Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

ich hab mir mal wieder eine ganze Woche Auszeit von der Wochenmail gegönnt, wollte eigentlich schon in der vergangenen Woche schreiben, was mir schon seit einiger Zeit auf den Lippen (nein, besser Fingern) liegt, doch dann ist es aus den unterschiedlichsten Gründen doch nicht dazu gekommen. Wie auch immer, hier bin ich wieder.
Noch immer ist Geburtstagszeit, dazu noch einige Jubiläen im privaten und geschäftlichen Bereich, ich sehne schon den April herbei, dann ist für wenigstens 2 Monate Ruhe. Oh, nicht, dass mir solche Anlässe lästig sind, doch wenn sie die Wochenplanung über Monate hinweg bestimmen, hat man (und auch frau) vom feiern in der üblichen "Friede-Freude-Eierkuchen-Atmosphäre" irgendwann genug. Und doch ist so manches High light darunter, so der "runde" Geburtstag (welcher sag ich nicht) der auch Euch sicher, wegen ihrer manchmal recht "ausführlichen Texte", gut bekannten Andrea in der vergangenen Woche, zu dem sich eine wirklich bunte Gesellschaft eingefunden hat. Die nächste Etappe war für mich ein geschäftliches Firmenjubiläum am vergangenen Freitag, auf dem ich von Kollegen und auch nur flüchtig Bekannten noch einmal anerkennend auf den "Mona Lisa Beitrag" angesprochen wurde. Selbst verwundert oder nicht, der Beitrag hat wohl doch mehr mir bekannte Menschen erreicht, als ich vermutete. Grundtenor immer: "eine seriöse Berichterstattung, gut dass sie das gemacht haben". Und dann sind wir zum geschäftlichen Alltag übergegangen.
Und genau so habe ich das auch direkt nach dem Beitrag gesehen - zurück zum Alltag, zurück ins wirkliche Leben. Denn klar ist, dass es bei jeglichem Versuch in 8 oder 9 Minuten über einen Transgender zu berichten natürlich nicht möglich ist die gesamte Palette der Zusammenhänge und auch der damit verbundenen Probleme darzustellen. Die mich ein wenig näher kennen, wissen, dass ich lange nicht so sicher, so souverän, so fertig bin, wie dort vermittelt. Ich hatte bisher auch gehofft, dass diese Wochenmail meine innere Zerrissenheit, die Selbstzweifel und die anhaltende Suche nach wirklich lebenswerten Lebenskonzepten ein wenig wiederspiegelt. Und doch wird gelegentlich ein Bild von mir wahrgenommen, das ich so nie gezeichnet und schon gar nicht beabsichtigt habe.
Ich will das, für jeden nachvollziehbar, mal an einigen Beiträgen im Forum der TransSisters-HP (www.Transsisters.de ) deutlich machen. Im Zusammenhang mit einer recht verwirrenden Diskussion zu eben jenem Mona-Lisa-Beitrag ist hier die Rede vom "Käpt'n der Knemosisters" (zu Knemosisters wird es noch einiges zu sagen geben) oder gar "Käpt'n Ahab" (wer ist eigentlich Ahab - ich habe unter diesem Namen nur einen längst vergangenen israelischen König gefunden) und letztere Bezeichnung soll sogar aus meinem näherem Umfeld stammen. An einer anderen Stelle im Forum wird die "Obersquaw nämlich SABINE B" wegen nicht beantworteter Mails gescholten.
Ach ja, Mails. Ich erhalte nicht nur im Zusammenhang mit der Wochenmail immer wieder und fast ausschließlich anerkennende Zuschriften. Ich freue mich sehr darüber, denn letztlich weiß ich mich mit meinen Anschauungen zu einzelnen Themen nicht allein. Doch warum kann ich mit diesen lobenden Worten schlechter umgehen, als mit gelegentlicher harscher Kritik? Nun, vermittelt wird mir auch ein Bild von mir selbst. Ich bin die starke, "erfolgreiche" Transe, die ihr Leben geordnet hat, Anderen Mut macht, auf viele Fragen eine Antwort weiß und sich, wo sie kann auch für unser alternatives Lebensbild engagiert. Dazu ein Zitat: "..Deine Briefe haben etwas  Verbindendes, Gemeinschaft und Zugehörigkeit Etablierendes zumal sie mittels Internet und E-mail überall in der Welt abrufbar sind. Wir Transgender-Menschen, ob Du das so wolltest oder nicht haben in gewisser Weise in Dir ein Sprachrohr gefunden, einen zurückhaltenden, toleranten und gleichzeitig engagierten Beobachter, der die Oberfläche kennt aber auch die dahinter verborgenen Abgründe, Extasen, Leidenschaften und Begabungen -  Lebenslust und Lebensleid, Lieben und Leben der Transgender - Gemeinde in all ihren Schattierungen..."
Bin ich so? Ich hab da meine Zweifel. Und doch gibt es dieses Bild von mir, hab es wohl unbewusst selbst erzeugt. In meiner Mail und wohl auch allgemein im Umgang mit meinen Freunden bin ich konzentriert und rational, lasse Gefühle nur anklingen und habe zumeist einen klaren Blick auf die Dinge, zumindest für die Masse der Leser nachvollziehbar. Der wirkliche Bernd, meinetwegen auch die wirkliche Sabine, ist 1000 mal differenzierter, unsicherer, verletzbarer, unfertiger und hat wohl auch charakterliche Schwächen. Ich meinerseits beneide so manch andere "Transe" um ihre Stärke und Ausgeglichenheit. Doch die Person SabineBernd, die sich in jeglicher Form der Öffentlichkeit präsentiert, ist immer nur der vermeintlich unangreifbare Ausschnitt von ihrem wirklich lebenden Ursprung. Oh nein, ich bin lange nicht "angekommen"! Und ich weiß genau so wenig, wie manch Andere von Euch ob ich überhaupt ankommen werde.....

