Wochenmails 2002

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

ich hoffe schon, dass Ihr die Mona Lisa Sendung der vergangenen Woche und den kurzen Bericht über mich als Wochenmail gewertet habt, ich hätte ohnehin nichts Richtiges zustande gebracht, viel zu groß war die Aufregung, wie der Beitrag über mich den nun ausfallen würde. Ich hatte im Vorfeld nicht im Geringsten geahnt, dass die Spannung so lange anhalten würde. Drei Tage vor dem Dreh und dann noch die ganze Woche bis zur Ausstrahlung hatte ich (um es ganz vorsichtig auszudrücken) ziemlich unruhige Nächte – die Tage waren wegen der beruflichen Anspannung Gott sei Dank erträglicher. Die ständigen Gedanken im Vorfeld, wie ich wohl auf welche Frage antworten würde, wurden dann durch die Fragestellungen ersetzt, ob ich denn halbwegs erträglich rübergekommen bin, ob das Material letztlich ein realistisches Bild von mir hergibt und wie denn nun die Reaktion meiner Umwelt ausfallen würde. Nun, der Deal war gemacht, ich wollte ihn auch nicht wieder Rückgängig machen und habe mich mental auf die unterschiedlichste Reaktionen vorbereitet und Vorkehrungen getroffen ausgewählte absehbare Reaktionen auszuschließen. Dazu gehörte die gezielte Information einiger meiner engsten Kollegen (sie sollten es von mir erfahren und nicht zufällig vor der Glotze) und ein absolutes Fernsehverbot für meine liebe Mutti. Und weil sie die Mutti ist, hört sie natürlich nicht auf meine Verbote, verbot ja früher selbst, musste also mit einer kleinen List vom möglichen sonntäglichen Kaffeetrinken vor dem Fernseher abgehalten werden. Und so musste mein großer Bruder just am Tage und in der Stunde meines öffentlichen Outings endlich mal die neuesten Urlaubsbilder vorführen – da ist natürlich keine Zeit zum fernsehen. Sicher, sie hätte noch immer über andere Zufälle davon erfahren können, doch dann hätte ich die Chance erst zu Reden und dann das Video vorzuführen. Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob ich wirklich wollte dass es funktionierte und jetzt doch ganz zufrieden, dass es geklappt hat. Soll sie ihr Bild von ihrem Sohn behalten, ich gönne es ihr. Zu tief müssten wir beide in längst vergangene und verdrängte Welten eintauchen, zu viele Zusammenhänge müsste ich erklären, die ich nicht schlüssig erklären kann und zu sehr liebe ich sie, um dauerhaftes Unverständnis zu hinterlassen.
Die Sendung selbst habe ich im Kreise einiger Freundinnen und Freunde gesehen, allein wollte ich in diesen Augenblicken nicht sein. Ja und dann ging’s einfach los, ganz am Anfang der Sendung, nach 7 oder 8 Minuten war’s mit mir auch schon vorbei und das Thema wurde noch einmal in einem Interview mit der mir ganz gut bekannten Charis Berger vertieft. Ich hatte ein insgesamt gutes Gefühl und wollte sehen, wie die Sendung das Thema abrundet. Doch keine Spur davon, das Telefon kam immer wieder dazwischen. De erste und für mich wohl wichtigste Anruf kam von einer meiner Töchter, die zufällig auf den Vorspann gestoßen ist und sofort die über Deutschland versprengte Familie informiert hat. „Pappi ich habe gerade den Beitrag über dich gesehen .... ich finde das toll ....du hattest das ja erzählt ... bisher nie thematisiert ... wir müssen endlich mal näher darüber reden“. Was soll ich sagen? Selbst wenn sich kurz darauf der Boden geöffnet hätte und ich für immer darin verschwunden wäre, die Sache hat sich allein dafür gelohnt. Kurz darauf hat sich meine Exfrau und Mutter meiner Kinder gemeldet, immerhin grundsätzliche Anerkennung signalisiert, natürlich das berühmte Haar in der Suppe gefunden und doch haben wir uns gleich auf ein gemeinsames freundschaftliches Abendessen verabredet. Ich weiß nicht mehr genau, wie der Abend weiter verlaufen ist, doch irgendwann war ich dann allein mit einer Videokassette, meinen Bildern meinen Worten und fremden Kommentaren. Noch am gleichen Abend gab’s so einige Anrufe von Freunden und Bekannten und natürlich etliche anerkennende Mails aus der Trans-Gemeinde. Ich wurde aber auch von mir bekannten Leuten, die nun gar nichts mit unserer Leidenschaft am Hut haben, mit Anerkennung überhäuft An dieser Stelle also mein aufrichtiger Dank an alle, die mich angerufen und auch geschrieben haben – ich fühle mich wirklich geehrt. Ja, und damit hat es sich mit den mir bekannten Reaktionen auch schon erledigt. Ich vermute zwar, dass bei dem einen oder anderen meiner Auftraggeber der Fernsehbeitrag bekannt ist, doch wirkliche Reaktionen darauf gab es nicht, weder positiv noch negativ. Warum eigentlich auch, es ist doch nichts weltbewegendes passiert. Interessant vielleicht, dass sich die Zugriffszahlen auf die Homepage der TransSisters für einige Tage fast verdreifacht haben. Ich habe es noch nicht überprüft, doch ich vermute, dass viele dieser Besucher über einen entsprechenden Link auf der Mona-Lisa-Seite des ZDF dahin gelangt sind – ein kleiner wohltuender Erfolg am Rande des Geschehens.
Mal abgesehen von dem persönlichen Lob (das natürlich sehr gut tut) hat sich in der Außenwirkung des Beitrages insgesamt gezeigt, dass es offensichtlich gelungen ist, das Thema Trans auch mal ganz unspektakulär darzustellen und als mögliches Lebenskonzept anzusprechen. Ich, aus meiner Sicht, hatte mir im Vorfeld genau eine solche Botschaft erhofft. Sicher, die Zusammenhänge, Freuden und Nöte sind viel komplizierter, als man (frau) in einem solchen Beitrag darstellen kann und hätten die wohl eher unbedarften ZuschauerInnen vermutlich auch überfordert. Doch aus meiner Sicht ist ein erster Schritt getan und dafür habe ich mich zwischenzeitlich noch einmal bei der Redakteurin, Helga Ettenhuber, und natürlich der Redaktion von ML bedankt. Ich hoffe schon, dass sich „Mona Lisa“ dieses Themas noch einmal annimmt, oder vielleicht das ZDF irgendwann bereit ist, das Phänomen „Trans“ etwas ausführlicher aufzuarbeiten. Mit meiner Unterstützung können die Macher in jedem Fall rechnen.

