Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

es hat mal wieder einen Tag länger gedauert, aber besser ist die Wochenmail heute geschrieben, als gar nicht.

So manches mal denke ich, dass eine Woche wohl auch 10 Tage haben könnte, ich würde dann endlich mit meiner ganz persönlichen Wochenplanung zurecht kommen. Ganz besonders schlimm war es in der vergangenen Woche. Um so schöner, dass gerade der Samstag zu einem erheblichen Teil der Erholung diente. Samstagnachmittag war ein ausführlicher Saunagang mit Freunden angesagt, am Abend hat man sich dazu in trauter Runde zu einem vorzüglichen Abendessen getroffen und sich die Zeit bis zum Beginn des Geburtstages einer lieben Freundin mit angenehmen Gesprächen vertrieben. Wie in meinem engeren Freundeskreis längst üblich, habe ich keine Minute darüber nachgedacht, welches Outfit ich für die gemeinsame Zeit wähle, einfach nur in mich reingeschaut und mich aus den unterschiedlichsten Gründen für das am wenigsten aufwändige männliche Erscheinungsbild entschieden. Zu anderen Gelegenheiten treffen mich meine Freunde bei mir zu Hause auch schon mal im einfachen Hauskleid, gar nicht farblich gestylt an - insgesamt sehr wenig den üblichen weiblichen Bekleidungskonventionen gehorchend. Ich kleide und bewege mich in diesem Kreis zumeist ganz, wie ich mich gerade fühle und gehe selbstverständlich davon aus, dass ich so akzeptiert und genommen werde, wie ich bin. Im Allgemeinen ist das wohl auch so. Im Allgemeinen. Und im Besonderen?

Eine wirklich hochinteressante Diskussion in eben der vergangenen Samstagnacht zwingt mich zu einer wohl differenzierteren Betrachtung. Die Frage der äußeren Erscheinung hat nämlich zwei Seiten. Die erste Seite bezieht sich auf mein zumeist ausgewogenes eigenes Selbstverständnis als komplexe Persönlichkeit - ich bin so und ich drücke mich so aus. Ich habe lange genug um diese Einstellung gerungen. Doch das allein ist eine Innenbeziehung, eine Beziehung zu mir selbst. Ihr ahnt es sicher schon, die zweite Seite ist die Außenbeziehung - hier die Wirkung und Erwartung meiner Umwelt. Ich will an dieser Stelle (aus gutem Grund) den Bezug zu meiner eigenen Person verlassen. Ich gehe davon aus, dass es unter uns (wie auch immer gearteten) Transgender-Freunden auch in der Außenwirkung grundsätzlich gleichgültig ist, wie wer erscheint. Gerade unter dem Gesichtspunkt der freundschaftlichen Beziehungen haben wir ein Trans-unabhängiges Interesse füreinander entwickelt und natürlich ein sicheres Verständnis für die unterschiedlichen Gefühlslagen. Das geht, weil wir uns irgendwo doch sehr ähnlich sind. Bisher nicht bewusst war mir, dass beispielsweise Partnerinnen von Transgendern mit der äußeren Erschienung ihres Partners auch eine eigene "gefühlsmäßige Einstellung" verbinden und das ganz unabhängig davon, wie sehr sie gerade diese Seite an ihrem Partner mögen. Und es geht hierbei primär nicht um die von mir gelegentlich befürchtete Trennung der Persönlichkeiten des Trans, vielmehr um die Einstellung auf einen der Poole seiner Ausdrucksweise. Denn mit dem Wechsel hin zum weiblicheren Pool ist häufig auch eine mehr oder weniger deutliche Veränderung der Verhaltensweisen verbunden oder wird zumindest im Ansatz erwartet. Das nachzuvollziehen fällt mir relativ schwer, na klar ich kenne diese Situation nicht aus eigenem Erleben. Ich will das mal für mich und für das bessere Verständnis konstruieren: Ich lebe mit einer Frau zusammen, die ich mag, wie sie ist. Sie hat unterschiedliche Ambitionen ihrer eigenen äußeren Ausdrucksweise. Zum einen ist sie "normal" weiblich, hat vielleicht dabei einige androgyne Züge. Auf der anderen Seite kleidet sie sich gern komplett, wie ein Mann, meint es wirklich ernst damit und will so auch von mir akzeptiert sein. Würde ich mich nicht auch auf die unterschiedlichsten Erscheinungsbilder einstellen, in meinem eigenen Verhalten und auch in meinen Erwartungen an ihr Verhalten? Jetzt muss ich erst einmal die Augen schließen und Ihr tut es mir hoffentlich nach......