Jetzt muss ich meine Gedanken erst einmal unterbrechen, denn ich will noch ganz schnell zu einer im wahrsten Sinne des Wortes "kleinen" Geburtstagsfeier (wie soll es anders ein) - Enkel Paul wartet schon auf das vom Opa in Aussicht gestellte Geschenk.... und das hat ganz schön lange gedauert. Ein ganzer Arbeitstag ist inzwischen vergangen und ich will den Gedanken wieder aufnehmen...

.... Ganz, als hätte sie es gewusst schreibt mir Gundula gerade heute zu genau diesem Thema: "...Ja, das ist wohl so - mir ist dieses Gefühl bekannt ..... ganz viele Menschen beschäftigt es, manche und das - scheint die absolute Mehrheit zu sein, haben sich zeitlebens in ihrem von dem Ehepartner oder den anderen  Umwelten einmal akzeptierten Erscheinungsbildern eingerichtet, entwickeln darin Wohlgefühl und Verhaltenssicherheit und stellen (sich) nicht mehr in Frage. Wir werden wohl für den Rest unseres Lebens mit uns selbst beschäftigt bleiben, mit unseren absurden Wünschen, un-verzichtbaren Sehnsüchten, unseren Unsicherheiten, in-Frage-Stellungen, Selbstzweifeln, unserer zeitweiligen Euphorie und unseren Abstürzen...." Ich denke, sie hat recht. Und doch will ich nicht, dass ein Bild von mir entsteht, das mir nicht entspricht. Guter Rat ist in der Tat teuer, denn es ist ja wohl kaum möglich, sich immer und überall wirklich differenziert darzustellen. Nicht eintausend Mails und nicht eintausend gesprochene Stunden reichen dafür aus. Mir gelingt das ja nicht einmal in meinem ganz privaten Umfeld, zumindest nicht in vertretbar kurzer Zeit.
Einen Menschen wirklich kennen lernen kann man nur in gemeinsamen Leben und Erleben. Gibt es dafür keine ausreichende Möglichkeit, weicht das von der Umwelt empfangene (oder meinetwegen auch nur erdachte) Bild immer, mehr oder weniger von der Wirklichkeit ab. Und um Gundula zu folgen, eher mehr, wenn es sich um so komplizierte (vielleicht auch introvertierte) Menschen, wie Transgender handelt.
Und damit bin ich bei den "Knemosisters", gemeint sind die Leute, die sich einfach mal als "Die TransSisters" bezeichnen und so gelegentlich auch öffentlich als Gruppe auftreten. Obwohl ich hier ganz gern auch mal über die "Stänkerer" herfallen würde (macht Euch besser selbst ein Bild - nachzulesen im Forum auf der HP der Transsisters) bleibt ein Bild übrig, das von uns entsteht, bei Leuten, die uns nur oberflächlich kennen, bzw. (wie in einem ganz hartnäckigen Fall) nicht wirklich kennen lernen wollen. Da werden die monatlichen Treffen (das nächste findet übrigens am 29.3 statt) als dröge und konzeptionslos abqualifiziert und die TransSisters nur im Rahmen der regelmäßigen Partys (auch hier findet die nächste am 13.4. statt) oder als regelmäßige BesucherInnen des "Knemo" registriert. Ich sehe mal davon ab, dass die monatlichen Treffen und auch die halbjährlichen öffentlichen Partys noch immer sehr stark frequentiert werden und ich gebe zudem gern zu, dass ein nicht unerheblicher Teil von uns eben wirklich gern in besagtem Knemo den Abend beschließt, ganz in der Gewissheit, dort auf bekannte und gern gesehene Gesichter zu treffen. Doch das ist eben nur ein ganz kleiner Ausschnitt der TransSisters, der Öffentliche. Dazu, weniger öffentlich, gibt es viel "gemeinsames Leben und Erleben". Hier ein Kinobesuch oder ein Konzert, dort ganz unverfängliche und kaum Trans-thematisierte Freizeitgestaltung, viele unspektakuläre Treffen und Kontakte - mehr oder weniger feste Freundschaften sind entstanden. Man (frau) kennt sich und geht ganz alltäglich miteinander um. Das Gebilde TransSisters ist schon lange nicht mehr die "Showtruppe", die jede neue Bar erstürmt und der Öffentlichkeit um jeden Preis bedarf. TransSisters ist nach meinem Verständnis ein Freundeskreis von Transgendern und ihren Freunden.
Die Monatstreffen haben vor allem das Ziel andere Menschen kennen zu lernen, anderen Transgendern eine "seriöse" Kontaktmöglichkeit zu bieten und natürlich öffentlich "Flagge" zu zeigen. Ich selbst habe hier schon Leute kennen gelernt, mit denen ich inzwischen in regelmäßiger Verbindung stehe. Die Partys sind zuerst unsere Partys und sie sind öffentlich, weil wir auch hier "Flagge" zeigen und gern mit Leuten zusammen sind, die so sind wie wir, oder sich wenigstens dafür interessieren. Ja und dass wir recht oft im Knemo gesichtet werden, liegt wohl auch daran, dass diejenigen, die uns sichten, ebenfalls häufiger dort sind. Irgendwo ran muss es ja liegen.
Es ist also wieder mal ein Bild, das von uns entsteht (oder auch mutwillig - böswillig? - gezeichnet wird) und es löst sich nur auf durch gemeinsames Leben und Erleben, ein besseres Kennenlernen. Besseres Kennenlernen nicht ganz allgemein, im Sinne von "hier bin ich und lerne euch jetzt kennen". Dazu gehört nach meiner Einsicht ein persönlicher Kontakt, eine persönliche Beziehung. Die Anzahl und Qualität dieser Beziehungen hat für jeden von uns ganz persönliche (und bei allem guten Willen auch natürliche) Grenzen. So hat jeder von uns ganz eigene Beziehungen und in der Summe sind wir die TransSisters. Gelegentlich mit einem Außenbild das mir nicht ganz behagt und deshalb hier mal etwas ausführlicher in seiner derzeitigen Struktur beschrieben.
Wer uns also wirklich kennen lernen will, der sollte schon mal auf einem der Monatstreffen vorbei schauen oder bei unserer nächsten Party am 13.4. (übrigens in besagtem Knemo) mit uns feiern. Wirklich gern gesehen sind auch die, die uns immer nur dort treffen. Vielleicht kommen wir ja mal in ein wirklich ernsthaftes Gespräch und vielleicht entsteht daraus die eine oder andere tiefere Freundschaft. Es könnte ja sein.....