Ursprünglich wollte ich hier noch darüber berichten, wie ich mich in besagtem Beitrag selbst gesehen habe, denn es ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob man in den Spiegel schaut, oder sich selbst auf der Mattscheibe agieren sieht, doch das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte und vielleicht eine eigene Wochenmail wert und davon soll es ja noch einige geben......

Ich wünsche Euch allen eine angenehme Woche!
Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

nun ist es doch passiert. Ich hatte gelegentlich schon berichtet, dass in mehr oder weniger großen Abständen auch bei mir mal eine Anfrage für eine bildliche Darstellung meiner Person in dem einen oder anderen Fernsehsender eingeht. Ihr kennt sicher alle diese Talk-Sendungen, die keiner sieht und über die doch jeder bescheid weiß. Zumeist sind meine Kontakte dorthin schon bei einer Nachfrage nach dem Konzept des Beitrages abgebrochen.
Und nun meldet sich in der vergangenen Woche eine Redakteurin der Sendung „Mona Lisa“ vom ZDF bei mir mit einer ausführlichen Mail und wird zudem nicht müde, mir Ihre konzeptionellen Vorstellungen in langen Telefonaten zu erläutern. Ich will’s kurz machen. Am Samstag war den ganzen Tag ein Fernsehteam bei mir. Wir haben mindestens 4 Stunden Filmmaterial gedreht, beim Einkaufen, im Park, auf der Straße, im Auto, zu Hause im Interview, vor dem Kleiderschrank, beim Schminken und beim abendlichen Ausgehen und Treffen mit einigen meiner Freundinnen. Thema war das „Rollenwechsel“ zwischen Mann und Frau mit all seinen Hintergründen und Zusammenhängen.

