Wochenmails 2003

Guten Tag liebe Freundinnen und Freunde,

... die Zeit vergeht, das neue Jahr ist ja nun auch schon ein paar Tage alt - eigentlich zu alt um noch Neujahrswünsche loszulassen. Dennoch "Prost Neujahr!" Euch allen alles Gute, und, dass Ihr fündig werdet auf Eurer Suche und dass es genau das ist, was jede von Euch sucht und dass Ihr glücklich seid damit.
Wie geht doch der (hier etwas abgewandelte) Spruch meiner lieben Freundin Andrea: "Man soll sich nicht wundern, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht".

Genau so eine Geschichte hab ich erst kürzlich erlebt:
Spätwinter nennt man wohl diese Jahreszeit, so ab Ende Januar. Die Tage werden zwar wieder sichtbar länger, doch das Licht ist schon gelegentlich unwirklich.
Einmal hatte ich sogar den Eindruck, dass ich am Himmel so etwas wie ein Wetterleuchten sah. Hell aufblitzende Streifen am Nachmittagshimmel, ganz ohne jeglichen Donner und Blitz. Um diese Erscheinungen besser beobachten zu können, bin ich auf meinen kleinen Balkon gegangen. Für gewöhnlich ist das um diese Jahreszeit nicht gerade erquickend. Doch dieses mal war es irgendwie anders. Ganz auffällig: es fuhren keine Autos auf der sonst belebten Straße und Passanten waren auch nicht zusehen. Dazu war die Luft angenehm mild, ganz ohne Wind. Eine verkehrte Welt.
Weil besagtes Wetterleuchten an Intensität zunahm, wandte ich mich für einen Moment ab und sah auf die längst verwelkten Blumen, die ich im vergangenen Herbst vergessen hatte aus den Kästen zu entfernen. Eine von ihnen hatten trotz wochenlangem Frost ein ganz frisches grünes Blatt, als wäre nicht Winter, sondern Sommer. Eine verkehrte Welt. Ich hab' es abgerissen, als Beweis für das Phänomen und wollte später eine Freundin befragen, wie das geht. Sehen wollte ich sie ohnehin. Für den Abend war das monatliche Treffen der TransSisters und später dann ein Schwätzchen in einer lauschigen Cocktailbar geplant - für mich natürlich im "kleinen Schwarzen".
Sabines Ausgehvorbereitungen sind irgendwie doch ritualisiert. Ich mag es, mich am Nachmittag für eine Stunde (oder so) noch einmal hinzulegen und dann in aller Ruhe mit meinen Vorbereitungen, wenn ihr so wollt meiner Verwandlung, zu beginnen. So auch an diesem Tag, ich war zudem ziemlich matt und müde. Mein Deckbett, sonst federleicht, war heute zentnerschwer doch aufdecken wollte ich mich nicht, denn im Zimmer war es ungewöhnlich kühl. Eine verkehrte Welt.
So lag ich von meiner Decke ans Bett gefesselt und sah hinter dem Fenster das Leuchten, auf der weißen Kommode das kleine grüne Blatt und schlief recht schnell traumlos ein. Gegen 6 Uhr abends, wenn es längst wieder dunkel ist, würde ich hoffentlich erfrischt aufwachen.

Ich weiß nicht, wovon ich wirklich wach wurde. War es die Sonne, die durchs Fenster schien oder der Wecker meines Radios. Beides passte nicht wirklich in meine Erwartungen. Eigentlich wollte ich am Abend aufstehen und soviel Sonne gibt's im Winter nicht. Schon gar nicht erwartet hatte ich, dass vor dem Haus eine Kinderhorde scheinbar viel Spaß beim Spielen hatte und der Nachrichtensprecher von "..nun endlich gemäßigtem, schönen Sommerwetter..." sprach.
‚Bin ich in der richtigen Welt? Augen auf und nachsehen!'
Mein erster Blick fiel auf das kleine grüne Blatt, nur, dass es auf einer schwarzen Kommode lag, genau so einer, wie ich sie schon vor Jahren in weiß gekauft hatte.
'Tag statt erwarteter Nacht, Sommer statt Winter, schwarze statt weißer Kommode? Eine verkehrte Welt?'
Mir schwante Schlimmes und ein geübter Griff zwischen die Beine brachte die endgültige Bestätigung. Da war nichts mehr "Mann", dafür ertastete ich aber "Frau".
‚Wie kann das sein? Das hab ich doch nie wirklich gewollt! Ich hab doch nur manchmal drüber nachgedacht!'
Weg war's, das geliebte Spielzeug und was ich erfühlte, war zwar genau so, wie es mag - nur eben nicht bei mir. Meine Welt hatte sich verkehrt!
Langsam erkundeten meine Hände den Rest des Körpers.
Holla! Das musste ich sofort und in echt sehen! Raus aus dem Bett und hin zum großen Schrankspiegel. Gut gewachsene Brüste, nicht zu groß und nicht zu klein, vor allem echt und mit Gefühl auf der Haut und darunter. Ein wenig hängend vielleicht, aber sonst gut geraten. Das Gesicht hatte weichere Züge als der Bernd zuvor, war bartlos und gerahmt von vollem mittellangem Haar. Ein kleiner Bauch war geblieben, doch dafür war die Taille deutlich auszumachen.
Insgesamt nicht perfekt, doch ziemlich nahe an meinem eigenem weiblichen Körperbild. Immerhin verjüngend hat der Zauber nicht gewirkt. Lange stand ich vor dem Spiegel und drehte mich, betrachtete mich aus allen nur möglichen Perspektiven.

Innere Unruhe kam auf. Was sollte ich nun tun, was mit diesem neuen Körper anfangen? Wo ich auch hinsah und wo ich auch hinfasste, alles war echt, nicht umkehrbar. Ich sollte mich wohl fügen und das neue Leben als Frau annehmen. Gut nur, dass die Kleider im "Sabineschrank" nicht zu Anzügen verwandelt wurden und gut auch, dass sie noch zu passen schienen. Warum sollte ich die Chance nicht nutzen? Gut ausgerüstet war ich. Vom Nylonstrumpf bis hin zum Abendkleid. Nagellacke jeglicher Farbe und tolles Make Up waren ausreichend vorhanden.
Ein Plan war schnell gefasst. Frühstücken, Duschen, Anziehen, Schminken und raus in die Welt, vielleicht zum Einkaufen - mal sehen, was sich noch so alles verkehrt hat.
Am unproblematischsten war das Frühstücken. Das Duschen verlief eher ungewohnt und war voller heimlicher Erkundungen. Herrlich! Ich fand Gefallen daran.
Vor dem Kleiderschrank angekommen, entschied ich mich nach einigem Hin und Her für das kurze Rote. Es war ja warm draußen und ein wenig Figur wollte ich schon zeigen.
‚Strümpfe sind für mich ein Muss.'
Die Frage mit oder ohne Naht, schwarz oder hautfarben, war dann doch relativ schnell entschieden. Schwarz, weil, ich wollte ja passende rote Pumps kaufen gehen und natürlich ohne Naht, weil ich wollte ja nicht auffallen am frühen Vormittag. Dazu passend den tollen roten Nagellack und Lippenstift in gleicher Farbe. Auf Make Up habe ich verzichtet, aber die Augen natürlich wie gewohnt und ausdrucksstark behandelt.
Der Schöpfer hat mir zum Glück naturgewelltes Haar geschenkt - gut gebürstet ist damit gut frisiert. Die passenden Schuhe zu finden war schon problematischer, ich habe dann einfach die schwarzen Pumps mittlerer Höhe gewählt, damit kann ich schon eine ganze Weile laufen und auch Auto fahren. Fertig.
Oh, ich gebe zu, Bauchschmerzen hatte ich schon. Nicht nur als Gefühl, sondern auch irgendwo, ganz undefiniert, unterhalb des Bauches. Doch die würden sicher bald vergehen.
‚Ich bin eine echte (!) Frau, ganz ohne künstliches Zutun und kann Frau unter Frauen sein. Keiner wird mich als "bunten Vogel" belächeln oder bestenfalls meinen "Mut" bewundern, ich bin, wie jede andere.' Dachte ich.
So motiviert hab' ich dann stolz erhobenen Hauptes und mit vorgeschobener (echter !) Brust das Haus verlassen.