Ergebnis: Um ehrlich zu sein, selbst unter dem Gesichtspunkt, dass ich ja selbst über genau solche Ambitionen verfüge, ja, es gäbe einen Unterschied in meinem Verhalten und meinen Erwartungen. Nehmen wir dazu mal an, dass ich beide Seiten an ihr mag. Was wäre, wenn die eine Ausdrucksweise von ihr plötzlich negiert (oder nur weitgehend abgestellt) und die andere Ausdrucksweise nur noch allein (oder rudimentär) präsent wäre? Mir würde etwas fehlen an ihr, denn es ist die Gesamtkomposition, die ich zu lieben gelernt habe und ich bräuchte sicher eine Zeit der Neuorientierung mit vielleicht sogar ungewissem Ausgang für unsere Beziehung. So habe ich das wirklich noch nicht gesehen.

Zurück zum ganz "normalen" Trans. Viele kennen sicher die Situation, in die man (frau) kommt, wenn sie sich dann endlich entschlossen hat dem "inneren Ruf" zu folgen und eben die alternative Ausdrucksweise zuzulassen. Vorbei die Zeiten in denen nur mal gelegentlich das eine oder andere Kleidungsstück verschämt und heimlich getragen wurde. Vielleicht sogar vorbei die Heimlichkeit in der Partnerschaft. Das "wirkliche Leben" hat begonnen. Endlich befreit! Wie im Rausch werden die Kleiderschränke und Kommoden gefüllt mit all den Dingen, die frau schon längst besitzen wollte, häufig aber nicht wirklich dauerhaft gebrauchen kann. Keine Gelegenheit wird ausgelassen sich im "schon immer" gewollten Outfit zu präsentieren. Es gibt immer wieder neue Möglichkeiten der eigenen "Gestaltung" und neue Gelegenheiten der Präsentation. Eine unvergessliche, intensive und wunderbare Zeit! Wie im Zeitraffer durchläuft Trans eine wirklich zweite Pubertät. So manche Entwicklung der man nachgeht stellt sich als untauglich heraus und vermeintlich Taugliches bleibt. Der Regelfall: Irgendwann verlangsamt sich die Entwicklung, gibt es weniger Neues zu entdecken und so manchen verlässt die Kraft noch immer weiter zu stürmen. Die Zeit des schnellen Findens ist vorbei, gelegentlich setzt Ernüchterung ein. Ich meine, das ist ein "normaler" Prozess. Jetzt erst entscheidet sich, wie sehr trans unser "Trans" wirklich ist, jetzt erst ist er (sie) wirklich in der Lage ein dauerhaftes Selbstverständnis zu entwickeln, sich auf die wirklich nachhaltigen Bedürfnisse einzustellen. Doch auch das ist wieder nur das "Innenverhältnis", da gibt's ja häufig noch die Beziehung zu dem Menschen, den Trans ganz besonders mag - die wohl wichtigste Außenbeziehung. Stellen wir uns auch hier mal ein Modell vor: Die geborene Sie begleitet ihren Partner über all die Stationen der Pubertät und des Findens. Setzen wir den Idealfall voraus, dass sie die stürmische Entwicklung begrüßt, dann setzt spätestens am Ende der erdachten Pubertät unseres "Trans" auch bei ihr eine gewisse Ernüchterung ein. Idealer Weise haben sich ihre Erwartungen und Ansprüche ebenfalls abgeklärt. Doch was, wenn nicht? Eine Menge Kommunikation zwischen den Partnern ist nötig.

Der andere Fall, sie begleitet diese Pubertät mit Besorgnis, will die zuvor geliebte männliche Seite nicht missen und hat Angst, dass sie für immer verloren geht. Sie hat es mit Sicherheit sehr schwer, Probleme in der Beziehung sind vorprogrammiert und auch hier ist eine Menge Kommunikation nötig. Doch dann kommt zum Glück die Phase der Ernüchterung, und Einstellung auf nachhaltige Bedürfnisse. Jede weitere Entwicklung vollzieht sich für sie nachvollziehbar. Sie hat das Schlimmste überstanden, doch ein kleiner Rest der Sorgen bleibt.

Warum erzähle ich das alles? Mir wurde im Nachgang der langen Diskussion der letzten Samstagnacht mal wieder deutlich, dass es eben nicht allein unsere Sache ist, wann wir uns wie und in welchem Ausmaß geben. Als Wesen mit ganz konkreten gesellschaftlichen und damit natürlich persönlichen Beziehungen können wir es nicht bei der alleinigen Präsentation unseres Bildes belassen, sondern sollten uns auch bewusst sein, dass dieses Bild, auch und gerade wenn es angenommen wird, ganz besondere Emotionen und Erwartungen bei unserem Gegenüber erzeugt, die es zu verstehen gilt. Und weil uns diese Menschen lieb sind, sollten wir diese Gefühle allemal achten.

Ich habe mich heute mal wieder sehr gemüht und hoffe, dass Ihr mich verstanden habt. Mir liegt schon sehr daran....

Bis zur nächsten Woche
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Dazu eine Zuschrift von Andrea vom 25.2.2002:

Liebste Sabine! Lieber Bernd!