Ich hätte vorher nicht geglaubt, wie stressig so ein Tag sein kann. Für mich waren das 12 Stunden volle Konzentration, jedes Detail hatte ich im Auge, nichts wollte ich dem Zufall überlassen. Ständig war da die Angst vor einer eventuellen Fehldeutung meines Redens und Tun’s. Auf der anderen Seite war da der Wille, endlich einmal aus meiner Sicht zu vermitteln, dass Transgender feinfühlige und alltäglich Menschen sind, weitab von jedem Stigma psychischer Erkrankung oder gar Perversion. Es war schon ein manchmal schmerzhafter Spagat zwischen diesen beiden Positionen. Wie weit persönlich öffnen um wirklich Befindlichkeiten mitzuteilen und wo einfach nur grundsätzliche Lebenshaltung zeigen um den (vermutlich) unbedarften Zuschauer nicht zu überfordern? Fernsehleute wären nicht Fernsehleute, wenn sie nicht alles versuchten um auch die letzte Information aus ihren Protagonisten (so heiß der Hauptdarsteller im Frensehdeutsch) herauszukitzeln. Schlussendlich habe ich dann doch mehr von mir preisgegeben, als ich vorher für möglich hielt. Und doch habe ich auch im Nachgang das Gefühl zu keinem Zeitpunkt übervorteilt gewesen zu sein. Selbst mein bisher als geheim gehandeltes „erstes eigenes Kleid“ (Ihr erinnert Euch an die Geschichte?) habe ich aus dem Schrank geangelt und dann so ganz nebenbei einen kleinen privaten „Schminkkurs“ für Frauen und solche, die es gern wären veranstaltet. Und doch für gelegentlich im Fernsehen bedienten Voyeurismus war kein Platz.
Bei allem Termindruck und allem Stress, wir hatten eine Menge Spaß miteinander – eine interessante Erfahrung war es für mich allemal. Wer also am kommenden Sonntag (den 3.2.02) nichts besseres vor hat, mich mal in männlicher und weiblicher Rolle sehen will, dazu noch mein erstes Kleid, und zudem rausbekommen will, was das ZDF in 6 Minuten aus meinen Euch zur genüge bekannten Ansichten macht, der sollte sich die „Mona-Lisa“ – Sendung (ich glaube ab 18:15 Uhr) mal anschauen.

Genau das Anschauen ist noch immer ein wenig mein Problem. Meine Worte konnte ich kontrollieren und gelegentlich auch kommentieren oder gar korrigieren. Doch Bilder haben ihre eigene Sprache und hinzu kommt, dass der Betrachter diese Sprache nicht unbedingt verstehen muss. Zudem hängt für die gesamte Darstellung auch vieles vom Schnitt und den dazu gehörigen Kommentaren ab. Wird zum Schluss die vermittelte Message noch immer meine Message sein? Nun kann mir das ja auch egal sein. Nichts ist wohl uninteressanter als die Nachricht vom vergangenen Tag und bei den meisten ZuschauerInnen wird wohl nicht mehr als ein Gefühl, maximal ein „Aha“ übrig bleiben. Angesichts der Verbreitung der Sendung muss ich aber davon ausgehen, dass der Beitrag auch von Leuten gesehen wird, denen ich mich bisher nicht so privat geöffnet habe. Dazu besteht ja auch nicht immer Veranlassung und schon gar nicht im Berufsleben. Doch der weitere Umgang mit diesen Menschen hängt für mich von eben dieser, meiner Message ab. Gehen wir weiter ganz normal miteinander um, entsteht zusätzlicher Erklärungsbedarf oder werden Beziehungen sogar dauerhaft gestört? Ich weiß, diese Entwicklung hat keiner der beteiligten Macher wirklich in der Hand, doch ein paar Sorgen habe ich schon.....

Nun könnt Ihr mich natürlich fragen „warum hast Du es dann gemacht?“ Für mich war es einfach an der Zeit, die Gelegenheit selbst beim Schopf zu fassen. Gerade hatte ich mich über einen wenig gelungenen Radiobeitrag zum Berliner Transgender Netzwerk geärgert und festgestellt, dass es ja irgendwo an mir lag, keinen Einfluss genommen zu haben. Dann erreichte uns alle die Nachricht, dass die Bremer Polizei den Täter für ein scheußliches Verbrechen an einem kleinen Mädchen, wegen einiger aufgefundener Wäschestücke, im Bereich der „transvestitischen Fetischisten“ vermutet und nun in ihrem Fahndungsaufruf nach Personen mit „fetischistischen Neigungen“ sucht. Ich erspare mir dazu jedes Gleichnis, wonach sie wohl suchen würden, wenn anstelle alter Badeanzüge etwa die Kopfbedeckung eines religiösen Juden oder gar ein Paar Langlaufskier gefunden wären.... Nicht die Schlussfolgerung auf eine bestimmte Neigung des Täters macht mir Sorgen, die ist wohl berechtigt, es ist die pauschalisierende Message an die Bevölkerung – Transvestiten und Fetischisten sind pervers und damit zugleich potentielle Kinderschänder!
Oh nein, auch wenn es nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein sein sollte, ich hatte es für einen Tag selbst in der Hand klarzustellen, wer wir wirklich sind und ich konnte die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Für mich hat sich der Einsatz schon heute gelohnt und wir werden nächsten Sonntag sehen, ob es funktioniert hat.

