehmen!“) kochen und gleich schälen, ein wenig abkühlen lassen und weiter verarbeiten. Ich hab’s probiert, doch die Dinger sind einfach zu heiß, wenn sie gerade gekocht sind und fallen immer von der Gabel auf die ich sie aufpieke. Da fehlt nur noch, dass sich der Geschmack schnöder Kartoffeln bei Vollmond besser entfaltet! Nee, ich schone meine zarten Finger, zieh mir lieber ein schönes Kleid an, geh mit einer Freundin gemütlich essen und lass die Kartoffeln bis zum nächsten Tag Kartoffeln sein und über Nacht abkühlen – der Samstagvormittag ist ohnehin versaut. Aber was ich so vorhabe kann Oma ja nicht wissen.
Doch am Samstag, gleich nach dem Frühstück geht’s so richtig hausfraulich zur Sache. Und weil die Arbeit Spaß machen soll, wird sie richtig vorbereitet. Zuerst entscheide ich über mein Outfit. Für Küchenarbeit ist das kleine Schwarze sicher nicht geeignet, doch ein bequemes Hauskleid sollte es schon sein. Ich habe mich auf solche Fälle längst eingerichtet und festgestellt, dass die Hausarbeit im Kleid wirklich besser von der Hand geht – eine gute Kombination zwischen Wohlfühlen und unumgänglichem Aufwand. Im nächsten Schritt wird die Küche vorbereitet, alles schmutzige Geschirr wandert in die Spülmaschine (was nicht mehr rein passt wird an ungefährlicher Stelle gut gestapelt) und alle Zutaten, natürlich auch die erste Flasche von dem Wein werden bereitgestellt. In der Tat, kalte Kartoffeln lassen sich wesentlich einfacher schälen als heiße. Die Kartoffeln werden dann gleich in eine entsprechend große Schüssel geschnipselt. „Geschnipselt“ heißt nicht in Scheiben! Vielmehr entstehen dabei mehr oder weniger gleichmäßige, zirka 5-7 Millimeter starke, Stücken. Nur nicht zu dünn schneiden (!) da wird sonst bei den später notwendigen Rührarbeiten ein undefinierter Brei draus. Die Schälarbeiten sind eine echte Herausforderung an die Geduld und nehmen ungefähr die Dauer einer halben Flasche Wein in Anspruch. Doch danach wird’s interessanter. Die Wurst (Jagd- oder Rot-) wird in Würfel geschnitten, Seitenmaße zwischen 7 und 10 Millimeter – besser natürlich 7. Als nächstes werden die Gewürzgurken und auch die Rote Beete in ähnlich große Stücke geschnitten. Menge ganz nach individueller Geschmacksrichtung, bei mir meistens 4-5 Gurken und ebensoviel Kullern von der Roten Beete. Während die Gurken wesentlich sind für die spätere geschmackliche Komposition dient die eher fade Rote Beete mehr der optischen Aufpeppung des Salates. Hier können auch die vorsorglich alternativ beschafften Radieschen eingesetzt werden – im eingesetzten Volumen ähnlich. Doch Vorsicht (!) die Dinger sind, in Abhängigkeit vom Herkunftsland, gelegentlich ganz schön scharf – völlig unbedenklich sind hier die holländischen Produkte. So ganz nebenbei sind so um die drei die Eier hart gekocht, natürlich angemessen abgekühlt und in akribische kleine Würfel geschnitten. Ich verwende aber nur ein Eigelb, das lässt sich ohnehin schlecht würfeln und verschmiert zudem den Salat. Technisch unproblematisch ist das Öffnen der Büchsen mit dem Mexiko-Gemüse (Mais, Erbsen, Paprika) und der Pilzbüchse. Ganz in Abhängigkeit von Preis und Art des Inhalts sind die Pilze noch einmal zu schneiden – Zielsrichtung wieder 7-10 Millimeter große Stücke. Es folgt die wohl größte Herausforderung bei der Aufbereitung der Zutaten, das Zwiebelschneiden – ich belasse es zumeist bei einer einzigen, aber großen Zwiebel. Ach wenn Oma doch da wäre! Oma kann die Dinger in winzig kleine Würfelchen schneiden und sich dabei auch noch unterhalten, mein Sohn schützt sich vor den hinterlistigen Augenpieksern mit seiner Taucherbrille aus frühen Kinderzeiten, ich trinke mir Mut an und öffne die zweite Flasche Wein. Doch aller Mut hilft nichts – Kartoffelsalat zubereiten hat auch sehr traurige Augenblicke. Doch alle Zutaten stehen nun bereit.
Es folgt gewöhnlich der Augenblick in dem ich feststelle, dass die gewählte Schüsselgröße für alle Zutaten mal wieder nicht ausreicht, doch ich habe vorgesorgt, das Riesenexemplar steht schon bereit. Die auf eine entsprechende Anzahl von Tellern und kleineren Schüsseln verteilten Zutaten kommen in die große Schüssel rein und werden vorsichtig mit einem Holzlöffel verrührt. Jetzt endlich kann ich Omas Geheimnis lüften. Die eigentliche Krux besteht in der Marinade, die dem Salat den Geschmack gibt. Also denn, eine neue Schüssel muss her. Da hinein kommen zirka 50 ml Olivenöl, ein bis zwei Esslöffel Weinessig, 100 ml von dem Gurkenwasser (aus dem Gewürzgurkenglas) und ganz nach Geschmack Pfeffer und Salz. Dazu gebe ich zunächst nur zwei von den drei angeschafften Mirakel-Gläsern. Die Reihenfolge der Bestandteile hat seinen Sinn. Stellt sich nämlich beim Zusammenschütten heraus, dass auch diese Schüssel zu klein gewählt ist, dann ist das unten schwimmende Olivenöl ein hervorragendes Gleitmittel und die Umbettung in eine andere Schüssel (so noch vorhanden) läuft wie geschmiert. Nun wird die ganze Pampe mit einem Schneebesen verrührt. Die Geschmacksprobe mit einem sauberen Finger ist unerlässlich. Die Marinade kann ruhig ziemlich sauer sein und auch reichlich salzig. Das Maß bestimmt sich individuell, immer eingedenk der Tatsache, dass sich der Geschmack auf reichlich 3 Kilo bisher eher nüchterner Zutaten verteilen soll. Im Falle einer „Verwürzung“ (sagt man das so?) kommt das dritte, das Reserveglas Mirakel zum Einsatz. Ganz klar, je mehr Masse – desto einfacher die geschmackliche Abstimmung. Ich gestehe, ich brauch immer alle drei Gläser. Omas Tipp: Ein Teelöffel Zucker verfeinert jede Marinade und außerdem, Zucker hab ich ja auch gekauft.
Die Marinade gebe ich über das Gemenge aus Kartoffeln und die anderen Zutaten, ja und den überschüssigen Teil in den Ausguss. Jetzt wird die ganze Angelegenheit noch vorsichtig verrührt und eine neue Verkostung vorgenommen. Ganz nach Geschmack kann nun schnell noch eine Gurke oder ein Stück Wurst zugegeben werden oder vielleicht auch ein Kullerchen Rote Beete.
Phase zwei ist abgeschlossen, die Riesenschüssel fertigen Kartoffelsalats kommt luftdicht abgedeckt in den Kühlschrank – eine einfache Übung, Platz ist ja genug.