Trefflich, trefflich! Eine Situationsbeschreibung, in der sich einige von uns befinden dürften oder einige schon erleben durften. Wir haben ja schon darüber kurz gesprochen und unsere Meinungen dazu ausgetauscht.
Dennoch möchte ich es nicht versäumen, mich schriftlich dazu zu äußern. Wer mich kennt, weiß dass ich latent zum schwafeln und weit ausholen neige. Ich werde dennoch versuchen, mich kurz zu fassen. Nehmen wir an, ich habe eine Freundin. Und nehmen wir weiter an, das sie ein sehr, sehr selbstbewusster Mensch ist und neben ihrem intelligenten Humor und einer gewaltigen Portion Elan auch noch das gewisse Händchen hat, sich "rattenscharf" zu kleiden. Und nun nehmen wir noch an, dass genau diese Eigenschaften es waren, die mich an ihr schon immer fasziniert haben - mich geradezu magisch in ihre Arme getrieben haben. Was wäre, wenn sie mir eines Tages gesteht, dass sie eigentlich gar nicht selbstbewusst ist bzw. sein möchte, eher dazu neigt permanent traurig und ausgebrannt zu sein und sich viel lieber weniger aufgedonnert kleidet? Was wäre wenn sie mir dann auch noch eröffnet, dass sie lieber von mir geführt werden möchte und mit dem Fällen von Entscheidungen am liebsten gar nichts mehr zu tun haben möchte?
Was wäre dann? Sehr wahrscheinlich würde ich mir schon die Frage stellen würde, ob es das ist, was ich gesucht habe. Denn vielleicht waren die an ihr so geschätzten Eigenschaften genau die, die mir fehlten - und meine Hoffnung war, dass wir uns gegenseitig soweit ergänzen, dass ihre vermeintlich positiven Eigenschaften meine Schwachstellen ausfüllen - und umgekehrt. Ich würde mir also die Frage stellen, ob wir uns überhabt einen Gefallen tun, wenn wir beide beim anderen das gleiche suchen - und die Partnerschaft dann überhaupt noch Sinn macht. Vielleicht würde ich aber auch ganz anders reagieren. Vielleicht würde ich alles daran setzen, meine Partnerin so hinzubiegen, wie ich sie mal kennengelernt habe. Vielleicht würde ich auch einfach versuchen es zu ignorieren, um mir die Illusion nicht zu rauben. Und vielleicht würde wir uns auch darauf einigen können, dass sie sich nicht immer so gehen lässt. In jedem Fall hätten wir sicher eine ganz gewaltige Krise.
Was ich sagen will, ist eigentlich ziemlich einfach. Es gibt - aus meiner Sicht - keine normierte, vorhersehbare Reaktion auf nicht vorhersehbares Verhalten. Es lässt sich jedoch eine Grundtendenz erahnen. Jede/r von uns begehrt zuerst einmal das, was er sieht - also mit den Augen wahrnehmen kann. Ist dann das Äußere mit dem erwarteten / erhofften Inneren stimmig, und finde ich Gefallen daran, bin ich auch bereit, mich auf diesen Menschen näher einzulassen - mich ihm zu öffnen. Stellt sich dann nach einiger Zeit heraus, dass ich mich - vielleicht sogar ganz gewaltig - geirrt habe, ich den anderen eben doch nicht zu kennen scheine, muss ich meine Position zum Anderen völlig neu überdenken. Und dazu gehört sicher auch, ob ich mich auf diese neue Situation überhaupt einlassen kann; d.h. ich mein eigenes Selbstverständnis mit dem meines Partners dennoch bzw. trotzdem in Einklang bringen kann.
Aus meiner Sicht hat das weniger mit dem Thema Trans, als vielmehr mit dem Thema Partnerschaft grundsätzlich zu tun. Es berührt ganz elementare, unabdingbare Bestandteile einer Partnerschaft, wie z.B. Vertrauen, Geborgenheit, Verstehen, Identifikation, Begehren. Das gesamte Grundgerüst des partnerschaftlichen Miteinanders eben. Wird dieses erschüttert, kommt es eben darauf an, wie und ob ich damit umgehen kann / will. Die Palette möglicher Reaktionen hängt aus meiner Sicht davon ab, ob es beiden gelingt, die Prioritäten neu zu definieren; was aber - aus der Natur der Sache heraus (jeder ist eben auch höchst individuell) - im Ergebnis nur sehr, sehr bedingt übertragbar ist.
Um zum Thema Trans zurückzukehren möchte ich betonen, dass ich schon mehrfach Frauen kennengelernt haben, die mit Trans nicht nur kein Problem haben, sondern es als äußerst anregend und ansprechend empfinden. Diese machen im Umgang mit dem Partner keine Unterschiede - müssen also grundsätzlich auch keine geistige Metamorphose durchmachen, um sich auf ihren Schatzi einzustellen; wobei Ausnahmen nicht auszuschließen sind.
Mit den allerbesten Grüßen
Andrea(s)