In jedem Fall gibt es dann wieder eine ganze Menge zu berichten.
Seid also bis dahin ganz lieb gegrüßt
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

Ihr habt es sicher schon gemerkt, die Wochenmail heute mal wieder mit einem Tag Verspätung. Zu viele andere Dinge waren am Sonntag noch zu erledigen und zu bedenken. Ich hatte nicht die Ruhe für meine wöchentliche Betrachtung.

Der Trubel um den Jahreswechsel ist nun (endlich) vorbei und die vergangene Woche war angefüllt mit Arbeit und all den bekannten alltäglichen Dingen. Dazu gehörte endlich auch mal wieder ein „sportlicher Abend“ – ich gehe einmal in der Woche mit einigen FreundInnnen Squash spielen. Das hat sich schon vor gut einem Jahr ergeben und mit einigen kleinen Unterbrechungen haben wir bisher auch durchgehalten. Sport, wird manche(r ) sagen, was ist schon dabei? Ein wenig in die Jahre gekommen, bin ich nicht gerade ein sportlicher Typ und finde trotzdem Vergnügen daran, einen kleinen Ball mit aller Kraft an eine Wand zu donnern, ganz in der Hoffnung, dass eben dieser wieder zurück springt und mein Mitspieler die Möglichkeit hat Gleiches zu tun. Es ist ein wirklich schnelles Spiel, ich komme ganz schön ins Schwitzen und so manches mal laufe ich, mehr oder weniger verwundert, den vielen winzigen Sternen vor meinen Augen hinterher. Warum tue ich mir das an? Nun, ganz bestimmt nicht, weil die Höhen sportlichen Ruhmes erklimmen will und die Hoffnung auf diese Weise das leider immer noch hartnäckige „Bäuchlein“ los zu werden, habe ich schon längst aufgegeben. Zwei Dinge sind mir bei dieser Aktion wirklich wichtig. Zunächst einmal habe ich beim Spielen wegen der unvermeidlichen Anstrengung den Kopf wirklich fei, keine Zeit über die kleinen und großen Probleme des Lebens nachzudenken – ein wirklich herrliches Gefühl (!). Am wichtigsten ist mir jedoch die soziale Komponente dieser Stunden. Es ist die gemeinsame Erlebniswelt, die weit über den ursprünglichen Ansatz des Trans-Seins hinaus geht. Mitten im Alltag, haben wir uns eine Gelegenheit für gemeinsames Erleben und Kommunikation geschaffen und nicht selten reden wir beim unvermeidlichen abschließenden „keinen Snack und ein Bier dazu“ über die ganz keinen Freuden und Nöte, nehmen Anteil am Leben des Einzelnen. Das gegenseitige Bemühen um einander und die daraus entspringende Vertrautheit machen für mich den eigentlichen Wert dieser Runde aus. Ohne viel Aufwand, für kleines Geld und einzig durch Zuwendung ein regelmäßig schöner Abend.