Ach ja, die erste Feuerprobe nahte, denn die lieben Nachbarinnen beobachteten schwatzend das Tun ihrer eigenen und der zur Fürsorge übergebenen Kinder. Ob sie mich wohl bemerken würden? Natürlich!
"Ach, Guten Morgen. Ist ja ein tolles Wetter heute. Zwar noch immer ganz schön warm, aber doch schon wesentlich milder."
"Ja, guten Morgen auch. Wir werden uns jetzt sicher öfter sehen. Mein Bruder ist geschäftlich im Ausland und hat mir seine Wohnung und sein Auto überlassen" hörte ich mich sagen. "Sind das alles ihre Kinder? Die sind ja wirklich süß, die kleinen Racker...".
"Ach, sie sind die Schwester..." murmelte, die etwas kleinere, aber dafür schon reichlich Schwitzende der Nachbarinnen spitz. Danach Schweigen, von beiden.
'Sonst sind sie aber gesprächiger... Was soll's...' dachte ich ‚wir kennen uns ja nicht...' und schritt weiter auf den Parkplatz zu.
Ich wusste genau, dass ihre Blicke mich begleiteten. Genau da kam mir in den Sinn, ob das Kleid in der Kombination mit Strapsstrümpfen nicht doch etwas zu kurz sei.
‚Peinlich! Was wohl die anderen Frauen denken? Andererseits, ich bin wie sie Frau...'
Allerdings kenne ich nur wenige (eigentlich nur eine), die an derartiger Bekleidung Gefallen finden. Doch zurück, die Unsicherheit beseitigen wollte und konnte ich nicht. Ich hätte die Blicke nicht ertragen.
‚Es sind eben Zicken....'

Das Auto ist für mich gewohntes Terrain. Ich fühlte mich wieder sicher und meine Stimmung besserte sich zusehends. Ich fuhr in Richtung der von mir so geschätzten Einkaufstraße, die viele Geschäfte und Kaufhäuser hat. Allerdings ist dort die Parkplatzsuche immer ein Problem. Ich hatte Glück, gerade wurde eine Parklücke frei.
Also vorgefahren, rückwärts eingeschlagen und .... Fehlversuch. Schade, meistens funktioniert es auf Anhieb.
Hinter mir warteten inzwischen schon mindestens 3 Autos darauf, dass ich die Straße frei mache. Hupen, und noch einmal hupen.
‚Warum hupt der Idiot eigentlich? Ich hatte doch erst einen Fehlversuch?'
Hinter mir stand ein dunkelblauer 3er BMW und dann auch noch mit gleichlautendem Nummernschild "B-MW 0000". Am Steuer ein wild gestikulierender Mann.
‚Nein, nur keine unflätige Auseinandersetzung.'
Ich entschied mich weiter zu fahren bis zum nächsten Parkhaus und die Gunst der "Frauenparkplätze" zu nutzen. Einparken? Kein Problem!

Obwohl ich noch gar nicht lange unterwegs war, hatte ich nur zweifelhafte Begegnungen, schwitzte wie wild und hatte immer heftigere, gelegentlich krampfartige Bauchschmerzen, dazu auch noch im Rücken. Ich wollte nur noch raus aus dem Parkhaus und einfach an den Geschäften vorbei bummeln, ganz, wie ich es mir vorgenommen hatte.
Endlich konnte sich Frau ganz den Schaufenstern widmen. "Wäsche, Dessous und Miederwaren" stand an einer Fensterscheibe und "Damenmoden" an der anderen. Ich hab mir das nicht entgehen lassen und ganz unter anderen Frauen in den Regalen und Kleiderständern gewühlt. Hier einen BH anprobiert und Slips gekauft und dort ein wirklich süßes, wenig auffälliges Sommerkleid anprobiert.

Im Wäschegeschäft, ich begutachtete gerade die BH-Kollektion, stand direkt neben mir ein Mann mittleren Alters. Er sah mich an und ich ihn.
"Gefällt er ihnen?" fragte ich und hob einen Spitzen-BH in die Höhe.
"Ja, schon.." kam eine leise Antwort. Mein Blick fiel auf seine makellos gezupften Augenbrauen und die leicht spitz gefeilten Fingernägel an der Hand, die über sein Kinn strich.
‚Aha...'
"Welche Größe würden sie denn tragen? 90B, oder so?"
Seine Augen flackerten. Ich wusste, jetzt läuft er entweder weg oder sagt, dass er selbst gern so ein Teil hätte.
"Größe 90 ja, aber eher C, besser noch D" kam es noch immer leise.
"Das kann ich mir an ihnen gut vorstellen... ich kenne solche Gefühle.." antwortete ich.
Die Spannung auf seinem Gesicht wich zusehends einem erwartungsvollen Fragezeichen. Doch über mich aufklären wollte ich ihn nicht.
"Wenn sie wollen, dann stelle ich mich für sie an der Kasse an, das macht die Sache für Sie einfacher."
"Ich kann das auch... ja, das wäre schön". Schweigen. "Eigentlich wollte ich noch eine Miederhose und ein kleines Nachthemd kaufen....".
 "Na dann schauen wir doch mal..."
Ich war für einige Zeit in meine Welt zurückgekehrt. Es kümmerte mich auch nicht mehr, dass mich besonders die im Laden anwesenden Frauen gelegentlich anstarrten wie eine Aussätzige.
Kurz darauf stand ich mit einem Arm voll Unterwäsche an der Kasse und der mich begeleitende Mann hat brav bezahlt, wollte dann nicht einmal das Geld für meine Slips haben. Vor der Tür bedankte er sich mit einem flüchtigen Kuss und verschwand schnell in der Menge.
‚Was der wohl von mir gedacht hat?...'

