Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

eigentlich wollte ich mich in dieser Woche vor der Wochenmail drücken, hab mich aber nun doch entschlossen, wenigstens ein paar Zeilen zu schreiben. Sicher nichts Aufregendes und schon gar nicht tiefsinnig, mir ist heute nicht danach.

.... es ist die Zeit der Geburtstage, nicht nur im Freundeskreis, auch in der Familie hat so fast jede Woche irgendjemand Geburtstag. Und so gibt’s an den Wochenenden zwischen Ende Februar bis in den April hinein mindestens zehn dieser Ereignisse. So auch gestern eine Freundin, der ich wegen ihrer wirklich jungen Jahre eher väterlich (mütterlich?) verbunden bin. In trautem, kleinen Kreis wurde das Ereignis in ganz besonderer Weise begangen. Sie hatte sich für diesen Abend einen Ausflug in die Berliner Fetisch-Szene, in den KitKatClub, erbeten. Nun, mit dem in diesem Fall nicht ethnologisch definierten Fetischbegriff kann ich wohl etwas anfangen, war zudem in dieser Sache lange nicht unterwegs und konnte so die Gelegenheit mal wieder beim Schopf fassen.
Es war wirklich ein Glück, dass wir uns für diesen Abend erst kurz vor Mitternacht verabredet hatten, ich habe lange nicht so nachhaltig in meinem Kleiderschrank gewühlt und eben so viele Möglichkeiten des „frivolen“ Outfits verworfen, wie ausprobiert. Es ist ein Kreuz! Das vor gut eineinhalb Jahren für solche Gelegenheiten angeschaffte Lackkleid saß auf meinem Körper, wie eine Wurstpelle. Jede Bewegung war mit der Angst verbunden, dass das geliebte Kleid mit einem lauten Knall in Tausend Fetzen durch die Wohnung fliegt. An eine sitzende Körperhaltung war schon gar nicht zu denken. Der schon zu anderer Gelegenheit erfolgreich präsentierte „hautenge“ Samtbody reduzierte meinen ohnehin nicht gerade üppigen Silikonbusen auf die Körbchengröße AAA (ich hätte dann auch darauf verzichten können) und verursachte zudem erhebliche Schmerzen an der Stelle, die ich an mir als einzig nachhaltig männlich definiere. Allein die Angst vor bleibenden körperlichen Schäden verbot alle weiteren Experimente mit diesem Teil.
Das wird sie wohl sein, die Intelligenz der Materie! Ich definiere diesen Teil jener Intelligenz als das Negative Konfektionszeitgesetz: „Die tatsächliche Konfektionsgröße eines Kleidungsstückes verhält sich umgekehrt proportional zu der Zeit in der das Kleidungsstück nicht getragen wurde“. Das Positive Konfektionszeitgesetz lässt sich leicht daraus ableiten. Verallgemeinert könnte das Allgemeine Konfektionszeitgesetz lauten: „Kein Kleidungsstück passt wirklich über längere Zeit“. Und genau das musste ich mal wieder schmerzlich erfahren. Ich befürchte nur, dass die einschlägige Bekleidungsindustrie diese Gesetzmäßigkeiten längst erkannt, aber bisher aus gutem Grund verschwiegen hat und habe jede Hoffnung auf die Aufnahme in die Ruhmeshalle der Entdecker wichtiger Gesetzmäßigkeiten oder gar den Nobel-Preis längst aufgegeben.
Und doch hat mich dann ein „knackiger“ Lackrock, den ich schon längst abgeschrieben habe, gerettet – wegen seiner raffinierten Schürungen konnte das Konfektionszeitgesetz gerade noch einmal überlistet werden und die Strumpfränder meiner schwarzen Nylons waren optimal platziert. Dazu gab’s dann noch ein schwarzes Top und „fertig war der Lack“ – ich war vorbereitet. Vorbereitet worauf?
Ich will es kurz machen, weil, eigentlich wollte ich mich ja nur kurz bei Euch melden. Das „KitKat“ ist mir aus vergangenen Besuchen (wohl in anderer Location) durchaus bekannt. Die angenehme Seite der Erinnerung bezieht sich auf die wirklich lockere Atmosphäre und den selbstverständlichen Umgang mit den ganz persönlichen sexuellen Präferenzen. Damit kann ich gut leben, denn auch ich habe eine (wenn auch gemäßigte) exhibitionistische Ader. Dazu stehe ich, als regelmäßigen Besucher der „Low-Parade“, der Techno-Musik nicht gerade abgeneigt gegenüber. Doch was ich erlebt habe, hat die Möglichkeiten meiner Vorstellungskraft bei weitem überschritten. Wo sind sie hin, die Zeiten, in denen der DJ die Top 50 aus dem Kopf hersagen konnte und mit unfehlbarem Griff die richtige Platte zur Hand hatte? Und wo sind sie hin, die Zeiten, in denen die Diskotheken ein Ort der Begegnungen und des Kennenlernens waren? Selbst wenn mir in diesem Laden die „absolute Traumfrau“ über den Weg gelaufen wäre, ich hätte keine Chance gehabt, auch nur Hallo zu sagen, sie hätte alles andere (vermutlich nichts gutes) vermutet. Meine Begleitung hat mir zudem mehrfach (leider wenig glaubhaft) recht lautstark vermittelt, dass der CD-Player wohl doch in Ordnung sei, das ist die angesagte Musik in diesen Kreisen. Gewundert hat mich schon, dass sich die Masse der Gäste offensichtlich amüsiert hat und richtig gut drauf war. Es musste wohl an mir liegen, dass ich nicht richtig in Stimmung kam. Einzig mögliche Schlussfolgerung: „Mit meinen fast 50 Jahren bin ich zu alt für diesen Scheiß“. Und mit genau diesen Worten habe ich die Veranstaltung nach gut zweieinhalb Stunden verlassen. Rechtzeitig genug, denn der Druck auf der Brust und in den Ohren hatte in der Tat schon nach gut 30 Minuten wohltuend nachgelassen. Ich hatte das Gefühl, noch einmal glücklich einem Mordanschlag entkommen zu sein. Nein, so etwas brauche ich nicht wirklich! Und so habe ich wieder etwas dazu gelernt.
Ich bin nicht gram um diesen Abend, konnte ich doch mal wieder eine nicht gerade häufig bediente Seite meines eigenen Ichs rauslassen und weiß nun, dass dies der falsche Ort dafür ist. Kleiner Bonus am Rande: Ich war noch rechtzeitig zum nächtlichen Start der diesjährigen Formel 1 vorm heimischen Fernseher (die wirklich einzige Fernsehsendung, die ich mir regelmäßig gönne) und konnte die zwischenzeitlich heftig kneifenden „Lackstrapse“ gegen bequemere Exemplare austauschen. So hatte ich dann doch noch eine insgesamt, den Umständen entsprechende, angenehme Samstagnacht. Und wer kann das schon so vorbehaltlos von sich sagen.....

Ja, heute hab ich einfach mal nur geplauscht, wollte mich eigentlich längst zu einem kleinen Mittagschläfchen, zur Aufholung der Schlafdefizite zurückziehen. Nun, das kann ich ja immer noch.
Seid also alle bis zur nächsten Woche ganz lieb gegrüßt
Eure
Sabine B.

Nachsatz (weil er in den Text nicht reingepasst hat):
Die Frühlingsparty der TransSisters findet am 13. April diesen Jahres, an bekannter Stelle, im „Knemo“, ab 20 Uhr, in der Berliner Knesebeckstraße statt. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Ich würde mich wirklich freuen, wenn auch Ihr dabei sein könntet.....