Ich komme darauf, weil sich gerade auch in meinem Leben (neben dem Leben) noch zu oft künstlich erzeugte Höhepunkte befinden. Sicher, auch diese „High lights“ machen das Leben erst richtig bunt, sind Meilensteine und Erinnerungspunkte für spätere Draufsichten. Und genau so sicher braucht jeder Mensch Ereignisse, die sich sichtlich vom Alltag abheben. Doch das ist hier nicht gemeint.
Ich will das mal am eigenen Beispiel entwickeln. Auch vor meinen Eintritt in das Trans-Dasein, vor über drei Jahren, war ich ein aktiver Mensch. Ich hab mich mit Freunden getroffen, gelegentlich gab’s auch aufregende Partys, ich war im Kino, auch mal im Theater und dazu kamen noch die Freuden und Pflichten des Familienvaters. Viele dieser Aktivitäten gerieten in eine teilweise unerträgliche Routine und Trans sein konnte ich zudem auch nicht.
Doch dann kam der Tag Null – ich habe ja gelegentlich schon davon berichtet. Neues Terrain wurde erobert, ich erinnere mich noch genau an meine Aufbruchsstimmung – endlich befreit von bürgerlichen Klammern. Keine Bar und kein einschlägiges Event war wirklich sicher vor uns. Für etliche Monate war das Leben eine einzige Party. Ein Höhepunkt jagte den anderen und wenn in der Stadt mal nichts Besonderes los war, dann haben wir uns diese Höhepunkte selbst geschaffen. Jede in unserem transsisterlichen Umfeld brauchte jede sich bietende Möglichkeit des persönlichen Ausdrucks, wie die Luft zum atmen. Jede war mit jedem Gutfreund, das verbindende Element war die grundsätzlich gemeinsame Interessenlage. Die aktiven Transmenschen unter uns können diese Situation sicher auch am eigenen Erleben nachvollziehen, eine durchaus übliche und wohl auch notwendige Phase.
Für mich und einen erheblichen Teil meines Umfeldes hat es ungefähr ein Jahr (oder gar länger) gedauert, bis diese Euphorie in ein wenig Sprachlosigkeit über das Manko an wirklich tiefer sozialer Bindung umschlug. Und gemeint ist hier nicht unbedingt eine mögliche partnerschaftliche Beziehung. Kein noch so schönes Kleid, keine noch so aufwändige und rauschende Party (in eben diesem Kleid) kann auf Dauer wirklich alltagstaugliche soziale Beziehungen ersetzen. Und so hat sich auch die Struktur unseres Beisammenseins geändert. Die Begegnungen wurden individueller und weniger ausschweifend. Wir haben einen offenen Stammtisch geschaffen und sind damit auch offen für neue Kontakte und Impulse. Die einen spielen ganz nebenher Squash, andere tanzen Tango und so manches mal hilft man (frau) sich gegenseitig bei privaten oder beruflichen Problemen. Selbst Party ist nicht mehr bloße Ausgelassenheit, vielmehr Nachdenken über Inhalte und gemeinsame Aktion.
Dennoch: Am Ende einer jeden Party wird das gleißende Licht der Scheinwerfer, unter denen wir uns tummeln, immer von Irgendjemand ausgeschaltet. Und um im Bild zu bleiben: So Manche(r) hat aber auch den Wert einer zart flackernden Kerze neu schätzen gelernt und sorgt sich gern, dass sie nicht ausgeht und rechtzeitig ersetzt wird. Das macht zwar gelegentlich Mühe, ist aber lohnenswerter allemal.

Viele liebe Grüße, bis zur nächsten Woche
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

ein wirklich relaxtes Wochenende. Nach den Aufregungen der Feiertage und den Wiedereinstieg in den Berufsalltag, hab ich mir mal nichts wirklich Wichtiges für das Wochenende vorgenommen, einfach nur vor mich hin gefummelt, ein wenig gelesen, in der Post gekramt und beantwortet, ja sogar ferngesehen. Gerade mal am Samstagabend war ich aus – eine gute Freundin hat ihren „zweiten“ Geburtstag gefeiert – ich komme noch mal darauf zurück.