Es war fast Mittag, ich lief auf einen Eisverkäufer zu, da hatte ich das Gefühl....
‚Oh mein Gott! Was wird das denn?! Ich bin fünfzig Jahre alt, ich müsste längst in den Wechseljahren sein! Wie lange und wie doll geht das eigentlich?!..'
Ich fühlte genau, ich konnte es förmlich sehen, was sich in meinem Slip abspielte. Irgendwann hatte seine Saugkraft ein Ende. Bald hätte ich einen Fleck im Kleid und nicht viel später gar feuchte Rinnsale auf den Strümpfen oder gar rote Tropfen auf der Straße!
Wie angewurzelt blieb ich stehen und presste fest die Oberschenkel zusammen.
‚Bitte nicht jetzt, bitte nicht hier und bitte nicht heute', war mein einziger Gedanke.
‚Sieht jemand, was hier gerade passiert? Na klar, die hat mich gerade angesehen und der dort guckt schon die ganze Zeit. Wie stehe ich eigentlich hier rum? Ich muss hier weg! Ich kann mich nicht bewegen, ohne dass ein Unglück passiert!'
Panik! Panik, die den ganzen Körper ergriff.
‚Warum eigentlich das viel zu kurze knallrote Kleid mit den dämlichen Stümpfen dazu? Und dann bei dieser Hitze, am hellen Tag, geschminkt, als wollte ich in einer Bar übernachten. Sicher sehe ich aus, wie eine Vogelscheuche und alle sehen mich schon deshalb an. Und jetzt auch das noch!'
Ich musste dort weg, an einen Ort, an dem ich, allein zumindest, intim sein konnte.
‚Ein Klo muss her, vorzugsweise ein Damenklo, ein großes dazu, vielleicht gibt's ja auch eine Toilettenfrau, die auf derartige Katastrophen eingerichtet ist.'
Langsam begann ich mich zu orientieren. 200 Meter vielleicht, auf der anderen Straßenseite, war ein großes Straßencafé, dort musste ich hin.
‚Ich bin, wie ich bin', begann meine Selbstmotivation.
‚Alles, was gerade passiert, ist ganz normal und schon gar nicht verboten. Millionen Frauen bekommen täglich ihre Tage und Tausende werden davon überrascht. Die meisten von ihnen leben noch - nicht einmal die BILD-Zeitung hat über sie geschrieben. Ich habe ein Problem und werde es lösen...'
Langsam und aufrecht lief ich los. Die Panikanfälle kamen mit.
Endlich war ich am Ziel meiner Wünsche, hockte auf der Toilettenschüssel, sah die Bescherung und konnte nicht mehr an mich halten. Alle Spannung nahm seinen Weg durch die zuvor perfekt geschminkten Augen. Große dicke Tränen kullerten über mein Gesicht.
Die kleine runde Klofrau klopfte vorsichtig an der Kabinentür.
"Hallo? Ist alles in Ordnung?"
"Nein, ist es nicht, ist es wirklich nicht. Alles ist verkehrt..."
Erst folgte ein neuer Weinkrampf, dann schloss die Tür, ein verstehendes Gesicht sah mich an, verschwand und wenig später kehrte die Frau mit all den notwendigen fraulichen Utensilien in meine Kabine zurück.
Ich konnte mich reinigen und hatte zum Glück die zwei frisch gekauften Slips, die ich gleich übereinander zog. Viel wohler fühlte ich mich noch immer nicht. Wollte mich nur noch waschen, nicht mehr gesehen und nicht mehr wahrgenommen werden.
Die Klofrau: "...ist ja heute allerhand schief gegangen bei ihnen.... Ist er nicht gekommen? Oder vielleicht abgehauen?"
"So ungefähr. Plötzlich war er weg und ich war da... und meine Tage... Ich wusste gar nicht, wie schwer das ist..."
"Schwer? Sie sind doch nicht neu auf der Welt! Vielleicht, so, wie sie gekleidet sind, ein bisschen früh dran... Na und die Kerle, da kann ich ihnen Geschichten erzählen. Was man hier so alles erlebt!"
Ich hatte einen Entschluss gefasst.
"Kann ich gleich noch mal wieder kommen? Ich will nur noch mal schnell rüber zu "Damenmoden"".
"Aber ja doch, ich bin bis zu Abend hier. Danach hab ich noch eine "Nachttoilette" im....".
Völlig derangiert zog ich über die belebte Straße. Binnen einer Stunde hatte ich mich komplett neu eingekleidet. Ein Kleid, knielang und locker am Körper, komplett neue Unterwäsche und ein Paar flache leichte Pumps.
Zur Klofrau zurückgekehrt ging ich in die nächste Kabine und verwandelte mich an diesem Tag zu zweiten mal.
"Hey, sie sind ja gar nicht wieder zu erkennen! Wirklich schick! Soll ich ihnen mal was sagen? Das steht ihnen viel besser. Versuchen sie mal dieses Parfüm - ein herrlicher Duft, passt gut zu ihrem Typ".
'Ein Typ? Bin ich ein Typ?' Wollte ich fragen und hab's mir dann doch verkniffen, weil die Antwort schon klar war. Ja, jede Frau ist auch ein Typ - sonst wären sie alle gleich.
Frisch gestylt, gut duftend und neu motiviert verließ ich die schützende Stätte. Meine alten Sachen und ein fürstliches Trinkgeld blieben bei der kleinen runden Klofrau.
"Na das kann man doch noch reinigen, na das ist aber lieb, na einen schönen Tag wünsche ich noch und Kopf hoch, es gibt noch mehr Männer....".
Weg war ich.

Hunger machte sich breit, Mittag war längst vorbei. Ich musste ohnehin nachdenken, rausbekommen, was ich denn nun weiter tun könnte. Unweit meines Parkhauses, wusste ich, war ein gemütlicher kleiner Italiener, genau das, was ich jetzt brauchte. Zu meiner Überraschung war das Lokal gut besetzt.
Mario, nicht weil alle italienischen Restaurantbesitzer Mario heißen, (ich kenne Mario schon seit einer Zeit, in der ich noch lange nicht darüber nachgedacht habe, auch mal in Frauenkleidern auf die Straße zu gehen), also Mario kam mit seinem vorzüglichstem Lächeln auf mich zu.
"Signora, sie wollen speisen?"
"Oh ja. Bitte einen Platz im hinteren Teil, vielleicht am Gartenfenster.."
Mario sah mich abschätzend an.
'Nein' dachte ich ‚bitte nicht schon wieder! Ich habe wirklich genug Probleme.'
"Sie kennen mein Restaurant? Warum kann ich mich an eine so schöne Signora nicht erinnern?"
Ach das war's. Ich hatte ihn verwirrt, wie dumm von mir.
"Ich hab' mich jedes mal, wenn ich hier war, klein und hässlich gemacht und mich an ihnen vorbeigeschlichen".
"Oh bitte verzeihen sie mir, ein solcher Fehler wird mir nie wieder unterlaufen".
Ich glaubte ihm aufs Wort. Schon führte er mich an das hintere Ende seiner Räume und hielt mir den Stuhl an einem Tisch, direkt am Gartenfenster, ganz, wie ich es wollte. Langsam und genüsslich ließ ich mich nieder.
"Wenn sie erlauben, dass ich später noch zwei Gäste an ihrem Tisch platziere?"
Eigentlich wollte ich mich verkriechen und auch ein wenig allein sein. Ich sah ihn fragend an.
"Oh keine Angst, ein nettes Paar, sie kommen einmal im Monat zum Kaffee hierher, immer an diesen Tisch. Einen anderen Platz habe ich leider nicht im Moment".
Ich willigte ein.

Inzwischen hatte ich gut gegessen, war gerade beim Espresso angekommen, da war es schon, das Paar. Er kaum älter als ich, sie mindestens 20 Jahre jünger und wirklich gut gebaut. Vielleicht wäre weniger Schmuck mehr gewesen. Aber attraktiv war sie schon.
Der Mann taxierte mich kurz: Beginnend am Busen, dann in Richtung Oberschenkel, wieder zurück zum Busen, kurzes Verweilen und weiter glitt der Blick in die Speisekarte.
‚Ob er mich wohl später beschreiben kann? Sicher bin ich nicht sein Typ. Wie auch, bei der Frau an seiner Seite!'
"Guten Tag" und "guten Appetit", ich verschanzte mich hinter meiner Tageszeitung.
Sie flüsternd zu ihm: "Musste das denn sein?"
"Was?"
"Na dieser Blick - du bist mit mir hier"
Er dann etwas lauter: "Ach Mädchen bleib locker, sonst bist Du nachher wieder so verspannt".
Sprach es und glitt mit der Hand unter den Tisch in Ihre Richtung, wo genau hin konnte ich nicht sehen, hatte aber eine lebhafte Vorstellung davon. Noch immer die Hand unterm Tisch, sah er zu mir rüber und hatte ein ganz kleines fieses Lächeln auf den Lippen. Das war nun wirklich zuviel für mich.
'Sollt ich ihm eine knallen?' Dafür saß er zu weit weg.
‚Einen Spruch loslassen?' Aber was sollte ich sagen, es war ja nicht wirklich was passiert.
Ich senkte die Zeitung und sah der jungen Frau für einen Augenblick in die Augen. Ich hab' es nicht ausdrücklich gewollt, doch mein Blick signalisierte wohl so etwas wie: ‚Wir sollten mal aufs Klo gehen'. Und ich sah, sie hatte diesen Blick verstanden. Ist sie das, die geheime Sprache unter Frauen? Ein Blick, eine Geste und schon hat Frau sich verstanden? Langsam bekam ich eine Ahnung davon.

