Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... es hat eine ganze Weile gedauert, doch heute wieder ein paar Zeilen von mir. Zunächst erst mal vielen Dank für Eure Zuschriften und guten Wünsche - einen erheblichen Teil davon habe ich ja beantwortet.
Wie ist es mir ergangen, in den letzten Wochen? Nun, insgesamt ganz gut. Ich habe viel gearbeitet - manchmal auch gefaulenzt, mich mit Freunden getroffen - besonders die mir wichtig sind, viel geredet und nachgedacht - dabei allerhand neue Einsichten gewonnen, die Sabine ausgeführt - weniger exzessiv, mehr qualitativ und ich habe die Sonntage genossen - ganz ohne Zeitdruck und quälende Fragen, ob ich denn in der Wochenmail für alles die richtigen Formulierungen getroffen habe. Und doch hat mir diese Mail gefehlt, genau so, wie manchem von Euch. Gelegentlich erhielt ich nachfragende Zuschriften oder wurde angesprochen, ob und wie dieses "einzigartige" Projekt denn nun weiter geht und hatte bis vor einigen Tagen keine wirklich gute Lösung.

Wie so oft kommen die besten Ideen ganz zufällig und dann gleich von mehreren Seiten. Wenn wir uns alle in den letzten zwei Jahren in irgend einer Weise an die Wochenmail und die manchmal heftigen Diskussionen gewöhnt und daraus neue Einsichten gewonnen haben, dann liegt es eigentlich nahe, dabei zu bleiben. Und ich gehe mal davon aus, dass es nicht nur die Faulheit des Einzelnen war, dass sich in den letzten Monaten nicht ein einziger "Stammleser" aus dem Verteiler abgemeldet hat. Das wäre ja auch schade, denn so mancher Beitrag hat meine und sicher auch Eure Gedanken erst wirklich abgerundet. Und genau hier liegt die Lösung und die große Chance für die Wochenmail. Warum schreibt Ihr nicht alle mit an dieser Mail? Ich stelle mir vor, dass ganz wer mag und auch wirklich etwas mitzuteilen hat sich hinsetzt, seine Gedanken formuliert und diese dann als Wochenmail veröffentlicht. Auf diese Weise entsteht ein viel bunteres und vielschichtigeres Forum zum Transgenderalltag, es können sich ausführliche Diskussionen entspinnen und wer nicht schreiben mag, liest halt nur was andere denken.
Nun könnte man (frau) ja meinen, dass es schon genügend Foren im Internet gibt, so ja auch auf der HP der TransSisters. Sicher, so manche Beiträge in diesem Forum sind wirklich lesenswert, genau so, wie die dazu gehörigen Erwiderungen. Doch das ist hier nicht gemeint. Ich denke hier mehr an ausführlichere Beiträge, ganz im Stil der bisherigen Mail und den vielen interessanten Zuschriften - es soll ein wirklich intensiver Gedankenaustausch entstehen, ganz frei von schnell formulierten Bemerkungen und all den Sonderzeichen, die die Tastatur hergibt und die doch kaum jemand richtig interpretiert. Es soll eine sogenannte "moderierte Mailingliste" entstehen, die den Ansprüchen und dem Stil der bisherigen Wochenmail und der dazugehörigen Diskussion entspricht. Um das gewohnte Niveau auch wirklich zu halten, habe ich auch ein paar Ideen für die Spielregeln, die in etwa so lauten könnten:
Jeder Teilnehmer darf (und soll) eigene Beiträge schreiben und sendet sie, wie gewohnt an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. In der Regel handelt es sich um eigene Erlebnissee und Gedanken zum Thema "Trans" mit einem Mindestmass an Ausführlichkeit. Die Beiträge werden von mir gesammelt, gesichtet und sortiert und dann, wie gewohnt wöchentlich in der Wochenmail versandt. Ich gehe davon aus, dass sich die unterschiedlichen thematischen Ansätze ganz von selbst sortieren und wenn nicht, kann ich ja gelegentlich etwas nachhelfen. Und natürlich werde auch ich mich weiter mit eigenen Beiträgen am Geschehen beteiligen. Ich denke, wir sind uns einig, dass wir diese Mailingliste weiter von vordergründiger Werbung und platten Sprüchen freihalten.
Schauen wir doch mal, wie das funktioniert – ich bin da eigentlich ganz optimistisch.