So um den Jahreswechsel habe ich über eine Zuschrift berichtet in der (ich nenne sie mal) J. über ihr erstes Ausgeherlebnis in weiblichem Outfit berichtet. Die Geschichte ist so spannend, dass ich sie gut verwahrt und schon mehrere male darin gelesen habe. J. nutzt die „günstige Gelegenheit“ einer geschäftlichen Reise in eine ferne Stadt, sich letzte notwendige Utensilien zuzulegen, stiehlt sich zu später Stunde aus dem Hotel um für eine kurze Zeit lang in weiblichem Outfit durch die Stadt zu schlendern. Vermutlich kaum etwas an ihr ist wirklich perfekt und doch sie tut es, muss es einfach tun. In den Straßen die unterschiedlichsten Begegnungen mit PassantInnen und gelegentliches Erkanntwerden. Erkannt als was? Ein Mann in Frauenkleidern! Sie ist unsicher, hat Angst vor eben diesem Erkanntwerden und der Preisgabe der Lächerlichkeit und läuft doch immer weiter. Eine ganze Stunde lang ganz allein in einer fremden Stadt. Dann schnell über die Garage in Hotel.... Ihr abschließendes Resümee: „Ich bin so froh und stolz, dass ich mich getraut habe! Was für ein phantastisches Abenteuer!“
Mit ähnlichen Geschichten kann so manche von uns aufwarten, aufgeschrieben bestimmt auch ähnlich spannend. Das erinnert mich an meinen ersten wirklichen, noch viel bescheideneren „Out – door - Versuch“. Es ist schon einige Jahre her, da war ich im Rahmen eines Projektes fast jeden Monat für ein paar Tage geschäftlich auf einer der beliebten deutschen Urlaubsinseln. Die Insel ist besonders in den kalten Jahreszeiten an einigen Stellen fast menschenleer. Ich wollte wissen, wie es sich ohne lange Hose, nur mit Strümpfen und einem Rock fühlt. Ein Rock war relativ schnell und einfach in einem second Hand - Geschäft erstanden. Und dann kam sie, die Nacht der Nächte. Ich ging am Strand spazieren, fast komplett gekleidet, wie eine Frau - zumindest habe ich mich so gefühlt. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen. Der Wind blies leise und mein Rock umspielte die bestrumpften Beine. Es war lausig kalt und mir war warm, so angenehm, wie nie zuvor. Tauchte am Horizont doch der eine oder andere Spaziergänger auf, habe ich mich verschämt in die Dünen geflüchtet und mit klopfendem Herz eine neue „günstige Gelegenheit“ für mein Treiben abgepasst. Oh, ich war lange nicht so mutig wie J.! Und doch, in dieser Nacht hatte ich eine unsichtbare Grenze überschritten. Ich fühlte es ganz tief in mir und hatte noch Tage danach dieses Hochgefühl, aber auch etliche nicht definierte Ängste – es würde wohl kein Zurück mehr geben.

Es ist wahrlich eine unsichtbare Tür, die ein wirklicher Trans wohl irgendwann durchschreitet und geht ER durch, dann kann SIE noch hören, wie sie zuschlägt. Jede(r ) von uns kennt diese Situation und all die Versuche zurückzukehren („ich schmeiß die Klamotten weg und kehre ins normale Leben zurück“) sind von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Die Frage ist dann nur, wohin frau weiter geht und wie schnell sie geht. J. hat den Schritt durch diese imaginäre Tür gewagt und ich habe ihr dazu in meiner Antwortmail geraten „Genieße jeden Schritt, denn wenn Du ihn gegangen bist, liegt er hinter Dir.....“. Ich meine, eine neue spannende Welt tut sich uns auf in der und mit der wir ganz behutsam umgehen sollten. Und ich weiß inzwischen, dass es noch mehr solcher Türen gibt, durch die eine Rückkehr kaum möglich ist.
Mit jedem Schritt geben wir unserer eigenen Persönlichkeit einen neuen Rahmen der Entfaltung und verändern uns selbst damit – ganz egal ob individuell gewollt oder nicht. Mit diesen eigenen Veränderungen zu leben ist nicht immer einfach. Und doch, (und es fällt mir noch immer schwer es wirklich anzuerkennen), der Weg ist das Ziel. Es geht nicht hauptsächlich darum, einen „Fummel“ zu tragen, „ganz“ oder „wie“ Frau zu sein – das ist die Oberfläche. Es geht um die Entfaltung des Wesens eines jeden von uns, wenn Ihr so wollt um eine der ältesten philosophischen Fragen überhaupt, nämlich dem Verhältnis von Inhalt und Form einer einzigen Sache, eines ganz individuellen Menschen. Der Weg, der zu einer möglichen Übereinstimmung dieser Komponenten führt, hat für uns Transgender wohl einen klar definierten Anfang, eben jene erdachte Tür, doch er hat kein Ende, weil wir uns auf diesem Weg ständig selbst verändern. Warum also, sollte man nicht jeden Schritt genießen und verharren wenn es besonders schön ist? Vor jedem weiteren Schritt sollte man (frau) sich schon fragen, ob sie ihn wirklich gehen will. Und weil wir alle in einer ganz konkreten Umwelt leben, könnten hinter der nächsten Tür schon Veränderungen lauern, mit denen zu leben erst (mitunter schwer) erlernt werden muss. Auch dann ist wieder Verharren angezeigt.