Mein Unterbauch meldete sich wieder. So, oder so ähnlich mussten wohl Presswehen sein - Lieber Gott erspare mir das Original! Und so verschwand ich in Richtung Toilette.
Ich war längst dabei mir die Haare zu richten, da tauchte sie auf und verschwand schnell in der Kabine. Ruhe. Dann ein Aufschrei.
"So eine Scheiße, jetzt bekomme ich auch noch meine Tage!"
Das kannte ich.
"Sei zufrieden, schlimmer wäre, wenn sie ausbleiben würden - bei dem Kerl."
"Ja, du hast ja recht. Aber was mach ich denn jetzt?"
"Brauchst du'n Tampon?"
"Nee, hab ich immer bei, geht manchmal nicht ohne.... Der will heute noch was erleben. Du weißt, was ich meine..."
"Sagst ihm einfach, wie es ist. Da muss er durch."
"Hatte ich neulich schon mal (und dann mit gesenkter Stimme) Na Schatz, dann gib dir mal richtig Mühe."
Ach so geht das.
"Und warum machst Du das alles mit?"
"Geht nicht anders..."
Die Kabinentür flog wieder auf. Sie hielt ihren rechten Zeigefinger in die Höhe und der sah ziemlich verdächtig aus.
"Den steck ich nachher in seine Suppe."
Mit einem "Danke" verschwand sie wieder aus dem Waschraum.
'Danke? Wofür? Ich hatte doch gar nicht helfen können. Eigentlich war ich nur auf dem Klo.'

Für mich war es an der Zeit, ich wollte noch zum Monatstreffen der TransSisters, brauchte einfach für ein paar Stunden meine Freunde. Na, die würden vielleicht staunen. Das Restaurant verließ ich nicht ohne Mario noch einmal ganz nahe auf die Pelle zu rücken:
"Mario. Sie haben sich geirrt. Von wegen nettes Paar und so. Aber vielleicht sehe ich das ja auch nur anders als sie."
So wird es wohl auch gewesen sein. Dennoch, insgesamt fühlte ich mich immer wohler in meiner neuen Haut.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Die nächste Katastrophe lauerte direkt im Parkhaus.
Der Motor sprang nicht an. Er wollte einfach nicht und wollte nicht und wollte nicht.
‚Was nun? Was mache ich mit einem High-Tech-Auto, was nicht fährt, nicht fahren will!'
Panik schaute schon wieder um die Ecken.
'Nur ruhig bleiben. Ich habe ein Problem und ich muss es lösen... Das hat nichts mit Mann der Frau zu tun - auch in meinem vorigen Leben hätte ich keinen Dunst, wie diese Kiste wirklich funktioniert. Aber ich bin ja eine Frau, da brauch ich das nicht zu wissen. Ich brauche nur jemanden, vorzugsweise einen Mann, der meint, dass er mehr weiß als ich. Frau sein ist hier überhaupt die Lösung. Wie ging das in den vielen Kinofilmen? Motorhaube auf... Motorhaube ist gut, das kann ich. Über den Motor beugen, bis der rettende Ritter erscheint. Das sollte auch möglich sein. Schade, ich bin nicht blond und das rote Kleid wäre jetzt sicher auch recht nützlich gewesen - hab ich aber bei der Klofrau gelassen.'
Doch einen Versuch wollte ich schon starten. Gerade, als ich die Motorhaube anhob kam ein junger Mann um die Ecke. Ich sah, wie er auf der Stelle mindestens fünf Zentimeter größer wurde - mein Gott das könnte mein Sohn sein.
Und dann kamen die sehnlichst erhofften Worte:
"Naaa, willer nich?"
"Nein, vielleicht ist ja der Strom alle" mutmaßte ich.
"Stehn lassen, die Batriii erholt sich meistens nach ner Weile."
'Was nun?'
"Oh, das genau geht nicht. Das Parkhaus macht gleich zu und mein Mann braucht das Auto heute noch."
Ein gelungenes Argument. Vorsichtshalber hatte ich gleich signalisiert, dass ich dort keine Kontakte suchte. Wie auch immer, mein Spruch zeigte die erhoffte Wirkung.
Der Schnösel ging nun doch die drei Schritte bis zum Motorraum, sah mit leeren Augen hinein und dann in meine strahlenden Augen.
"Aha, staten se ma."
"Natürlich, mach ich..."
"Nehmse aba voher den Jang raus."
"Na klar doch" sagte ich, drehte am Zündschlüssel und der Wagen sprang auf Anhieb an.
‚Ein Wunder!?'
Schnell kletterte ich aus meinem Auto und ging auf den jungen Mann zu. Der reibt sich gerade die Hände sauber. Warum eigentlich? Ich war sicher, er hatte die Hände die ganze Zeit in den Hosentaschen.
‚Sicher ist jetzt ein kleines Trinkgeld angemessen.'
"Einen Moment ich gebe ihnen für Ihre Hilfe...." murmelte ich und kramte in meiner Handtasche.
"Ne doch junge Frau, war doch nur ne Kleinichkeit. Macht man doch jerne".
Ich fragte besser nicht, was denn nun die Kleinigkeit war, wollte die Situation nicht unnötig verkomplizieren.
Ich bedankte mich lieb und schob gleich noch meinen gerade auf der Toilette einstudierten Augenaufschlag hinterher. Das sollte reichen.
‚Netter junger Mann. Er hilft verstörten Frauen ganz selbstlos.'
Ich war glücklich und er sicher auch - warum auch immer.

Das Monatstreffen war natürlich schon in vollem Gange.
Eigentlich bin ich ein pünktlicher Mensch, so mancher fühlt sich dadurch ziemlich genervt. Doch an diesem Tage ist einfach viel zu viel passiert und das meiste davon ungewollt und unvorhersehbar.
‚Sollte ich meine Einstellung ändern?' Ich beschloss, darüber zumindest mal nachzudenken.
Komisch, die TransSister-Mädels waren bei weitem nicht so über mein Auftritt verwundert, wie ich es befürchtete. Ich hatte eher das Gefühl, dass sie mich lange nicht gesehen hatten und die Mehrzahl wohl vermutete, dass mein langes Fernbleiben mit eben meiner körperlichen Verwandlung zusammenhing. Ich beschloss, die ganze Geschichte zunächst für mich zu behalten, wollte einfach sehen, was so passiert.

Die erste "Sister" lief mir gleich am Eingang über den Weg. Wie gewohnt in kleinen Schritten, die Hände locker hinter die Hüften gelegt und den Oberkörper leicht drehend. Eine bezaubernde Figur (vermutlich mühsam) gezüchtet mit Unterstützung tausender Rohkostsalate. Das musste ich einfach neidlos anerkennen.
"Wir hatten dich schon vermisst. An's Handy bist du auch nicht gegangen, aber trotzdem schön, dass du da bist. Lass dich mal ansehen."
Langsam drehte ich mich im Kreise.
"Hm sieht gut aus. Eine Konfektionsgröße kleiner wäre wahrscheinlich vorteilhafter."
'Was will die von mir? Früher habe ich 44 tragen müssen, jetzt mit der Taille passt auch eine 42 ganz gut - ich will die 38 nicht!'
Und doch, das Teilkompliment tat mir gut.