Ich bin wieder da und hoffe also auf viele interessante Beiträge in unserer „Neuen Wochenmail“
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Zuschrift von Andrea(s) am 19.5.2002
Irgendwas ist immer!
"Melde Dich, wenn Du nicht mehr Frau sein willst!" Mit diesen Worten wurde unter eine langjährige Beziehung der Schlussstrich gezogen. Dabei hatten beide vier Jahre lang, mal gemeinsam, meist aber jeder für sich versucht, mit dem Thema Trans irgendwie klar zu kommen. Vier Jahre der Sprachlosigkeit, des Streitens, der Tränen, der Schuldzuweisungen und Ohnmachtgefühle, die auf beiden Seiten tiefe Wunden rissen. Aber auch vier Jahre des Bemühens und der Sorge um den jeweils anderen. Eine sehr lange Zeit, innerhalb derer beide versuchten, irgendwie einen Weg zu finden, die Positionen des jeweils anderen zu akzeptieren, ohne das eigene Selbstverständnis zu vernachlässigen. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den anderen um nichts in der Welt verlieren zu wollen, und dem Gefühl, sich genau dabei selbst zu verlieren, kamen beide nach vier Jahren zu dem Schluss, dass es einen Weg zu einem "Wir" objektiv nicht zu geben scheint.

Man kann sich sicher lange darüber streiten, wo denn nun das Quäntchen Schuld zu suchen ist, dass für dieses Ergebnis ausschlaggebend war. Und es dürfte auch müßig sein, da beide - aus der jeweils eigenen Position heraus - sicher Recht haben. Aber am Ergebnis, dass am Ende nämlich beide verlieren, ändert das nichts. Sicher; eine Geschichte, die sich in der Summe tagtäglich gescheiterter Beziehungen fast bedeutungslos ausnimmt. Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht. Streng rational sicher richtig. Und dennoch: während der Kopf es versteht, rebelliert der Bauch, weil es für beide Betroffenen trotzdem wie ein kleiner Tod ist. "Melde Dich, wenn Du nicht mehr Frau sein willst!" Worte, die einem finalen Rettungsschuss gleich alle Hoffnung zerstören; gleichermaßen aber auch den Wunsch zum Ausdruck bringen, vielleicht irgendwann doch den Weg für ein "Wir" zu finden. Und weil beide nicht wissen , wie das dann aussehen könnte, einigt man sich darauf, sich auf jeden Fall nicht aus den Augen zu verlieren. Es könnte ja immerhin sein, dass ....... . Und wenn nicht, dann sollte es doch möglich sein, wenigstens freundschaftlich verbunden zu bleiben. Vor allem deshalb, weil es bei allem, was die beiden trennt, sehr viel gibt, das beide eint und sie sich gerade deswegen nicht gänzlich verlieren wollen, weil das noch sehr viel schlimmer wäre.

"Melde Dich, wenn Du nicht mehr Frau sein willst!" hallt es immer wieder in meinem Kopf. Unwillkürlich stellen sich mir dabei genau die Fragen, die mich seit so langer Zeit beschäftigen und deren Antwort ich bis heute nicht zu finden in der Lage war. Wo will ich hin? Was will ich sein? Will ich ganz, oder doch lieber nur ein bisschen Frau sein. Bin ich ein Mann, der (ab und zu?) auch Frau ist? Geht so was überhaupt? Oder bin ich eigentlich doch mehr Frau, als ich mir zuzugestehen traue. Eine Frau, die sich aus diffusen Ängsten heraus hinter der Fassade eines Mannes versteckt? Und bei all diesen Fragen ertappe ich mich wieder einmal dabei, dass ich mich auf die rettende Insel zurückziehe, die da heißt: Zuerst einmal bin ich Mensch. Ein Mensch mit Sehnsüchten und Hoffnungen. Gefühlen also, die grundsätzlich jeder hat. Mit dem feinen Unterschied aber, dass es für mein Empfinden keinen richtigen Namen, kein Muster und keine Schablone zu geben scheint, wofür ich aber nicht verantwortlich gemacht werden kann. Denn was kann ich dafür, dass "die Gesellschaft" für mich keinen Raum vorsieht. Und schon habe ich - wieder einmal - den Schuldigen gefunden. Nicht ich bin es, es sind immer die anderen.