Unsere Freundin S. hat also ihren zweiten „Geburtstag“ gefeiert. Ich weiß, dass auch sie schon vor viel längerer Zeit die von mir beschriebene unsichtbare Pforte durchschritten hat. Sie war schon eine ganze Weile ihren Weg gegangen und betitelt das konsequente Bekenntnis zu ihrer wunderbaren Eigenschaft (Trans zu sein) als ihren zweiten Geburtstag. Wieder eine Tür. Und von ihr selbst, nach reiflicher Überlegung, kräftig zugeschlagen. Seit ungefähr dieser Zeit kenne ich sie ganz gut und weiß, dass sie verweilte, wenn es besonders schön und einen Schritt weiter ging, wenn es Zeit dazu war. S. hat sich in dieser Zeit auch verändert, ist auf ihrem Weg zu einer für mich besonderen Persönlichkeit geworden. Schon lange nicht mehr, ein üblicher Mann und noch immer nicht eine üblich Frau – einfach nur S.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Ich verabschiede mich aus dieser für mich, auch nach mehrfachem Lesen, ein wenig verwirrend philosophischen Wochenmail und wünsche Euch allen eine behutsame und schöne Woche

Viele liebe Grüße
Sabine B.

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

da ist es nun, das Neue Jahr, wie erwartet, „gesegnet“ mit den alten Wünschen und Sorgen und natürlich neuem Mut, all die Dinge anzugehen, die das Leben möglich oder auch schöner machen. Eigentlich ist es wie zu jedem Jahreswechsel....

Auch zu dieser Gelegenheit habe wieder eine ganze Menge lieber und guter Wünsche aus der „Lesergemeinde“ erhalten - vielen Dank. Und das ist hier nicht nur so gesagt. Gelegentlich ist es schon wichtig für mich, zu erfahren, dass diese Mails gelesen werden und so manche von Euch meine Gedankengänge nachvollziehen kann. Das ist für mich, wie ein endloses Gespräch mit Menschen, die mich verstehen, die meine Sorgen und Nöte teilen, denen ich Mut machen kann und die mir selbst Mut machen.

Für die diesjährige Sylvesterparty hab ich mal wieder eines meiner schönsten Kleider rausgekramt. Seit genau drei Jahren (also mit Beginn meiner äußerlich weiblichen Erscheinungsform) lasse ich es mir nicht nehmen, den Jahreswechsel mit den Freunden zu begehen, die ich am meisten mag und die mich kennen, akzeptieren und lieben, wie ich bin. In diesem Jahr gleich noch verbunden mit einer wirklich gelungenen Einweihungsparty der neuen Wohnung unserer Freundin Regina und Frau. Ungeahnter Höhepunkt des Abends war wohl der Besuch des größten Teils der Hausnachbarn auf unserer Party. Wirklich angenehm, dass es bei den Nachbarn keine ersichtlichen Irritationen gab in eine reine „Frauenparty“ einzutauchen. Ganz im Gegenteil, wir haben alle viel gelacht, getanzt und uns prächtig amüsiert. Ganz im Nachgang wurden im Haus sogar Stimmen laut, die anregten, im Sommer mal eine kleine Hofparty mit uns zu veranstalten. Ich hatte bei all den zufälligen Begegnungen schon das Gefühl der Anerkennung und wohl auch der Hochachtung vor unserer Lebensweise – ganz nach dem Motto: Ja, diese Menschen leben, wie sie es als richtig empfinden, sie haben die Stärke es einfach zu tun. Na, bei so viel Anerkennung und Selbstverständlichkeit ist frau doch besonders charmant und ausgelassen. Und so haben wir das (gewünschte) Bild einer selbstbestimmten ausgeglichenen Gemeinde vermittelt. Eine Außendarstellung, die nach meiner Erfahrung auch ihre Probleme hat.