Und dann kam SIE um die Ecke, die wohl makelloseste Transe, die ich kennen lernen durfte. Eine Augenweide!
Körperlich eigentlich kleiner als ich, doch wegen der riesigen Absätze an den Schuhen viel größer, beugte sie sich zu mir herunter und hauchte:
"Hallöle. Schön, dass Du da bist".
Mehr nicht - das hatte wirklich gut getan.
Mein Blick fiel auf ihren Rock, wie gewohnt von der Qualität eins überbreiten Gürtels.
‚Wenn die plötzlich ihre Tage kriegen würde oder einem Macho der erlebten Güte ausgesetzt wäre, wär sie erschossen!'
Ich sagte es ihr nicht. Wozu auch, sie war nicht in meiner Situation.
Vielmehr wollte ich wissen: "Was meinst du? Kann ich mich so kleiden und so schminken?"
"Ich seh keene Schminke - außer das bisschen Pillepalle. Na und sonst, du bist eben eine schon etwas betagte Dame. Und dafür siehst du wirklich gut aus."
Na bitte, ich dachte schon sie ließe mich ungeschoren.

Nächste Station sollte das Urteil einer wirklichen Frau sein.
Kerzengerade im enganliegenden Lederkleid - allerdings in Tage-unkritischer Länge stand sie vor mir, drehte mich, musterte mich von allen Seiten.
"Hm, nicht schlecht" sprach sie und griff mit beiden Händen nach meinen Brüsten.
Ups, das hatte ich gemerkt.
"Und die sind ooch echt!... hätten ein bisschen größer sein können, gemessen an den gesamten Proportionen. Lauf mal ein Stück."
Ich lief los.
"Das hab' ich mir gedacht! Mensch, du bist eine Frau, da kannste nicht latschen wie ein Kerl! Du musst die Beine mehr zusammenhalten und die großen Zehen zeigen nach vorne, nicht nach links und rechts. Komm wir üben das mal..."
Und so bin ich unter ihrer Anleitung wohl eine viertel Stunde auf und ab geschritten. Hätten sich nicht andere hinter mir eingereiht, wäre ich mir noch viel alberner vorgekommen. Ich hab's überstanden und sie hatte ja auch recht.

Langsam hatte ich mich bis zu unserem unzertrennlichen Paar vorgearbeitet.
"Hallo Sabine. Is ja toll, du hast Mut, muss man wirklich sagen."
Später dann im kleinen Kreis: "Sabine ist jetzt ne richtige Frau. Da wird se wohl bald nichts mehr mit uns Transen zu tun ham wollen. Oder, was sachst du dazu."
"Nein, ich meine ja, ich bin eine Frau. Und warum sollte ich nichts mehr mit Euch zu tun haben wollen? Ihr seid meine Freunde, ich habe keine anderen, zumindest nicht so viele. Und vielleicht bin ich ja irgendwann nicht mehr Frau und dann... so ein Quatsch!"

Ganz unvermittelt erschien die nächste Freundin im Raum. Wie gewohnt im eng anliegenden Kostümchen, die Zigarette spitz nach oben gerichtet und (wie lange nicht) mit leuchtenden Augen. Ganz so, wie ich sie mag.
"Hallo Sabinchen, wie geht's dir denn? Mensch lass dich mal drücken...." und nahm mich in den Arm.
Das war zu viel für mich. Ich wollte mich nicht mehr verstellen, zog sie in die Ecke und wollte nur erzählen. Den ganzen Tag mit jedem Detail, das ganze Leben.

Noch ehe ich Luft holen konnte, wurde unser Gespräch schon vom nächsten Gast unterbrochen.
Wie eine Diva kam sie um die Ecke geschwebt, ganz passend zur Musik im Lokal. Ein kleiner Ausfallschritt nach rechts und eine Drehung nach links.
Und dann mit typischem Lächeln:
"Hallo Sabiiine! Das ist ja schööön! Geht's Dir gut? Ja, das sieht man jaaa!"
Soviel Wohlklang vertreibt die bösesten Gedanken und verbietet jede Erwiderung.
"Ich will das ja schon lange machen, bin ja eigentlich nur noch Frau unterwegs, aber das ist ja alles so teuer, neee. Aber tollll wie du das geschafft hast...."

Ein wirkliches Gespräch war nicht möglich. Meine Geschichte loszuwerden, hatte ich keine Chance an diesem Abend. Ich war der bunte Vogel unter den Transen, wohl eine Frau, doch eigentlich nicht wirklich. Und doch war ich heimisch.
Ein Monatstreffen, wie viele schon zuvor. Ständig kamen neue Leute. Die meisten von Ihnen kannte ich ganz gut, manche nur flüchtig und einige überhaupt nicht.

Irgendwann habe ich mich dann ganz heimlich aus dem Staub gemacht, kaum, dass ich mich von allen verabschiedet habe.
Ich wollte allein sein, über meine neue Situation nachdenken - so manches würde wohl neu geregelt werden müssen.
'Die Freunde sind Gott sei Dank noch da, doch wie begegne ich meiner Familie, was wird im Beruf?'
Themen, die sich am besten bei einem Glas Bier in der Kneipe nebenan bedenken lassen. Ich steuerte also zurück in heimatliche Gefilde. Bei der Überlegung, ob es wohl besser sei, das Auto vorher auf den Parkplatz abzustellen und dann die paar Schritte bis in die Kneipe zu laufen, kam mir das Ambiente, eben meiner Kneipe um die Ecke in den Sinn.
‚Ist es wirklich ratsam dorthin zu gehen in meinem, zwar nur leicht, aber doch dekoltiertem Kleid? Wie oft habe ich dort schon Frauen gesehen, die sich ganz allein an die Bar setzen und einfach nur in Ruhe ein Bier trinken?'
Meine Bedenken wurden immer größer.
‚Nein, ich will nicht betrachtet und angestarrt werden. Aber allein sein will ich auch nicht.