Und jetzt schlagen die Nachteile des Singledaseins wieder voll zu. Keiner ist da, den ganzen Dreck und das Chaos in der Küche zu beseitigen und die liebe Oma will ich darum wirklich nicht bitten, sie hat mir ja schon ihr Geheimrezept verraten. Aber da ist ja noch etwas Wein in der Flasche und außerdem bin ich es gewohnt, auch unangenehme Dinge zu Ende zu bringen. Nach einer weiteren Stunde, es ist längst der frühe Samstagnachmittag, sind dann endlich die Spuren meines Tuns in der Küche beseitigt und mein nun leider, aber absehbar bekleckertes Hauskleid befindet sich in der Wäsche. Ich bin zufrieden, ein wenig angetrunken, hundemüde und habe eigentlich gar keinen Appetit mehr auf Kartoffelsalat. Doch diese Schlacht habe ich wieder mal gewonnen. Das macht stark für weitere Vorhaben und gelobt werde ich für den Salat bestimmt – er ist wieder mal einmalig, eben ein echtes Unikat......

Na, habt Ihr den Mut diese Leistung nachzuahmen? Sagt bitte hinterher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt! Ja, ich weiß, Bio’s Kochkurse sind weit exquisiter und mit Omas „Kartoffelsalat“ allein werde ich wohl ewig Single sein. Doch in Anbetracht der ungezählten Büchsen und Tüten meiner alltäglichen Küche fühle ich mich nach einer solchen Leistung wie ein seltener Gourmet. Und außerdem kann ich ja noch viel mehr kochen, einen vorzüglichen Goulasch zum Beispiel. Doch diese Geschichte will ich Euch ersparen.......

Das war sie nun, die etwas andere Wochenmail, eigentlich ganz wenig Trans. Oder vielleicht doch? Schreibt mir, wenn es unerträglich war und sagt es weiter, wenn es unterhaltsam war.

Viele liebe Grüße
Sabine B.