Das war sie nun, die inzwischen 124. Wochenmail. In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich fast wöchentlich Beschauliches, Bedenkliches und manchmal auch Lustiges von mir selbst und über meine Umwelt berichtet mich um einen Schuss Selbstironie, einen klaren Blick und vor allem Ehrlichkeit bemüht. Bei meinen Betrachtungen habe ich kaum ein Thema ausgelassen, manches mit zeitlichem Abstand völlig anders bewertet und gelegentlich wenig Einsicht in die besseren Argumente gezeigt. Es war ganz allein meine Wochenmail.
Etliche, von den heute fast 150 regelmäßigen Leserinnen und Lesern haben mich dabei begleitet, mich ermuntert und gelobt, nur wenige hatten harsche Kritik. Ich habe, mit gelegentlich Eurer Hilfe, ein Bild von meiner Welt gezeichnet und wie oben erwähnt auch ein Bild von mir hinterlassen. Diese Wochenmail war für mich immer auch Selbstzweck, eigene Reflektion und eigene Motivation. Schön dazu, wenn dieser Funke auch auf die eine oder andere von Euch übergesprungen ist, die Arbeit hat sich damit doppelt gelohnt.
Und doch hab ich mich in den letzten Monaten damit gelegentlich sehr schwer getan. Zu kompliziert sind inzwischen die Gedanken, die mich bewegen, zu sehr habe ich einen Stil gepflegt, der nicht immer meiner wirklichen Verfassung entsprach und habe gelegentlich auch Erwartungen an das Bild von mir bedient. Und weil ich mir und Euch gegenüber weiter ehrlich bleiben will, werde ich diese „Postille“ in dieser Form wohl einstellen.
Damit ist natürlich nicht gesagt, dass ich mich überhaupt nicht mehr bei Euch melden werde. Doch es wird wohl einige Zeit vergehen bis dieses seit geraumer Zeit anhaltende Gefühl des „Ausgebrannt -Seins“ verflogen ist und ich ein neues für mich tragbares Konzept für diese Mail gefunden habe. Es kann sich also unter Umständen für Euch lohnen, weiter im Verteiler zu bleiben, ich bin da grundsätzlich guter Hoffnung....

Zum Schluss bedanke ich mich für Eure Geduld mit mir, für Euren Zuspruch und die gelegentliche wirklich wohltuende Zuwendung. Ich wünsche jedem Einzelnen von Euch genau das Glück, das wir alle suchen.....

Viele liebe Grüße
Sabine B.