Ganz in der Nähe befand sich eine Cocktailbar. Sie wird unter anderem auch von Schwulen, Lesben und gelegentlich auch von Transmenschen frequentiert. Ja, das sollte es vermutlich sein, dort hatte ich schon gelegentlich auch einzelne Frauen gesehen.
Der "Marabu" war nicht sonderlich stark besucht, dafür war es vermutlich inzwischen auch zu spät - vielleicht auch zu früh. Ich hatte keine Ahnung.
Ich setzte mich an das äußerste Ende der Bar, trank das ersehnte Bier und hing meinen Gedanken nach.
"Guten Abend" kam eine sonore Stimme von der Seite.
"Ist dieser Platz noch frei? Darf ich mich hier hinsetzen?"
"Bitte, tun sie's, wenn sie wollen" murmelte ich und blickte zu Seite.
'Oho! Der sieht ja wirklich gut aus! Der Bursche hatte Ausstrahlung, die Schläfen ein wenig grau, markante und freundliche Gesichtszüge. Dazu dezent, aber gut gekleidet. Davon hab ich mir immer etwas gewünscht. Sicher würde sich dann auch mal eine Frau nach mir umdrehen, oder, viel besser noch, mir, wie in der Fernsehwerbung, mit aufforderndem Blick ihre Telefonnummer zustecken.'
‚Nun ja' dachte ich ‚ein ganz so abstoßender Vogel bin ich ja auch nicht... Moment! Ich bin ja gar kein Mann mehr, ich bin eine Frau und in reiferem Alter dazu!'
Trübsal.
‚Andererseits. Das ist ein Mann im mittleren Alter, ich bin eine Frau, sehe eigentlich ganz passabel aus, er setzt sich direkt neben mich, obwohl hier noch etliche andere Plätze frei sind....'
Unwillkürlich verbesserte sich meine Sitzhaltung, mein Busen hob sich merklich.
‚Mal sehen, wann er das erstemal hineinschaut' dachte ich und sah ihn fragend an.
‚Komm Junge! Ich biete dir das Forum. Du musst deine Rolle schon alleine spielen, genau, wie ich die meine....' Welche Strategie wird er wohl einschlagen? Schönes Wetter? Nein, so plump ist er nicht! Hab sie hier noch nie gesehen? Das ist unter seinem Niveau! Sind sie allein hier? Schon eher möglich, aber eigentlich auch zu flach.'
Ich war ratlos, konnte mir keine Strategie für eine wirklich geistreiche, gekonnte und charmante Erwiderung zurecht legen. Unterschiedlichste Varianten gingen mir durch den Kopf, da kam es ganz unerwartet:
"Eigentlich suche ich gerade jemanden...."
‚Oh nein! Nicht auch das noch! Zweifelhafte Erlebnisse hatte ich heute schon genug!'
".... mit dem ich was trinken und mich unterhalten kann".
Unwillkürlich sackte ich wieder in mich zusammen.
‚Ups, was war das denn? Der verlässt einfach seine Rolle! Noch bevor ich meine wirklich ausspielen kann!'
Angemacht werden wollte ich nicht und ganz neutral betrachtet zu werden passte mir auch nicht in den Kram.
‚Bin ich nicht attraktiv genug, zuwenig Frau? Ich sollte schleunigst den Lippenstift nachziehen und die Frisur kontrollieren!'
"Ich hab mich zu Ihnen gesetzt, weil sie ganz danach aussehen, als könnten sie eine kleine Ablenkung gebrauchen. Eine gut aussehende Frau, vermutlich in meinem Alter, ganz bestimmt nicht auf Kontaktsuche - sie verstehen, was ich meine, aber für ein nettes Gespräch ganz aufgeschlossen. Ich will jetzt einfach nicht das tun, was man von mir erwartet"
Das war Balsam für meine Ohren! Er hatte mich als Frau wahrgenommen - "gut aussehend" (!!), in seinem Alter - na gut, "ganz bestimmt nicht auf Kontaktsuche" - oh ja, ich wusste, was er meinte und ja für ein nettes Gespräch war ich wirklich aufgeschlossen.
Nett ist eigentlich die falsche Beschreibung für das, was dann ablief. Es war berauschend, ernüchternd, komisch, traurig, spannend und nicht einen Augenblick langweilig.
Wie ich, hat er schon vor einiger Zeit eine lange Ehe hinter sich gelassen.
Mit welcher Liebe und Zuneigung er von seinen Kindern sprach - so hätte ich das nicht ausdrücken können.
In der Rubrik "hausfrauliche Tipps" war er einfach unschlagbar. Ich habe ganz aufmerksam zugehört, natürlich mit wissender Miene. Dafür konnte ich loswerden, wie ich mit minimalen Aufwand das Steuerteil der Waschmaschine selbst gewechselt habe und hatte selbstverständlich auch einen kleinen steuertechnischen Trick parat.
Wir haben uns prächtig verstanden. Die Nacht verstrich wie im Fluge. Ich trank dabei mein Bier, später Kaffee und er nippte an seinem Wein.
Es war an der Zeit nach Hause zu gehen, wir waren beide müde und ich völlig erschossen.
"Kann ich sie vielleicht ein Stück mit dem Auto mitnehmen? Ach was, ich bringe sie natürlich nach Hause."
"Ich weiß nicht, ich kann ja auch den Nachtbus nehmen oder ein Taxi."
"Das wäre ja nun wirklich albern, ich fahre sie gern. Es war ein so schöner Abend, wir sollten jetzt wirklich nicht streiten."
"Ja, es war schön. Ich nehme ihr Angebot an..."
Im Auto redeten wir kein Wort. Als wir nach kurzer Fahrt vor der Haustür ankamen, griff er im selben Augenblick nach meiner Hand, wie ich die seine zu erreichen versuchte.
"Danke, das hat wirklich gut getan".
"Ja, mir aber auch.."
Er öffnete die Beifahrertür und stieg aus, lächelte und lief ohne einen Gruß hinüber zum Haus.

Plötzlich war ich wieder allein und der Sitz neben mir leer. Darauf ein kleines verwelktes Blatt, im Zentrum ganz braun, die Ränder noch immer grün. Sollte es liegen bleiben und mit nach Hause fahren.
Der Morgen graute und die Straßen erschienen in einem unwirklichen Licht. Ich hätte getrost auf der Mitte der Straße fahren und jede Ampel ignorieren können. Die Stadt war wie leer gefegt.

Nur wenige Minuten später war ich endlich zu Hause, hockte unter der Dusche und mühte mich um einen klaren Kopf. Im Spiegel sah ich all meine weiblichen Rundungen, einen Körper der mir nun gehörte und vermutlich doch nicht richtig passte.
‚Welcher Körper ist eigentlich für wen der richtige Körper? Ob wohl meine nächtliche Bekanntschaft mit mir hätte tauschen wollen? Lassen sich denn Geist und Körper wirklich trennen? Werde ich jetzt zum Schluss noch philosophisch oder gar melancholisch? Oder vielleicht drehe ich auch nur langsam durch!'
'Nein, nein', ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, war nur noch müde und wollte schlafen. Der nächste Tag würde sicher einiges richten.
Die schwarze Kommode, die eigentlich weiß sein sollte, stand noch immer in meinem Schlafzimmer. Darauf lag das Blatt, inzwischen längst verwelkt, nur eine kleine Ecke zeigte noch die grüne Farbe.
‚Ich sollte.... Nein, morgen, nicht heute...' - mit diesem Gedanken glitt ich in den Schlaf.


Man war ich kaputt! Ich hatte wohl doch länger geschlafen, als beabsichtigt. Vorsichtig fingerte ich nach meiner Uhr.
‚Wo sind die verflixten Zeiger hin? Ach ja die Brille. Lesebrille um auf die Uhr zusehen - soweit ist es schon gekommen - irgendwann werde ich mir eine Bahnhofsuhr um den Hals hängen müssen...'
Die Brille lag natürlich nicht an ihrem vorbestimmten Platz. Ich musste mich erheben und fand sie dann auf der kleinen weißen Kommode gleich neben dem kleinen Blatt. Es war inzwischen verwelkt. Schade.

In der Tat, es war wirklich an der Zeit, mich zum Ausgehen fertig zu machen. In der Badewanne würde ich schon munter werden. Warmes Wasser, frischer Duft und leise Musik, die aus dem Nachbarzimmer durch die Tür dringt - das ist das Umfeld in dem der Entscheidungsprozeß, wie und was will ich heute eigentlich anziehen?, seinen Anfang nimmt.
Ich fühlte mich gut.
‚Ganz in Schwarz? Vielleicht das kurze Rote mit schwarzen Strümpfen, dazu der knallig rote Nagellack und der passende Lippenstift?'
Vor meinem geistigen Auge entstand eine detaillierter Entwurf, gewagt und sexy - ich spürte schon den Kick.
‚Gewagt? Wieso eigentlich? Was will ich wem zeigen? Außerdem, es ist Winter! Ich werde vermutlich schon nach den paar Metern bis zum Auto die ersten Frostblasen am Hintern haben. Will ich das heute wirklich? Na ja, die Mädels sind da, ich freue mich, sie mal wieder zu sehen. Und dann wollen wir ja nach dem Monatstreffen noch zum intimen Plausch in die kleine Cocktailbar. Was hat eigentlich das Eine mit dem Anderen zu tun? Ich kenne sie und sie kennen mich, wir mögen uns, wie wir sind. Genau! Auch in Lederjeans und winterlichem Pullover.'
Ein Entschluss war gefasst. Die äußere Hülle der Sabine sollte im Schrank bleiben.
Entschieden habe ich mich dann doch für die Farbe Schwarz. Ein wirklich chicer Anzug mit weinrotem Futter und gleichfarbigem Einstecktuch, dazu ein kragenloses schwarzes Hemd und kleine, feuerrote Ohrstecker. Schon zu anderer Gelegenheit wurde ich damit viel gelobt. Genau das war es, was ich an diesem Abend brauchte: Dezente Eleganz und noch immer sehr bequem.
Allerdings, eine feine, glänzende Strumpfhose darunter sollte schon sein und dazu ein farbloser Nagellack.