Aufbauend auf eben dieser Erkenntnis machte ich mich vor vier Jahren auf den Weg, mir meine eigene Welt zu erobern. Eine Welt, geprägt von größtmöglicher Öffentlichkeit, verbundenen mit dem Wunsch nach einem kleinen Stück Normalität; nach einem Platz für mich. Gewappnet mit einem - den Umständen entsprechend - möglichst perfekten Äußeren, dass ich wie einen Schutzschild vor mir hertrage, versuche ich seitdem die Brücke zu meinem eigenen Selbstverständnis zu finden. Die aus dem Erfahrenen gemachten Erkenntnisse und Antworten waren vielfältig, zunehmend aber auch komplexer und erfüllen mich bis heute mit dem beruhigenden Gefühl, vor mir selbst eben nicht mehr davonzulaufen. Ich habe Gleichgesinnte, und unter diesen auch Freunde gefunden. Ich war, so weit ich es vor mir vertreten konnte, so öffentlich wie es nur eben ging. Würde ich behaupten, dass mir "meine Welt" nicht gefällt, wäre das sicher eine Lüge. Dennoch; zunehmend drängt sich mir Gefühl auf, dass ich mit dem Brückenschlag zu mir die Brücken zu "den Anderen" eingerissen habe. Ist das der Preis, den man für diesen Egotrip zu zahlen hat? Ich würde ebenso lügen, würde ich behaupten, mich damit auf Dauer arrangieren zu wollen. Aber wie schaffe ich bei diesem ganzen "Ich" genügend Raum für ein "Wir" zu lassen? Bin ich von der einen Isolation schnurstracks in einer anderen gelandet? Vorher kein "Ich" aber sehr viel "Wir", jetzt fast nur noch "Ich" und gar kein "Wir"? Sicher; ich bewege mich unter Freunden, ernte Zuspruch und erlebe mehr als in meinem gesamten früheren Leben. Eigentlich müsste ich zufrieden sein. Und dennoch habe ich zunehmend dieses unangenehme Gefühl, von dem einen Extrem in einem anderen gelandet zu sein.

"Melde Dich, wenn Du keine Frau mehr sein willst!" Vielleicht ist es wirklich die Suche nach der Frau im Mann, die auch noch so innige Bande zerstört. Vielleicht ist es auch der Umstand, dass ich mich - so sehr es mich auch drängt - selber ein ganzes Stück zu wichtig nehme. Nach dem Motto "Wenn es mir gut geht, geht es uns gut" beansprucht man den gesamten Raum für die eigene Position. Unter diesen Umständen blieb ihr nur, entweder den Weg mitzugehen, oder es eben zu lassen. Eigentlich nicht gerade das, was man unter einer Partnerschaft verstehen sollte. Und als ob das noch nicht reicht, übergibt man noch das gesamte Paket der eigenen Unentschlossenheit zu deren Lösung in ihre Hände. Es ist leicht nachvollziehbar, dass dieses Paket von keinem anderen gestemmt werden kann. Allein schon der Versuch ist zum Scheitern verurteilt, denn dieser sehr einseitigen Belastung hält keine Bindung lange stand. Wie gesagt, vielleicht ist es das eine, vielleicht auch das andere. Wahrscheinlicher ist, dass beides in der Summe dazu führte, dass sie sich am Ende nicht anders zu helfen wusste, als mit eben diesen Worten.

Was bleibt, ist ein Gefühl, das irgendwo zwischen "schuldig sein" und "nichts dagegen tun können" seinen Raum einnimmt. Auch wenn man mit dem, was man tun musste, für sich gesehen Recht hatte, verliert spätestens an dieser Stelle das eigene Tun seine Unschuld. Denn der dafür zu zahlende Preis ist in jedem Fall zu hoch. Möglicherweise ist das Umsetzen dieser Erkenntnis ungleich schwieriger, als alles bisher dagewesene. Das ist aber etwas, worum ich mich zukünftig selber bemühen muss. Bei ihr kann ich mich leider nur entschuldigen.

Andrea(s)