Bei vielen bekennenden Transgendern ist es nämlich längst nicht so, dass sie mit ihrem Bekenntnis alle wichtigen Lebensprobleme gelöst und ihren inneren Frieden gefunden haben. Ganz im Gegenteil, sie begeben sich in ihrem Innern und natürlich auch in Bezug zu ihrer Umwelt auf ein ausgesprochen unwegsames Terrain. Ohne Zweifel gehört viel Mut und menschliche Stärke dazu, in unserer Weise aus gängigen gesellschaftlichen Normen auszubrechen und den ganz persönlichen Wert der vordefinierten Geschlechterrollen neu zu bestimmen – eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln und auch zu leben. Wären wir alle klar und rational denkende Wissenschaftler(innen), dann ließe sich sicher leicht eine logische Begründung für die Aufweichung der gesellschaftlichen Geschlechterrollen finden. Doch genau darum geht es nicht. Es geht um ganz individuelle und noch mehr komplizierte innere psychische Zustände und Abläufe, die so manchen von uns bewegen, sich eben weiblich auszudrücken. Das verrückte (und damit für die Außenwelt komplizierte) ist, dass sich dieser Ausdruck wiederum, in einem gewissen Spektrum, an einzelnen Bestandteilen der eben aufgebrochenen Geschlechterrollen orientiert. Dazu gehören neben weiblicher Kleidung, Make Up und häufig neuen Haaren auch marginale Veränderungen in unserem Verhalten und Auftreten. Verhalten und Auftreten? Ich hab’s schon oft und nicht nur an mir selbst erlebt. Mal abgesehen davon, dass frau nicht breitbeinig den Rock strapaziert und sich nicht auf den Barhocker lümmelt, wie Er es vielleicht tun würde. Gerade in der Gemeinschaft entsteht auch eine ganz besondere Atmosphäre von selbstverständlichem Sein und ein offen zur Schau getragenes Selbstbewusstsein. Gelegentliche Außenwirkung: Hey, ein cooler Typ in ausgesuchter weiblicher (Ver?)Kleidung, der (die) weiß was er will, hat sein Leben geregelt – ein bewundernswerter starker Mensch. Ich bin nicht glücklich, wenn ich merke, dass ich einen solchen Eindruck verbreitet habe. Denn wie zuvor als „Nurmann“ wird die bloße Erscheinung und nicht das Wesen beurteilt. Wenn sie doch nur begreifen würden, dass Trans eben genau „dazwischen“ heißt und dass all die lustigen, chicen oder skurrilen Typen genau so (vielleicht noch mehr) problembehaftet sind, wie jeder andere beliebige Mensch, der in der Lage ist, sein eigenes Sein zu reflektieren!
Ich weiß, wir sind zu erheblichem Teil selbst daran schuld. Und doch, wie ist anders das jähe Ende der wirklich beeindruckenden Erfolgsstory der (erst unlängst besprochenen) Carola Paas zu erklären? Liest man auf Ihrer Internetseite (http://www.carolapaas.de), dann erhält man das Bild eines wirklich starken und erfolgreichen Menschen, ist sicher, dass sie ihre wichtigste Lebensetappe genau so bewältigt, wie alle anderen kleinen und großen Probleme ihres Lebens. Doch zu Beurteilen ist nur die bloße Erscheinung – ganz tief in sich drin war sie genau so verletzbar, wie jeder und jede andere, konnte den Entzug für sie wichtiger Werte wie die Unverletzbarkeit ihrer Persönlichkeit und den Anspruch auf eine Lebensgrundlage nicht ertragen.
Sagen will ich: liebe LeserInnen, die Ihr nicht selbst Trans seid, beurteilt nicht nur, was Ihr seht, glaubt nicht der bloßen Erscheinung - schaut in den Mensch hinein und die Grenzen zwischen rein männlicher und rein weiblicher Erscheinung werden sich auflösen. Es entsteht das Abbild eines einzigen „normalen“ Menschen, mit genau so vielen Stärken und Schwächen, wie Ihr selbst sie habt und bitte, richtet Euer Verhalten danach aus.

Ich habe in den letzten Tagen viel mit meinen engsten FreundInnen darüber gesprochen, wie denn nun das adäquate Abbild eines Transgenders aussehen könnte. Ich selbst bin ja, wie schon gesagt, noch viel weniger „perfekte Frau“, als ein „perfekter Mann“. Zum Beispiel kann man die Begegnungen mit „Außenstehenden“ auch nutzen, nicht nur über (Trans) Erfolge, sondern auch über die damit zusammenhängenden Probleme, Sorgen und Nöte zu reden. Trans ist für mich nicht vordergründig selbstbewusste Party, sondern Lebenshaltung, die alle meine Schwächen mit einbezieht. Dazu gehört für mich, nicht immer und überall dem rein männlichen Bild zu entsprechen. Dazu gehört der „geschminkte“ öffentliche „Auftritt“ genau so, wie „ungeschminktes“ Sein in vertrauter Umgebung, manchmal halt nur im Kleid und Dreitagebart, weil (menschlich sicher verständlich) zu faul zum Rasieren. Trans ist individuelle Identität. Ja, das wollte ich heute sagen...

Seid ganz lieb gegrüßt bis zur nächsten Woche
Sabine B.