Obwohl doch ziemlich pünktlich beim Monatstreffen angekommen, waren schon eine ganze Menge Plätze besetzt.
Ein Teil meiner Freundinnen stand in einer Ecke und unterhielt sich mit dem Wirt und andere liefen im Gastraum herum.

Da kam such schon die Erste auf mich zu. Makellose Figur, wirklich fein und doch wenig auffällig gekleidet, die Hände leicht auf die Hüften aufgelegt (‚... machen sie mal eine typische Handbewegung...') und den Oberkörper leicht drehend.
"Wir hatten Dich schon vermisst. An's Handy bist du auch nicht gegangen, ich hatte versucht dich anzurufen."
Ihr Blick viel auf meinen Anzug.
"Na, hast wohl nicht mehr ins Kleid gepasst" bemerkt sie spitz mit einem kleinen Flunkern in den Augen.
"Nein, mir war heute mal so..."
"Ein schönes Teil ist's ja.... So viel Geld gebe ich für Herrenkleidung nicht aus. Diesen Posten kann ich in meinem Budget getrost vernachlässigen..."

In meinem Blickfeld tauchte das wohl perfekteste und makellos geschminkteste Gesicht der Runde auf. Weiter runter ein Hauch von "Fummel", kürzer als das Unterhemd, das ich zum Zwecke der Temperaturregulierung dann doch noch angezogen hatte. Danach mehrere Meter Bein und dann Schuhe, die in jedem Kinderhort getrost als Rutsche genutzt werden könnten.
‚Wie die das nur macht? Ich könnte in solchen Schuhen nicht 10 Minuten unfallfrei überleben. Ein Glück, dass das nicht so mein Ding ist. Allerdings, toll sieht's schon aus.'
"Hallöle! Grüß dich. Schön, dass du da bist.... Heute fällt mir auch nichts zu deinem Outfit ein, du lässt ja mal wieder den Kerl raushängen..."
Nun gut, ihre liebenswerte Kritik an meinem sonst eher zurückhaltenden Damen-Outfit sollte ja auch nicht zur Gewohnheit werden.

Ich wandte mich einer anderen lieben Freundin zu (eine geborene Frau in unserem Kreise). Fast schon wie erwartet, im eng anliegenden, figurbetonten Lederkleid mit ausladendem Dekoltè.
'Wie aus dem Ei gepellt und sehenswert, wie immer' ging es mir durch den Kopf.
"Grüß dich! Na, du willst wohl heute noch Ausgehen? Chic siehst'e aus"
Sie küsste mich und griff mir an die Außenseite meines Oberschenkels, wo sie für gewöhnlich ein Strapsband erwartete, um daran zu schnipsen. Ich kann mich dagegen einfach nicht wehren.
"Fehlanzeige" lächelte ich sie an.
"Schade. Aber warte mal ab, beim nächsten mal..."
‚Schon möglich, du kennst mich eben' dachte ich.

Endlich konnte ich mich auf einen freien Stuhl, ganz in der Nähe einiger gestandener Gründungsmitglieder der TransSisters niederlassen.
"Hallo Bernd. Da bist'e ja. Wir haben schon auf dich jewartet. Du bist ja gar nicht im Kleid. Haste keen Bock mehr?"
"Doch schon, aber heute war mir mal nach Anzug."
"Na warum och nicht."
Einige Minuten später dann und wohl eher an die kleine Runde gewandt: "Bernd hat jetzt die Vorteile der männlichen Bekleidung erkannt. Da wird er die Sabine wohl noch öfters im Schrank lassen und vielleicht och nich mehr so oft bei uns erscheinen. Oder, was sachst du dazu."
"Nein, wieso? Ich finde, das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun und zum Schluss ist doch völlig egal, wer was an hat. Vielleicht... so ein Quatsch!"

Ich konnte das Thema nicht weiter vertiefen. Die Klotür flog auf und die nächste Freundin betrat die Szene. Heute im perfekt sitzenden nadelgestreiften Kostümchen. Ihre Augen strahlten mich an.
Noch ehe ich mich versah drückte sie mir die frisch geschminkten Lippen, erst auf die rechte, dann auf die linke Wange.
"Hey, da bist du ja. Wie geht's dir denn? Komm lass dich drücken" und nahm mich in den Arm.
"Also der Anzug ist ja wirklich toll. Darum beneide ich Dich. Du musst zugeben, der Laden war ein echt toller Tipp von mir."
Fragezeichen auf den Gesichtern der Umstehenden. Für sie Grund genug sich zu setzen und in aller epischen Breite und mit viel Witz vom gemeinsamen Kauf meines schwarzen Anzuges zu berichten.

Gerade als es dann doch etwas ruhiger wurde und wir beide ins Schwatzen geraten waren, uns wenigstens über die neuesten Ereignisse austauschen wollten, wurde unser Gespräch auch schon vom nächsten Gast unterbrochen.
Über die Hausanlage wurde gerade ein wohl bekanntes französisches Chanson eingespielt. Das ließ sie nicht mehr gerade gehen und mit einem sonnigen Lächeln tanzte sie auf uns zu.
"Grüß diiich! Heute im Anzuuug? Sieht ja chic aus. Ich hab ja auch noch einen Haufen Anzüge im Schrank, die brauch ich gar nicht alle. Wozu auch, ich bin ja doch meistens als Frau unterwegs. Ich werde die Dinger wohl irgendwann verkaufen. Da sind richtig gute Stoffe bei. Die kann man bestimmt noch gut verkaufen. Na mal seehn. Ich hab ja im Moment so viel zu tuun....."

Jetzt waren alle da. Und nicht nur die Mädels und Jungs, die sich TransSisters nennen.
Ich hatte mich nach einiger Zeit an das andere Ende des Tisches gesetzt, kaum, dass ich jemanden dort wirklich kannte. Das eine Gesicht kam mir zwar bekannt vor, doch einordnen konnte ich es nicht.
Fast übliche Themen wurden diskutiert. Darunter: Wo geht mann für frau einkaufen? Ich kannte diese Beklemmungen, bin ja heute selbst noch nicht frei davon und hörte aufmerksam, gelegentlich schmunzelnd zu.
Eine, im zweiten Leben vielleicht ein Mann mittleren Alters, jene, die ich zu kennen glaubte, berichtete, wie sie trickreich in einem "Damenmode"-Geschäft Unterwäsche gekauft hat. Sie hatte einfach eine andere Kundin angesprochen, ihr bei der Auswahl der Wäsche behilflich zu sein. Die willigte amüsiert und neugierig ein, hat zum Schluss mit der Ware an der Kasse angestanden und er ganz großzügig mit seiner Kreditkarte bezahlt. Natürlich hat sie sich auch etwas aussuchen dürfen - Quasi als kleines Dankeschön.
So richtig glauben konnte ich ihr nicht, doch die Geschichte war gut erzählt und aufbauend für uns alle ganz bestimmt.

Der Abend wurde immer später und die Runde löste sich langsam auf. Die Mädels hatten sich dann doch entschlossen nicht, wie beabsichtigt in den "Marabu", sondern in eine nahe gelegene Lesbenbar zu ziehen. Für Männer ist dort Eintritt verboten! Ich hatte kein Problem damit, eigentlich genug für den Abend, wollte noch ein wenig allein sein und habe mich dann schnell verabschiedet. Doch nach Hause wollte ich eigentlich nicht.
‚Warum nicht auf ein Gläschen Wein ins "Marabu"?'
Das "Marabu" war gut gefüllt. Ganz hinten in der Ecke, fast am Ende der Bar, gab's gerade noch zwei freie Plätze.
‚Na, da habe ich aber Glück gehabt. Welchen Platz nehme ich? Rechts, gleich neben dem Typen mit der viel zu jungen Frau? Oder links neben... oh, die sieht ganz gut aus. Vielleicht ein bisschen zu herb für mich... aber ich will ja nicht anbandeln, mich einfach nur ein bisschen unterhalten.'
Die Entscheidung war schnell getroffen.
"Guten Abend, ist dieser Platz noch frei? Darf ich mich hier hinsetzen?"
"Bitte, tun sie's, wenn sie wollen" sprach sie und sah mich von der Seite an.
Ihre Miene sah nicht so finster aus, wie ich eigentlich befürchtete.
Sie trank ihr Bier und ich bestellte mir ein Glas Wein.
‚Wie fange ich nur unverfänglich ein Gespräch an, ohne in den Verdacht einer Anmache zu verfallen? Bloß nicht die alten Klischees verwenden! Die wird sonst denken, ich hätte keine Einfälle. Am besten ehrlich - manchmal wirklich ein probates Mittel.'
" Eigentlich suche ich gerade jemanden...."
‚Oh nein! Dieses Blitzen in den Augen kenne ich - schnell weiter reden'
".... mit dem ich was trinken und mich unterhalten kann. Ich hab mich zu Ihnen gesetzt, weil sie ganz danach aussehen, als könnten sie eine kleine Ablenkung gebrauchen. Eine gut aussehende Frau, vermutlich in meinem Alter..."
‚ups, das wahr ein Fehler. Sprich nie mit einer Frau, und schon gar nicht am Anfang einer Begegnung, über ihr Alter. Hoffentlich hat sie's nicht gemerkt'
"...Sie sind bestimmt nicht auf Kontaktsuche - sie verstehen, was ich meine, aber für ein nettes Gespräch sicher ganz aufgeschlossen."
Schon nach kurzer Zeit entspannten sich Ihre Gehsichtszüge.
Es war ein wirklich angenehmer Abend, von fast unheimlicher Vertrautheit mit viel Spaß und auch Nachdenklichkeit.
Vielleicht ist das so, wenn sich zwei Menschen unvermittelt begegnen und genau wissen, dass sie nichts voneinander erwarten. Witzig, ich brillierte mit meinen hausfraulichen Kenntnissen und sie konnte aus dem Kopf das Innenleben einer Waschmaschine beschreiben. Ziemlich verdreht, das alles.

Unser Gespräch wurde nur von einem gelegentlichen Gang zur Toilette unterbrochen.
Die Klofrau, wie Klofrauen sind - klein, rund und gemütlich, war ein wirkliches Original. Sie hatte es tatsächlich geschafft, mir 20 Euro in 50 Cent-Stücken herauszugeben und mir dabei noch ein gutmütiges Lächeln abzuringen.
Schnell waren wir im Gespräch.
"Das ist hier mein Zweitjob, am Tage bin ich in der Einkaufsstraße in einem wirklich feinen Cafe."
"Na da können sie sicher allerhand erleben"
"Das sage ich ihnen! Wenn's mir mal reicht hier, dann schreib ich ein Buch: ‚Lisels Klogeschichten - Zwischen PePe und Bidee'..."
Plötzlich krachte mit dem Wort "Danke" die Tür des Damenklos zu.
Heraus kam eine wirklich attraktive Endzwanzigerin (das musste die Begleitung meines rechten Bar-Nachbarn sein) mit erhobenem Zeigefinger, blitzenden Augen und verschmitztem Lächeln.
"Na, die ist ja wirklich gut drauf" bemerkte ich.
"Ja ja , bei den Damen ist's am spannendsten - das volle Leben, alles was sie sich vorstellen können und auch das, was ihre Vorstellung weit übersteigt"
Jetzt wurde es interessant. Nicht, dass ich nicht wüsste, wie es auf der Damentoilette zugeht, schließlich war ich ja oft genug selbst schon dort, aber meistens war es doch eher ruhig und gesittet. Vielleicht lag das aber auch an mir, weil ich ja eigentlich nicht wirklich dazugehörte, zu jener oft zitierten und nie enthüllten Damenklogemeinde.
"Ach, was läuft denn da so ab?"
"Ha! Denken se, ich verrate jetzt hier mein Geschlecht. Ne ne, da müssen se schon warten, bis ich das Buch geschrieben habe, Aber vielleicht schreib ich' s ja auch nicht....." Es folgte ein vielsagendes Lächeln.
Ich merkte schon: ‚Die wird dir nichts erzählen, was du nicht selbst schon weißt. Na ja, einen Versuch war's trotzdem wert.'
Und schon kam auch meine nette Gesprächspartnerin aus der Damentoilette. Das kleine Schwätzchen mit der Klofrau war zu Ende.

Und zu Ende war auch der Abend. Beide sahen wir reichlich müde aus und selbst im "Marabu" wurde es ruhiger und beschaulicher. .
"Kann ich sie vielleicht ein Stück mit dem Auto mitnehmen?" fragte sie.
"Nein danke, ich bin selbst mit dem Auto hier. Das Gleiche wollt ich übrigens selbst fragen."
Sie lächelte und war gar nicht mehr so herb, wie Stunden zuvor. Gemeinsam liefen wir zum Parkplatz.
Irgendwann griff sie in Ihre Manteltasche und hielt ein kleines verwelktes Blatt in ihrer Hand, lächelte und zerrieb es zwischen den Fingern.
"Danke für den Abend. Ich fühle mich jetzt wirklich wohl..."
Sprach's, stieg in ihr Auto und fuhr mit einem Winken davon.

In meinem Auto war es lausig kalt.
‚Schnell nach Hause und ins warme Bett.'
Ich drehte am Zündschlüssel. "Plop" war nur zu hören. Und noch einmal "Plop".
'Oh nein, das kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen! Hab' ich vergessen, das Licht auszumachen?'
Ein Griff zum Schalter brachte keine Bestätigung.
'Was kann das nur sein? Ich sollte mir jetzt ein Taxi nach Hause nehmen und es am Vormittag noch mal versuchen, da ist es wenigstens hell. Na gut, noch einen Versuch..'
Der Wagen sprang klaglos an.

'Ein Wunder?! Verstehe das, wer will...

.... und außerdem ist die Geschichte hier nun wirklich zu Ende. Der Kreis hat sich geschlossen. Für mich zumindest. Ich bin ehrlich, als ich mich dran gemacht habe, diese kleine Geschichte aufzuschreiben, wusste ich nicht, wie sie enden würde und bin jetzt doch ein wenig erstaunt über mein eigenes Resümee:
Mit kleinen Blättern ist es, wie mit Träumen. Sie vergehen von selbst oder leben so lange, wie man sie dort lässt, wo sie sind. Pflückt man sie, welken sie schnell dahin.
Ob das wohl gut ist? Ich weiß es nicht.
Doch erzählen wollte ich diese Geschichte schon. Und weil es mein erster frei erfundener Handlungsrahmen ist, möchte ich nicht versäumen mich ganz lieb bei meiner lieben Freundin Helga zu bedanken, die diese Gedankenkette mit einer einzigen Bemerkung angeschoben hat und bei Ihrer Freundin Anita, die erst unlängst über die "einzig intime Insel der Frauen, das Damenklo" sinnierte. Natürlich sind alle beteiligten Personen frei erfunden. Ähnlichkeiten (natürlich nur partielle) mit wirklich existierenden Personen waren beabsichtigt.

Bis später denn und
Viele liebe Grüße
Sabine B: